Sonntag, 13. juli 2008

Unterhaltungsindustrie und Kunde – Ein Plädoyer für mehr Fairness

 

Der folgende Text mag in mancherlei Hinsicht etwas naiv wirken. Er wurde aus der Sicht einer Person geschrieben, die ein großer Fan von Musik und Film ist und nur wenig mit anderen Sparten anfangen kann, in denen ähnliche Probleme auftreten. Deshalb ist im Folgenden auch nicht von z.B. Computerspielen die Rede

 

Kaum eine Branche hat unter der Entwicklung des Internets so sehr zu leiden gehabt wie die Produzenten moderner Unterhaltungsmedien. Tauschbörsen im Internet und die Möglichkeit, Filme und Musik ohne Qualitätsverlust zu kopieren, haben deutliche Einnahmeverluste auf Seiten der Hersteller zur Folge gehabt. Die Reaktionen waren immer ausgefeiltere Kopierschutz-Systeme und Strafverfahren gegen Kopierer. Tatsache ist, dass nur ein Umdenken auf beiden Seiten das Verhältnis zwischen beiden Seiten wieder zu reparieren vermag.

 

Das wichtigste Problem auf Seiten der Kunden ist, dass eine gewisse „Billig-Mentalität“ die kostenlose Beschaffung von Musik oder Filmen mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit hat werden lassen. Wer heutzutage eine CD oder DVD im Geschäft kauft, findet garantiert genug Leute in seinem Bekanntenkreis, die ihn dafür mitleidig belächeln.

Hier kann nur ein Mentalitätswechsel helfen, der den Hörern bzw. Zuschauern wieder ins Bewusstsein ruft, dass CDs bzw. DVDs Produkte sind, die in ihrer Entstehung und Herstellung Geld kosten. Wenn diese Kosten nicht wieder eingenommen werden, dann kann es mit der Karriere der Lieblingsband ein ganz schnelles Ende nehmen, weil die Plattenfirma den Vorschuss für ein weiteres Album scheut. Das kann keinesfalls im Interesse eines Fans liegen, ebenso wenig wie die Aussicht, einen immer minderwertigeren Gegenwert fürs Geld zu erhalten. Genau diese Entwicklung droht aber, wenn Labels und Produktionsfirmen das finanzielle Risiko scheuen (müssen) und schon bei der Herstellung die Budgets verknappen.

Hier muss ein Bewusstsein geschaffen werden, dass ein entsprechender Gegenwert eben auch seinen Preis hat. Eine gebrannte CD ist eben kein vollwertiger Ersatz für eine gekaufte CD, die auch noch mit einem schönen Booklet ausgestattet ist und mit einem schönen Artwork etwas fürs Auge bietet. Ebenso sollte man das Bonusmaterial auf einer DVD nicht als überflüssig betrachten, denn in diesem Mehrwert liegt die eigentliche Rechtfertigung ihres Preises. Andernfalls hätte man sonst gleich bei der guten alten VHS-Cassette als Speichermedium bleiben können, die den Film enthielt und sonst nichts.

 

Als Hauptproblem auf der anderen Seite steht das tiefe Misstrauen der Industrie gegenüber ihren Kunden. So wurden CDs mit immer neuen und besseren Kopierschutzsystemen ausgestattet. Unangenehme Nebenwirkung war, dass dadurch streckenweise CDs auf manchen Abspielgeräten nicht mehr funktionierten, ein ehrlicher Kunde also keinen vollwertigen Gegenwert mehr für sein Geld erhielt. Zudem waren diese Systeme eh immer nur kurzfristig wirksam, da jeder neue Kopierschutz auf der anderen Seite ein Programm hervorbringt, das wiederum in der Lage ist, diesen zu umgehen. Hätte man sich die teuren Kosten für die Entwicklung nicht sparen und stattdessen dem Kunden im Preis ein wenig entgegenkommen können? Die CD war damals als klanglich luxuriöse Alternative zur LP gedacht und wurde trotz geringerer Herstellungskosten zu einem wesentlich höheren Preis verkauft.

Ähnlich stellt sich das Problem bei der DVD dar: Schiebt man heute einen neu erworbenen Film in den heimischen Player, dann bekommt man in der Regel zunächst einen Spot zu sehen, der einem erklärt, dass das illegale Laden und Kopieren von Filmen ein Straftatbestand ist. Damit wird man als ehrlicher Käufer unter Generalverdacht gestellt. Wenn man sich hingegen eine Raubkopie ansieht, bleibt einem dieser Spot oft genug erspart, da man die entsprechende Datei vor dem Brennen mit Leichtigkeit entfernen kann. Hier wird also eindeutig an die falsche Zielgruppe appelliert. Dadurch geht man das Risiko ein, sich Kunden zu vergraulen, zumal man als Kunde bei keinem anderen Produkt so aggressiv auf die Möglichkeit hingewiesen wird, dass man es missbrauchen könnte. Wenn man in einer Bank zur Begrüßung gesagt bekäme, dass man ein potenzieller Bankräuber sei, man machte auf dem Absatz kehrt und würde sich bei nächster Gelegenheit an die Beschwerdestelle wenden.

 

Beiden Seiten muss man außerdem eine andere Sichtweise auf den Gegenstand nahe legen, um den es sich dreht. Natürlich muss ein Industriemanager wirtschaftlich und Gewinn orientiert denken. Er wird bei einer CD von einem „Produkt“ sprechen, von dem „Einheiten“ abgesetzt werden müssen. Deshalb wird stets großer Wert auf einen Radiohit gelegt, der eine nette Melodie, auf keinen Fall länger als dreieinhalb Minuten sein sollte, und so glat produziert sein muss, dass er den Nebenbeihörer nicht abschreckt. So genormt wie das klingt, so einheitlich hören sich die meisten Produktionen im Bereich der Unterhaltungsmusik leider auch an. Es gilt die Faustregel: Je häufiger ein Song im Lokalradio oder auf einem Sender, der den Begriff „Antenne“ im Namen trägt, gespielt wird, desto weniger individuellen Charakter offenbart der Interpret. Hier sollte man von beiden Seiten mehr Respekt für die beteiligten Künstler einfordern, was auch den Mut beinhaltet, ihn mal etwas außergewöhnliche Sachen machen zu lassen. Ein Publikum, das sich ernst genommen fühlt, ist vielleicht dann auch bereit, mal etwas ungewöhnlich Klingendes zu kaufen. Man schaue einmal nach Großbritannien, wo in schöner Regelmäßigkeit auch Seltsames hoch in die Charts einsteigt. Ebenso sollte man sowohl Filme als auch Musik betrachten: Nicht als ein „Produkt“ sondern als ein „Werk“, das bei Gefallen eben seinen Preis hat.

Leider haben CDs und DVDs im Vergleich zu anderen Unterhaltungsmedien scheinbar eine geringere Reputation - wer käme zum Beispiel auf die Idee, sich ein Buch zu kopieren? Hier scheint es viel selbstverständlicher, für ein Werk zu bezahlen, dabei geht auch hier ein großer Teil für reine Unterhaltungsliteratur drauf. Wenn man die völlig blödsinnige Unterscheidung von U- und E-Musik einmal auf Literatur übertragen wollte: Die meisten verkauften Bücher kommen eben nicht aus Goethes Feder sondern eher aus der Donna Leons. Die Aufmerksamkeit, die der Leser diesem Buch dann dennoch widmet (ein Buch kann halt nicht zur Hintergrundbespaßung missbraucht werden), haben auch Alben und Filme verdient, denn hier steckt in der Regel das Herzblut von noch mehr Beteiligten drin. Persönlich betrachte ich jedes Werk erst einmal als Kunstwerk (ja, das schließt bei Filmen auch den Videotheken-Ramsch mit ein). Das heißt natürlich noch lange nicht, dass mir auch jedes Werk gefällt, was Kunst aber auch nicht muss. Bei Nichtgefallen kann man sich ja zur Genugtuung immer noch die vielen Verrisse durchlesen – oder eben gleich selbst welche verfassen.

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Essay
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Donnerstag, 26. juni 2008

Der Weg nach Göttingen

 

Nach unserem großen Arbeitsausflug nach London im letzten Jahr hatte unser kleines Grüppchen den Kontakt untereinander überraschend lange halten können. Zwar hatte sich alles ein wenig gesund geschrumpft, aber der harte Kern stand nach wie vor in guter Verbindung zueinander. Bereits Anfang September hatte es das erste Nachtreffen gegeben, bei uns in Bielefeld, weil dort die meisten Mitglieder unserer Truppe heimisch waren. Nun waren wir also mal an der Reihe, uns zu bewegen, Göttingen hatte sich als nächster Gastgeber angeboten.

 

Vor die große Sause jedoch hat der liebe Gott zunächst einmal die Überwindung des Weges dorthin gestellt. Das war für uns angenehm günstig, dank des Niedersachsen Tickets, das uns eine Reise für 9 Euro pro Strecke erlaubte. Wäre die liebe Jessica nicht krank geworden, hätten wir es sogar noch günstiger schaffen können. Einziger Nachteil dabei ist, dass man mit diesem Ticket nur per Bummelzug reisen darf und einige Male umsteigen muss.

Nur mit Mühe hatten Jenny und ich die liebe Vanessa von dem ehrgeizigen Plan abbringen können, am Samstagmorgen bereits um 8:24 Uhr in Bielefeld zu starten. Letztlich waren wir aber erfolgreich und so konnten wir die Fahrt stattdessen um zwei Stunden nach hinten verlegen. Das galt allerdings nur für Jenny und mich, da Vanessa erst später in Hameln dazu steigen wollte. Um nicht wieder so in Zeitnot zu geraten, wie bei letzten Reise per Zug nach Berlin einen Monat zuvor, beschloss ich, heute auf jeden Fall pünktlich in Bielefeld zu sein, um Jenny dort am Bahnhof zu treffen. Das heißt bei einer Anreise aus unserem schönen Wiedenbrück, dass man bei pünktlicher Abfahrt des Zuges deutlich vorher da ist, in meinem Fall immerhin 40 Minuten.

Zum Glück war es ein sonniger Tag und so setzte ich mich auf den Vorplatz des Bahnhofs und genoss das schöne Wetter und die Aussicht auf die skurrilen Figuren, die sich dort zu so früher Stunde bereits herumtrieben. Und da gab es reichlich zu schauen. Zunächst saß da der Typ neben mir, der sich scheinbar selbst zum Taubenschützer erklärt hatte und mit einer Katze schimpfte, die hinter einer Taube herjagte (und die, nebenbei gesagt, auch außerhalb seiner Fantasie gar nicht existierte). Danach kam dann der herausgeputzte Proll des Weges, der meine Rock-Zeitschrift sah und sich daraufhin neben mir niederließ. Offenbar meint er, mich entweder bekehren oder provozieren zu können, denn er drehte die „Musik“ an seinem Handy-Lautsprecher voll auf und dudelte mich mit irgendwelcher belanglosen Euro-Dance-Ware voll, worauf ich ihn mit völliger Nichtachtung strafte.

Mein Liebling an jenem Morgen aber sollte ein Mann werden, der sich zwischen die beiden Gedenktafeln vor dem Bahnhof stellte, zunächst friedlich die Namenlisten las und dann aber eben wie ein fanatischer Prediger loslegte: „Bielefeld wird brennen. Schau, Bielefeld, was Du meinen Brüdern und meiner Schwester angetan hast! Diese Stadt wird untergehen.“ Daraufhin regte sich der herausgeputzte Proll neben mir tierisch auf, wohl weil seinem Dance-geschädigten Schwachstromhirn das Absurd-Witzige dieser Situation völlig entging. Freund Prediger hatte sich mittlerweile zwischen den Tafeln in Trance geschrieen, als ein Punk daher kam (am Samstagmorgen vor zehn schon am Bahnhof, Respekt! Da sage noch einer, die kämen mit einem geregelten Tagesablauf nicht gut zurecht…) und ihn fragte: „Ey, Alter, was ist eigentlich Dein Problem?“ Danach stopfte er ihm mit den Worten „Komm, trink erstmal einen, dann sieht die Welt gleich ganz anders aus!“ seine Bierflasche in den Mund. Dann brachte Flo auch schon Jenny vorbei und wir konnten unsere Tickets kaufen.

Vanessa hatte von der Bahn eine reichlich knapp gerechnete Verbindung vorgeschlagen bekommen, bei der uns bei jedem Umstieg zwischen drei und sechs Minuten Zeit blieben. Unser erster Umstieg fand in Löhne statt, dass wir zwar mit leichter Verspätung erreichten, wo wir aber zum Glück lediglich auf der anderen Seite des Bahnsteigs in den bereits wartenden Zug springen brauchten. Über die Dörfer ging es dann weiter nach Hameln, wo Vanessa zusteigen wollte. Doch leider ergab sich hier gleich das nächste Problem: Hinter Bad Oeynhausen wird die Strecke einspurig, das heißt, der Zug muss hier im Bahnhof warten, bis der Zug in die Gegenrichtung durchgefahren ist. Dieses tat er aber leider am heutigen Samstag mit Verspätung, so dass und von unseren vier Minuten in Elze, dem nächsten Umsteigebahnhof, acht verloren gingen. Diesem Rückstand von ca. 4-5 Minuten fuhren wir nun die gesamte Strecke bis Elze hinterher. Zunächst jedoch stieg in Hameln endlich auch Vanessa zu, die uns strahlend verkündete, dass sie eigentlich gerade ziemlich traurig sei. So sehr ich ihren Anlass dazu verstehen konnte (eine gute Freundin zu treffen, die danach wieder in die australische Ferne fliegt, so dass das nächste Treffen nur mit einem unbestimmten „bis irgendwann dann“ verabredet werden kann, würde mich auch treffen), so lustig wirkte sie dennoch durch das Sonnenscheingesicht, dass sie dabei aufsetzte.

Zu dritt spekulierten wir dann darüber, ob der Zug in Elze wohl auf die Ankunft unserer unzuverlässigen Bimmelbahn warten würde. Nun, er tat es nicht, weshalb wir uns auf einmal vor die Situation gestellt sahen, in Elze fast eine komplette Stunde Aufenthalt zu haben. Nun ist der Elzer Bahnhof nicht direkt der Ort, an dem das pralle Leben tobt (der Ort drum herum übrigens auch nicht), weshalb wir eigentlich nur zwei Wünsche hatten: Eine Toilette zu suchen und uns irgendwoher ein erstes Aufwärmbierchen zu organisieren.

Das Ergebnis meiner diesbezüglichen Suche war ziemlich ernüchternd: Der einzige Eingang ins Bahnhofsgebäude von der Bahnsteigseite aus gehörte zum samstags geschlossenen Reiseservicecenter. Wenn man jedoch einen schmalen Weg am Gebäude entlang ging, gelangte man an die Straße und zur Vorderseite, die jedoch zeigte, worum es sich hierbei handelte: Ein Geistergebäude mit leeren Räumen auf der Innenseite. Weder eine Gaststätte noch einen Kiosk gab es hier. Und Örtlichkeiten, um das durch den morgendlichen Kaffee aufgestaute Bedürfnis endlich zu loszuwerden, schon mal gar nicht.

Mit dieser nicht zufrieden stellenden Erkenntnis beendete ich meinen Erkundungsgang und kehrte zu den beiden Damen zurück. Mit angemessenem Unmut nahmen diese das Resultat zur Kenntnis und zumindest Vanessa vermutete fortan ob ihrer Not hinter jedem Gegenstand mit Rundungen und in passender Größe eine Toilette. Besonders schwer war es, sie davon zu überzeugen, dass die Mülleimer an diesem ansonsten eher gemütlich altmodisch wirkenden Ort tatsächlich ein gewisses futuristisches Design haben. Dem Argument, dass selbst in Elze die Schüsseln nicht einfach offen auf den Bahnsteig gestellt werden, ohne wenigstens ein kleines Häuschen mit dem Namen Dixi oder ToiToi drum herum zu bauen, musste sie sich aber letztlich widerstrebend beugen.

Pragmatisch beschloss sie dann, dass die Nichterfüllung des einen Wunsches ja nicht auch automatisch die Nichterfüllung des anderen Wunsches bedeuten musste und machte sich an die Lösung unseres Getränkeproblems. Außer uns warteten noch zwei völlig ahnungslose junge Herren am Bahnsteig, denen gleich einmal ein freundlicher Willkommensgruß zuteil wurde: „Ey Junge, hat einer von Euch zufällig ein Pils in der Tasche?“ Während Jenny und ich uns ungläubig anstarrten und uns gegenseitig davon zu überzeugen versuchten, dass das eben Gehörte nicht wirklich wahr sein konnte, schaltete Vanessa in den zweiten Gang hoch: „Nicht? Na ist auch nicht schlimm – setzt Euch mal rüber zu Olaf und Jenny, ich mach erstmal ein Foto!“ Wie um Jennys und meine Skepsis Lügen zu strafen, setzten sich die beiden dann folgsam zu uns hinüber und ließen das Folgende über sich ergehen. Damit war das Eis gebrochen und wir lernten unsere Leidensgenossen Colin und Johnny kennen, die den gleichen Anschluss nach Göttingen benötigten wie wir.

Da sie sich nur allzu bereitwillig von Vanessas Feierstimmung anstecken ließen, waren wir auf einmal fünf Personen, die mit vielen Sprüchen die Laune hochhielten, um die Wartezeit zu verkürzen. Wie auf Kommando klingelte nun auch noch Jennys Handy, am anderen Ende der Leitung war Flo, der gerade entdeckt hatte, dass die großartigen Monsters of Liedermaching im kommenden Monat in Bielefeld auf dem Leinewebermarkt gastieren sollten und mir dies umgehend mitteilen wollte. Da ich ihn nun schon einmal an Jennys Handy hatte, konnte ich ihn auch gleich bitten, uns mitzuteilen, wo man hier denn vielleicht doch noch Getränke bekäme, vor allem innerhalb einer halben Stunde, denn so nah war die Wartezeit auf unseren Zug mittlerweile fortgeschritten. Dies veranlasste Flo gleich zu einer ausgiebigen Internet-Recherche, die als erstes ergab, dass Elze bei Google-World gar nicht vorhanden ist. Erfolgreicher verlief da schon die Suche über Wikipedia, die uns einige interessante Details über die Stadt verriet: 9.500 Einwohner, große Persönlichkeiten: Justus Gesenius, Johann Heinrich Louis Krüger und Ferdinand Wallbrecht. Sogar den Namen des Supermarkt-Besitzers, Adolf Helmer, konnte er daraus erfahren. Was es leider nicht gab, war eine Karte, die uns hätte verraten können, wie weit der Markt von unserem Bahnhof entfernt war.

Trocken stiegen wir also in unseren Euro-Express, der uns nach Göttingen bringen sollte. Die pathetische Begrüßungsrede aus dem Lautsprecher des Zuges verriet uns allerdings, dass hier ein Bordbistro geben sollte, was Colin erst einmal zum Anlass nahm, uns ein Getränk besorgen zu wollen. Nach einiger Wartezeit kehrte er jedoch ohne Bier zurück und musste uns die traurige Mitteilung überbringen, dass es dort nur antialkoholische Getränke gäbe. Als Ersatzdroge hatte er uns immerhin eine Tüte Gummibärchen besorgt, die wenigstens für eine kleine Aufbesserung der Laune sorgen konnte.

Dennoch machte sich der Flüssigkeitsmangel bei meinen Begleiterinnen allmählich bemerkbar, die in einer Art Reisekoller verfielen. Dieser äußerte sich darin, dass sie ständig aus dem Fenster blickten und mit dem Ausdruck faszinierten Entzückens ihre Impressionen und Assoziationen in den Wagen riefen: „Kühe“, „grün“, „blau“. Doch noch bevor ich meine Angst um den Zustand der beiden (und, ich gebe es zu, auch um mich selbst, solche Leute zücken über kurz oder lang immer das Messer!) weiter vertiefen konnte, hielt unser Zug in Göttingen an, wo uns Rebecca, unsere Gastgeberin für die nächsten Tage am Bahnhof abholte. Von Colin und Johnny mussten wir uns an dieser Stelle leider schon wieder verabschieden.

Die Verspätung, die wir durch das Verpassen unseres Anschlusses in Elze bekommen hatten, entpuppte sich nun als Vorteil, denn dadurch kam unser Zug gleichzeitig mit dem ICE aus Berlin an, in dem Christopher saß. Nun war unser Trupp also komplett und wir konnten den Weg zu Rebeccas Wohnung antreten. Voller Vorfreude auf eine kurze Strecke, schulterten wir unsere schweren Reisetaschen. Nach einem Marsch durch die halbe Stadt kam uns dann zum ersten Mal der Gedanke, dass Vanessa den Weg vielleicht etwas kürzer in Erinnerung gehabt haben könnte, als er tatsächlich war. Groß war die Erleichterung, als wir endlich am richtigen Haus ankamen. Jetzt nur noch die 85 Stufen hoch zum 4. Stockwerk und wir waren da.

(Fortsetzung folgt)

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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Freitag, 13. juni 2008
Manchmal...

...neigt man dazu, gerade bei Sachen, die man selbst erlebt und über die man sich aufgeregt hat, beim späteren Schreiben im Eifer des Gefechts über das Ziel hinaus zu schießen. Da schreibt man dann manchmal Dinge, die die Falschen treffen und die sich im Nachhinein als gar nicht mal so gute Idee entpuppen.

Deshalb habe ich den letzten Text (dessen Namen wir an dieser Stelle besser nicht mehr erwähnen wollen) entfernt. An alle, die darin zu Unrecht eine verbale Blutgrätsche erhalten haben: Es tut mir wirklich ehrlich Leid!
von Olaf Meiser
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Samstag, 24. mai 2008

Die Hochzeit meiner Schwester

 

Nicht einmal die bittere 0:5-Niederlage ihrer geliebten schwarz-gelben Borussen gegen seine bösen Bayern-Buben eine Woche vorher konnte die einmal getroffene Entscheidung wieder ins Wanken bringen. Dabei wären sie im Falle des Stadion-Besuchs sogar in getrennte Fanblocks gegangen. Wenn nicht einmal mehr König Fußball eine trennende Wirkung hat, dann muss es sich wohl um wahre Liebe handeln.

Ich hatte mir für diesen 18. April extra frei genommen (für uns freie Mitarbeiter ein wahres Opfer) und so fanden wir uns um die Mittagszeit am Standesamt unserer Heimatstadt ein, um einem Stromberg-esk aussehenden Standesbeamten dabei zuzusehen, wie er einen Text verlas, der aus Meiser Ebbersmeyer machte. Nebenbei: Obwohl meine Schwester dieser Änderung mit ihrer eigenhändigen Unterschrift zustimmte, war die Veränderung wohl zumindest kurzfristig ein wenig zu viel für sie: Bei so mancher Namensnennung am Telefon rutschte ihr noch der alte Name über die Zunge. Und so wurde ich mit dem entscheidenden Wörtchen „Ja“ an der passenden Stelle (offenbar war das desaströse Fußballspiel wirklich vergeben und vergessen) Schwager und dreifacher Schwippschwager. Das fühlte sich allerdings nicht so außergewöhnlich an. Ich müsste vielleicht mal etwas mit meiner neuen Verwandtschaft unternehmen, um damit mehr zusammenzuwachsen. Etwas merkwürdiger mutete schon die Tatsache an, dass ich durch die Namenänderung meiner Schwester der letzte Meiser wurde (wäre eigentlich auch mal ein schöner Titel für einen Western…).

Zurück zur Zeremonie: Der Beamte folgte einem genau festgelegten Skript, das zwar die eine oder andere nette Pointe bereit hielt, das er selbst wiederum aber leider auch permanent auf seinem Schreibtisch bereit hielt, so dass er häufiger seine Tischplatte als das Brautpaar anstarrte.

Danach ging es dann raus vor die Tür, wo ein paar Gäste im kleinen Rahmen (50 Personen oder so) bereits auf das Paar warteten. Schockierend die Aussage meines kleinen Cousins Yunus, der einem Stück Schokolade widerstand, mit dem Hinweis, er möge Müsli lieber. Dem Kind sei an dieser Stelle gute Besserung gewünscht.

Nach der Feier ging es dann zur Familie Ebbersmeyer, wo der Nachmittag mit einem Essen und einem kleinen Umtrunk zu Ende ging.

Ein kritischer Geist, könnte jetzt natürlich hinterfragen, warum ich unserer Fahrt nach Berlin so viel Text und der Hochzeit meiner Schwester so wenig gewidmet habe. Das liegt zum einen daran, dass sich leider nicht so viele erwähnenswerte Anekdoten ergeben haben, zum anderen folgt die große offizielle Feier für die kirchliche Hochzeit im August, so dass hier auf jeden Fall noch ein Nachschlag folgen wird. Dieser präsentiert die Personen dann in einem größeren Rahmen, der auf jeden Fall die bessere Bühne für Pleiten, Pech und Peinlichkeiten bietet und wird deshalb mit Sicherheit wesentlich umfangreicher ausfallen als die doch etwas trockene standesamtliche Zeremonie.

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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Sonntag, 18. mai 2008

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

 

Neben meinem Notjob im Telefonstudio arbeite ich auch noch bei einer kleinen Agentur, die professionelle Rollenspieler für verschiedenste Anlässe selbst schult und dann auch vermittelt. Rollenspiel sei hier nicht im Sinne von Fantasy verstanden (wenngleich ich diese Variante durchaus auch schätze), sondern eher als Simulation von Alltagssituationen. Medizinstudenten üben so an manchen Universitäten, z.B. in Heidelberg, wie man sich in Arzt-Patienten-Gesprächen am besten verhält. Die Arbeit dort ist nicht nur sehr ordentlich bezahlt sondern macht auch in der Regel eine Menge Spaß. Außerdem bietet sie eine Abwechslung zum Alltag im Studio. So kann man sich meine Freude vorstellen als ich wieder einmal eine Mail von meinem Chef Bernd in meinem Posteingang fand. Er hätte da in der kommenden Woche einen Auftrag in Berlin, ob ich denn bereit wäre, die Reise dorthin so kurzfristig anzutreten. Das hieße: Im ICE hin fahren, spielen, eventuell bei der Auswertung helfen, am Abend zurück fahren. Natürlich war ich bereit, für einen Chef wie Bernd würde ich sogar klaglos in eine Stadt wie Gießen oder Magdeburg fahren! Und auch nach anstrengenden Tagen bei dieser Arbeit bin ich zwar geschafft, aber auf eine angenehme Art und Weise. Es ist einfach so, dass man dort Einzelaufträge behandelt und am Ende des Tages eine Aufgabe bis zum Schluss erledigt hat.

Schon unser Treffen im HQ der Rollenspiel-Agentur bot Anlass zur Freude: Serger, ein Kollege, mit dem ich sehr gerne zusammenarbeite, war der andere Kandidat, der in unsere Hauptstadt geschickt wurde. (Ich bitte an dieser Stelle den werten Leser, zu entschuldigen, dass ich so umständlich die Vorgeschichte erzähle. Ich hätte selbst gerne schon bis hierhin den einen oder anderen Schenkelklopfer eingebaut – allein, es bietet sich bisher aus dramaturgischen Gründen nicht wirklich an. Na ja, kommt schon noch!) Noch größer wurde die Freude, als wir erfuhren, dass wir nicht unbedingt am Dienstag wieder zurück reisen müssten, sondern die Zugtickets auch noch für den Folgetag gelten würden. Hier kann ich meinen Satz mit Gießen von oben nämlich schon wieder ein wenig einschränken: Ehrlich gesagt, passte mir Berlin nämlich schon besser, da ich dort sowohl Verwandtschaft wohnen habe als auch Christopher, einen jungen Studenten, mit dem ich mich letztes Jahr bei einem Arbeitstrip nach London angefreundet hatte. Nun hatte ich sogar noch den Abend, um ein Wiedersehen zu ermöglichen. Ich verabredete mit Serger, dass wir erst am Folgetag zurück fahren würden, wenn es uns beiden gelänge, eine Möglichkeit zur Übernachtung zu finden.

Dies gelang uns beiden und somit war die große Sause nach Feierabend beinahe perfekt. (Vielleicht ist es jemandem aufgefallen, dass ich jetzt das Erzähltempo ein wenig beschleunigt habe. Tatsächlich waren wir erst am kommenden Wochenende beide sicher, dass es wirklich funktionieren würde. Aber es soll ja hier um die Fahrt an sich gehen und jetzt habe ich schon eine DIN-A-4 Seite voll und wir sind immer noch in OWL…).

Unser Zug sollte am Dienstag, den 8.April um 9:37 vom Bielefelder Hauptbahnhof aus losfahren. Da gab es zwei für mich gute Züge aus Rheda-Wiedenbrück: Einmal um 8:43 Uhr, der ca. um 9 in Bielefeld sein sollte und schließlich der um 8:25, mit dem ich noch einmal 10 Minuten eher angekommen wäre. Trotz der Aussicht auf Wartezeit bei gar nicht mal so angenehmen Temperaturen rund um den Gefrierpunkt, nahm ich mir vor, auf jeden Fall den ersten der beiden Züge zu nehmen, um ja nicht in Not zu geraten.

Es kam, wie es kommen musste: Ausgerechnet an diesem Morgen hatte mich ein Nachbar so unglücklich eingeparkt, dass ich mit meinem Auto nicht aus der Lücke kam. Bis der Nachbar endlich aus dem Bett geklingelt war und ich endlich starten konnte, war es auch schon zu spät, den ersten der beiden Züge zu nehmen. Letztlich war das ja auch nicht allzu dramatisch, es kam ja noch ein Zug, bei dem ich immer noch ein gutes Zeitpolster hatte.

Dramatisch wurde es dann allerdings bei der Durchsage aus dem Bahnhofslautsprecher: „Meine Damen und Herren auf Gleis 8, der Zug trifft voraussichtlich 30 Minuten später ein.“ Da ging es hin, mein Zeitpolster. Was also tun: Auto? Dazu war es wohl schon zu spät, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht nur einen kostenlosen Parkplatz suchen musste, sondern auch noch von dort zu Fuß mit meinem Koffer zum Bahnhof musste. Außerdem war jetzt der Berufsverkehr unterwegs, da war in Richtung Bielefeld reichlich etwas los. Also als erstes Serger angerufen und meine Situation geschildert. Nachdem ich ihn auch mit meiner Panik angesteckt hatte (nein, stimmt so nicht ganz: Er war der eindeutig Ruhigere von uns – schließlich hatte er ja auch die ICE-Tickets), wartete ich weiter.

Peinlich ist es für ein Transportunternehmen, wenn nicht nur Verspätungen stattfinden, sondern wenn dann nicht einmal die angekündigte Verspätung pünktlich eingehalten werden kann. So saß ich auch noch über die Zeit hinaus, bis dort schließlich der kleine Zug aus Münster eintraf, der ebenfalls in Richtung Bielefeld fuhr. Dieser besteht aber nur aus 2 Waggons, in diese sich nun die regulären Fahrgäste zusammen mit denen quetschten, die eigentlich bereits den 8:43-Zug hatten erwischen wollen. Wenigstens vertrieb die Zwangsnähe zu anderen Körpern die Kälte! Da der Zug aus Münster an jeder Gießkanne hält, kam ich um 9:42 in Bielefeld an und verpasste den ICE nach Berlin nur deswegen nicht, weil der seinerseits eine Verspätung von 10 Minuten hatte. Selten war ich über eine Verspätung so dankbar.

Im Zug selber gab es glücklicherweise keine Hektik mehr, da wir Plätze vorreserviert hatten. Leider befanden sich diese nicht direkt nebeneinander, so dass Serger alleine einen Doppelsitz hatte, während ich feststellen musste, dass auf meinem schönen Fensterplatz eine Oma saß, die dort eigentlich nicht ganz so viel zu suchen hatte. Na egal, dachte ich, der Sitz neben ihr zum Gang hin ist ja noch frei. In dem Augenblick, in dem ich mich hinsetzen wollte, sprach mich die ältere Dame an: „Haben Sie hier reserviert?“ Wahrheitsgemäß bejahte ich, was sich direkt als großer Fehler herausstellen sollte, denn kaum hatte ich ein leises „Ja, schon“ über meine Lippen gebracht, fing die Frau an zu lamentieren, dass es aber auch schwierig wäre, das zu wissen, wenn nirgendwo an den reservierten Plätzen ein Hinweis zu sehen sei. Davon abgesehen, dass es reicht, lesen zu können, hatte ich keine Lust, darüber nachzudenken. Dann saß ich eben am Gang, ich hatte der Oma ja schließlich weder einen Vorwurf gemacht, noch meinen Platz mit Gewalt eingefordert. Kurz vor Minden war die Mumie immer noch nicht fertig mit ihrer Beschwerde, so dass ich zu meiner nervlichen Entlastung erst einmal beschloss, die Toilette aufzusuchen. Dort lernte ich, dass die Benutzer von Zugtoiletten auch keine hygienischeren Menschen sind als die anderer öffentlicher Bedürfnisanstalten.

Auf meinem Rückweg kam ich an Serger vorbei, der immer noch alleine in seiner Sitzreihe saß und mich fragte, ob ich mich nicht einfach umsetzen wollte. Ein kurzer Kontrollblick: Der Platz neben ihm war nicht reserviert. Perfekt! Mit einer hämischen Geste des Bedauerns holte ich meinen Koffer und ließ  die Lebensendgestalt auf meinem Platz, die immer noch nicht mit ihrem Vortrag fertig war mit zwei entsetzten Postangestellten, die auf der anderen Seite des Ganges saßen, zurück. Diese starrten mich furchtsam an, als ich meinen Platz räumte, da sie in dem Moment, als ich zur Toilette ging, Opfer des rentneresken Redeschwalls geworden waren.

Der Rest der Fahrt verlief unspektakulär. Der ICE holte auf der Strecke die verlorenen 10 Minuten wieder auf und so kamen wir pünktlich am Berliner Hauptbahnhof an, von dem aus wir mit dem Taxi am Regierungsviertel vorbei Richtung Unter den Linden gebracht wurden. Sehr schön für Serger, der vorher noch nie in Berlin gewesen war, denn auf diese Weise präsentierte sich ihm die Stadt gleich von ihrer besten Seite.

Unter den Linden ist die Vorzeigestraße Berlins. Hier befindet sich die Humboldt-Universität und auch der Ort, wo wir zu arbeiten hatten, auch wenn ich aus Datenschutzgründen darauf verzichten will, das genaue Unternehmen zu nennen. Man merkt allerdings auch den Mitarbeitern dort an, dass sie sich aufgrund dieses exklusiven Arbeitsplatzes ein wenig elitär vorkommen. Von einem arroganten Portier wurden wir gleich zu Beginn wie Bittsteller behandelt. Nachdem er uns endlich hineingelassen hatte, fragte er dreimal nach, wer wir wären und aus welchem Grund wir hier wären, obwohl er es eigentlich bei jeder Erklärung aufs Neue verstanden hatte. Daraufhin verwies er uns in einen Wartebereich, in dem Snacks und kalte Getränke gereicht wurden. Nachdem Serger und ich dort auf seriös wirkende Art und Weise herumgestanden und uns an den Getränken gütlich getan hatten, kam eine andere Dame, die uns darauf hinwies, dass unser Einsatzort im zweiten Stockwerk sei und wir gerade dabei wären, das falsche Büffet zu plündern. Oben gebe es aber auch eines.

Gut, über die Arbeit möchte ich mich an dieser Stelle weiter nicht auslassen, nur soviel sagen, dass es ein sehr angenehmes Arbeiten war. Leider war das Büffet zwar lecker aber bestand aus nicht allzu reichhaltigen Häppchen, die man ja nun auch nicht in angemessener Menge essen durfte, um vor dem Kunden nicht allzu gierig zu erscheinen – Hunger genug hätt’ ich aber schon gehabt! Zu unserer Freude waren wir dann aber auch noch früher fertig als erwartet. Schön, umso früher konnten wir unser Abendprogramm in Angriff nehmen. Schnell rief Serger seinen Kumpel an und ich meinen Cousin. Kaum waren wir in zivilen Klamotten, ging es auf zum Alexanderplatz, wo wir uns wieder trafen und wo auch Christopher dazu stieß.

Nachdem wir unsere Barschaft ein wenig aufgestockt hatten, ging es zunächst auf die Suche nach etwas Essbarem. Wir landeten dort, wo man als Tourist in einer fremden Stadt letztlich immer landet (da können die einheimischen Stadtführer noch so gut sein…). Allerdings hatte ich keine Lust, mein Geld komplett im Hamburger zu stecken, da mir nach dem bisher so gut gelaufenen Tag nach Sushi zumute war. Deswegen mussten wir uns nach dem Essen noch einmal auf die Suche nach etwas anderem Essbaren machen. Dabei gerieten wir in ein japanisches Restaurant, das keine Portionen auf dem Laufband anbot, sondern wo das Sushi vor den Augen des Publikums frisch zubereitet wurde. Das war wirklich gut, schlug sich aber leider auch deutlich im Preis nieder, so dass nur Patrick (mein Cousin) und ich uns eine bei der Qualität viel zu kleine Portion gönnten. Immer noch mit Hunger ausgestattet, ging es dann langsam aber sicher Richtung Kreuzberg.

Dort gibt es in einem Hinterhof eine nette alternative Kneipe namens „Clash“, in der sich die linke Szene trifft und die sehr punkig angehaucht ist. Das gilt nicht nur für die Musik sondern auch für die angenehm schäbige Einrichtung. Ich erfuhr dann noch, dass diese Kneipe am ersten Mai gerne dichtmacht, weil sie ansonsten leicht in den Verdacht geraten könnte, eine Keimzelle der traditionellen Kreuzberger Maifeuer zu sein. Das war glaubwürdig, denn die „Free Muamar!“-Plakate, die überall hingen, ließen auf eine sehr aktive Politaktivistenszene schließen (wobei ich mir hier eine Erörterung verkneife, ob man Leute als Politaktivisten wahrnehmen sollte, die es toll finden, anderer Menschen Autos anzuzünden). Nach einen großen Bier der Hausmarke – nicht das erste an diesem Abend, dank einer nicht allzu prallen Grundlage im Magen (ich hätte doch im Burger King mehr essen sollen…) allerdings das erste, das zu Kopfe stieg – verließen uns Serger mit Kumpel und wir begaben uns noch in die Stammkneipe meines Cousins – das „Syndikat“ in Neukölln.

Dort war alles etwas kleiner und gemütlicher als im „Clash“. Die politische Grundeinstellung war zwar die gleiche, allerdings wirkte alles etwas weniger radikal. Egal, hier tranken wir noch einen Absacker, nach dem sich Chris verabschiedete und auch Patrick und ich zufrieden nach Hause gingen. Seinen Kommentar, das liege quasi gleich um die Ecke von wo er wohne, hielt ich zwar nach einigem Fußmarsch für etwas arg optimistisch, letztlich kamen wir dann aber doch bei ihm an und gingen auch unmittelbar ins Bett. Am nächsten Morgen gab es noch eine kalte Dusche (die Alternative wäre kochen gewesen), ein gesundes Frühstück vom Bäcker am Bahnhof und einen Olaf und einen Serger, die sich verpassten, weil sie ihren jeweiligen Eingang, an dem sie auf den anderen warteten, für den Haupteingang hielten. Leider lagen diese aber an den entgegen gesetzten Seiten des Gebäudes. Irgendwann fanden wir uns und fuhren dann durch die Mark Brandenburg zurück, deren Funktion in meinen Augen darin liegt, so eintönig zu sein, dass man sich nach Berlin auch anderswo wie ein Weltbürger fühlen kann – egal welcher Ort einen heimatlich empfängt.

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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Dienstag, 29. april 2008

Künstlerischer Abend am WGE oder: Erstens kommt es anders…

 

„Künstlerischer Abend“ in Verbindung mit dem Namen einer Schule. Eine Kombination, die nichts Gutes verheißt. Verstaubte Pädagogen zerren ihren ebensolchen Nachwuchs aus den finsteren Grüften seiner Kinder- / Übungskemenaten, um sie auf der Bühne der Aula vor einem ebenfalls nicht mehr ganz frischen Publikum öffentlich vorführen zu lassen, worüber sich sonst im Regelfall nur die Nachbarn ärgern müssen.[1] Da singen die kleinen Fünftklässler mit bambiesk großen Augen Lieder von so erschütternder Niedlichkeit, dass selbst Pädophile sich eines Besseren besinnen sollten. Die „coolen“ Oberstufler hingegen nerven mit der Interpretation atonaler Klassik (egal ob vom Komponisten atonal geplant oder nicht) oder, wenn die Schulleitung ihre Liberalität in Sachen Kultur demonstrieren möchte, mit modernem Zeug. Das sind dann immer Lieder von den Beatles. Diese werden in ein kreuzbrav klingendes Chor-Arrangement gepackt, so dass das Ganze klingt wie… nun ja, eben wie ein ostwestfälischer Chor, der die Beatles bestrafen möchte.

Wenn man diese traumatischen Erfahrungen berücksichtigt, die ich an meiner eigenen  erzkonservativen Schule machen musste, wird man verstehen, warum meine Erwartungshaltung sich in Grenzen hielt, als ich am 29.1. 08 auf dem Weg nach Enger war. Warum begibt man sich überhaupt auf einen solchen Weg, wenn man sich von dem Abend nicht gerade Großes verspricht? Man ahnt es schon: Der Grund ist weiblich und jung.

Ich hatte Lara auf unserer betrieblichen Weihnachtsfeier kennen gelernt und den Kontakt danach über SMS aufrechterhalten. Irgendwann schrieb sie mir dann von ihrem „Künstlerischen Abend“, der traditionellen Abschiedsveranstaltung der kommenden Abiturienten an ihrer Schule. Da ich sie bei einer zufälligen Begegnung auf dem Parkplatz unseres kleinen Telefonstudios kurz zuvor nicht erkannt hatte (die Weihnachtsfeier war immerhin schon über einen Monat her und ich damals in einem eher vernebelten Zustand), und sie mich mit Nachdruck darauf hinwies, dass sie im Rahmen dieses Abends auch Soloauftritte hatte, dachte ich, das sei eine günstige Gelegenheit, sich das Gesicht wieder einzuprägen. Die deutlichen Hinweise auf ihre Solospots verstand ich zudem als nicht allzu subtilen Schlag mit dem Zaunpfahl, dass mich diese Veranstaltung gefälligst zu interessieren hatte!

Schon der Weg zu der Schule war ein kleines Abenteuer. Wäre es nicht einstmals Lebens- und Wirkungsstätte eines berühmten Sachsenhäuptlings gewesen, niemand außerhalb von Enger würde Enger kennen. Das merkt man dem Ort an: Es gibt eine Widukindstraße, einen Widukindplatz, eine Widukind-Apotheke. Es ist wohl wenig überraschend, dass der kulturelle Abend in der Aula des Widukind-Gymnasiums stattfand. Dieses Haus erreicht man über 30er-Zonen, Nebenstraßen und Feldwege, womit die übliche Infrastruktur hinter dem Ortseingangsschild auch hinreichend beschrieben wäre. Das Angenehmste an Enger ist für einen Autofahrer die Straße nach Bielefeld.

Wir fassen zwischendurch einmal kurz zusammen: Eigene traumatische Erfahrung, Provinzort und Gymnasium, dass sich schon vom Namen her auf Traditionen beruft. Angekündigt worden war mir eine Mischung aus „Musik, Tanz und Humor“. Welche Musik ich erwartete, habe ich weiter oben bereits geschildert. Tanz? Das würde auf gruselige Musicals hinauslaufen, eine musikalische Ausdrucksform, die wohl nur Frauen und Frauenversteher verstehen… Und Humor? Nun, wenigstens hier bestand Hoffnung: Mit ein bisschen Glück wären vielleicht ein paar Zeilen Wilhelm Busch oder ein kurzes Bühnenstück von Karl Valentin drin, falls diese nicht bereits im Vorfeld von der Schulleitung als „zu neumodisch“ eingestuft worden wären.

Ein erster Hoffnungsschimmer keimte auf, als die Programmzettel verteilt wurden. Motto des Abends war: Die wilde 13 sieht fern. Sollte die Moderne es doch geschafft haben, ins Innere eines Schulgebäudes einzudringen? Sollten hier tatsächlich Schülerinteressen berücksichtigt worden sein? Ein Blick in den Inhalt verhieß…ähem, Verheißungsvolles. In diesem Moment dachte ich daran, dass es vielleicht doch ein erfreulicher Abend werden könnte, auch wenn ich der jungen Dame bedauerlicherweise im Vorfeld der Veranstaltung nicht mehr über den Weg lief. Da standen wirklich Musiktitel, die sympathisch waren und kein bisschen Mottenkugel-Aroma verbreiteten. Jetzt lag es an den Schülern selbst, aus diesen Vorlagen einen schönen Abend zu zaubern.

Rahmenhandlung und Moderation des Abends übernahmen ein Schüler und eine Schülerin, die sich als Proletenpärchen auf einer Couch an der vom Zuschauer aus gesehen rechten Wand der Aula fläzten. Von dort aus zappten sie durch das Programm ihres Großbildfernsehers (sprich: Jede Nummer auf der Bühne stand für einen neuen Sender). Das war okay, den aus dem Pärchen sich ergebenden Atze-Schröder-Faktor schieben wir mal der Notwendigkeit zu, auch für die anwesenden Eltern Identifikationsfiguren zu schaffen. Die Beiden gingen in ihren Rollen jedenfalls auf, und zumindest ihm wäre es zu gönnen gewesen, dass sich in den zahlreichen Maurerbömbchen, die er im Laufe des Abends köpfte, echtes Bier befand! (Obwohl: Herforder…?)

Der Vorhang öffnete sich zum ersten Mal und eine kleine Big-Band (doch, das geht!) spielte gleich mal Henry Mancinis wundervolles Thema zu Blake Edwards noch viel wundervollerem Film „A Shot In The Dark“: Guter Einstieg! Damit hatte man mich als alten Inspektor Clouseau-Fan natürlich schnell auf seine Seite gezogen. Im Folgenden wechselten die Nummern im zügigen Rhythmus, was den Abend trotz dreistündiger Spielzeit kurzweilig hielt. In Erinnerung geblieben sind mir ein Tanz unter Schwarzlicht, eine Folge selbst gedrehter Comedy Street-Attentate, sehr sympathisch, weil sie sehr viel Mut erforderten: Da ging ein Mensch in Uniform mit Megafon vor einem offensichtlich als Maso-Sklaven aufgemachten anderen Menschen her, den er an einer Leine führte. Dabei brüllte er „Links-2-3-4“ ins Fon – und das mitten in der Bielefelder Altstadt – Respekt!

Bei den Tanznummern fehlt mir vielleicht ein wenig der Sinn dafür, um fair urteilen zu können, dennoch gab es auch hier zwei Highlights: Zum einen „Evolution of Dance“ eine Formation aus drei Kerlen (einer von denen saß sonst als Prollmann auf der Couch), die sich durch Songs tanzten, die im schnellen Wechsel aufeinander folgten. Und dann war da noch der Michael Jackson-Imitator, den man um seine Bewegungsfähigkeiten ruhig ein bisschen beneiden darf.

Doch wichtig ist immer Musik: „(What’s The Story) Morning Glory“ verlieh den anwesenden Omas im Saal schicke neue Sturmfrisuren. „No No Never“ war gut, was aber eher an der Sängerin lag, wegen der ich ja eigentlich den ganzen Weg dorthin unternommen hatte. Allerdings hatte Lara später eben kein Duett sondern einen richtigen Solospot, in dem sie „Nothing Ever Happens“ sang – und zwar zum Steinerweichen schön! Ich möchte jetzt gerne mal wissen, von wem das Original ist, auch auf die Gefahr, dass mich danach die Coolness-Polizei einkassiert. Mir ist vorher nie so richtig aufgefallen, wie schön dieser Song eigentlich ist. Um aber den Rockfaktor wieder nach vorne zu bringen, spielten die Jungs, die zu Anfang noch Oasis waren, nun auch noch „Are You Gonna Be My Girl“, im Original von Jet, soweit ich weiß.

Und als wir uns dann dem Ende näherten sang noch eine Schülerin den vielleicht besten, weil wütendsten und dennoch fragilsten Song von Pink: „Dear Mr. President!“ Auch groß. Dann war da noch das Mädel, das in der Pause Getränke ausschenkte und dabei ein Shirt mit großem Kreator-Aufdruck trug. Ich habe sie ja nicht weiter kennen gelernt, aber ich schätze, sie ist sympathisch!

Falls jetzt jemand erwartet hat, dass der Abend einen Ausgang in romantischer Zweisamkeit nahm und dann noch alles gut wurde: Leider muss ich hier bremsen, denn ich habe Lara auch nach der Show nicht zu Gesicht bekommen, weshalb ich an dieser Stelle einfach mal prompt abbreche und mit dem Fazit schließe, dass es dennoch ein sehr gelungener Abend war. Auf dem Rückweg von Enger in die Zivilisation dachte ich, dass es eben manchmal die Ereignisse sind, von denen man sich im Vorhinein am wenigsten verspricht, die einen am positivsten überraschen können!



[1] Mag sein, dass dieses Phänomen nur an unserer Schule zu beobachten war, aber in der Regel waren es vor allem die lehrereigenen Kinder, die sich besonders in prestigeträchtigen AGs wie Chor oder Schulorchester tummelten. Da sich Lehrer aus bisher noch nicht geklärten Gründen nur untereinander vermehren können, kann man das auch als eine Art vorehelicher Kuppelei bezeichnen. Meine Theorie ist, dass die sich daraus ergebende inzestuöse Degeneration in spätestens ein bis zwei Generationen dazu führen wird, dass sich die Unterrichtsrichtung umdrehen muss und die Schüler den Lehrern etwas beibringen werden.

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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Montag, 14. april 2008

Dialoge, die man so kein zweites Mal führen möchte, Teil 2

 

Interviewer:                   Schönen guten Tag, wir führen momentan eine repräsentative Haushaltsumfrage zum Thema XY durch…

Angerufener:                  (unterbricht) Tut mir leid, da haben wir Anweisungen von oben, dass wir uns daran nicht beteiligen dürfen.

Interviewer:                   Ach so, ist das gar kein Privathaushalt, bin ich da in einem Unternehmen gelandet?

Angerufener:                  (mit Nachdruck) Es tut mir leid, ohne Erlaubnis der Geschäftsführung dürfen wir da keine Auskunft geben.

 

Schlussfolgerung: Entweder hat dieses Unternehmen tatsächlich den Quotendeppen ans Telefon gesetzt oder dort herrschen sehr strenge Regeln. Dass die Geschäftsführung entscheidet, ob man gerade im Dienst ist oder bei der Familie, kenne ich eigentlich nur aus Mafia-Filmen.

 

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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Mittwoch, 9. april 2008

Vorweihnachtliches im Ringlokschuppen

 

Großraumdiskotheken sind vor Feiertagen scheinbar keine schönen Orte, wenn man einen angenehmen Abend zu verleben gedenkt. Das hatte ich leider nicht bedacht, als ein Freund von mir vorschlug, am 22.12. 2007 in den Ringlokschuppen zu gehen.

Für Personen, die diese Lokalität noch nie betreten haben, sei hier kurz gesagt, dass der Lokschuppen 3 Tanzräume unter seinem Dach beherbergt: Es gibt den großen und den kleinen Saal, außerdem den Club. In letzterem läuft meist den ganzen Abend Musik einer bestimmten Stilrichtung, an diesem speziellen Abend Funk und House, was diesen Raum schon einmal zu einer Tabuzone machte. Davon einmal abgesehen nutzen viele Gäste den Club als Durchgang zwischen dem großen Saal und dem Loungebereich zwischen den Sälen. Leider bewegt sich dieser Durchgangsverkehr, der ohnehin schon für eine ungemütliche Atmosphäre sorgt, auch noch mitten über die Tanzfläche, was selbst bei anständiger Musik ein längeres Verweilen im Club zur Toleranzprobe werden lässt.

Im großen Saal ist die Musik meistens an den Charts orientiert, wenn man deren allzu schlimme geschmackliche Auswüchse einmal außen vorlässt. Nichtsdestotrotz bleibt es Chartmusik, deswegen gehe ich auch immer nur in den großen Saal, falls im kleinen mal ein kurzer musikalischer Durchhänger herrschen sollte. Ein anderer Grund diesen Raum aufzusuchen ist, dass an der dortigen Bar die charmanteste Mitarbeiterin des kompletten Ladens steht.

Im kleinen Saal fand an diesem Samstag eine Party unter dem Motto „Back to where we came from“ statt. Das hätte eigentlich ganz schön werden können, denn dann legt dort oft ein DJ aus dem ehemaligen PC69 auf. Das ergibt einen bunten Mix aus Hits von grob 1970 bis 1995, wobei auch hier die negativen Auswüchse weitgehend ignoriert werden - normalerweise! Damit kommen wir wieder zur eingangs formulierten Regel zurück, dass vor Feiertagen anscheinend keine anständige Musik gespielt werden darf. Der DJ war ein anderer als der, den wir uns erhofft hatten. Das erste Misstrauen regte sich in uns, als bei den Hits der 80er Jahre Michael Jackson berücksichtigt wurde und im Gegenzug die eher düsteren Songs dieser Epoche nicht zum Zuge kamen. Eine Phase dauert in der Regel drei bis vier Songs, danach gibt es einen Stilwechsel. Den gab es heute erst nach etlichen, eher mal mediokren 80er-Disco-Heulern. Das Problem dabei: Von nun an wurde alles noch viel schlimmer! Als die dünnen Stimmchen von Whigfield und Haddaway ertönten, glaubten wir noch an einen schlechten Scherz, dessen Pointe uns irgendwo entgangen sein musste. Als dann aber immer nicht besser wurde, gingen wir in unserer Verzweiflung dazu über, jeden Song mit ironischem Jubel zu begrüßen. Leider blieb es bei diesem Stilwechsel, die Richtung für den Rest des Abends war vorgegeben! Von nun an gab es nur noch Kirmestechno und Euro-Dance-Trash aus den frühen bis mittleren 90er Jahren. Dachten wir bei den oben erwähnten Künstlern, nun sei der Tiefpunkt aber endgültig erreicht, entpuppte sich dieser hartnäckig als ganze Tieflinie. Als der Bodensatz ausgekratzt war, durchschlug der DJ den Boden und kratzte auch noch von der darunter liegenden Schicht den Bodensatz ab, der noch siffiger und ekliger war. Absolute Könige waren letztlich Scooter, deren „Hyper Hyper“ ein Lied ist, für das uns nachfolgende Generationen einmal völlig zu Recht den Generationenvertrag kündigen werden, es sei denn wir bauen uns ebenso erfolgreich eine Lebenslüge auf, wie es die Generation Braun ja auch geschafft hat. Obwohl diese Angst übertrieben sein mag, denn wer „Musik“ von einem hässlichen Froschmutanten mit Sturzhelm hört (Stichwort „Generation Klingelton“, der Crazy Frog war übrigens eine der wenigen Peinlichkeiten, die uns heute Abend erspart blieb), für den ist Scooter wahrscheinlich purer Prog.

Leider schien sich auch das Partyvolk anders zusammenzusetzen als an anderen Abenden unter diesem Motto: Statt sich mit Heugabeln und Schaufeln zu bewaffnen und einen Fackelzug in Richtung des DJ-Pults zu starten, blieb man auf der Tanzfläche. Auf vielen Gesichtern vermeinten wir dabei, Fröhlichkeit ablesen zu können – die ehrliche Variante, nicht die, in die wir uns in unserer schieren Verzweiflung flüchteten. Nachdem wir uns beim Versuch, den jeweils anderen aus diesem Albtraum zu erwecken, gegenseitig blaue Flecken in die Arme gekniffen hatten, beschlossen wir, dieser grausigen Realität zu entkommen. Ein Kampf wäre sinnlos gewesen, da der Pöbel in seiner zombieesken Zufriedenheit sicherlich leicht hätte gegen uns aufgehetzt werden können, was angesichts unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit keinen guten Ausgang für uns genommen hätte. Davon abgesehen, hatten wir auch gerade keine Heugabeln und Fackeln zur Hand, deshalb entschieden wir uns für die Variante Flucht, zunächst in den Bistro-Bereich, dann in den großen Saal, in dem wir wenigstens hin und wieder mal die Tanzfläche enterten, die wegen der vielen anderen Flüchtlinge hoffnungslos überfüllt war. Dass ich als Fahrer obendrein nüchtern bleiben musste, machte die Verhältnisse nicht gerade besser…

So gerne ich auch sonst in den Ringlokschuppen gehe und so sehr uns unser Galgenhumor auch zumindest den Rest guter Laune rettete: Zukünftig werde ich vor bzw. an Feiertagen nicht mehr arglos in solche Tanzschuppen einfallen!

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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Samstag, 5. april 2008

Dummheit und Deutsches Wesen – Eine unheilige Allianz

 

Die Forderung nach deutscher Leitkultur ist eine, der man sich als Mensch, der mit offenen Augen durch den Alltag marschiert, nicht so ohne weiteres anschließen möchte. Ist es wirklich ein erstrebenswertes Ziel, alle Immigranten in kleinkarierte Bürokraten zu verwandeln, die ihr arg simpel gestricktes, kleinbürgerliches Weltbild bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Öffentlichkeit hinausposaunen – außer wenn man sie danach fragt? Eignet sich der unfreundliche Dauernörgler wirklich als gutes Vorbild, dem Ali, Luigi und Dimitrius voller Inbrunst nacheifern sollten?

Keine Frage, das so genannte „Deutsche Wesen“ trägt ein gerüttelt Maß an Unerträglichkeit in sich. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass ich dem Satz „Ich liebe dieses Land“ durchaus zustimme, dabei aber jeden, der ihn benutzt, nur eindringlich dazu ermahnen kann, zwischen dem Land und seinen Einwohnern eine klare Trennlinie zu ziehen. Hier tut sich bei mir ein ernster Gewissenskonflikt auf: Ich lebe wirklich gern hier. Es geht uns verhältnismäßig gut und auch landschaftlich und kulturell hat dieses Land etliche schöne Seiten. Jedoch verhindert die bedauerliche Tatsache der Existenz des Großteils meiner Mitmenschen, dass ich mich so richtig wie im Paradies fühlen möchte – und hier stehen besondern diejenigen auf meiner Hassliste, die auf ihre Art und Weise schlicht und einfach dumm sind.

Nun ist es in bestimmten Kreisen nicht gern gesehen, die Ausrottung der Dummheit vorzuschlagen, weil die meisten Menschen befürchten, man meinte die Ausrottung der Dummen. Dann wird gleich daran erinnert, dass wir hierzulande ja schon einmal schlechte Erfahrungen mit der Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen gemacht haben – obwohl dies nicht stimmt! Die schlechten Erfahrungen haben wir mit den Folgen gemacht, die sich hinterher daraus ergaben, die Vernichtung selbst, als Prozess, ging uns leicht von der Hand. Auch das liegt an einer typischen deutschen Eigenschaft, dem so genannten „Preußischen Kadavergehorsam“, von den verwirrten Anhängern, der oben angesprochenen Zeit auch gerne mal zur „Nibelungentreue“ verklärt, was einem beeindruckenden Stück deutscher Literatur leider den Ruf eines braunen Propaganda-Gedichtes eingebracht hat. Sei es drum, Tatsache ist: Der Deutsche befolgt gern Befehle, vor allem, wenn er sich dadurch von jeglicher Verantwortung für sein eigenes Treiben entbunden fühlen kann, sei dieses auch noch so schändlich. Da sind wir auch schon beim entscheidenden Punkt, denn es ist eben nicht die Treue, die den Deutschen zum dankbaren Befehlempfänger macht, sondern der Wunsch, hinterher den Finger auf einen anderen Schuldigen für die eigenen Untaten richten zu können. In den fünfziger Jahren ließ sich auf diese Weise bequem die Tatsache verdrängen, dass sich ein Schreckensregime wie das gerade überstandene nur mit der und durch die Duldung der Massen errichten lässt und es beileibe nicht nur die großen Namen waren, die vor allem die praktische Arbeit bei Mord und Unterdrückung leisteten.

Zurück zum Ausgangspunkt: Der Vorschlag der Ausrottung der Dummheit hat natürlich nichts mit nationalsozialistischem Herrenmenschengewese zu tun, selbst wenn man die Ausrottung der Dummen dabei als Maßnahme zur Erreichung dieses Ziels in Erwägung ziehen sollte. Zum einen wären die Täter von damals ebenso wie alle, die noch heutzutage deren Taten glorifizieren, eindeutig in der Gruppe der Auszurottenden, was zwar nicht die Methode als solche veredelt, aber immerhin das Gerechtigkeitsempfinden bzw. die niederen Instinkte der empörten Gutmenschen befriedigen würde – schließlich träfe es, moralisch gesehen, die Richtigen…

Zum anderen träfe es keine Menschen, die nichts für ihre zu bekämpfende Eigenschaft können, denn in die Dummheit wächst man nicht hinein und bleibt ihr dauerhaft verbunden wie es z.B. bei einer Volkszugehörigkeit oder einer Hautfarbe der Fall ist, von dem Fakt einmal ganz abgesehen, dass es ein großer Unterschied ist, ob man eine an sich erst einmal wertneutrale Tatsache bekämpft oder eine eklige Charaktereigenschaft. Entscheidend ist allerdings, dass man gegen Dummheit selbst vorgehen kann, denn es liegt ja in der eigenen Verantwortung, sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu bilden.

Hier jedoch treffen wir auf eine weitere Eigenschaft, die leider allzu oft mit Dummheit einhergeht: Engstirnigkeit, Scheuklappendenken oder noch anders: eine fast schon paranoide Angst vor neuen Erkenntnissen. So arrogant die Worte „bildungsferne Schichten“ auch erscheinen mögen, ich bin überzeugt davon, dass sie auf eine deutliche Bevölkerungsmehrheit zutreffen. Das beginnt mit dem älteren Herrn, der sich über den angeblichen Mangel an Allgemeinbildung heutiger Jugendlicher beklagt, aber auf die Frage nach den eigenen PC-Kenntnissen empört antwortet, das müsse man in seinem Alter nicht mehr wissen. Allein schon die Verweigerung der Erkenntnis, dass sich die Inhalte von Allgemeinbildung verschieben und erweitern können, ist doch ein deutliches Indiz dafür, dass man sich selbst von eben dieser bereits verabschiedet hat. Davon einmal abgesehen ist Allgemeinbildung heutzutage dank zunehmender Verästelung in Spezialgebiete ohnehin ein schwierigeres Thema als noch zu Großvaters Zeiten. Nicht umsonst ist der Universalgelehrte a la Leibnizgoetheschiller ausgestorben. Doch selbst, wenn man obiges Beispiel als sehr strengen Maßstab für die Definition einer Dummheitsgrenze erachtet, so gibt die Mediennutzung der Massen doch den Bildungsgrad eines Volkes ganz anschaulich wieder. Auf das leidige Thema der Einschaltquoten des Unterschichtenfernsehens und des Privatradios muss ich an dieser Stelle wohl nicht mehr allzu tief eingehen, das dürfte praktisch selbsterklärend sein, deshalb nur soviel: Dass das private TV-Nachmittagsprogramm oder auch Radiosender mit einer musikalischen Bandbreite von gerade einmal 150 Songs aus der Sparte „ekelhaft weich produzierte Popmusik“ und scheinbar ständig gut gelaunten Moderatorendarstellern nicht gerade bildungsfördernd wirken, dürfte sich von selbst verstehen. Doch auch bei denen, die generell elektronische Medien als Verdummungsmedien abtun und lieber dem guten alten Buch den Vorzug geben, sollte ein Blick auf die hiesigen Bestsellerlisten schwer ernüchternd wirken.

Dort tummelt sich ein Buch, dass die Rückkehr zu alten Familienwerten propagiert und dabei auch die traditionelle Rolle der Frau als Hausfrau einfordert, geschrieben von einer Karrieristin, die anderen zu einer Lebensweise rät, die sie selbst so nie kennen zu lernen brauchte, neben der Autobiographie eines „Superstars“, der fast ausschließlich ausgerechnet auf jenem Sender stattfindet, der für die Verdammung des Mediums Fernsehen durch die Bücherfreunde eine nicht ganz unwesentliche Mitverantwortung trägt. Da stehen Rezeptsammlungen von Fernsehköchen in der Rubrik Sachbücher. Da trifft man auf die Autorin aus Cornwall, die ihre ewig gleichen Groschenromane mit noch mehr Inhaltsleere gleich bis auf Wälzerdicke strecken zu müssen glaubt und auf die Krimiautorin, deren Commissario von seiner Frau mit altklugen Lebensweisheiten zugeseiert wird, wie sie auch von oben erwähnter Karrieristin stammen könnten.

Dann bildet man sich eben nicht durch das Lesen von Büchern sondern greift zur guten alten Zeitung. Doch auch hier ergibt sich ein ähnliches Bild: Es dominieren die Blätter, deren Name in einem roten Kasten links oben steht. Auch wenn die hier abgedruckten Artikel den Eindruck erwecken: Sie haben keineswegs einen satirischen Hintergrund und der Großteil der Leserschaft liest diese Blätter eben nicht mit der ironischen Distanz, die hier angemessen wäre, sondern folgt kritiklos der Empfehlung der Werbung und nutzt diese inhaltslosen Kurztexte als Hauptquelle für den eigenen Meinungsbildungsprozess. Gerade angesichts dieser Tatsache sollte man es den Verfechtern der Lesekunst noch einmal in aller Deutlichkeit entgegen halten: Nein, Bücher stehen nicht auf einer imaginären Skala des geistigen Anspruchs automatisch über Fernsehapparaten! Es hängt bei allen Medien ausschließlich von der eigenen Nutzungsweise ab. Man kann sich von einer Lektüre ebenso berieseln lassen wie von einer Daily Soap oder einem Aufmarsch der volkstümlichen Musik (ganz wichtig: nicht Volksmusik, der täte man bitteres Unrecht, wenn man diese Begriffe verwechselt!) – dann unterscheiden sich diese beiden Medien unter dem Gesichtspunkt denkerischer Bereicherung in gar nichts.

Leider nimmt die Zahl der Berieselungswilligen immer mehr zu, so dass die Ausrottung der Dummheit auf medialem Wege als ein recht aussichtsloses Unterfangen erscheint. Als Ersatzlösung erschiene hier vielleicht die Forcierung des Auswanderungswillens. Das klingt doch auch gleich viel humaner. Mit ein paar falschen Versprechungen sollte es doch möglich sein, die Deppen außer Landes zu locken. Jedoch: Das klingt leider einfacher als es letztlich sein dürfte, denn die Breitarschigkeit der Dummen überwiegt leider deren Naivität bei weitem. Hier kommen wir noch einmal auf diese Scheuklappenmentalität zurück, die neue Eindrücke weit von den Personen weg hält, die sie am nötigsten hätten. Außerdem: Warum sollte man wohin ziehen, wo es viel mehr Ausländer gibt als dort wo man herkommt? (Originalzitat eines Dummen, der das leider tatsächlich völlig unironisch meinte…) Als letzter Ausweg bleibt einem dann wohl doch nur, sich zu arrangieren – oder all seinen Mut zusammenzunehmen, als Einsiedler in einer entlegenen Gebirgshütte zu leben und sich fortan nur noch mit Bäumen und Felsen zu unterhalten. Die sind zwar nicht sehr gesprächig, aber sie werden mit Sicherheit weniger Blödsinn von sich geben als der durchschnittliche halbgebildete Mitbürger!

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Essay
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Mittwoch, 2. april 2008

Vorglühen mit V.[1] – Fragmentarische Eindrücke eines Abends

 

Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Vorglühen mit mir ist kein Spaß für kleine Mädchen!“ Ich bin trotzdem hingegangen. Dieses „Vorglühen“ vor dem Besuch weiterer Veranstaltungen kannte ich bis dahin nur vom Hörensagen, deshalb war ich überaus neugierig, wie ein solcher Abend verlaufen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Meine Vorfreude bekam reichlich Zeit zum Wachsen und Gedeihen spendiert, denn eigentlich sollte unser Treffen bereits ein Wochenende früher stattfinden, scheiterte aber am Domino-Effekt: Eine Person muss aus Krankheitsgründen passen, die anderen sagen dann aus falsch verstandener Solidarität ebenfalls ab. Wie an anderer Stelle bereits angedeutet, war ich an jenem Wochenende nicht sehr zufrieden und glaubte auch erst an den Erfolg des Folgewochenendes, als wir bei V. in der Küche saßen, Fußball schauten und uns dabei auf den kommenden Besuch in der Disco vorbereiteten. Mit acht Leuten war die Küche gut besetzt, die mitgebrachten Getränke taten ihre Wirkung und die Gespräche bekamen eine Richtung in die Tendenz „steigender Spaß bei sinkender Inhaltsschwere“, was in dieser Gruppe sehr angenehm war. Gut angetütert machten wir uns auf den Weg ins Tanzvergnügen.

Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Wenn ich etwas getrunken habe, dann bin ich in der Öffentlichkeit mitunter ganz schön peinlich.“ Ich habe sie trotzdem begleitet. Diese „Peinlichkeit“ kannte ich schon von anderen gemeinsamen Unternehmungen. Ich empfand es gar nicht als so schlimm sondern als durchaus charmant, zumal sie eher leicht angeschwipst wirkt als wirklich betrunken. Das bestärkt zwar einige Eigenschaften, die sie ohnehin besitzt (der Redefluss!), bringt aber keine Schlechtigkeiten hervor, die nun den lediglich dünnen Deckmantel der Zivilisation abstreifen würden. Zwar kam die eine oder andere Kuriosität zustande, aber nichts, was sich nicht mit einem Lächeln und einer netten Erklärung wieder gerade biegen ließ. Da waren zum Beispiel ihre eher zaghaften Versuche, bei härteren Klängen zu pogen. Mit Anlauf kam sie angaloppiert und sprang dann aber eher dezent die Personen an, die sie anvisiert hatte. Innerhalb unserer geschlossenen Gruppe war das auch ganz lustig, leider suchte sie sich dann aber noch zusätzlich den größten und schwersten Menschen auf der Tanzfläche aus: Statur wie ein Bodybuilder, 2,50 Meter groß (mindestens!) – und leider so gar kein Fan des klassischen Pogo. Zwar reagierte der fremde Tänzer nicht verärgert (so schlimm war es dann doch nicht…), aber doch reichlich irritiert. Die durchaus charmant gemeinte Erklärung des Verfassers dieser Zeilen („Nicht dran stören, sie übt noch!“) sorgte dann zwar dafür, dass der gute Mann sich von diesem Moment an ebenfalls amüsieren konnte, störte aber das Subjekt dieser Aufforderung so sehr, dass ich meinen eigenen Kommentar noch längere Zeit hinterher getragen bekam. Dabei gab es genug Anlass, diesen Spruch zu vergessen, denn sie wurde zwischenzeitlich von einem netten jungen Mann angesprochen, dessen Anmache sie bei ihrer Berichterstattung an uns zu „Hallo, ich komme aus Marokko, wollen wir mal spazieren gehen?“ abkürzte und sich dann furchtbar darüber ereiferte – scheint also nicht sehr beeindruckend gewesen zu sein.

Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Ich quatsche dann auch immer alle Leute an.“ Davor versuchten wir sie so gut wie möglich zu bewahren. Das funktionierte fast die komplette Nacht hindurch recht gut – bis sie kurz vor unserem Aufbruch den Kickertisch entdeckte. Der Kickertisch im Stereo ist wirklich ungewöhnlich, denn er besitzt auf jeder Seite acht (8!) Griffe – zu viele für unser Grüppchen, von dem morgens um viertel nach fünf nur noch drei Personen übrig waren. Auftritt Kicker-Arne. Dieser bildete nun ein Doppel mit V., wobei man sich offenbar rasch näher kam, denn spätestens als der wehrlose Kerl beim Jubel nach einem triumphalen Sieg (in der Tat sahen wir keinen Meter Land, was auch daran liegt, dass ich ein zwar enthusiastischer aber leider ziemlich unbrauchbarer Spieler am Kickertisch bin) an ihre Brust gerissen wurde, dürfte ihm gedämmert haben, dass dieser Abend als gelungen eingestuft werden konnte. Diese dämmernde Ahnung dürfte zur Gewissheit geworden sein, als sie ihm zum Abschied mit den Worten „Arne, du bist der Coolste!“ auch noch ihre Handynummer aufdrängte, bevor es uns mit vereinten Kräften gelang, ihre Schritte aus dem Tanzschuppen zu lenken.

Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Gebt mir kein Handy, wenn ich betrunken bin!“ Und so verging die Zeit auf unserem Rückweg mit diversen Versuchen, V. davon abzuhalten, am Sonntag Morgen um kurz nach sechs ihren Bruder anzurufen. Da sie ihr Handy aber nun schon mal in der Hand hatte, konnte sie sich gleich auch noch angemessen darüber wundern, eine neue SMS empfangen zu haben, die nicht enthielt als einen Smiley und den Namen Arne. Als wir ihre Feststellung / Frage „Jetzt hat er mir wirklich gesimst! / Warum tut er das?“ wahrheitsgemäß und nach bestem Wissen und Gewissen mit „Weil du ihm deine Nummer gegeben hast.“ beantworteten, schien das für sie aber auch kein befriedigender Zustand zu sein: „Der soll das aber nicht!“ Nur mit Mühe konnten wir sie davon abhalten, erneut ihren Bruder anzurufen, um ihm von der Angelegenheit zu berichten und sich ausgiebig mit ihm zu beraten. Glücklicherweise für mich wurde ihr Kicker-Arne so sehr zum Rätsel, dass wenigstens ihre „Sei bloß still! Du hast gesagt ‚Ja, die übt noch!’“-Schnappereien nachließen. Also: Wenn ihr Bruder in der Nacht nicht durchgeschlafen haben sollte, dann lag es jedenfalls nicht an uns.

Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. Das hätte sie nicht tun brauchen. Schön war’s und ich freue mich schon auf den nächsten gemeinsamen Sturz ins, ähem…brodelnde Bielefelder Nightlife!



[1] Eigentlich wollte ich den Namen der Frau ausgeschrieben haben, zumal eigentlich eh jeder, den es angeht, weiß, wer gemeint ist. Ein Freund von mir meinte jedoch, V. würde kryptischer und „irgendwie kafkaesker“ klingen. Also habe ich es versucht. Eigentlich hat meine Geschichte aber gar nichts Kafkaeskes…

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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