Unterhaltungsindustrie und Kunde – Ein Plädoyer für mehr Fairness
Der folgende Text mag in mancherlei Hinsicht etwas naiv wirken. Er wurde aus der Sicht einer Person geschrieben, die ein großer Fan von Musik und Film ist und nur wenig mit anderen Sparten anfangen kann, in denen ähnliche Probleme auftreten. Deshalb ist im Folgenden auch nicht von z.B. Computerspielen die Rede
Kaum eine Branche hat unter der Entwicklung des Internets so sehr zu leiden gehabt wie die Produzenten moderner Unterhaltungsmedien. Tauschbörsen im Internet und die Möglichkeit, Filme und Musik ohne Qualitätsverlust zu kopieren, haben deutliche Einnahmeverluste auf Seiten der Hersteller zur Folge gehabt. Die Reaktionen waren immer ausgefeiltere Kopierschutz-Systeme und Strafverfahren gegen Kopierer. Tatsache ist, dass nur ein Umdenken auf beiden Seiten das Verhältnis zwischen beiden Seiten wieder zu reparieren vermag.
Das wichtigste Problem auf Seiten der Kunden ist, dass eine gewisse „Billig-Mentalität“ die kostenlose Beschaffung von Musik oder Filmen mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit hat werden lassen. Wer heutzutage eine CD oder DVD im Geschäft kauft, findet garantiert genug Leute in seinem Bekanntenkreis, die ihn dafür mitleidig belächeln.
Hier kann nur ein Mentalitätswechsel helfen, der den Hörern bzw. Zuschauern wieder ins Bewusstsein ruft, dass CDs bzw. DVDs Produkte sind, die in ihrer Entstehung und Herstellung Geld kosten. Wenn diese Kosten nicht wieder eingenommen werden, dann kann es mit der Karriere der Lieblingsband ein ganz schnelles Ende nehmen, weil die Plattenfirma den Vorschuss für ein weiteres Album scheut. Das kann keinesfalls im Interesse eines Fans liegen, ebenso wenig wie die Aussicht, einen immer minderwertigeren Gegenwert fürs Geld zu erhalten. Genau diese Entwicklung droht aber, wenn Labels und Produktionsfirmen das finanzielle Risiko scheuen (müssen) und schon bei der Herstellung die Budgets verknappen.
Hier muss ein Bewusstsein geschaffen werden, dass ein entsprechender Gegenwert eben auch seinen Preis hat. Eine gebrannte CD ist eben kein vollwertiger Ersatz für eine gekaufte CD, die auch noch mit einem schönen Booklet ausgestattet ist und mit einem schönen Artwork etwas fürs Auge bietet. Ebenso sollte man das Bonusmaterial auf einer DVD nicht als überflüssig betrachten, denn in diesem Mehrwert liegt die eigentliche Rechtfertigung ihres Preises. Andernfalls hätte man sonst gleich bei der guten alten VHS-Cassette als Speichermedium bleiben können, die den Film enthielt und sonst nichts.
Als Hauptproblem auf der anderen Seite steht das tiefe Misstrauen der Industrie gegenüber ihren Kunden. So wurden CDs mit immer neuen und besseren Kopierschutzsystemen ausgestattet. Unangenehme Nebenwirkung war, dass dadurch streckenweise CDs auf manchen Abspielgeräten nicht mehr funktionierten, ein ehrlicher Kunde also keinen vollwertigen Gegenwert mehr für sein Geld erhielt. Zudem waren diese Systeme eh immer nur kurzfristig wirksam, da jeder neue Kopierschutz auf der anderen Seite ein Programm hervorbringt, das wiederum in der Lage ist, diesen zu umgehen. Hätte man sich die teuren Kosten für die Entwicklung nicht sparen und stattdessen dem Kunden im Preis ein wenig entgegenkommen können? Die CD war damals als klanglich luxuriöse Alternative zur LP gedacht und wurde trotz geringerer Herstellungskosten zu einem wesentlich höheren Preis verkauft.
Ähnlich stellt sich das Problem bei der DVD dar: Schiebt man heute einen neu erworbenen Film in den heimischen Player, dann bekommt man in der Regel zunächst einen Spot zu sehen, der einem erklärt, dass das illegale Laden und Kopieren von Filmen ein Straftatbestand ist. Damit wird man als ehrlicher Käufer unter Generalverdacht gestellt. Wenn man sich hingegen eine Raubkopie ansieht, bleibt einem dieser Spot oft genug erspart, da man die entsprechende Datei vor dem Brennen mit Leichtigkeit entfernen kann. Hier wird also eindeutig an die falsche Zielgruppe appelliert. Dadurch geht man das Risiko ein, sich Kunden zu vergraulen, zumal man als Kunde bei keinem anderen Produkt so aggressiv auf die Möglichkeit hingewiesen wird, dass man es missbrauchen könnte. Wenn man in einer Bank zur Begrüßung gesagt bekäme, dass man ein potenzieller Bankräuber sei, man machte auf dem Absatz kehrt und würde sich bei nächster Gelegenheit an die Beschwerdestelle wenden.
Beiden Seiten muss man außerdem eine andere Sichtweise auf den Gegenstand nahe legen, um den es sich dreht. Natürlich muss ein Industriemanager wirtschaftlich und Gewinn orientiert denken. Er wird bei einer CD von einem „Produkt“ sprechen, von dem „Einheiten“ abgesetzt werden müssen. Deshalb wird stets großer Wert auf einen Radiohit gelegt, der eine nette Melodie, auf keinen Fall länger als dreieinhalb Minuten sein sollte, und so glat produziert sein muss, dass er den Nebenbeihörer nicht abschreckt. So genormt wie das klingt, so einheitlich hören sich die meisten Produktionen im Bereich der Unterhaltungsmusik leider auch an. Es gilt die Faustregel: Je häufiger ein Song im Lokalradio oder auf einem Sender, der den Begriff „Antenne“ im Namen trägt, gespielt wird, desto weniger individuellen Charakter offenbart der Interpret. Hier sollte man von beiden Seiten mehr Respekt für die beteiligten Künstler einfordern, was auch den Mut beinhaltet, ihn mal etwas außergewöhnliche Sachen machen zu lassen. Ein Publikum, das sich ernst genommen fühlt, ist vielleicht dann auch bereit, mal etwas ungewöhnlich Klingendes zu kaufen. Man schaue einmal nach Großbritannien, wo in schöner Regelmäßigkeit auch Seltsames hoch in die Charts einsteigt. Ebenso sollte man sowohl Filme als auch Musik betrachten: Nicht als ein „Produkt“ sondern als ein „Werk“, das bei Gefallen eben seinen Preis hat.
Leider haben CDs und DVDs im Vergleich zu anderen Unterhaltungsmedien scheinbar eine geringere Reputation - wer käme zum Beispiel auf die Idee, sich ein Buch zu kopieren? Hier scheint es viel selbstverständlicher, für ein Werk zu bezahlen, dabei geht auch hier ein großer Teil für reine Unterhaltungsliteratur drauf. Wenn man die völlig blödsinnige Unterscheidung von U- und E-Musik einmal auf Literatur übertragen wollte: Die meisten verkauften Bücher kommen eben nicht aus Goethes Feder sondern eher aus der Donna Leons. Die Aufmerksamkeit, die der Leser diesem Buch dann dennoch widmet (ein Buch kann halt nicht zur Hintergrundbespaßung missbraucht werden), haben auch Alben und Filme verdient, denn hier steckt in der Regel das Herzblut von noch mehr Beteiligten drin. Persönlich betrachte ich jedes Werk erst einmal als Kunstwerk (ja, das schließt bei Filmen auch den Videotheken-Ramsch mit ein). Das heißt natürlich noch lange nicht, dass mir auch jedes Werk gefällt, was Kunst aber auch nicht muss. Bei Nichtgefallen kann man sich ja zur Genugtuung immer noch die vielen Verrisse durchlesen – oder eben gleich selbst welche verfassen.