Saturday, 3. september 2011 6 03 /09 /Sept. /2011 02:09

Bahnhof in Stendal

Es gibt Orte, in denen möchte man ums Verrecken nicht tot überm Zaun hängen (obwohl, eigentlich hat man dann ja keine andere Wahl mehr…). Einer davon ist die wundervolle Stadt Stendal im schönen Sachsen-Anhalt. Keine Stadt von Weltgeltung möchte man meinen – mit Recht! Aaaber: Dort hält sogar ein ICE! In erster Linie zwar, weil es zwischen Wolfsburg und Berlin keine anderen Möglichkeiten für einen Zwischenhalt gibt, aber er hält dort! Ob dieser Zwischenhalt Teil einer größeren Verschwörung ist, vermag ich leider nicht zu beurteilen, also akzeptiere ich diesen Sachverhalt einfach mal.

Auf einer meiner letzten Reisen verschlug es mich also in dieses malerische Städtchen. Schon bei der Ankunft dort dachte ich mir: Es gibt Orte, in denen möchte man ums Verrecken nicht tot überm Zaun hängen… Ich verließ den Bahnhof und sah – nichts. Keine aufwändig mit Steuergeldern hochgezogene Shopping-Meile, keine städtischen Sehenswürdigkeiten. Um nicht ungerecht zu erscheinen: Eigentlich sah ich nichts plus einen Busbahnhof, einen Taxi-Parkplatz und einen etwas heruntergekommen wirkenden Blumenladen. Dass mich das Taxi danach in eine noch viel größere Einöde bringen würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt zwar schon irgendwie erahnen, dennoch hatte ich mir irgendwie mehr vom Verlassen eines Bahnhofs versprochen. Und ich bin schlimme Orte wahrlich gewöhnt: Einmal bin ich sogar in Brackwede aus dem Zug gestiegen und habe den dortigen Bahnhof durchquert…

Wirklich bizarr erschien mir der Bahnhof von Stendal allerdings erst bei meiner Rückreise zwei Tage später. Ich kehrte also von nach erfolgreich erledigter Aufgabe aus der Einöde zurück. Da ich mir nicht sicher war, wann ich meine Rückreise antreten würde können, hatte ich vorsichtshalber einen Zug später gebucht als es wirklich notwendig gewesen wäre. Das bescherte mir einen zweistündigen Aufenthalt am Bahnhof. Nachdem ich zwei Tage lang kennen gelernt hatte, wie es ist, in einer Gegend zu verweilen, in der sich wirklich nichts befindet, empfand ich diesen Gedanken als gar nicht so wild.

Tatsächlich entpuppte sich dieser Zwangsaufenthalt dann als ziemlich kurzweilige Angelegenheit. Zunächst einmal hatten Mitreisende eine Attraktion ausfindig gemacht, die mir bei meiner Ankunft wohl entgangen war: ein italienisch-indisches Restaurant. Hier gab es Köstritzer Schwarzbier. Nun bin ich natürlich alles andere als ein Freund des mittäglichen Alkoholkonsums, jedoch, das gebe ich gerne zu, hatten wir nach erfolgreich erledigter Aufgabe das Gefühl, uns nun wahrlich ein Gläschen des köstlichen Getränks verdient zu haben. Zudem lud das wundervolle Wetter förmlich dazu ein, sich in die Sonne zu setzen, was gleichbedeutend mit einem Platz auf dem Bürgersteig war.

Irgendwann war das Bier aber alle, die Kollegen stiegen in ihren Zug, und für mich hieß das, wie oben bereits beschrieben, zwei Stunden Wartezeit. Zum Glück bin ich für einen solchen Fall stets mit einer Zeitschrift ausgerüstet. Ungestört lesen ist ja auch eine Beschäftigung, bei der Zeit wie im Fluge vergehen kann. Dachte ich. Zunächst einmal setzte ich mich, nichts Böses ahnend, mit meinem Magazin auf den Bahnsteig 1, von aus auch mein Zug in Richtung Heimat abfahren sollte.

Mit der Ruhe war es dann nach kurzer Zeit vorbei. Vier groteske Gestalten, zwei „männlich“, zwei „weiblich“ (bei den vermutlichen Jungs fehlte die Reife, bei den vermutlichen Mädels konnte man es unter dem Übermaß an Schminke nur schwer erkennen) alle im Alter von ungefähr 15, saßen sich mit auf meine Bank. In diesem Moment fiel mir auf, dass diese trotz meines Gepäcks immer noch zu viel Platz für andere Personen bot. Doch zu spät, es kam wie es kommen musste. Der eine der Jungs zückte sein Handy und schon war ich in einer musikalischen Albtraumreise durch die niedersten musikalischen Gefilde. Bei der ostdeutschen Dorfjugend scheint billige Dance-Musik momentan schwer im Trend zu liegen. Das wäre ja im Prinzip okay, wenn ich nichts davon mitbekommen müsste. Dann waren die Angehörigen der beiden vermutlichen Geschlechter schwer damit beschäftigt, möglichst cool auf die Angehörigen des jeweils anderen vermutlichen Geschlechts zu wirken. Dies äußerte sich in einer Vielzahl von vermeintlich hippen Wortäußerungen, die von den jungen Menschen offenbar auch verstanden wurden, die mir jedoch deutlich vor Augen führte, dass ich mit meiner Vorliebe für ganze Sätze offenbar Angehöriger einer aussterbenden Spezies bin. Immerhin erfuhr ich auf diese Weise, dass René aus der Elften dumm, aber heiß ist, denn um diesen einen Satz kreiste das absurde Gespräch allein schon geschlagene 20 Minuten. („Der is voll dumm!“ – „Ja, aber heiß!“ – „Der hat aber gar nichts in der Birne!“ – „Ja, ich weiß der is dumm, aber er ist heiß!“ – 5 Sekunden Pause – „Der ist aber wirklich dumm!“ – „Ja, aber heiß!“… usw) Dazu kamen jede Menge Posen und Gesten, die ein genaues Studium einschlägiger Musikvideos verrieten.

Was kann schlimmer sein, als vier Jugendliche, die so sind, und dass auch noch in meiner Nähe? Richtig: Mehr als vier Jugendliche, die so sind und das auch noch in meiner Nähe. Um diesen seltsamen Moment also zu vervollkommnen (und meine Geduld auf eine richtig harte Probe zu stellen) vergrößerte sich die Gruppe alsbald. Zunächst kam ein weiteres Mädchen dazu, in diesem Falle sogar als solches identifizierbar, da sie wohl ihre Schminkmaske zu Hause vergessen hatte. Glücklicherweise stellte sie sich als die wohl etwas Stillere in der Clique heraus, denn außer einer lauten Begrüßung waren aus ihrem Mund ansonsten keinerlei Geräusche zu vernehmen. Dann kam noch ein weiterer Junge (oder „Boy“, wie man in diesen Kreisen wohl zu sagen pflegt) hinzu, und die Gruppe fuhr damit fort, laute und schreckliche Musik zu hören und sich gegenseitig mit coolen Posen zu beeindrucken. Das Mädchen, das zuvor bereits den mir leider immer noch unbekannten Rene für „heiß“ befunden hatte, küsste den Jungen, zeigte ihm aber auch gleich deutlich die Grenzen auf: „Wir können jetzt gleich nicht zu mir, meine Mutter kommt heute früher von der Arbeit wieder!“

Seinen Höhepunkt erreichte dieses obskure Schauspiel aber, als nach einer halben Stunde (Echtzeit, nicht gefühlte Zeit) die Gruppe sich aufmachte und einfach weiterzog. Kaum waren sie meinem Blickfeld entschwunden, taten sich in meinem Kopf etliche Fragen auf, deren Antworten ich auch durch gesteigertes Nachgrübeln bis heute nicht in Erfahrung bringen konnte. War es dem einen vermuteten Mädchen vielleicht doch gelungen, ihre Freundin von Renes Temperatur-Qualitäten (heiß!) zu überzeugen? Und was ist eigentlich öder? Junge Menschen, die einen solch öden Ort als Treffpunkt auserkiesen oder eine Stadt, die sowenig zu bieten hat, dass sich ein solch unspektakulärer Ort als Treffpunkt für Jugendliche geradezu aufdrängt?

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Sunday, 14. august 2011 7 14 /08 /Aug. /2011 01:40

Nachrichten von der Sonnenseite

 

Ich muss zugeben, dass meine Produktivität in den letzten Tagen ein wenig gelitten hat. Der Grund dafür ist allerdings der beste, den man dafür überhaupt haben kann: Es fällt mir im Moment einfach unglaublich schwer, die passenden bösen Worte zur Beschreibung des restlichen Universums zu finden. Die Welt ist gar nicht so böse – zumindest stellt sie sich mir gegenüber momentan nicht so da. Ganz im Gegenteil: aus meiner Sicht hat sich in den letzten Wochen alles rosarot gefärbt – aber mal so richtig!

Der Sommer war schäbig? Es mag ja sein, dass die Sonne ihr Antlitz nur selten präsentiert hat, aber wen kann das ernsthaft stören, wenn die Wolken sich doch alle als wattige Hängematten präsentieren, auf denen ich über allen Dingen schweben kann? Draußen ist es grau und nass? Großartig, dann hat man wenigstens einen Grund, drinnen zu bleiben und es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen, oder gleich den ganzen Tag im Bett liegen zu bleiben.

Wer sich nun ernsthaft Sorgen um meinen Gesundheitszustand macht, der sei beruhigt: Es ist keine schwere Krankheit, die mir auf die Sinne geschlagen ist. Es ist vielmehr die Sinneswahrnehmung, die man nur an der Seite einer hinreißenden, zauberhaften Frau erlangen kann (von mir aus auch eines Mannes, aber in meinem Fall ist es eindeutig eine Frau). Menschen, die mich kennen, sagen, ich wäre schon wieder auf dem Wege der Besserung. Für den nächsten Text werde ich auch bestimmt wieder ein Thema finden, dass ich nicht mit Samthandschuhen anfassen werde – aber für heute möchte ich mich damit begnügen, innerlich zu schweben und das Leben einfach nur schön zu finden!

von Olaf Meiser
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Friday, 15. july 2011 5 15 /07 /Juli /2011 00:30

Vom Ende des Zaubers

 

Es musste ja so kommen: Kaum habe ich vor gar nicht allzu langer Zeit die kleine Tankstelle um die Ecke gelobt und wohlwollende Worte über deren weibliches Personal gefunden, da ist der Zauber auch schon wieder verflogen. Nicht, dass die Damen auf einmal alle hässlich oder unfreundlich geworden wären… Es ist viel schlimmer: Sie sind seitdem nicht mehr anwesend.

Jedes Mal, wenn ich nun den Shop dieser Tankstelle betrete, erwartet mich dort mitnichten das gekonnte „Hi!“ meiner Lieblingsmitarbeiterin, sondern ein schluffiges „N’Abend“ eines etwas dicklichen Herrn fortgeschrittenen Alters, der nichts dabei findet einen gewaltigen gurkengroßen Schnauzbart durch die Gegend zu tragen. Er sieht aus wie Lech Walesa. Nichts gegen Lech Walesa, der Mann hat zweifellos große Verdienste. Aber seien wir ehrlich: Die Menschen haben nicht seiner Optik wegen geliebt. Charakterkopf hin, Charakterkopf her – das Thema Schönheit hat er völlig zurecht dem Geschlecht überlassen, das sich damit zweifelsohne besser auskennt. Der Mann an der Tankstelle scheint aber allen Ernstes zu glauben, er stelle einen gleichwertigen Ersatz für die charmanten Damen dar! Vielleicht glaubt er gar, ich käme nur wegen des (doch eher überschaubaren) Warenangebots in seinen kleinen Shop. Nichts hat er verstanden, gar nichts!

Ich hoffe nur, es handelt sich bei ihm lediglich um einen Ausrutscher oder eine Urlaubsvertretung. Wenn nicht, dann muss ich wirklich dazu übergehen, mir einen Vorrat all jener schönen Dinge zuzulegen, für die ich früher gerne nachts noch einmal zur Tankstelle getigert bin. Das Leben kann manchmal schon eine echte Nutte sein!

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Saturday, 2. july 2011 6 02 /07 /Juli /2011 02:29

Service fürs Telefon am Telefon

 

Mein Telefonanbieter fürs Festnetz ist von einem großen britischen Unternehmen geschluckt worden, das in Deutschland vor allem durch die Übernahme eines großen Handyanbieters von sich reden gemacht hat, in dessen Zug es zu einem großen Korruptionsskandal kam. Eigentlich wollte ich diesen Konzern fortan meiden, weil er auch nicht gerade günstig ist, allerdings machte sich die Umstellung für mich nicht bemerkbar, weshalb ich es dabei beließ, bei diesem Anbieter zu bleiben.

Bislang gab es diesbezüglich auch noch keinen Anlass zur Klage. Leider aber haben Telefonanbieter oftmals ein etwas krudes Verständnis von „Service“, dass sich in streckenweise putzigen Aktionen zeigt. Eine ganz große Nummer ist es, beim Kunden anzurufen, um ihm Produkte anzudrehen, über die er sich nicht recht freuen will. Es folgt ein am eigenen Leib erlebtes Beispiel:

Das Telefon klingelt mich aus dem Bett und eine junge Frau begrüßt mich mit strahlender Stimme „Schönen guten Morgen, mein Name ist xy und ich rufe Sie im Auftrag von Vodafone an!“ (ups, jetzt ist der Name des Unternehmens doch gefallen…). „Es geht um unseren Service.“ Etwas missmutig, da ich mich nicht gerne aus dem Bett klingeln lasse, wenn die Nacht davor lang war, denke ich: „Ich war mir gar nicht bewusst, Euch um einen Weckservice gebeten zu haben, Ihr ungebetenen Störenfriede!“ Natürlich behalte ich diesen Gedanken für mich, denn die Dame, deren Stimmbänder für die freundliche Stimme verantwortlich sind, tut ja letztlich auch nur ihren Job und hat wahrscheinlich gar keinen direkten Einfluss darauf, welchen Kunden sie gerade anruft. Noch im Halbschlaf höre ich mir also an, was sie zu sagen hat.

Sie möchte mir wunderbare neue Angebote vorstellen. Um das Kundenpotenzial dafür herauszufinden, stellt sie mir lehrbuchmäßig die entsprechenden Fragen zur Bedarfsanalyse. „Telefonieren Sie viel in andere Mobilfunknetze?“ Wohl kaum, dafür habe ich ein Handy… „Und wie sieht es denn bei Ihnen mit Auslandstelefonie aus?“ Gerne hätte ich jetzt mit meinen zahlreichen über die ganze Welt verteilten Freunden geprotzt, allein ich musste ihr die bittere Wahrheit gestehen: Meine Freunde leben gar nicht über die ganze Welt verteilt, also musste icfh auch diese Frage verneinen. Als nächstes wollte sie wissen, ob ich meinen PC (Telefon und Internetzugang hängen bei mir wie bei den meisten zusammen) denn in einem weitreichenden Netzwerk nutze. Hier musste sie sich die Gegenfrage gefallen lassen, ob ein „Netzwerk“, das aus lediglich einem einzigen PC besteht, in den Augen ihres Brötchengebers schon als „weitreichend“ gilt. Etwas pikiert, musste sie sich eingestehen, dass bei mir wohl keine Zusatzverträge zu holen seien.

Also fragte sie dann, ob ich denn mit den bisherigen Leistungen Vodafones zufrieden sei. Ich bejahte dies, denn meiner Erwartungshaltung (funktionierende Telefonleitung und stabiles Internet) wurde mein Anbieter bislang ja durchaus gerecht. Eigentlich habe sie auch nur angerufen, um mich zu fragen, ob ich denn meinen Vertrag beim Unternehmen verlängern wolle. Ich war etwas verwundert, denn eigentlich heißt es doch immer, dass man selbst aktiv werden muss, wenn man das nicht will. Um der freundlichen Stimme (und dem Mäuschen, das ich mir zugegebenermaßen dahinter vorstellte) wenigstens ein Erfolgserlebnis zu gönnen, bejahte ich ihr wenigstens diese Frage, was dann auch gleich feierlich mit Tonbandaufnahme und was weiß ich noch aufgenommen wurde, mit der Versicherung, ich erhielte dafür noch eine schriftliche Bestätigung. Auf die warte ich bis heute. Seit zwei Wochen. Inzwischen mache ich mir einige Sorgen, ob Vodafone mir vielleicht aufgrund dieses Gespräches das Vertrauen entzogen haben könnte…

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Thursday, 23. june 2011 4 23 /06 /Juni /2011 01:51

Meine Nachbarinnen, ihre kastrierten Kater und ich

 

Seit einem halben Jahr habe ich nun bereits neue Nachbarinnen. Nun bin ich dezent darauf aufmerksam gemacht worden, dass ich dieser Tatsache bisher an dieser Stelle noch mit keinem einzigen Wort Tribut gezollt haben soll. Das darf natürlich nicht sein, deshalb soll es an dieser Stelle dringend nachgeholt werden.

Seit einem halben Jahr habe ich nun bereits neue Nachbarinnen. (Ich weiß, der Satz steht da oben schon, da dient er aber nur der Einleitung in die erklärende Einleitung. An dieser Stelle hingegen soll er eine Einleitung in den eigentlichen Text darstellen. Ich bitte jeden Leser, einmal für sich selbst zu überprüfen, ob er den scheinbar gleichen Satz mit diesem Hintergrundwissen aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet.) Nicht im Haus gegenüber, nicht im Haus nebenan, nein: Im selben Haus, darüber hinaus sogar auf derselben Etage. Kurz vor Weihnachten des letzten Jahres zogen dort also Ina und Mara ein. Das ist schön. Schön vor allem deshalb, weil sich dadurch auf dieser Etage gar nicht mal so viel geändert hat. Blickte ich zum Zeitpunkt des Einzugs noch etwas skeptisch auf die kommende Veränderung, weil ich mich mit meinem vorherigen Nachbarn Kai sehr gut verstanden hatte, so konnte ich bald zu meiner eigenen Beruhigung feststellen, dass das hohe wohnerische Niveau der Etage auch nach der Veränderung durchaus erhalten bleiben würde.

Auch die Gestaltung nachbarschaftlicher Beziehungspflege hat sich kaum verändert: Meist läuft alles darauf hinaus, zu einer Zeit, zu der rechtschaffene Menschen längst an ihren Kissen horchen, entweder in der einen oder aber auch in der anderen Küche zu sitzen und Gespräche über Gott und die Welt zu führen. Gelegentlich bereichert eine Flasche Wein diese Begegnungen, um gefundene Argumente zu stärken oder einfach den Mut zu gewagteren Thesen etwas anzustacheln. Eine thematische Einengung findet dabei zum Glück nicht statt – von Fragen nach dem Sinn des Lebens bis zu Auskünften über den hygienischen Zustand der Damentoiletten an bestimmten Örtlichkeiten reicht die Bandbreite. Jedes Thema wird dem gleichen heiligen Ernst behandelt (obwohl… naja, das dann vielleicht eher doch nicht) und in all seinen Facetten ergründet, auch wenn dies dem Kopfkino manchmal ziemlich schlimme Bilder spendiert, die die anschließende Nachtruhe doch erheblich zu stören in der Lage sind. Ich hätte an dieser Stelle gerne das Wort von den „tabulosen Mädchen“ ins Spiel gebracht, wenn mir nicht bewusst wäre, dass dies die Gedanken des Lesers in eine ganz falsche Richtung lenken könnte.

Doch nicht nur die Mädels bewohnen die Wohnung nebenan, hinzu kommen noch zwei weitere Freudenspender (also, nicht in DEM Sinne…), sie besitzen nämlich auch noch zwei Kater, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Da wäre zum einen Max, ein orangefarbener Perser, der eher die etwas gemächlichere Gangart liebt und damit auch ganz gut durchs Leben schaut. Sein Gesichtsausdruck ist von einem Grundvertrauen in die Welt geprägt, dass manchmal die Schutzinstinkte in mir verrücktspielen, obwohl ich eigentlich als Y-Chromosom-Träger gar nicht darauf anspringen dürfte. Der Fairness halber sei erwähnt, dass der verdatterte und der beleidigte Gesichtsausdruck sich bei ihm überhaupt nicht von diesem eben genannten Ausdruck unterscheiden. Als Mime wäre er wohl eindeutig eher der Chuck-Norris-Klasse zuzuordnen (nicht von der Grundausstrahlung, aber von der Wandlungsfähigkeit).

Das Pendant hört auf den Namen Nero, bzw. hört eben nicht darauf, obwohl es diesen Namen trägt. Aber auch „Der schwarze Satan“ soll schon des Öfteren als sympathische Beschreibung seiner Charaktereigenschaften gefallen sein, wenn man über ihn gesprochen hat. Nero passt aber auch ganz gut, denn wo er geht und steht, hinterlässt er verbrannte Erde. Ich habe bisher noch nie eine Katze gesehen, die ihrem destruktiven Trieb so innig und mit wachsender Freude nachgeht wie diese. Wenn die Mädels also mal nicht da sind, dann sorgt Nero mit einer Geräuschkulisse aus fallenden Gegenständen und anderem dafür, dass die Wohnung dennoch nicht unbewohnt wirkt. Auch seine Angewohnheit, Klopapier wieder aus der Schüssel zu fischen und in der Wohnung herumzutragen, darf man als durchaus gewöhnungsbedürftig bezeichnen.

Man sieht: Auch in neuer Nachbarschaft ist weiterhin für viel Inspiration und gute Unterhaltung gesorgt. In diesem Sinne: Ina, Mara, schön, dass Ihr eingezogen seid!

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Friday, 17. june 2011 5 17 /06 /Juni /2011 12:09

Die Dame von der Tankstelle

 

Und deshalb sag ich meiner Tanke

einfach danke!

(Götz Widmann)

 

Ein Ort, den ich jederzeit gerne aufsuche, ist die nette Tankstelle um die Ecke. Nicht nur, dass sie einen 24-Stunden-Service bietet, also dann für mich da ist, wenn ich sie brauche, nein: An ihrer Kasse arbeiten einige wirklich bezaubernde weibliche Geschöpfe. Besonders eine hat es mir angetan. Denn auch, wenn ich einmal im strömenden Regen zur Tankstelle laufen muss, wenn ich ihr strahlendes Lächeln hinter der Kasse erblicke ist es, als herrsche draußen der schönste Sonnenschein (und das will was heißen, nachts um ein Uhr!).

Ihre langen braunen Haare (frage mich bloß niemand, ob das die Naturhaarfarbe ist, das kann in der heutigen Zeit niemand mehr wissen – viele Haarträger vergessen es selber!) sind zu einem dicken Zopf geflochten. Der Anblick lässt mich wünschen, alle Frauen würden mit dicken braunen Zöpfen durch die Gegend laufen.

Sobald ich den Tankstellen-Shop betrete, schallt mir ein glockenhelles „Hi“ entgegen. Aber es ist kein „Hi“, das wie sonst üblich darauf zurückgeht, dass die heutige Jugend das Grüßen nicht mehr recht beherrscht, es ist ein gekonntes „Hi“. Das ist der große Unterschied! Ein gekonntes „Hi“ wirkt nämlich nicht platt, sondern schafft sofort eine Vertraulichkeit, die mich sofort bereitwillig glauben lässt, ihre ganze Welt drehe sich in der Zeit meines Aufenthaltes nur um mich. Dann trifft mich ein unnachahmlicher Blick, eine gekonnte Mischung aus Neugier und einem Hauch freundlichen Spottes angesichts meiner Einkäufe zu sehr fortgeschrittener Zeit.

Auch wenn die Tankstelle für gleiche Artikel naturgemäß immer mehr Geld fordert als einer der nahe gelegenen Supermärkte, so verlasse ich anschließend den kleinen Shop mit einem viel besseren Gefühl und der Gewissheit, hier wieder gerne hinzukommen. Ja, ich muss gestehen: Manchmal rede ich mir ein nächtliches Bedürfnis nach Schokoriegeln auch ein, kultiviere es und lasse es künstlich wachsen, nur um einen Grund zu haben, noch einmal schnell die Tanke um die Ecke besuchen zu dürfen. Und wer unter den Lesern nun schon wieder weise Ratschläge parat hat wie z.B. die Dame doch einfach mal auf ein Getränk einzuladen oder eine ähnliche Verabredung zu probieren, der hat von der Natur wahrer Schwärmerei nichts, aber auch gar nichts verstanden!

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Wednesday, 8. june 2011 3 08 /06 /Juni /2011 02:02

Die Wracks entern das Stadtbild

 

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich nicht vielleicht doch menschenscheuer bin als ich selbst es wahrhaben möchte. Dennoch stört es mich in letzter Zeit immer häufiger, wenn Betrunkene durch die Stadt strolchen oder sich leider das exakt gleiche Ausflugsziel ausgesucht haben, an dem auch ich zu verweilen gedenke. Machen wir uns nichts vor: Menschen, die sich betrunken in die Öffentlichkeit begeben, sind in der Regel nicht unbedingt die größten Leuchten vor dem Herrn. Die gewisse Prolligkeit, zu der das geistige Proletariat schon im nüchternen Zustand neigt, wir durch Freund Alkohol richtig verstärkt, und auf einmal haben wir das Ergebnis, dass auch der letzte Rest an Reflexionsvermögen verloren geht.

Das führt dazu, dass Betrunkene sehr gern in ungehemmter Lautstärke feiern, um der uninteressierten Öffentlichkeit auch ja zu zeigen, wie „gut“ man momentan „drauf“ ist. Fröhliches Grölen geht einher mit einem völligen Unverständnis für die eher angeekelten Reaktionen der Restwelt.

Beispiel Vatertag: Auf der Sparrenburg landete ein Club Herren an, die sich offensichtlich einer derben Druckbetankung unterzogen hatten. Mit sich zogen sie einen Wagen, aus dessen Lautsprechern in voller Lautstärke Stimmungsschlager wie „I’ve Been Looking For Freedom“ und noch menschenrechts-inkompatiblere Töne schallten, die vom gut gelaunten Mob noch lauter mitgegrölt wurde. Nicht nur die Gäste in der Sparrenburg-eigenen Gastronomie dürften sich reichlich gestört gefühlt haben, auch ich suchte nicht unbedingt die Nähe dieser gruseligen Gruppe. Selbst auf der anderen Seite des Hauptgebäudes hallten noch die Töne des Terrors gut vernehmbar in die Gehörgänge. Niemand braucht solche Menschen in seiner Nähe.

Natürlich könnte man nun auch jeden anderen Anlass nehmen, den Menschen offenbar immer vorschieben müssen, wenn sie sich Alkohol in die sonst ja nicht allzu gut gefüllte Rübe schütten. Karneval, Schützenfest, oder das an dieser Stelle vor längerer Zeit schon einmal besprochene Beispiel Fußball. Jedem Menschen sei das Feiern gegönnt, jeder soll sich von mir aus auch abschießen wie er möchte, aber: Muss man seine kleinen Verfehlungen so für jeden sichtbar nach außen tragen? Leider ist es auch ohne Promille-Füllung eine sehr ausgeprägte Eigenschaft dummer Menschen, kein Gespür für angemessene Lautstärke zu besitzen. Vielleicht sollte man Menschen einfach einem Intelligenztest unterziehen, bevor man sie an die begehrte Volksdroge heranlässt.

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Sunday, 29. may 2011 7 29 /05 /Mai /2011 02:29

Die Würde des Stocks

 

Als ich letztens mal wieder unterwegs bin, da ist es mir aufgefallen. Man muss dazu sagen, dass es in unserer Stadt eine Schwemme an Rollatoren gibt, ihre Zahl mag sich in kurzer Zeit bestimmt verzehnfacht haben. Was dem Jugendlichen sein Handy, das ist dem Senioren sein Rollator: Ein Statussymbol, geeignet für den mobilen Gebrauch und richtig angewandt auch sicherlich mit einem gewissen praktischen Nutzwert.

Als ich nun letztens unterwegs war, da bot sich mir ein Anblick, den ich angesichts der Rollatoren-Schwemme schon beinahe vergessen hatte: Mir kam eine ältere Dame entgegen, die sich beim Gehen auf einen Stock stützte. Einen richtigen, klassischen Spazierstock, wie ich ihn von meinen Großeltern her kannte. Und da fiel es mir auf: Dadurch, dass sich der Griff von so einem Stock (abhängig von dessen Länge natürlich) ein Stück weiter oben befindet als bei einem Rollator, zwingt so ein Stock einen alten Menschen zu einem aufrechteren Gang. Das mag einen Spaziergang für diesen Menschen zunächst etwas anstrengender machen, aber es hat einen wundervollen Nebeneffekt: Dieser aufrechte Gang verleiht alten Menschen nämlich durchaus auch etwas Würdevolles.

Das kann ein Rollator nicht bieten! Wenn ich mir allein die Horden von Geronten anschaue, die bucklig über ihre Rollwägelchen gebückt durch den Stadtteil schleichen, an dem sich meine Arbeitsstelle befindet, dann würde ich sogar behaupten, die Industrie hat etwas erfunden, was diesen Menschen im Gegenteil ein Stück Würde nimmt, weil es sie von der Körperhaltung zwingt, wieder den gebückten Gang eines Cro-Magnon-Menschen anzunehmen.

Wie erhaben dagegen die Dame mit dem Stock wirkte! Und nicht nur das: In Zeiten, in denen wirklich jeder Rentner mit einem Rollator durch die Gegend zuckelt, ist so ein Spaziergang, angetreten mit einem echten Spazierstock, durchaus auch ein Ausdruck von Individualität! Ich kann nur hoffen, dass diese Dame nicht irgendwann dem Gruppenzwang ihrer Altersgenossen nachgibt sondern stattdessen  mit ihrem Stock noch etliche Spaziergänge absolvieren wird.

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Humor
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Wednesday, 25. may 2011 3 25 /05 /Mai /2011 02:23

Denn der Segen kommt vom Bayern

 

Vor wenigen Wochen war es endlich soweit: Papst Benedikt XVI. nahm endlich die Seligsprechung seines Amtsvorgängers Wojtyla vor. So schnell ist das noch keinem anderen Papst geschehen. Woher kommt das? War der Pole auf dem vatikanischen Thron wirklich so viel besser als seine vielen Vorgänger, dass man sich mit der Seligsprechung so beeilt? Wollte man ihm damit danken für die vielen Selig- und Heiligsprechungen, die er auf seine alten Tage ja nun wahrlich inflationär vorgenommen hatte?

Wohl kaum. Auch wenn die Kirche sich selbst gern als vom Zeitgeist unabhängige moralische Institution sieht – vor allem dann, wenn sie Ansichten verteidigt, die rückständig, reaktionär und menschen-, insbesondere frauenverachtend sind – sie beugt sich dem Zeitgeist mehr als sie es selbst wahrhaben will. Die schnelle Seligsprechung des letzten Oberhaupts ist vor allem einer beschleunigten Zeit geschuldet.

Die Vielfalt der Medien hat den meisten Menschen einen wesentlich unmittelbareren Zugang zu Nachrichten eröffnet, womit auch einherging, dass diese sich immer schneller über den ganzen Globus ausbreiten konnten. Die Menschen sind es mittlerweile gewohnt, dass die in den Nachrichten Handelnden, seien es Politiker, Wissenschaftler oder Führungspersonen aus der Wirtschaft, aber auch ganz profane Boulevard-Promis, auf diese Beschleunigung reagieren, indem sie ebenfalls immer schneller Entscheidungen treffen und Aussagen tätigen, um auf eine neue Lage zu reagieren, was dann ebenso schnell wieder neue Nachrichten produziert usw. Es wird erwartet, dass die Nachrichten zügig dem Prinzip von Aktion und Gegenaktion folgen, denn daraus ergeben sich dann Geschichten. Und genau das erwarten die Menschen von den Nachrichten: Geschichten, am besten abgeschlossene Geschichten. Am allerbesten möglichst schnell abgeschlossene Geschichten. Gerade wenn die globalisierte Nachrichtenlage dazu führt, dass sich Nachrichten türmen, weil in kürzester Zeit in allen Winkeln der Welt sich Geschehnisse mit zu erwartenden erheblichen Auswirkungen ereignen, lässt sich nämlich das Phänomen beobachten, dass Menschen binnen kürzester Zeit das Interesse an einem Geschehen verlieren. Wen interessierten noch die arabischen Revolutionen, als Japan unterging? Der Blick ging jedoch von Japan schnell zurück nach Nordafrika, als sich herausstellte, dass die Katastrophe von Fukushima sich eher in langfristigen Folgen zeigen wird und sich gleichzeitig die Lage in Libyen verschärfte. Doch auch Libyen und Syrien rutschten in den letzten Tagen immer weiter nach hinten in den Nachrichten, obwohl die Lage dort nach wie vor explosiv ist. Dafür durfte man zuerst einem reichen Mädchen aus niederem Adel (jawoll, sie ist eben keine Bürgerliche!) dabei zusehen, wie sie ein Halbwaisen-Scheidungskind aus einer debilen Inzest-Familie heiratete. Dann kam der IWF-Chef und so weiter.

In einer so schnelllebigen Zeit haben die Menschen nicht mehr die Geduld, so lange zu warten, bis der bürgerliche Wunsch nach des Polen Seligsprechung in Erfüllung geht. Der Gedanke, dies nicht mehr selbst miterleben zu können, ist ihnen ein Gräuel. Also wird erwartet, dass sich sein Nachfolger – zack, zack – zu beeilen hat. Und was macht der bayerische Thronfolger? Er beugt sich dem Wunsch der Massen! So immun die Kirche nämlich gegen Änderungen im Bereich dessen ist, was sie unter „Zeitgeist“ versteht, so schnell kann sie sich ebendiesem Geist anschließen, wenn es darum geht, sich selbst auf die Schultern zu klopfen, sich im wahrsten Sinne des Wortes zu beweihräuchern. Wieso sollten wir uns beeilen, die Missbrauchsopfer zu entschädigen, wenn wir die Zeit doch auch damit verbringen können, einen zum Schluss doch reichlich senilen Chef zu vergotten? Vielleicht sollte man die Ursachen für die vielen Kirchenaustritte doch nicht in der vermaledeiten säkularisierten Gesellschaft suchen, sondern besser doch einmal mit einer kritischen Selbstbetrachtung beginnen!

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Monday, 16. may 2011 1 16 /05 /Mai /2011 00:29

Helden des Alltags 4

 

Eine kuriose Gruppe von Alltagshelden durfte ich bei einer kürzlichen Einkaufstour durch unsere Innenstadt kennen lernen. Es handelte sich dabei um eine Gruppe von jungen Menschen, die ich spontan in die Abteilung Hip-Hop-Jugendliche eingeordnet hätte. Doch kaum verließ ich mein Geschäft wieder, glaubte ich, meinen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu dürfen: Die vier jungen Menschen hatten ein Keyboard aufgebaut, auf dem sie zu einem zackigen Bossa-Nova-Rhythmus fürchterliche Schlager-Alleinunterhalter-Musik spielten. Ein bizarrer Anblick – ein geretteter Tag!

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Humor
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