Bahnhof in Stendal
Es gibt Orte, in denen möchte man ums Verrecken nicht tot überm Zaun hängen (obwohl, eigentlich hat man dann ja keine andere Wahl mehr…). Einer davon ist die wundervolle Stadt Stendal im schönen Sachsen-Anhalt. Keine Stadt von Weltgeltung möchte man meinen – mit Recht! Aaaber: Dort hält sogar ein ICE! In erster Linie zwar, weil es zwischen Wolfsburg und Berlin keine anderen Möglichkeiten für einen Zwischenhalt gibt, aber er hält dort! Ob dieser Zwischenhalt Teil einer größeren Verschwörung ist, vermag ich leider nicht zu beurteilen, also akzeptiere ich diesen Sachverhalt einfach mal.
Auf einer meiner letzten Reisen verschlug es mich also in dieses malerische Städtchen. Schon bei der Ankunft dort dachte ich mir: Es gibt Orte, in denen möchte man ums Verrecken nicht tot überm Zaun hängen… Ich verließ den Bahnhof und sah – nichts. Keine aufwändig mit Steuergeldern hochgezogene Shopping-Meile, keine städtischen Sehenswürdigkeiten. Um nicht ungerecht zu erscheinen: Eigentlich sah ich nichts plus einen Busbahnhof, einen Taxi-Parkplatz und einen etwas heruntergekommen wirkenden Blumenladen. Dass mich das Taxi danach in eine noch viel größere Einöde bringen würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt zwar schon irgendwie erahnen, dennoch hatte ich mir irgendwie mehr vom Verlassen eines Bahnhofs versprochen. Und ich bin schlimme Orte wahrlich gewöhnt: Einmal bin ich sogar in Brackwede aus dem Zug gestiegen und habe den dortigen Bahnhof durchquert…
Wirklich bizarr erschien mir der Bahnhof von Stendal allerdings erst bei meiner Rückreise zwei Tage später. Ich kehrte also von nach erfolgreich erledigter Aufgabe aus der Einöde zurück. Da ich mir nicht sicher war, wann ich meine Rückreise antreten würde können, hatte ich vorsichtshalber einen Zug später gebucht als es wirklich notwendig gewesen wäre. Das bescherte mir einen zweistündigen Aufenthalt am Bahnhof. Nachdem ich zwei Tage lang kennen gelernt hatte, wie es ist, in einer Gegend zu verweilen, in der sich wirklich nichts befindet, empfand ich diesen Gedanken als gar nicht so wild.
Tatsächlich entpuppte sich dieser Zwangsaufenthalt dann als ziemlich kurzweilige Angelegenheit. Zunächst einmal hatten Mitreisende eine Attraktion ausfindig gemacht, die mir bei meiner Ankunft wohl entgangen war: ein italienisch-indisches Restaurant. Hier gab es Köstritzer Schwarzbier. Nun bin ich natürlich alles andere als ein Freund des mittäglichen Alkoholkonsums, jedoch, das gebe ich gerne zu, hatten wir nach erfolgreich erledigter Aufgabe das Gefühl, uns nun wahrlich ein Gläschen des köstlichen Getränks verdient zu haben. Zudem lud das wundervolle Wetter förmlich dazu ein, sich in die Sonne zu setzen, was gleichbedeutend mit einem Platz auf dem Bürgersteig war.
Irgendwann war das Bier aber alle, die Kollegen stiegen in ihren Zug, und für mich hieß das, wie oben bereits beschrieben, zwei Stunden Wartezeit. Zum Glück bin ich für einen solchen Fall stets mit einer Zeitschrift ausgerüstet. Ungestört lesen ist ja auch eine Beschäftigung, bei der Zeit wie im Fluge vergehen kann. Dachte ich. Zunächst einmal setzte ich mich, nichts Böses ahnend, mit meinem Magazin auf den Bahnsteig 1, von aus auch mein Zug in Richtung Heimat abfahren sollte.
Mit der Ruhe war es dann nach kurzer Zeit vorbei. Vier groteske Gestalten, zwei „männlich“, zwei „weiblich“ (bei den vermutlichen Jungs fehlte die Reife, bei den vermutlichen Mädels konnte man es unter dem Übermaß an Schminke nur schwer erkennen) alle im Alter von ungefähr 15, saßen sich mit auf meine Bank. In diesem Moment fiel mir auf, dass diese trotz meines Gepäcks immer noch zu viel Platz für andere Personen bot. Doch zu spät, es kam wie es kommen musste. Der eine der Jungs zückte sein Handy und schon war ich in einer musikalischen Albtraumreise durch die niedersten musikalischen Gefilde. Bei der ostdeutschen Dorfjugend scheint billige Dance-Musik momentan schwer im Trend zu liegen. Das wäre ja im Prinzip okay, wenn ich nichts davon mitbekommen müsste. Dann waren die Angehörigen der beiden vermutlichen Geschlechter schwer damit beschäftigt, möglichst cool auf die Angehörigen des jeweils anderen vermutlichen Geschlechts zu wirken. Dies äußerte sich in einer Vielzahl von vermeintlich hippen Wortäußerungen, die von den jungen Menschen offenbar auch verstanden wurden, die mir jedoch deutlich vor Augen führte, dass ich mit meiner Vorliebe für ganze Sätze offenbar Angehöriger einer aussterbenden Spezies bin. Immerhin erfuhr ich auf diese Weise, dass René aus der Elften dumm, aber heiß ist, denn um diesen einen Satz kreiste das absurde Gespräch allein schon geschlagene 20 Minuten. („Der is voll dumm!“ – „Ja, aber heiß!“ – „Der hat aber gar nichts in der Birne!“ – „Ja, ich weiß der is dumm, aber er ist heiß!“ – 5 Sekunden Pause – „Der ist aber wirklich dumm!“ – „Ja, aber heiß!“… usw) Dazu kamen jede Menge Posen und Gesten, die ein genaues Studium einschlägiger Musikvideos verrieten.
Was kann schlimmer sein, als vier Jugendliche, die so sind, und dass auch noch in meiner Nähe? Richtig: Mehr als vier Jugendliche, die so sind und das auch noch in meiner Nähe. Um diesen seltsamen Moment also zu vervollkommnen (und meine Geduld auf eine richtig harte Probe zu stellen) vergrößerte sich die Gruppe alsbald. Zunächst kam ein weiteres Mädchen dazu, in diesem Falle sogar als solches identifizierbar, da sie wohl ihre Schminkmaske zu Hause vergessen hatte. Glücklicherweise stellte sie sich als die wohl etwas Stillere in der Clique heraus, denn außer einer lauten Begrüßung waren aus ihrem Mund ansonsten keinerlei Geräusche zu vernehmen. Dann kam noch ein weiterer Junge (oder „Boy“, wie man in diesen Kreisen wohl zu sagen pflegt) hinzu, und die Gruppe fuhr damit fort, laute und schreckliche Musik zu hören und sich gegenseitig mit coolen Posen zu beeindrucken. Das Mädchen, das zuvor bereits den mir leider immer noch unbekannten Rene für „heiß“ befunden hatte, küsste den Jungen, zeigte ihm aber auch gleich deutlich die Grenzen auf: „Wir können jetzt gleich nicht zu mir, meine Mutter kommt heute früher von der Arbeit wieder!“
Seinen Höhepunkt erreichte dieses obskure Schauspiel aber, als nach einer halben Stunde (Echtzeit, nicht gefühlte Zeit) die Gruppe sich aufmachte und einfach weiterzog. Kaum waren sie meinem Blickfeld entschwunden, taten sich in meinem Kopf etliche Fragen auf, deren Antworten ich auch durch gesteigertes Nachgrübeln bis heute nicht in Erfahrung bringen konnte. War es dem einen vermuteten Mädchen vielleicht doch gelungen, ihre Freundin von Renes Temperatur-Qualitäten (heiß!) zu überzeugen? Und was ist eigentlich öder? Junge Menschen, die einen solch öden Ort als Treffpunkt auserkiesen oder eine Stadt, die sowenig zu bieten hat, dass sich ein solch unspektakulärer Ort als Treffpunkt für Jugendliche geradezu aufdrängt?