Man darf den Toten eben doch schlecht nachreden!
Bei kleinen Kindern bemüht man sich verzweifelt, sie zur Wahrheit zu erziehen. Wir Erwachsenen sind da schon ganz anders. Wir nehmen uns oft die Freiheit, die Tatsachen etwas zu verbiegen und
sprechen dann großzügig von einer Notlüge. Ein ganz extremer Fall dieser Notlügen ist die so genannte Pietät, die uns vorgibt, dass man aus irgendeinem Grunde nichts Negatives über Verstorbene
sagen darf.
Was für ein Quatsch! Wird ein Arschloch etwa automatisch zu einem guten Menschen, bloß weil er die Welt durch sein Ableben etwas verschönert hat? Wohl kaum! Und so halten wir uns selber auch
nicht an unseren eigenen Verhaltenscodex. Denn auch in Sachen Konsequenz dienen wir unserem eigenen Nachwuchs kaum als gutes Vorbild. Oder hätte jemals jemand in einem Geschichtsbuch über den
GröFaZ gelesen, er sei gar kein schlechter Mensch gewesen, bloß missverstanden? Eben nicht und das völlig zu Recht! Allerdings muss dann auch im Kleinen gelten, was uns bei den großen Diktatoren
und sonstigen Schreckensgestalten dieser Welt eine Selbstverständlichkeit ist: Man muss nicht jede Erinnerung verklären! Es ist eben keine Schande dabei, die Schrecken, die eine Person, in
welchem Umfeld auch immer, in die Welt getragen hat, auch auszusprechen!
Die Hinrichtung an Saddam war ein barbarischer Akt, der einem zivilisierten Staat nicht besonders gut zu Gesicht steht, das ist wohl für jeden denkenden Menschen unbestritten. Trauert man dem
Widerling deswegen hinterher? Nein, wahrscheinlich nicht mal innerhalb bestimmter Teile seiner eigenen Familie, denn auch dort ließ der paranoide Despot bei einem Widerwort zum falschen Zeitpunkt
gründlich aufräumen.
Und darum soll es gehen: Warum soll ich eine Trauerfeier besuchen, wenn mir der Tote als ein Ekel von Gottes Gnaden in Erinnerung ist? Nur um mir seine Angehörigen gewogen zu halten, die ja in
manchen Fällen vielleicht sogar noch einen Grund zur Trauer haben? Ist ihnen mit dieser unehrlichen Geste denn wirklich gedient? Ist es nicht besser, ich bleibe ganz weg, als wenn ich während der
Trauerpredigt bei den offenkundigsten Lügen in lautes Gelächter ausbreche? Da ist es doch netter, ich lasse diejenigen in Ruhe trauern, denen es mit ihren Gefühlen wenigstens Ernst ist.
„Wir alle trauern um…“, ach wirklich? Auch die, denen es eigentlich nur ums Erbe geht? Ist aber schön, dass Ihr heute auch ein paar Tränen vergießt, kommen die von der Trauer oder sind die wegen
der Kopfschmerzen, weil es gestern ein bisschen viel Champagner gewesen ist? Auch hier gebietet es uns die Pietät, wenigstens noch einmal so zu tun, als wären wir von dem Verlust schwer
getroffen, bevor wir uns dann munter in die Streitigkeiten und Prozesse mit den anderen Angehörigen stürzen.
Genauso verlogen ist streng genommen die Trauerrede da vorne vom Seelsorger, der von Berufs wegen bewegende Worte in sein Mikrofon absondern muss, über eine Person, der er so fremd war, wie jedem
anderen der im Raume Anwesenden. In Gottes Hand ruhen, gut und schön - aber muss das Letzte, was man auf diesen Weg mitbekommt, wirklich noch die frömmelnde Ermahnung eines klerikalen
Winkelpredigers sein? Als Stand-up-Comedian gescheitert, dann mache ich eben nicht in Fröhlichkeit sondern in Trauer… So macht Totsein überhaupt keinen Spaß und man beneidet ein wenig die Opfer
von Sprengstoff-Attentaten, bei denen die Ohren vielleicht wenigstens getrennt vom Rest des Körpers beerdigt werden.
Es gibt auch Leute, bei denen man sich wirklich überlegen möchte, ob sie die Trauer der Öffentlichkeit wirklich verdient haben. Viele Menschen haben den Sarg der Mutter Theresa gesäumt, das
Geschrei der Medien war dennoch vergleichsweise klein. Es wäre einer der größten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wohl auch eher peinlich gewesen, wenn um ihren Tod so viel Aufhebens gemacht
worden wäre. Allerdings war nicht die Rücksicht der Medien auf die Wünsche der Verstorbenen Ausschlag gebend für die vornehme Zurückhaltung, sondern die Konzentration auf die kurz zuvor
gestorbene Lady Di.
Was war an diesem Tod eigentlich so besonders? Sie hatte den gleichen Fehler gemacht, dem jedes Wochenende nach der Disco etliche Jugendliche zum Opfer fallen, nämlich den, sich einfach zu einem
unfähigen Fahrer in die Karre zu setzen. Man stelle sich vor, jeder dieser gescheiterten Discoheimkehrer würde nach seinem Unfall von wilden Verschwörungstheorien umrankt werden, man käme gar
nicht mehr nach, sich diese Geschichten alle zu merken. Und zehntausende Menschen standen an den Straßen und weinten. Um die geschiedene verschiedene Schwiegertochter des Staatsoberhauptes. Ich
weiß nicht genau, ob unser Bundespräsident und seine Frau geschiedene Schwiegerkinder haben, aber wenn, dann könnte man sie mit Sicherheit leiser zu Grabe tragen, so weit geht die Solidarität der
Deutschen dann doch wieder nicht, trotz des Märchensommers 2006!
Und die Menschen, die heute noch um den britischen Blondinenwitz trauern (ja, es ist kaum zu glauben, aber die gibt es!), reagieren äußerst ungehalten, wenn man der Wahrheit entsprechend mal
andeutet, dass das Leben der Prinzessin nun auch nicht so ganz ohne Fehl und Tadel gewesen sei. Man frage nur mal ihre Reitlehrer. Auch sollte man nicht erwähnen, dass man es eher absurd findet,
wenn sich eine Frau mit Essen voll stopft und nachher mit dem Finger beim Kotzen nachhilft, obwohl sie eigentlich beide Tätigkeiten anwidern. Da erscheint das Engagement für hungernde Kinder in
Afrika doch gleich wie hämisches Mitleid: Ich kann es eh nicht bei mir behalten, da könnt Ihr es auch gleich denen geben!
Ebenfalls verwunderlich fände ich ein großes Tamtam um den Tod von Wolfgang Schäuble, den der wunderbare Volker Pispers einmal als Musterbeispiel für den gelebten Gegensatz „Attentatsopfer und
Rollstuhltäter“ angeführt hat. War schon sein Vorgänger Otto Schily ein Beschneider vieler bürgerlicher Freiheiten als Preis für ein diffuses Gefühl der Sicherheit, so musste dieser Charles
Blofeld der deutschen Innenpolitik noch eins draufsetzen. Sein Kampf um eine Abschusserlaubnis für Flugzeuge und so manche andere Sauerei, die seiner Karriere leider nie nachhaltig schaden
konnten, lassen einen doch geradezu wünschen, dass seinem Rollstuhl auf dem Weg ins ewige Leben der Akku leer gehen möge.
Oder Dieter Bohlen. Der Mann, der aus einem ganz fragilen Glashaus mit Steinen auf andere bedauernswerte Nicht-Talente wirft, hat mich schon hier so dermaßen penetrant aus allen erdenklichen
Medien belästigt, dass ich nicht auch noch das Jenseits mit ihm teilen mag. Dann soll er lieber noch ein paar Latina-Lookalikes pömpeln (aber bitte unter Ausschluss der Öffentlichkeit) und dann
aber schnell und ebenso unwürdig wie zu seinen irdischen Zeiten von der Bühne des Lebens abtreten, lieber heute als morgen. Leider steht zu befürchten, dass BILD und einer der RTL-Sender ihm dann
eine ewige Gedenkecke einrichten werden, in der man dann regelmäßig an seine feigen Attentate auf die Musik erinnert wird. Aber dafür hat der liebe Gott ja das Zapping erfunden und zumindest ich
könnte ihn dann ebenso schnell vergessen, wie die Namen der angeblichen Superstars, denen er seine schlecht getexteten Schlager auf den durchdesignten Leib schrieb.
Es gäbe hier sicherlich noch dutzende weiterer Namen, deren Tod eher zum Jubel als zur Trauer anregt, aber man sollte an dieser Stelle einfach aufhören, um sich nicht den Abend dadurch zu
verderben, dass man deren Namen auch noch im Gedächtnis herumträgt. Die genannten Beispiele sind wahrlich Zumutung genug. Schicken wir sie also mit einem fröhlichen „Fuck off“ in die imaginäre
Hölle!