Thursday, 19. march 2009 4 19 /03 /März /2009 14:22

Versuch, einen Text zu schreiben, ohne überhaupt eine Idee zu haben, worüber ich eigentlich schreiben könnte

 

Gerne, lieber Leser, hätte ich jetzt eine schnittige Einleitung parat, die Dich davon überzeugen soll, dass es sich bei der obigen Überschrift bloß um einen reinen Fake handelt. Ich wünschte, es wäre in Wirklichkeit tatsächlich so, dass ich eigentlich vor Ideen übersprudelte und von leichter Hand einen heiteren und klugen Text in die Tastatur hämmern könnte. Doch ach, mich hat das harte Los des Schreiberlings ereilt: die Kreativitätsflaute. Hatte ich sonst zumindest immer einen Grundgedanken, der sich langsam im Kopf zu einem Text entwickelte, fehlt es mir heute selbst an diesem allernötigsten Rüstzeug. Mit leerem Kopf sitze ich vor meinem Bildschirm und verfluche den Tag, an dem ich begonnen habe, mich mit meinen Ergüssen an die Öffentlichkeit zu wenden. Dazu kommt dieser ungeheuerliche Druck der Erwartungshaltungen, dem ich mich nicht gewachsen fühle, und der sich auch nicht gerade fördernd auf meine Fantasie auswirkt.

Natürlich könnte ich es mir leicht machen und einen bissigen Kommentar zum politischen Tagesgeschehen da draußen abliefern. Doch wäre die Bindung an äußere Umstände nicht der Tod der Individualität? Würde ich damit nicht nur neue Erwartungshaltungen wecken, möglicherweise gar ein Publikum anziehen, das ich niemals mehr adäquat bedienen könnte, ohne mich dafür endlos zu verbiegen und zu prostituieren?

Wäre es vielleicht eine Idee, einfach eine assoziative Kette unzusammenhängender Gedanken zu Papier zu bringen und als künstlerisches Experiment zu tarnen? Nein, pfui, da schäme ich mich ja des eigenen Gedankens! Ein kluges Publikum bemerkt doch sofort, wenn ein Autor versucht, es hinters Licht zu führen. Ein Betrüger wäre ich, ein ganz gemeiner Lügner, der seine Leser beschwindelt, um sich selbst auf diese billige Weise künstlerische Weiterentwicklung zu bescheinigen. Das wäre doch nur Wasser auf den Mühlen meiner Kritiker, die nur darauf warten, mich als billigen Hochstapler enttarnen zu können. Gemach, gemach, Freunde, so leicht werde ich es Euch nicht machen!

Das beseitigt allerdings dennoch nicht mein Problem: Es will sich einfach keine Idee entwickeln, aus der sich etwas machen ließe. Langsam spüre ich, wie die Verzweiflung heiße Tränen in mir aufsteigen lässt, die über meine Wangen bis zum Kinn herunter laufen und von dort langsam aberstetig auf die Tastatur tropfen. Ich sehe es schon kommen: Selbst wenn sich jetzt doch noch eine Idee entwickelt, kann ich sie nicht festhalten, weil ich mit meinen eigenen Körperflüssigkeiten das Gerät außer Gefecht gesetzt habe, mit ich sie normalerweise festzuhalten pflege.

Sieh her, finst’re Welt: Nun habe ich es geschafft! Nun habe ich mir endgültig meine eigene Zukunft verdorben! Und das alles nur, weil es mir auch nur an einer winzigen Grundidee mangelte. Ach und weh! Während sich rund um mich die Welt in ein Chaos auflöst, verfluche ich meine eigene Antriebsschwäche und gebe ich mich dann dem finalen Untergang voller Freude hin – in meiner Situation wäre da eh nichts mehr zu retten gewesen…

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Humor
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Friday, 27. february 2009 5 27 /02 /Feb. /2009 00:35

Reinkarnation – ein Teufelskreis?

 

Glaubt man an Reinkarnation, kann man nach dem Tod ja in jeder möglichen Form auf die Welt zurückkehren. Dabei sollte man sich stetig weiterentwickeln, um dann schließlich irgendwann ins Nirwana einzugehen. Soweit die Theorie, in der Praxis schafft es wohl niemand, ein fehlerfreies Leben zu führen und muss daher ständig mit seiner Wiederkehr rechnen. Dabei ist Bescheidenheit eine wichtige Eigenschaft, die jedem Lebewesen gut zu Gesicht steht, und einen auf dem Pfad der Erleuchtung sicherlich ein Stück weiterbringt.

Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum viele Menschen nicht als Fliege wiedergeboren werden wollen. Natürlich ist man kein sehr ästhetisches Tier, zugegeben, aber denkt man als Fliege nicht auch in Fliegendimensionen? Das Gleiche gilt für die angebliche Kurzlebigkeit: Wenn man eine schnelle Wahrnehmung hat, dann kann einem ein Tag doch ganz schön lang vorkommen. Und falls doch eine Honigfalle oder eine zu schnell geschwungene Fliegenklatsche dem eh schon kurzen Leben gar noch ein vorzeitiges Ende bescheren sollte, dann ist das doch auch nicht schlimm: Entweder schlüpft man dann schnell in die nächste Inkanation oder, noch besser, man erreicht das Nirwana, denn wer nicht viel Zeit hat, der hat auch nicht viele Gelegenheiten, etwas grundlegend Falsches zu tun.

Auch die Sache mit den angeblich unreinen Tieren, die viele Glaubensrichtungen kennen, wird eindeutig überschätzt: Erstens gibt es für viele dieser religiösen Vorurteile überhaupt keinen rationalen Grund, denn die verabscheuten Tiere sind weder sauberer noch schmutziger als ihre Kollegen der anderen Rassen. Zweitens kann man davon ausgehen, dass es den betroffenen Tieren mangels Fähigkeit zur Selbstreflexion herzlich egal sein dürfte. Folglich dürfte es auch nicht so katastrophal sein, beispielsweise als Schwein wiedergeboren zu werden. Immerhin steht man in den Ländern, in denen man als unrein gilt, nicht auf dem Speiseplan, was einem ein unschönes Schicksal erspart, wie es immer wieder gerne in den Meldungen über die neuesten Lebensmittelskandale nachzulesen ist.

Da gibt es doch einige Daseinsformen, die ich für weitaus unerquicklicher halte. Als Rettich in einem Vegetarier-Haushalt zum Beispiel (ist letztlich auch nichts anderes als ein Schwein auf dem Bauerhof mit eigener Schlachtung). Tänzer von Madonna ist sicherlich auch kein dankbares Dasein, schließlich gilt das Lustgreis-Prinzip auch für Frauen. Die am wenigsten dankbaren Gestalten, in denen man reinkarnieren kann, sind allerdings als Baum und als Pflasterstein.

Betrachten wir zuerst die Nachteile, die eine Existenz als Baum so mit sich bringt. Reagiert man als Mensch schon mal sehr aggressiv auf nur eine einzelne Fliege (siehe oben), so muss man als Baum viele Insekten auf sich Platz nehmen lassen - ohne die Möglichkeit, sich ihrer mit der Klatsche zu erwehren. Und Fliegen sind da bei weitem nicht die ekligsten Exemplare! Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese Insekten nicht nur auf der Körperoberfläche niederlassen, sondern sich teilweise in heimtückischer Art und Weise unter die Haut fressen, ohne dass man etwas dagegen zu unternehmen in der Lage wäre.

Ich weiß nicht, wo man als Baum seine Sehorgane hat. Sind sie wie beim Menschen eher am oberen Körperende, dann kann man Glück haben. Der Blick aus der Höhe eines großen Baumes direkt in den Horizont ist sicherlich sehr beeindruckend, ebenso der Blick über das wogende Meer der anderen grünen Blätter. Kommt man allerdings als Krüppelkiefer zur Welt, kann man davon ausgehen, dass es das Karma wahrlich nicht gut mit einem gemeint hat…

Was aber, wenn die Augen eines Baumes am unteren Ende des Stammes wären? Wenn man sich jeden Tag die hunderte von Spießbürger anschauen müsste, die einem den heimatlichen Wald zertrampeln? Wenn jeder Hund sein Bein auf Gesichtshöhe hebt und einem noch einen Blick auf sein Gehänge aufzwingt? Ich finde diese Aussichten nicht sehr erstrebenswert. Zugegeben: Wenn man eine Kastanie ist, dann kann man zumindest im Herbst den schlimmsten Spießbürgern noch eine seiner stacheligen Früchte auf den Kopf fallen lassen – aber für die Sache mit den Hunden entschädigt das auch noch nicht wirklich!

Was ich mir hingegen nicht so schlimm vorstelle, ist die Aussicht, am Ende meines Lebens abgeholzt zu werden. Wenn man viele Jahre an ein und der gleichen Stelle gestanden hat, vom Leben also auch noch nicht viel mehr gesehen hat als die unmittelbare Umgebung, dann dürfte das ziemlich langweilig werden. Hier sind die Kollegen im Vorteil, die auf einer Wiese stehen und zumindest im Sommer dem einen oder anderen Wanderer Schatten geben, der unter ihnen ein Buch liest und ihnen auf diese Weise wenigstens etwas Unterhaltung verschafft. Diese privilegierten Artgenossen dürften jedoch eindeutig in der Minderzahl sein und entsprechend unwahrscheinlich ist es auch, in seiner nächsten Inkanation ausgerechnet so einen schönen Standplatz zu erwischen.

Die undankbarste Form, die der Kreislauf des Lebens und Sterbens für einen bereithält, ist jedoch eindeutig der Pflasterstein. Das fängt schon bei der Form an: schlicht und schmucklos! Attribute, die oberflächliche Menschen (und das ist die große Mehrheit!) gleich auch auf den Charakter übertragen. Wer schlicht aussieht, ist bestimmt auch schlicht im Kopf. Hätte man jemals einen Mitmenschen gehört, der einen Pflasterstein verteidigt und flammend seinem gemeinen Artgenossen entgegen wirft, hier lauere ein Genie, dass nur ob seiner Form niemals die Chance auf Entdeckung gehabt habe? Und wenn ja: Hätte man nicht auch kopfschüttelnd gemeint, dieser Mitmensch benötige dringend die Hilfe eines guten Therapeuten? Wenn man von allen unterschätzt wird, wie schnell traut man sich dann selber nichts mehr zu? Wenn das für uns Menschen gilt, wie sehr dann erst für einen Pflasterstein?

Doch nicht nur die Einschätzung durch die Mitwesen kann einen Pflasterstein in die Verzweiflung treiben, auch die Beschränkungen durch die eigene Existenz sind alles andere als erfreulich. Schutzlos ist man dem Regen ausgesetzt. Das wäre man als Baum zwar auch, dennoch kann man sich in diesem Falle immerhin noch mit dem Gedanken trösten, dass der Regen lebensnotwendig ist. Ein Pflasterstein wird einfach nur nass, was zudem noch seinen Verfall vorantreibt. Dabei gehört der Regen noch zu den harmlosen Flüssigkeiten, man denke nur an die zahlreichen Hunde, die einen in einer Stadt wie Berlin noch auf viel unangenehmere Art zu nässen verstehen. Auch Betrunkene, die ihren Abend noch einmal im Rückwärtsgang rekapitulieren, sind nichts, worum man einen Pflasterstein beneiden müsste.

Von oben wird man getreten, zur Seite hat man eine schlechte Aussicht. Schutzlos ist man so seinem Nachbarn ausgeliefert, den man vielleicht gar nicht mag. Irgendwann wachsen dann Moos und Flechten dazwischen und trennen einen dann vom Nebenstein, engen dafür aber, selber Platz beanspruchend, die eigene Bewegungsfreiheit ein. Nein, eine Existenz als Pflasterstein ist ganz entschieden die unangenehmste Form von Leben, in die man hineinwachsen kann.

Da man nicht weiß, nach welchen Kriterien die höheren Mächte entscheiden, in welcher Form man nach dem Tode auf die Erde zurückkehrt, ist es mit einer Menge Risiken behaftet, eine andere Gestalt anzunehmen. Zwar bemühen sich die Gläubigen, ein gutes Leben zu führen, um entweder eine höhere Form zu erlangen oder gar den Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt zu durchbrechen, eine Garantie indes bekommen sie nicht. Von daher ziehe ich es lieber vor, keiner Glaubensrichtung anzugehören, in der die Reinkarnation ein wichtiger Bestandteil wäre…

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Saturday, 7. february 2009 6 07 /02 /Feb. /2009 01:57

Dialoge, die man so kein zweites Mal führen möchte, Teil 3

 

Gänzlich schäbig ist es auch, wenn man zu zweit losgeht, um sich die Haare schneiden zu lassen und kurz Beendigung des eigenen Schnittes die Friseurin zu seinem Begleiter sagen hört: „Also, die Frisur ist schon geil! Es ist das Gesicht, an dem ich nichts machen kann.“

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Saturday, 31. january 2009 6 31 /01 /Jan. /2009 00:58

Im Zug mit der Kunstkritikerin

 

Als ich aber heute im Zug von Berlin nach Bielefeld saß, hatte ich das Vergnügen, einer Kunstkritikerin beim Existieren zuschauen zu dürfen. Bereits in Berlin stieg sie mit mir ein. Eine ältere Dame, geschätzt Mitte, vielleicht auch Ende 50, doch rein optisch hatte sie die 60 bereits deutlich überschritten. Die Gesichtszüge waren verhärtet, als ob das Leben ihre Erwartungen nicht immer zu ihrer Zufriedenheit erfüllt hätte. Der Ausdruck war bitter als hätte sie eine Zitrone gegessen oder vor der Fahrt noch eben eine orale Rekapitulation des zuvor am Tag Gegessenen vollzogen und den entsprechenden Geschmack noch im Mund. Sie setzte sich auf die andere Seite des Ganges, zusammen mit zwei Herren ihres Alters in eine Dreiersitzgruppe mit einem Tisch in der Mitte.

Selbst mein charmantestes Lächeln konnte da nichts ausrichten, vielmehr traf mich ihr Blick als könnte sie mit dieser Art von Mimik gar nichts anfangen. Als Reiselektüre zog sie das Magazin „Arte“ aus der Tasche, was ja zunächst mal sehr ehrbar ist. Doch konnte sie sich an den Diskursen über die schönen Künste erfreuen? Zog nun eine Spur von Sanftmut über ihre Miene? Nein: Wie eingemeißelt blieben die grämlichen Falten, und die Mundwinkel zeigten weiter in fast schon bewundernswerter Konsequenz Richtung Erdmittelpunkt.

Hier kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass es sich hier um eine Kunstkritikerin handeln müsse, denn wer die Kunst, ganz gleich welcher Art, liebt, erfreut sich doch an einer solchen Lektüre. Doch der Gesichtsausdruck der alten Dame blieb leberwurstig. In Hannover stiegen dann die beiden Herren aus, und die Frau setzte sich auf den Einzelplatz am Tisch, auf dem zuvor einer der Herren gesessen hatte. Vielleicht brauchte sie das Gefühl, vorwärts zu fahren, andererseits war das vollkommen sinnlos, da es draußen bereits stockdunkel war und sich bei einem Blick aus dem Fenster die Fahrtrichtung nur selten wirklich offenbarte. Jetzt saß sie mir schräg gegenüber. Mir fiel auf, dass sie dabei ihre Sachen über den ganzen Tisch verbreitete und ziemlich verärgert aufschaute, als in Hannover natürlich weitere Reisende zustiegen, die sich dann wieder in die Dreiergruppe setzten. Eine Frau, die kurz ihre Handtasche abstellte, während sie sich auf den Fensterplatz zwängte, wurde sofort mit spitzer Stimme belehrt, dass hier wohl Vorsicht angebracht sei, auf solchen Tischen könnten auch schon mal Brillen liegen. „Selbst schuld, wer sich so ausbreitet“, dachte ich.

Den Rest der Fahrt bis nach Bielefeld widmete sich die alte Spinatwachtel dann wieder der Lektüre von „Arte“, schaute verbittert und ignorierte ihre Mitreisenden geflissentlich. Gibt es eigentlich eine Kunstschule, an der „Verhärmte Widerlichkeit“ als Lehrveranstaltung angeboten wird?

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Thursday, 22. january 2009 4 22 /01 /Jan. /2009 21:09

SMS-Tagebuch

 

Manchmal ist es ja auch ganz schön, wenn man dank der gestiegenen Speicherkapazität von Handys seine SMS über einen längeren Zeitraum speichern kann. Das gibt einem die Möglichkeit, später noch einmal auf die Nachrichten zu schauen und wie bei einem Tagebuch die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen.

Eigentlich bin ich ja nur begrenzt ein Freund dieser Kommunikationsform, denn es gibt leider Gottes Mitmenschen, die ganze Gespräche auf diese Weise führen wollen. Die dritte SMS beantworte ich dann meistens schon nicht mehr, weil ich mich frage, warum zum Henker der Trottel auf der anderen Seite nicht einfach mal anruft und die ganze Sache in kürzerer Zeit und zu geringeren Kosten zu klären versucht…

Dennoch: Die Erinnerungen und kleinen Anekdoten, die sich mit so einem SMS-Tagebuch verknüpfen sind manchmal schon schön. Hier einige Beispiele mit den dazu gehörenden Assoziationen und Gedankengängen:

 

Eingang: 13.10.08, Absender: Jan-Peter, mein Cousin und Mitbewohner

„Hey hab dein Toastbrot aufgegessen, nen bissl Nutella war auch dabei und scheiße ja, ich hab xy gefickt. Ich hoffe erstes und letzteres nicht schlimm, aber verzeihst du mir das Nutella?“

So kann einem das Leben halt mitspielen. Eigentlich war er etwas genervt von der guten Dame und sicher, dass ihm das NIE passieren würde. Nachdem ich das Nutellaglas überprüft hatte und festgestellt hatte, dass noch genug für mich übrig geblieben war, ist die Sache übrigens ohne Folgekonflikt über die Bühne gegangen.

 

Eingang: 5.11.08, 21:05: Absender Claudia

„Puh, erster richtig fieser Blues! Hier ist es kalt, ich bin müde und könnte gut jemanden gebrauchen, der mich wärmt, mir den Rücken krault und mich auf andere Gedanken bringt. Aber selbstgewähltes Schicksal! Deshalb gehe ich jetzt einfach stumpf ins Bett. Gruß Claudia“

Damit muss man halt rechnen, wenn man nach einer Trennung in eine eigene Wohnung zieht. Etwas verwundert hat mich, dass diese Nachricht zu mir kam. Wäre mein Cousin und Mitbewohner nicht der richtige Adressat für diese Nachricht gewesen, immerhin schwärmt sie doch eigentlich für ihn, oder? Doch zwei Minuten später die Entwarnung: Sie hatte es zur Sicherheit an uns beide geschickt…

 

Eingang: 16.11.08, 19:43; Absender: Jan-Peter

„Fuck Singstartime!!! Oh Scheiße, ist das schief! Keine Ahnung, was es sein soll, aber ich denke, gegen Ungeziefer hilfts!“

Da war ich wohl leider nicht zu Hause. Unsere Nachbarin ist eine begeisterte, wenn auch herzlich untalentierte Karaoke-Sängerin. Wenn es sie dann wieder überkommt, dann kann das schon mal zu solchen Leidenausbrüchen in ihrem unmittelbaren Umfeld kommen. Gut, dass ich an dem Abend bei Claudia zum Essen eingeladen war.

 

Eingang: 20.11.08, 20:43, Absender: Claudia

„Hallo. Jana ist bei Cornelius, die Wohnung ist leer und mein Date hat abgesagt L Fühle mich mies…“

Das ist auch so eine seltsame Eigenschaft. Andere schreiben einfach: „Hey, hättest du nicht Lust, vorbei zu kommen?“ Hier wird eine Leidensbeschreibung gegeben und dann gehofft, man würde sich von sich aus anbieten, diesen Freundschaftsdienst zu übernehmen. Ich habe dann lieber vorgeschlagen, doch am nächsten Tag in die Disco zu gehen, aber da hatte sie ihre Tochter schon wieder und konnte nicht weg, wie sie mir um 21:08 mitteilte.

 

Eingang: 20.11.08, 21:13 Absender: Claudia

„Na super, jetzt redest Du auch schon nicht mehr mit mir, buhu! Langsam zweifel ich nicht nur an mir und meinem Verhalten, sondern auch daran, ob ich wirklich die richtige Entscheidung für mich getroffen habe.“

Äh, Moment mal, Deine letzte Nachricht ist gerade mal vor fünf Minuten hier eingetrudelt.

 

Eingang: 20.11.08,21:23, Absender: Claudia

„Okay, hast du deinen Auftrag mir gegenüber auch erledigt – von wegen Umzug und Neustart? Kannst du ruhig sagen, hat Jan-Peter auch. Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin und werde versuchen dich nicht mehr zu kontaktieren.“

Zehn weitere Minuten – so, jetzt reicht’s! Ich werde ja wohl mal duschen gehen können, oder? Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Da kann man dann in seiner Antwort keine Rücksicht mehr auf Befindlichkeiten nehmen, das verlangt nach einer eindeutigen Klarstellung! Nach meiner Antwort, dass ich halt nicht dazu neige, mein Handy mit unter die Dusche zu nehmen, ist dann für diesen Tag auch erst einmal Funkstille. Mann, Jan-Peter, warum hast Du der Frau so eine Absage erteilt – jetzt mache ich hier den Hampelmann, der alle fünf Minuten auf so etwas antworten soll, oder was?

 

Ein kleiner Kommentar zwischendurch: Natürlich bekomme ich auch von anderen Personen Textnachrichten. Meist handelt es sich dabei jedoch um ganz normale Nachrichten der Kategorie „Montag Treffen an der Uni?“ Oder noch kürzer „Mo. Uni?“ (Haben Sie eigentlich nicht das Gefühl, Geld zu verschenken, Herr Gatzer? Immerhin wird die SMS nicht billiger, wenn man die 140 oder wie viel Zeichen auch immer nicht vollständig nutzt?) Dennoch werden diese SMS hier etwas vernachlässigt. Der geneigte Leser möge es mir nachsehen!

 

Eingang 21.11.08, 19:28, Absender: Claudia

„Es ist noch eine kleine Portion Nudel-Bolognese-Auflauf da. Jemand Interesse?“

Es ist ja nicht nur so, dass die Dame sehr kommunikativ ist, sie wohnt auch noch in unserer Nähe… Das Angebot für Essen ist allerdings immer ein sehr nettes! Dennoch musste ich an diesem Abend leider absagen.

 

Eingang 21.11.08, 20:11, Absender: Claudia

„Keine Ursache! Habe ja noch ein bisschen was gut bei dir. Was ist mit Kino nächsten Donnerstag? Schönen Abend noch. Grüße (auch an J.P.)“

Das ist schon fies, oder? Jetzt hat der gute Mann ihr eine Absage erteilt. Soweit ich weiß, hat auch sie seine Nummer aus ihrem Handy gelöscht. Das ist aber noch kein eindeutiges Trennungszeichen, denn dann werde ich halt als lustiger Grüßonkel eingesetzt. Gut, man kann das natürlich als ehrenvolle Aufgabe ansehen (der Bundespräsident und der Papst machen ja im übertragenen Sinne auch nichts anderes als den Grußbotschaften zu übermitteln), aber seltsam ist es schon irgendwie, oder?

 

Eingang 22.11.08, 20:46, Absender Claudia

„N’Abend. Hast du schon was vor oder kommste auf ein Glas Rotwein runter.“

Um den Punkt oben noch mal aufzugreifen: Ich bekomme wirklich auch von anderen Personen Nachrichten! Ich bin dann glaube ich auch noch auf eine Flasche Rotwein zu ihr gegangen. Denn das ist doch die Art von Einladung wie sie eigentlich aussehen sollte, oder? Man vergleiche mal mit der oben geschriebenen…

 

(Fortsetzung folgt…)

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Humor
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Monday, 5. january 2009 1 05 /01 /Jan. /2009 17:11

Bunkenparty in Venne

 

Wenn man einen Cousin und Mitbewohner hat, der als Bühnentechniker auf Veranstaltungen unterwegs ist, dann kommt man mit diesem Handwerk hin und wieder auch mal selber in Berührung. So erging es mir Anfang Oktober anno Domini 2008. Doch der Reihe nach:

Am Dienstag nach der Feier zu Ehren der Rückkehr Sorayas (der Chronist berichtete an anderer Stelle hiervon) hatte ich frei und nutzte die Gelegenheit deshalb dazu, lange zu schlafen – bis 14 Uhr ungefähr. Das führte dazu, dass ich abends noch nicht besonders müde war, als ich eigentlich ins Bett gehen wollte. Dementsprechend schlief ich in dieser Nacht nicht besonders viel, musste aber am nächsten Tag trotzdem wieder fit und konzentriert sein - schließlich wartete die Arbeit auf mich (angesichts meiner Tätigkeit zu diesem Zeitpunkt muss ich zugeben, dass ich umgekehrt auch auf Arbeit warten musste, da unsere nette kleine Hotline nicht wirklich überlastet war).

Als ich am Mittwochabend nicht Böses ahnend vom Bahnhof aus unserem schönen Zuhause zustrebte geschah es, dass sich mein Handy meldete. Am anderen Ende meldete sich mein Cousin, der zu diesem Zeitpunkt Lord Of The Dance in der Bielefelder Stadthalle betreute und in dessen Crew ein Mitarbeiter ausgefallen war. So fragte er mich, ob ich so nett wäre und aushilfsweise beim Abbau der Bühne mit anpacken würde, ich müsste auch nur ein paar Kisten durch die Gegend schieben. Nach anfänglichem Widerstand (so langsam machte sich mein Schlafmangel bemerkbar) ließ ich mich letztlich doch überreden  - man will ja auch kein Unverwandter sein. Also bekam ich die Order, mich am Abend um halb zehn an der Stadthalle einzufinden. Zum Glück für meinen Cousin bemerkte ich erst nach meiner Zusage, dass in dieser Woche in der Champions League gespielt wurde, sonst hätte es weitaus größerer Überredungskünste seinerseits gebraucht.

Zur genannten Zeit fand ich mich also an der Stadthalle ein und wurde von meinem Cousin nach dem Empfang in den Raum geschickt, in dem sich die Crew zum Abbau sammelte. Da er leider bei der Verteilung der Aufgaben nicht anwesend war, wurde ich der Mannschaft zugeordnet, die für den Abbau des Lichtes verantwortlich war. An seiner empörten Reaktion danach konnte ich dann erkennen, dass ich damit wohl kein besonderes Glück gehabt hatte. Merke: Der Abbau des Lichtes dauert bei solchen Veranstaltungen immer am längsten und ist mit dem größten Aufwand verbunden. Das Bühnenbild ist nicht aufwändig, das Soundsystem schnell abgebaut (so viele Boxen dürfen ja auch nicht sein, schließlich soll man die Schritte der Stepptänzer hören können). Das Licht hingegen hängt an Traversen und ist ein wesentlicher Bestandteil einer irischen Tanzshow. Ich fand mich trotzdem mit meinem Schicksal ab und fand auch zum Glück zwei nette, erfahrene Kollegen, an deren Hacken ich mich kurzerhand klemmte. Kurze Zeit später war auch der britischen Stammcrew begreiflich gemacht, dass ich so etwas noch nie zuvor getan hatte, worauf sie glücklicherweise recht schonend mit mir umgingen.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten beim Umgang mit technischem Gerät scheine ich mich bei der ganzen Sache aber halbwegs passabel angestellt zu haben, denn immerhin bekam ich hinterher sogar Komplimente von den mitreisenden englischen Mitgliedern der Crew. Ziemlich fertig wollte ich eigentlich nur noch nach Hause, aber mein Cousin ließ es sich nicht nehmen, mich nachts um halb eins noch eben zu McDonalds einzuladen. Viel zu spät landete ich im Bett.

Der Schlaf war pünktlich um sieben Uhr am nächsten Morgen dann auch schon wieder beendet. Die Arbeit rief, ein langer Tag mit immerhin neun Stunden Anwesenheit in unserem kleinen Telefonstudio lang an. Als ich um 18 Uhr gehen durfte, freute ich mich schon darauf, noch ein wenig auf dem Sofa abzuhängen, mir das Fußballspiel anzuschauen und dann endlich ins Bett zu dürfen.

Das war jedoch optimistisch gedacht, denn um kurz nach neun kam der Anruf meines Cousins: „Was machst Du gerade?“ Ich war alarmiert, denn in der Regel handelt es sich dabei um eine Fangfrage, die sein Vorhaben einleitet, mich dazu zu bringen, etwas ganz anderes zu machen. Allerdings fiel mir, wie so oft, auch dieses Mal keine vernünftige und plausible Antwort auf diese Frage ein. Und so nahm das Unheil seinen weiteren Lauf: „Ich habe heute noch mal ein Attentat auf Dich vor.“ „Was denn?“, knurrte ich zurück, bemüht, möglichst unwillig zu wirken. „Ich bin hier auf so einer Dorffeier in Venne und uns ist der Lichttechniker krank geworden.“ Das Problem war mir einsichtig, sein Lösungsansatz hingegen nicht, denn eigentlich sollte ihm doch klar sein, dass ich von dieser Arbeit überhaupt keine Ahnung hatte. „Dummerweise hätte der mir aber nachher beim Abbau helfen sollen – würdest Du mir helfen?“ Eigentlich wollte ich nicht, aber nachdem er versprach, sich darum zu kümmern, dass noch weitere Helfer dazu kämen und wir dementsprechend höchstens zwei Stunden für die gesamte Bühne brauchen würden, ließ ich mich dann doch überreden. Er wollte mich dann abholen und verabschiedete sich mit „Bis zehn dann!“

Da hatte ich ihn missverstanden: Ich dachte, er wäre um zehn Uhr bei mir und würde mich dann abholen. Das beruhigte mich etwas, da der Abend dann ja doch nicht allzu lang werden würde. Allerdings war das anders gemeint: Um zehn rief er mich lediglich wieder an und unterrichtete mich über die weitere Vorgehensweise: „Also, das letzte Set geht bis um halb vier, da müsste ich dann allerdings auch den Ton regeln. Ich müsste Dich also so abholen, dass wir um spätestens halb drei wieder in Venne sind.“ Das änderte die Aussichten erheblich zu meinen Ungunsten und innerlich verfluchte ich mich schon wieder für meine eilfertige Zusage, aber egal, da musste ich jetzt wohl durch. Später gab der Verräter mir gegenüber auch noch zu, dass er sich mit den tatsächlichen Arbeitszeiten extra so lange zurück gehalten hatte, weil er wusste, dass er sonst eine Absage meinerseits zu befürchten gehabt hätte.

Griesgrämig richtete ich mich also auf meine Wartezeit ein, und versuchte die richtige Mischung aus Aktivität und Nichtstun zu finden, um nicht bereits vor der Zeit einzuschlafen. Freunde meinten, ich hätte doch die Zwischenzeit noch zum Schlafen nutzen sollen, allerdings mied ich das bewusst, denn wenn ich bei sonstigen Gelegenheiten nur kurzen Schlaf bekommen hatte, dann fühlte ich mich bisher auch immer genauso zerknautscht wie ich aussah. Irgendwann zwischen halb eins und eins trudelte dann auch mein werter Verwandter ein, um mich in sein Auto zu laden. Dann nahmen wir noch einen weiteren Kollegen für den Abbau mit, den ich am Abend zuvor in der Stadthalle bereits kennen gelernt hatte. Jan-Peters Pläne, mit möglichst vielen Teilnehmern den Abbau möglichst kurz zu halten, schienen also umsetzbar gewesen zu sein. Das beruhigte mich wieder ein bisschen.

Nachdem wir dann noch an einer Tankstelle halten mussten, um Proviant aufzunehmen (wobei sich mein Cousin von einer viel zu laut eingestellten Lautsprecheranlage des Nachtschalters anschreien lassen musste), ging es dann endlich in Richtung Venne. Da ich nicht wusste, wo dieser Ort denn nun tatsächlich lag, aber in Erinnerung hatte, etwas von „bei Osnabrück“ wahrgenommen zu haben, rechnete ich zumindest noch mit Resten von zivilisiertem Leben in diesem Ort. Je länger sich unser Weg durch die unbeleuchtete Einöde Südniedersachsens allerdings hinzog, desto schlimmer wurden die Bilder, die ich mir im Kopf ausmalte. „Bei Osnabrück“ schien auch nur so eine Art Werbespruch meines heutigen Auftraggebers gewesen zu sein, denn diese Stadt schien hier so endlos weit weg zu sein wie die Bielefelder Arminia von Traumfußball. Vor meinem inneren Auge sah ich betrunkene Menschen, schlimmer noch als beim Wiedenbrücker Schützenfest, durch die Straße taumeln, die sich auf schäbigste Art und Weise mit ihren Kühen, Schwestern und Töchtern sowie mit allen sich daraus bereits ergeben habenden Mischformen paarten. Es sollte sich zeigen, dass ich meine Bedenken nicht ganz zu Unrecht trug, wenn auch aus anderen Gründen.

Als wir an der Festhalle vorfuhren, standen bereits scharenweise Betrunkene davor, meist jugendlichen Alters und rein rechtlich sicherlich nicht dazu befugt, sich die Flüssigkeiten in den Kopf zu gießen, die sie sich eben hineingossen. Als mein Cousin mich warnte, bloß nach Möglichkeit keiner Frau allzu auffällig nachzuschauen und auch den Blickkontakt mit den Männern besser zu vermeiden, wurde mir klar, dass Freund Alkohol diese ohnehin schon eher einfachen Gemüter nicht gerade in Sympathieträger verwandelt haben könnte. Glücklicherweise fiel es mir jedoch leicht, mich an seine Anweisungen zu halten, denn die Mädchen animierten weniger zum Flirt als vielmehr zur Flucht, und den Jungen in die Augen zu schauen wäre schon wegen ihres glasigen Blicks eine Herausforderung gewesen, die mich in meinem Zustand eindeutig überfordert hätte (und sonst eigentlich auch).

Es stellte sich schnell heraus, dass das Publikum vom Alter her nicht so heterogen war, wie ich es von den Schützenfesten meiner kleinen Heimatstadt kannte. Hier tummelte sich überwiegend junges Volk. Um diesem möglichst effektiv aus dem Weg zu gehen, begaben wir uns zuerst zur Band in den Backstagebereich. Den Musikern war anzumerken, dass sie entweder auch schon ganz gut ins Glas geleuchtet hatten oder aber einfach nur hundemüde waren. Vanessa, die Backgroundsängerin, hatte ihren Kopf auf den Tisch gelegt und hob ihm nur einmal ganz kurz und heftig, um einen Wortbeitrag zu einer Diskussion rund um das Thema „Rülpsen“ zu leisten. Der Sänger, den ich schon kannte und dem ich mal unter dem Einfluss umstrittener Rauchsubstanzen in den Garten gereihert hatte, begrüßte mich sehr freundlich und erkundigte sich nach meinem Gesundheitszustand. Davon abgesehen, dass ich auch ganz gerne den Kopf auf den Tisch gelegt und neben Vanessa eine Runde mitgeschlafen hätte, ging es mir aber an diesem Abend ganz gut.

Nun wurde es ernst: Die Band stimmte sich auf ihren letzten Set in dieser Nacht ein, das heißt: Alle erhoben sich langsam und schlichen demotiviert zur Bühne. Das Ganze fand in gelebter Zeitlupe statt, denn eigentlich hatte niemand so rechte Lust, die musikalische Untermalung für die Sauforgie der strammen Bauernbuben zu liefern. Jan-Peter nahm seine Position am Lichtpult ein und die Band enterte die Bretter. Auf dem Weg dorthin mussten die Musiker entweder an einem Sack Kokain vorbeigelaufen sein oder aber sich eine grundlegende Änderung ihrer Lebenseinstellung vorgenommen haben: Kaum waren die Scheinwerfer auf sie gerichtet, fiel mein Blick auf qietschfidele Menschen, die auf der Bühne herumhüpften und mächtig auf gute Laune machten. Erleichtert stellte ich fest, dass die Band für eine Top-40-Band überraschend rockig zur Sache ging und sich lieber an alte Klassiker hielt als an die aktuellen Charts.

Nun lernte ich, was Professionalität bedeutet. Dem Publikum zuliebe verdrehte die Band ganz gewaltig die Tatsachen: „Venne! Ihr versteht es zu feiern!“, brüllte der Sänger euphorisiert in sein Mikro, obwohl ein kurzer Blick in die Runde genügt hätte, um festzustellen, dass aufgrund des Alkoholpegels aller Gäste sicherlich niemand mehr verstand, irgendetwas zu tun. Später erfuhr ich, dass an dem Abend der Stand, an dem Korn ausgeschenkt wurde (allein schon die Tatsache, dass es einen solchen überhaupt gab, verrät in meinen Augen alles über das Niveau dieser Festivität), mehr Umsatz gemacht hatte als die beiden Bierständen zusammen. Zu allem Überfluss entdeckte ich im Publikum auch noch etliche Shirts, deren Aufschriften einiges über die nationale Gesinnung ihrer minimal frisierten Träger verrieten. Das steigerte meine Sympathie für diesen Ort nicht gerade.

An dieser Tatsache änderte sich auch nichts als zwei junge Menschen beschlossen, vor dem Licht- und Tonpult ein Unterhaltungsprogramm extra für die Techniker aufzuführen. Es war an die Veranstaltungsreihe „Ultimate Fighting“ angelehnt und bestand in erster Linie daraus, dass der etwas Stämmigere dem anderen mit voller Wucht die Fäuste auf jede erdenkliche Stelle des Körpers trümmerte bis die eigenen Kumpels ihn endlich zurückhalten konnten. Es trat dann ein netter besonnener Mensch von der Security hinzu, der den erbosten Schläger zu beruhigen suchte. Deeskalation schien allerdings auch nicht im Sinne des Opfers zu sein, denn dieser Herr stellte sich nun ständig schräg hinter den Security-Mann und grinste frech in Richtung Schläger. Dieser versuchte nun mehrmals, erneut an sein Opfer zu gelangen, woran ihn der Sicherheitsmann hinderte. Zwischendurch versuchte der Wächter, immer wieder beruhigend auf den Schläger einzureden, worauf dieser tatsächlich versuchte, gegenüber dem Sicherheitsmann zu argumentieren, warum er zur Gewalt greifen müsse. Nach mehr als einer halben Stunde endete die unsägliche Diskussion endlich damit, dass der Prügler aus der Halle geleitet wurde. An jedem anderen Ort hätte man das schnell über die Runden gebracht, nur her in Venne versuchte man zunächst, einen Gewalttäter noch an Ort und Stelle und noch unter Alkoholeinfluss wieder ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen.

Ein weiteres Highlight abseits der Bühne war Martin. Martin war ein etwa zwei Meter großer, spindeldürrer Bauernbengel, der sich so dermaßen die Kante gegeben hatte, dass er nun auf einem Bierzelttisch vor unserem Lichtpult saß und in einer Art Wachkoma vor sich hindümpelte. Ständig fiel sein Oberkörper nach hinten, weil er Halt an der Anlage suchte. Hätte er sich allerdings wirklich angelehnt, dann hätte es einen spektakulären Unfall gegeben, denn die Lücke zwischen Tisch und unserem Pult war so groß, dass er exakt dazwischen gerutscht wäre, wenn er genug Gewicht auf den Oberkörper bekommen hätte, um nach hinten zu kippen. Wie durch ein Wunder gelang es ihm aber immer wieder, den Oberkörper irgendwie in der Balance zu halten. Leider blieb er dort auch sehr konsequent sitzen: Bereits während des Auftrittes hatte ihn Carlotta (eine nette Kollegin, die uns freundlicherweise half) darauf angesprochen, dass wir den Tisch gleich für den Abbau der Anlage benötigen würden und er bitte woanders besoffen sein solle. Als sie merkte, dass das nicht half, begann sie, von Zeit zu Zeit am Tisch zu ruckeln bzw. eine Seite ein wenig anzuheben und gleich darauf wieder fallen zu lassen, in der Hoffnung, er würde davon wach werden und sich endlich trollen. Vergeblich. Der Erfolg war, dass sich Martin auf die Bank legte, um nun seinen Rausch auszuschlafen.

Das hätte er besser nicht getan: Die Feier war offiziell beendet, der Abbau konnte beginnen. Um das Licht und Tonpult abbauen zu können, benötigten wir nun genau die Bank, die davor stand und auf der sich Martin in voller Länge tummelte. Also ignorierte mein Cousin Martin so gut es ging, griff an die Bank und schob sie schwungvoll in die richtige Position. Dadurch rutschte Martin herunter und landete unsanft auf dem Fußboden. Zunächst rechnete ich ob dieser Aktion mit einer Menge Ärger, bis Martin allerdings die Augen so weit aufbekommen hatte, um erst einmal festzustellen, wo er sich überhaupt befand, hatten wir das erste Pult bereits herüber gewuchtet und nichts deutete darauf hin, dass er jemals auf dieser Bank gelegen hatte. Nun kamen auch seine Freunde, die ihn scheinbar bereits gesucht hatten, sprachen ihm einige tröstende Worte zu und bemühten sich dann, das ebenso betrunkene wie lange Wrack aus der Halle zu schleppen.

Zum Abbau selbst gibt es eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Wir hatten etliche Helfer mit dabei und viel half in diesem Falle auch wirklich viel. Anschließend stießen wir noch mit einigen übrig gebliebenen Getränken auf den Tag der deutschen Einheit an (worauf man nicht alles trinkt, wenn man übermüdet ist…) und machten uns dann auf den Heimweg. Um halb neun durfte ich endlich in mein geliebtes Bett fallen und schlief auch gleich bis 17 Uhr durch…

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Tuesday, 2. december 2008 2 02 /12 /Dez. /2008 22:44

Welcome Back, Soraya!

 

Ein Jahr war sie in Mexiko, ein ganzes langes Jahr. Kurz nach meinem Geburtstag stand aber nun endlich Sorayas Rückkehr an. Der 29. September sollte der entscheidende Tag sein, und Ninja hatte bereits eine große Feier zu Ehren ihrer Rückkehr organisiert. Die Bedingungen waren denkbar einfach: Jeder Gast sollte eine Kleinigkeit zu essen mitbringen und sich selbst mit den notwendigen Getränken versorgen, damit die Gastgeberin nicht allzu viel Mühe mit der ganzen Sache hatte. Die Vorbereitungen dazu waren unter einiger Geheimhaltung abgelaufen, damit nicht bei der Arbeit die falschen Leute Wind von der Sache bekamen und dort aufliefen, obwohl sie gar nicht mal so erwünscht waren. Nun stand endlich der Montag an und alle freuten sich auf die große Feier. Am Vormittag hatte ich Ninja noch einmal angeschrieben und um ihre Adresse gebeten, denn sonst hätte es auch um mich trotz meiner Einladung schlecht ausgesehen.

Da ich am Montagmorgen noch Janina ihren riesigen Topf zurückgeben musste, in welchem sie freundlicherweise für meine Geburtstagsfeier am Wochenende zuvor eine Portion Käsesuppe gekocht hatte, mit der ich auch locker die doppelte Anzahl an Gästen versorgen hätte können (und nicht nur die ca. 35 Leute, die da waren), fuhr ich extra mit dem Auto zur Arbeit. Einen solch großen Topf in der Stadtbahn zu transportieren erschien mir dann doch ein etwas anstrengendes Unterfangen. Zu einem späteren Termin konnte ich den Topf auch nicht zurückgeben, da Janina von der Party aus direkt wieder zu ihren Eltern wollte, dort ihre Sachen packen und dann den Flieger am Dienstagmorgen nach Wien nehmen, ihrem Studienort. Dennoch stellte sich heraus, dass ich mir den ganzen Aufwand auch hätte sparen können, da sie sich netterweise anbot, mich am Abend einzusammeln und mit zu Ninja zu nehmen.

In der Dunkelheit machten erst einmal Bekanntschaft mit dem avantgardistischen System der Hausnummern am Wellensiek (nicht etwa die geraden auf der einen und die ungeraden auf der anderen Straßenseite, oh nein, das wäre ja viel zu einfach). Selbst die dortigen Einheimischen wiesen uns zunächst den Weg zum falschen Haus, erinnerten sich dann aber doch an die eigenwilligen Gesetze ihrer Umgebung und waren glücklicherweise noch nüchtern und hilfsbereit genug, uns nachzulaufen und ihre Angabe zu korrigieren. Schlussendlich standen wir dann doch vor der richtigen Tür und auch die Namensprüfung an der Klingel ergab, dass wir die schwierige Herausforderung gemeistert hatten.

In der Wohnung empfing uns die Gastgeberin als ob wir die männliche und die weibliche Reinkarnation des Erlösers seien. Das soll nicht heißen, dass sie uns wegjagte, denn im Gegensatz zu anderen Subjekten wollten wir ja nicht wirklich an der Tür die frohe Botschaft verkünden. Ihre Worte waren: „Gut, dass ihr da seid, ihr seid die ersten vernünftigen Gäste hier. Bislang ist nur die BWL-Fraktion vor Ort.“

Die Ausmaße des Elends eröffneten sich uns dann bei einem kurzen Blick auf den Versammlungsort Küche. Das Büffet erwies sich ob der Anzahl der anwesenden Gäste als erstaunlich klein. Den Grund dafür erläuterte uns Ninja: „Von denen hat kein einziger etwas mitgebracht, kein einziger! Und jetzt stehen sie aber alle ums Büffet herum und plündern es ganz selbstverständlich.“ Da zeigt sich wieder einmal, was die reine Essenz der BWL-Lehre (maximaler Ertrag bei minimalem Aufwand) in den Köpfen junger Menschen bewirken kann. Um nicht meinen guten mitgebrachten Gerstensaft mit einem von diesen Schnorrern teilen zu müssen, ließ ich die Flaschen also zur Vorsicht im Rucksack, auch auf die Gefahr hin, sie dort zimmerwarm werden zu lassen (und wegen der vielen Leute war es tatsächlich ziemlich warm in der Küche). Die erste Flasche öffnete ich sofort, um wenigstens einmal an diesem Abend in den Genuss eines noch halbwegs gekühlten Getränkes zu kommen.

Als auch noch weitere Mitglieder unserer Fraktion auftauchten, beschloss Ninja, ihr eigenes Zimmer zur Feierzone zu erklären. Daraufhin separierte sie die Gäste in die coole Fraktion (das waren selbstverständlich wir) und den unnützen Rest. Hin und wieder waren wir dabei allerdings zum Pendeln gezwungen, da die Küche als einziger Raum der Wohnung für Raucher freigegeben war.

So nahm die Feier mit getrennten Fraktionen ihren Fortgang. Je später es wurde, desto häufiger ging der Blick der Feiernden zur Uhr: Wann würde die Rückkehrerin wohl endlich in der Tür stehen? Daran angeknüpft war natürlich auch die Hoffnung, dass der Flug pünktlich war und sie auch nicht auf dem Weg vom Flughafen nach Bielefeld in einen Stau geraten sein möge. Man warf sich für die üblichen „verrückt-spontanen“ Partyfotos in Pose, die Gespräche wurden immer unterhaltsamer. Hierzu mag neben dem steigenden Pegel der Anwesenden auch beigetragen haben, dass sich nach der Trennung der Gäste innerhalb des Zimmers ein gewisses Wir-Gefühl ausbreitete, das natürlich streckenweise übertrieben wurde (z.B. wenn die Raucher beim Gang in die Küche von mitleidigen Blicken und Kommentaren begleitet wurden), aber dennoch den Spaßfaktor hoch hielt.

Außerdem lernte ich an diesem Abend meinen Kollegen Michael etwas näher kennen und schätzen. Dass er einen guten Unterhaltungswert hatte, wusste ich ja schon vorher, hier aber entpuppte er sich als ein amüsanter Voll-Asi (was an dieser Stelle ausdrücklich positiv gemeint ist, denn auch wenn er gerne unter die Gürtellinie erzählt, so behält er dabei doch einen solchen Charme, dass man es ihm nicht übel nehmen kann). Es macht halt einen Unterschied, ob jemand ein Proll ist, weil er es nicht besser weiß, oder ob dabei auch das entsprechende Bewusstsein vorliegt.

Zu später Stunde ertönte dann endlich das ersehnte Läuten an der Haustür. Herein trat eine strahlende Rückkehrerin, die es zudem gut schaffte, ihren Jetlag zu verdrängen. Sie sah genauso entzückend aus wie ich sie vor ihrer Abreise in Erinnerung behalten hatte. Die Arbeit in den Problemvierteln Mexikos hatte sie glücklicherweise weder ein Auge noch andere wichtige Körperteile gekostet und auch von Narben und einem ständig kampfbereiten Blick war nichts zu sehen. Auch hatte sie es geschafft, bei diesem Aufenthalt trotz des fetten Essens in Mexiko (ein Klischee, dass ich einfach mal behalte, es sind dieses Jahr schon genug Vorurteile zu Staub zerfallen…) ihre Figur zu halten, ein Umstand, dem sie mit dem simplen Satz „Es hat auch Vorteile, wenn einem in den letzten Tagen das Geld fürs Essen ausgeht“ allerdings schnell wieder jeglichen Zauber zu nehmen wusste. Auch ihre wundervolle Tätowierung, die sie sich dort hatte stechen lassen, musste erst einmal ausgiebig bewundert werden.

Da sie ihre Schwester auch gleich noch mitgebracht hatte, setzten wir uns in die Küche und schafften uns zwischen den ganzen Lackaffen etwas Platz, damit sie ihr wohlverdientes erstes deutsches Bier in Ruhe genießen konnte. Ich stellte dazu eines meiner Beck’s zur Verfügung und gleich noch eins dazu für die Gastgeberin (an die hier noch ein Wort gerichtet sei: Es war wirklich sehr tapfer von Dir, auf unsere Hilfe beim Aufräumen der Wohnung zu verzichten – Respekt, dass Du Dir das alleine zumuten wolltest!). Belohnt wurde ich dadurch, dass mit Janina bei ihrer Abreise den Rest ihres Trägers Weizen überließ – letztlich also ein lohnender Tausch!

Auffällig war, dass Soraya sehr viel von Mexiko erzählen wollte, es dann aber letztlich nur manchmal tat, weil es ihr nach der langen Reise wirklich schwer fiel, die ganzen Erinnerungen überhaupt erst einmal zu ordnen und in eine erzählbare Reihenfolge zu bringen. Außerdem hatte sie während ihrer Abwesenheit einige Geschichten von hier gehört und so durfte dann auch Michael noch einmal seine Version der Geschichte mit dem blank gezogenen Gemächt erzählen („Ich hab vorher extra noch zweimal dran gezupft, damit der etwas größer wird und mehr Eindruck schindet!“).

Irgendwann beschlossen dann die BWL-Menschen, dass sie nun eigentlich den Abend im Cheers ausklingen lassen könnten (womit sie alle meine an dem Abend gesammelten Vorurteile eindrucksvoll bestätigten: Wer dahin geht, hat ein echtes charakterliches Problem!). Auf einmal waren wir alleine in unserer kleinen, vertrauten Runde und konnten uns gemütlich am Tisch sitzend beim den Resten des Biers unterhalten. Dabei wurden noch wichtige Beschlüsse gefasst (Am nächsten Mittwoch zum Tanzen ins Movie gehen und Steine schmeißen auf dem nächsten G8-Gipfel). Soraya war sich noch nicht sicher, ob sie denn nun einen Rückkehrer-Bonus haben wollte. Einerseits traute sich noch niemand, ihr auf ihre Pöbeleien („Was habe ich das vermisst – aber Micha, Du brauchst auch meine verbalen Arschtritte“) contra zu geben („Na los, sagt was, Ihr müsst mich nicht schonen!“), andererseits kam er ihr als Argumentationshilfe recht gelegen. („Natürlich kommst Du Mittwoch mit tanzen! Ey, ich bin schließlich gerade aus Mexiko zurück“)

Doch irgendwann muss auch der schönste Abend ein Ende finden und so ging es dann ans letzte Problem: den Heimweg. Während ein großer Teil der Truppe sich von einem Taxi abholen und nach Hause fahren ließ („Ey Olaf, jetzt waren wir aber so leidenschaftlich, wie wir es uns als Heteros gerade noch erlauben können“, waren die letzten Worte von Baybars), wählten vier tapfere Gesellen den sportlichen Weg und entschieden sich für die Variante per pedes: Dana, Michael, Tommy und ich. Als wir endlich an der Uni angekommen waren, merkten wir, dass unser Plan ganz schön ehrgeizig gewesen war. Verschönert wurde uns der Weg bis dahin immerhin noch durch Michael, der versuchte, Dana zu überreden, bei ihm zu übernachten („Hey, Dana, komm, ich mach dir morgen auch ein tolles veganes Frühstück!“ –„Nein danke, meine Eier brauche ich morgens.“ –„Hey Dana, komm, für dich würde ich sogar eine Ausnahme machen.“). Auf Höhe der Uni startete er noch einen letzten vergeblichen Versuch („Dana, überleg mal: Wenn du jetzt mit mir mitkämst, wären wir fast schon zu Hause. Das sind nur noch 800 Meter durch diesen unbeleuchteten Park…“).

Nun waren wir also zu dritt auf unserem Weg in die Innenstadt. Als erstes merkten wir, dass der Weg von der Uni bis auf Höhe der Oetker-Halle doch etwas weiter war als wir beim Autofahren immer gedacht hatten. Sobald wir allerdings auf der Stapenhorststraße waren, ging es ziemlich schnell voran. Am Jahnplatz fragten uns noch ein paar Jugendliche, wo man denn hier um diese Zeit noch etwas zu essen bekommen könnte (mittlerweile war es halb sechs). Damit brachten sie zumindest Tommy und mich auf eine Idee: Der Türke am Bahnhof hat 24 Stunden geöffnet und ein Döner schien uns nun die Offenbarung zu sein. Auf dem Weg kamen wir noch am Cheers vorbei und überlegten, ob wir kurz hinein gehen und die BWL-Fraktion auslachen sollten. Letztlich siegte aber der Wunsch nach einem Döner.

Wir mussten ein wenig warten, allerdings lang genug, dass sich draußen ein Nieselregen an sein ekliges Werk machen konnte. Ich verabschiedete mich an dieser Stelle von den beiden und ging nass aber glücklich und satt nach Hause und fiel ins Bett.

Welcome back, Soraya! Schön, dass dir Mexiko so gut gefallen hat, aber noch schöner ist es, Dich an einem Stück wieder zu sehen!

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Friday, 14. november 2008 5 14 /11 /Nov. /2008 00:38

Mein zweiter Besuch bei Arminia

 

Seit meinem letzten Besuch war ungefähr ein Jahr vergangen. Wieder einmal kam der HSV nach Bielefeld und erneut ergab sich für mich die Möglichkeit, mir dieses Spiel live im Stadion anzusehen.

Jens ist Inhaber einer Dauerkarte und hatte ausgerechnet an diesem Wochenende eine Verabredung im Sauerland mit seiner Rollenspielgruppe. Er wollte dort gerne hin, allerdings tat es ihm ein wenig weh, dass er dann ausgerechnet ein Heimspiel der Arminia verfallen lassen musste. Also fragte er mich, ob ich nicht Interesse hätte, mir diese Partie anzusehen. Da ich wusste, dass der andere Olaf als Anhänger des Hamburger Sportvereins sich dieses Spiel kaum entgehen lassen würde, winkte mir also neben dem Spiel auch noch die Aussicht einen netten Samstagnachmittag mit einem meiner besten Freunde zu verbringen. Nachdem wir abgeklärt hatten, wie Jens die Karte bis zum nächsten Heimspiel in zwei Wochen wieder zurück erlangen sollte, nahm ich sie also voller Vorfreude entgegen.

Auch wenn es erneut gegen den mit der Arminia befreundeten HSV gehen sollte, winkte mir dennoch eine Steigerung gegenüber meinem letzten Besuch, denn die Dauerkarte galt immerhin für die Stehplätze in der Fankurve. Statt braver Familienväter erwarteten mich dieses Mal also die „richtigen“ Fans, die sich wohl kaum aus Rücksicht auf ihre mitgeführten Kinder zurücknehmen würden. Davon versprach ich mir eine deutliche Zunahme an interessanten Beobachtungen.

In der Woche vor dem Spiel versuchte ich, mir bei meinen Kollegen auf der Arbeit noch das eine oder andere Fanutensil zu leihen, damit ich zwischen den ganzen Extremisten nicht so sehr auffiele. Das funktionierte leider nicht so wie ich mir das erhofft hatte, da etliche von ihnen vorhatten, sich dieses Spiel selbst anzusehen. Dadurch mischte sich nun auch noch eine gewisse Portion Unsicherheit unter meine Vorfreude.

Am großen Tag selbst, wir schrieben 30. August, ging ich also zum Bahnhof und wartete zusammen mit Matthias, einem weiteren Bekannten, der für Olaf und sich die Karten besorgt hatte, auf die Ankunft des Zuges aus Friedrichsdorf. Mit leichter Verspätung aufgrund diverser Baustellen traf Olaf dann in Bielefeld und wir machten uns auf den Weg zur Alm, wie die Schüco-Arena hier nach wie vor genannt wird.

Vor dem Stadion mussten wir uns trennen, weil die Beiden ihre Karten für den Familienblock bekommen hatten. Das war angesichts des Hamburger Trikots, das Olaf trug sicherlich auch förderlicher für einen gepflegten Umgang mit den Sitznachbarn. In neutraler Kleidung, ohne ein deutliches Zeichen für meine unverbrüchliche Treue zur Arminia enterte ich also meinen Block. Dort stellte ich als erstes fest, dass er bereits gut gefüllt war und ich mich sehr weit nach vorne stellen musste, obwohl mir Jens vorher extra noch geraten hatte, mich ein wenig weiter nach hinten zu orientieren („Die Leute, die da stehen, sind meistens nicht ganz so fanatisch…“). Nun, es ließ sich nicht vermeiden, deshalb stellte ich mich vorne hin und versuchte mich möglichst unauffällig zu benehmen. Das heißt nicht, dass ich mir einen Pegel antrank und mich bemühte möglichst laut mitzugrölen (obwohl ich auch damit kaum aufgefallen wäre), sondern ich war still und schaute mich einfach nur neugierig im Block um.

Die Fans dort sahen schon weitaus mehr wie Fanatiker aus, als die Menschen, die ich während meines ersten Besuchs auf der Alm beobachten durfte. Eingekleidet in schicke Kutten, wie man sie sonst nur von Metallern kennt und die von oben bis unten zugenäht waren mit Patches unseres heimischen Vereins. Dazu kamen einige elegantere Fans, die Polohemden trugen, die edel aussahen und auf ihrem Kragen die Worte „In ewiger Treue“ eingenäht hatten. Dass diese Worte allerdings in Frakturschrift geschrieben waren, weckte einige ungute Gefühle in mir.

Da wir relativ knapp vor Spielbeginn am Stadion angekommen waren, dauerte es zum Glück nicht allzu lange bis der Angriff ertönte. Zuvor allerdings musste ich wieder einmal die Arminen-Hymne über mich ergehen lassen, bei der ich einfach munter meine Lippen bewegte, obwohl ich den Text natürlich keineswegs kannte (woran sich ehrlich gestanden bis heute immer noch nichts geändert hat). Dann ertönte das vertraute Intro von „Enter Sandman“ und die Gladiatoren betraten die Arena. Groß war der Jubel im Publikum als bereits nach wenigen Minuten das 1:0 für die Arminia erzielt wurde. Leider war das auf der anderen Seite vom Platz, die spektakuläre Folge aus Flic-Flacs und Salti, mit denen Katongo seinen Erfolg feierte, war allerdings auch aus unserer Position immer noch beeindruckend.

Als kurz nach der 20. Minute das 2:0 fiel, war die Stimmung ausgelassen und ich bekam eine weitere Premiere geboten: Meine erste Bierdusche in einem Fußballstadion. Der Mann hinter mir riss nämlich begeistert die Arme hoch, ungeachtet der Tatsache, dass sich in seinen Pratzen immer noch ein voller Becher befand, dessen Inhalt sich nun über seine Umgebung ergoss. Aber wer wollte angesichts des sicheren Triumphgefühls (und angesichts der Tatsache, dass dieser Mann Teil einer mehrköpfigen Gruppe war) schon ernsthaft grollen?

Nach dem zweiten Tor jedoch ließ der Offensivdrang der heimischen Mannschaft deutlich nach. Dadurch kamen die Hamburger zu etlichen Chancen, die im Anschlusstreffer kurz vor der Halbzeit mündeten. Durch diesen Treffer sank die Stimmung im Block deutlich ab, statt des Siegesgefühls regierte nun das hauptsächlich vorherrschende Gefühl eines jeden Arminenfans: Fatalismus, gepaart mit einem Schuss Galgenhumor. „Pass mal auf, jetzt verlieren die das noch!“ –„Ja klar, was denn sonst?“ So könnte man die Gespräche in der Pause auf einen Nenner bringen.

Woher dieser Fatalismus kommt, zeigte dann die zweite Halbzeit in aller Deutlichkeit: Die Arminia kassierte noch drei weitere Treffer, ohne einen weiteren zu schießen. Für die Fans war der Schuldige schnell ausgemacht: Torwart Dennis Eilhoff. Hier zeigte sich auch wieder, wie opportunistisch ein wahrer Fan doch ist: Wurde er in der ersten Halbzeit noch als einer der meist unterschätzten Torhüter Deutschlands bezeichnet, war man sich sogar sicher, dass einer Berufung in die Nationalmannschaft eigentlich nur die Tatsache im Wege stand, dass „die beim DFB schon immer gegen Arminia agiert haben“, so klangen die Töne im zweiten Durchgang völlig anders: „Mit einem richtigen Torwart wäre uns das nicht passiert“, „Schlimm, dass unsere Nummer Zwei nichts kann“ etc. lauteten nun die Kommentare aus dem Munde der gleichen Sprecher.

Der Rest ist schnell erzählt: Der andere Olaf war mit dem Verlauf des Spiels natürlich hoch zufrieden, wir gingen ins Casa, tranken noch etwas und waren uns einig, dass das nächste Heimspiel aber unter allen Umständen gewonnen werden musste…

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Tuesday, 28. october 2008 2 28 /10 /Okt. /2008 11:37

Die kirchliche Hochzeit meiner Schwester

 

Wie bereits an anderer Stelle berichtet hatte sich meine Schwester das Jahr 2008 als großes Hochzeitsjahr ausgesucht. Nachdem die standesamtliche Hochzeit im April eher in kleinerem Rahmen begangen wurde, war es nun an der Zeit, den großen Ernstfall zur Aufführung zu bringen. Am 23. August ging es in die Clemenskirche in Rheda, um dort dem großen feierlichen Anlass einen würdigen Rahmen zu geben.

Da ich aus Bielefeld anreisen musste (und einen Cousin und Mitbewohner habe, dem als Veranstaltungstechniker immer wieder neue Mittel und Wege einfallen, mich ans Arbeiten zu bringen…) fing mein Tag zunächst alles andere als feierlich an. Da Jan-Peter am Sonntag nach der großen Feier ein Sommerfest in einem Seniorenheim zu beschallen hatte, in dem seine Mutter, was meine Tante ist, bis Anfang des Jahres noch gearbeitet hatte, hieß es zunächst zu MSS Audio zu fahren, dem Laden seines ehemaligen Lehrmeisters. Dort standen wir vor der Herausforderung, das komplette Equipment, bestehend aus Lautsprechersystem und der in Einzelteile zerlegten Bühne in seinen T4 zu packen. Das erwies sich als recht schwierig, doch da er sich in Sachen T4-Tetris dank seiner Erfahrung gut auskennt, hatten wir nach einigem hin und her Probieren die Lösung gefunden und alles ordentlich verpackt. Jan-Peter fuhr nun mit dem voll geladenen Wagen zu seinen Eltern, wo er sich seinen feierlichen Frack anzog und das Auto noch einmal polierte. Er sollte nämlich dem Brautpaar als Chauffeur dienen und das Hochzeitsauto war ein schöner 67er Mercedes, den sein Vater in liebevoller Kleinarbeit und über einen Zeitraum von mehreren Jahren wieder in einen wundervollen Zustand versetzt hatte.

Nun hieß es für mich, schnell nach Hause zu fahren und zu duschen, denn durch die Schlepperei war ich gut durchgeschwitzt. Da ich hier keinen Schrank besitze, der es mir ermöglichen würde, Kleiderbügel aufzuhängen, habe ich meine feierliche Garderobe nach wie vor in Wiedenbrück, damit sie dann auch wirklich feierlich aussieht, wenn ich sie mal brauche. Mein erster Weg nach der Dusche führte also schnurstracks in die alte Heimat, ins Haus meiner Eltern. Dort war niemand anwesend, da vor der Trauung die Fotos geschossen wurden, inklusive der Eltern und der Trauzeugen. (Der vorangegangene Satz soll nicht aussagen, dass die auch geschossen wurden, sondern auf den Fotos sichtbar sein sollten.) Also warf ich mich schnell in meinen Anzug, überprüfte vor dem Spiegel noch einmal den Sitz meiner Krawatte, die übrigens immer gebunden im Schrank hängt. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich mich für ein eher legeres Outfit entscheiden müssen, denn das Binden eines Krawattenknotens gehört zu den Herausforderungen, zu denen mir trotz mehrfacher Übung noch keine gedeihliche Lösung heranreifen wollte. Aus irgendeinem Grund stellt sich bei mir das hintere schmale Ende grundsätzlich beim Beenden des Bindens als das längere heraus. Das sieht schäbig aus, deshalb habe ich mir die Krawatten binden lassen und hoffe nun inbrünstig, dass diese Knoten ein Leben lang halten mögen, oder dass mich auf einmal eine Erleuchtung oder ein ungeahnter Talentschub überkommen mögen.

Mit dem Anziehen war ich jedenfalls relativ schnell fertig und da das Haus ansonsten wie gesagt völlig leer war, wurde es mir schnell langweilig. Deshalb fuhr ich, sobald ich die feierliche Garderobe angelegt hatte, schon einmal zur Kirche, in der Hoffnung, dass sich dort vielleicht schon einige Gäste versammelt hätten, mit denen ich mich unterhalten konnte. Daraus wurde allerdings nichts. Ich war etwas über eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn des Gottesdienstes da und somit Erster – und zwar mit beeindruckendem Vorsprung. Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich wenigstens noch ein wenig in der Zeitung lesen können. Immerhin hatte ich auf diese Weise einen Parkplatz bekommen, der nicht mit einem langen Fußmarsch verknüpft war wie bei einigen später eintreffenden Gästen.

Nachdem ich gut zwanzig Minuten gewartet hatte, füllte sich der Platz vor der Kirche allmählich. Nun tauchten zum Glück auch die Fürbittensprecher auf, mit denen ich mich noch kurz absprechen musste. Im Vorfeld hatte es einige Missverständnisse gegeben und ausgerechnet ich als einziger Atheist in der Reihe hätte den Gemeindesegen erbitten sollen. Das ließ sich dank eines kooperativen Kollegen (danke, Michael!) zum Glück schnell wieder gerade biegen und so musste ich mich um das Wohl der Familien und Freunde verdient machen, was mir wesentlich ehrlicher über die Lippen kam.

Irgendwann und mit etwas Verspätung trudelten dann auch die Eltern des Brautpaars ein, die nicht etwa einen verzweifelten Versuch unternommen hatten, ihren Kindern die Freiheit doch noch zu bewahren, sondern unter einer Verspätung der Fotografin zu leiden gehabt hatten. Prompt beauftragte mich meine Mutter, auf ihren ganzen Fotokram aufzupassen, während mich gleichzeitig die Fotografin beauftragte, sie zu benachrichtigen, wenn mein Cousin mit dem Hochzeitsauto vorfuhr, in dem er meine Schwester abliefern sollte. Dieser Moment ließ allerdings auf sich warten, so dass ich mir erst einmal einen Platz in der so genannten Geschwisterbank reservierte als sei er eine Liege an einem mallorcinischen Hotelpool. Das lag mir vor allem deshalb am Herzen, weil ich Matzes Bruder Markus nicht aus den Augen verlieren wollte, der ebenfalls zu den Fürbittensprechern gehörten und gewiss bereits mehr Erfahrung mit dem Timing in katholischen Kirchen gesammelt hatte. An ihm wollte ich mich orientieren.

Kaum stand ich wieder an der Tür, sah ich auch bereits das tiefe Rot des Mercedes schimmern und winkte sofort wild der Fotografin. Diese kam sodann gemächlichen Schrittes zur Tür, gerade so als ob sie eine weitere Verspätung heraufprovozieren wollte. Letztlich reichte es aber doch noch, um einige Fotos der eintreffenden Braut zu schießen. Als meine Schwester dann endlich in die Kirche eintrat, war ich, wie ich ehrlich zugeben muss, doch ziemlich beeindruckt, denn sie sah hinreißend aus. Wenn ich so etwas schreibe hat das durchaus Gewicht, denn als älterer Bruder schmeißt man nicht unbedingt mit Komplimenten für seine kleine Schwester um sich.

Zu diesem Zeitpunkt stellte ich zum ersten Mal fest, dass es ein Fehler war, zu Hause nichts mehr zu trinken. Eigentlich hatte ich mit voller Absicht darauf verzichtet, damit mich nicht mitten im Gottesdienst ein dringendes Bedürfnis überkommen sollte. Jetzt allerdings hatte die Zeremonie noch nicht einmal begonnen und bemerkte ich, dass ich einen trockenen Mund bekam. Auch der Kopf fühlte sich ein wenig duselig an. Außerdem vermied ich es von nun an, den Leuten direkt ins Gesicht zu sprechen, weil sich ein trockener Mund auch nicht so positiv auf die Atemfrische auswirkt, man denke nur ans morgendliche Aufstehen…

Dieses Problem verstärkte sich noch erheblich, als ich einen Blick auf das Programm warf. Vier Wochen zuvor war ich auf der evangelischen Hochzeit eines Sandkastenfreundes von mir gewesen, das Programm umfasste zwei Seiten und die Chose war nach einer Stunde gegessen. Hier taten sich gleich einmal vier Seiten vor mir auf, und auch die einzelnen Punkte wurden jeweils wesentlich länger abgehandelt. Überhaupt wirkte alles etwas offizieller und feierlicher als ich es von Ende Juli in Erinnerung hatte. Großes Highlight war der Gesangsauftritt der Familie Ebbersmeyer, die es mit acht Personen schafften, den Chor einmal so richtig gekonnt an die Wand zu singen. Die Dauer des Gottesdienstes führte dazu, dass mich ein Schwindelgefühl erfasste, als wir uns für unsere Fürbitten erhoben, die bereits deutlich in der zweiten Halbzeit stattfinden sollten (auf eine Pause für Getränke und zur Regeneration hatte man leider verzichtet). Als wir nun endlich oben standen und ich mit meinem Spruch an der Reihe war, wurde mir schwarz vor Augen und ich hatte Mühe, mich auf den Beinen zu halten, doch zum Glück hatte ich meinen Spruch gut gelernt und bekam ihn nach späteren Aussagen der anderen Teilnehmer auch unfallfrei über die Bühne.

Nach der Trauung gab es draußen dann das große Gratulieren, was ich dazu nutzte, mich ein wenig zu regenerieren. Außerdem gab s noch einen 18. Geburtstag, zu dem ich nun ebenfalls meinen Glückwunsch an Franziska, die Freundin meines Cousins Moritz, loswerden konnte, wenn auch erst, als ich sie das zweite Mal sah. Dabei hatte ich mir so fest vorgenommen, da auf jeden Fall dran zu denken, als ich das Haus verließ – da sieht man mal wieder, was einem weichen Keks alles kurzfristig entfallen kann…

Darauf folgte die Fahrt zum Festsaal, in welchem wir nun die Kuh fliegen lassen wollten. Das Ganze fand irgendwo kurz hinter Rietberg statt, aber nicht alle Gäste kannten den genauen Weg dorthin. So fuhren wir also in einer großen Kolonne los. Letztlich war ich froh, dass ich direkt hinter meiner Mutter und meinem Stiefvater fuhr, denn mit jeder Ampel wurde die Kolonne ein wenig kürzer und letztlich kamen unsere beiden Autos mit Abstand als erste in der Gaststätte an.

Der Festsaal selber entpuppte sich als schöner Bau, in einer Ecke spielte die Band (die meiner Ansicht nach wenigstens ein bisschen temperamentvoller hätte agieren können, auch wenn alle anderen Gäste schwärmten), vorne wurde das Büffet aufgebaut. Zur Begrüßung gab es gleich mal Sekt, der meinen etwas duseligen Zustand gleich zu Beginn des Abends noch deutlich verstärkte. Egal, dachte ich mir, mit dem gleich folgenden Essen würde ich mir schon eine gute Grundlage legen und dann ließ sich sicherlich alles etwas besser verkraften.

Was die Üppigkeit des Büffets anging, wurde ich nicht enttäuscht: „Kulinarische Weltreise“ hieß das Thema und so wurde das Büffet auf mehrere Tische verteilt, über denen jeweils die Umrisse verschiedener Länder wie USA, Italien und Benelux abgebildet waren. Das Essen darauf war dann jeweils landestypisch. Diese Idee hatte nicht nur den Vorteil großer Abwechslung, sondern brachte obendrein noch den Vorteil, dass mit dem eröffnenden Fressbefehl nicht alle Gäste durch ein Nadelöhr mussten, sondern sich auf die verschiedenen Tische verteilten, was den Ablauf dort sehr zügig vonstatten gehen ließ. Meinen Vorspeisenteller ließ ich mir von Kalinka, einer Tenniskollegin meiner Schwester, füllen, und die gute Frau schien von meinem Ruf gehört zu haben, denn sie ging dabei nicht eben sparsam vor.

Dennoch war ich leicht enttäuscht – nicht vom Büffet, das Essen war so gut wie reichhaltig, sondern eher von mir selbst. Irgendwie hatte ich heute nicht so rechten Hunger und so ging ich nach drei Gängen Hauptgericht (ich schaffte es also nicht einmal, alle Nationen anzutesten) zum Nachtisch über. Hier schaffte ich es immerhin, auch noch zweimal nachzunehmen.

Gegen Ende des Essens folgten dann die kurzen Ansprachen des Bräutigams („…und auch Lauras Mutter möchte ich gratulieren, so einen wundervollen Schwiegersohn wie mich bekommen zu haben“) und seines Vaters. Beide waren zum Glück mit etlichen Lachern gespickt und zogen sich nicht unnötig in die Länge. Es wäre schön, wenn auch auf anderen Anlässen Menschen sich daran erinnern würden, wie man eine Rede so hält, dass das Publikum dem Redner seiner Aufmerksamkeit gern schenkt!

Es folgten die üblichen Tänze und die üblichen Spiele. Besonders peinlich wurde es einmal für Franziska, als der Sänger der Band dann doch mitbekommen hatte, dass sie heute ihren 18. Geburtstag feiern und sie nach vorne holte, wo sie sich zwangsweise an einem der Trinkspiele beteiligen musste.

Der Rest des Abends wird, wie ich zugeben muss, immer nebulöser. Ich trank dann noch mit einem der Messdiener, der sich als Christian herausstellte, mein unmittelbarer Nachfolger auf der Station, wo ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte. Dann noch mit meinen neu gewonnenen Schwagern und meiner Schwägerin, dann noch mit meinem Cousin und Mitbewohner. Das Ergebnis war, dass ich irgendwann ziemlich in den Seilen hing und mich jeder mit einer Mischung aus Häme und Mitgefühl darauf ansprach, ob es mir nicht gut ginge.

Irgendwann erbarmte sich mein Cousin meiner und brachte mich rüber in mein Zimmer (mein Stiefvater hatte für die Familie im dazu gehörigen Hotel Zimmer für die ganze Familie angemietet. Immer wieder erkundigte er sich , ob mir schlecht sei, was ich wahrheitsgemäß verneinte, da es eigentlich nur die Duseligkeit und die Müdigkeit waren, mit denen ich zu kämpfen hatte. Zur Vorsicht stellte er mir dann lieber doch noch den Mülleimer neben das Bett und dann sank ich in einen seligen Schlaf. Dieser wurde jäh unterbrochen, als meine Mutter das Zimmer enterte, sich neben mich legte und die restliche Nacht über eine laute Symphonie auf den Nasennebenhöhlen blies.

Am nächsten Morgen entpuppte es sich als Segen, dass ich keine Übelkeit verspürt hatte, denn der Mülleimer entpuppte sich als typischer Hotelmülleimer, das heißt: Er hatte keinen Boden, der ganze Segen wäre also auf dem Boden gelandet, unabhängig davon, ob ich gut hätte zielen können oder nicht.

Das Frühstück fiel dann sehr sparsam aus und ich war froh, dass ich danach meinem Cousin im Altenheim helfen konnte, um wieder klar zu werden. Wieder hatte ich ein Wochenende schadlos hinter mich gebracht…

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Humor
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Sunday, 12. october 2008 7 12 /10 /Okt. /2008 01:30

Die surrealen Schwestern

 

Es gibt Abende, da begegnen einem die seltsamsten Leute. Als ich am ersten Samstag des August alleine ins Movie ging, war ich auf einiges gefasst; der Abend und die Nacht, die sich aus einer harmlosen Idee entwickelte, übertraf allerdings alles, was ich mir in meinen seltsamsten Träumen hätte zurechtträumen können. Zuerst rief ich ganz vorsichtig bei Rebecca an, um zu erkunden, ob sie denn Dienst habe, denn immerhin ist der Gang in die Disco schöner, wenn man dort zumindest jemanden kennt, mit dem man sich mal unterhalten kann. Zur Antwort bekam ich, dass sie nicht nur Dienst habe, sondern auch ihre beste Freundin Ariane sich vorgenommen habe, dieser Feier einen Besuch abzustatten. Da ich eine Grundsympathie für die Kleine habe, freute ich mich umso mehr auf das, was wohl kommen möge.

Den einen oder anderen kleinen Flirt hatte ich mir durchaus auch vorgenommen, was mir grundsätzlich leichter fällt, wenn ich alleine unterwegs bin. Gut, das war ich jetzt nur noch bedingt, denn mir war schon fast klar, dass ich dann doch wieder Leute haben würde, mit denen ich den ganzen Abend zusammenhängen würde – und die waren zu allem Überfluss auch noch weiblich, was mein Vorhaben ja nicht einfacher machte.

Da die Musik am Anfang noch nicht so der wahre Brüller war, hielt ich mich zunächst überwiegend im Vorraum auf, wo es zumindest etwas leiser zuging. Dort begrüßte ich dann Ariane und ihre Schwester und mein Blick fiel auf ein rothaariges Mädel mit einem sehr charmanten Lächeln. Wobei der Begriff Mädel die Sache hier vielleicht etwas mehr verniedlicht als angemessen. Sie hatte beinahe meine Größe, war jetzt nicht unbedingt mollig aber auch alles andere als superschlank. Die Kurven saßen an der richtigen Stelle, die Proportionen stimmten. Das alles erkannte ich sofort, obwohl ich ihr selbstverständlich nur in die Augen schaute – für ca. eine halbe Sekunde, danach schauten wir beide weg und hatten uns fürs erste aus dem Blick verloren. Da Arianes Schwester einen freigiebigen Abend hatte, bekam ich zunächst ein Bier ausgetan und dann noch eins. In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Holm betrat die Disco. Holm ist quasi mein Chef (sofern man als Freiberufler so etwas haben kann) und er betrat die Lokalität mit ähnlichen Zielen wie ich sie beim Start in den Abend hatte. Allerdings hatte er sich mit dem Erlangen einer Telefonnummer schon konkretere Ziele gesetzt als ich. Darauf tranken wir erstmal ein Bier und bewegten uns dann zum ersten Mal Richtung Tanzfläche.

Wieder trafen sich unsere Blicke, wieder strahlte ich übers ganze Gesicht (ich wunderte mich bereits über mich selbst, dass ich dazu überhaupt in der Lage war) und wieder schenkte sie mir ein Lächeln. Diesmal schon etwas länger und entschlossener als im Vorraum. Als ich mich ein wenig unbeobachteter fühlte, beschloss ich, mal zu beobachten, mit wem diese zauberhafte Dame denn da war. Sollte sie möglicherweise gar auch alleine den Weg angetreten haben, möglicherweise gar mit ähnlichen Zielen wie Holm und ich? Leider nein, eine dunkelhaarige, dunkel gekleidete, etwas kleinere, etwas breitere Frau stand dort noch. Aber ein Typ schien nicht dabei zu sein, also hieß es, weiter abzuwarten, war ja erst kurz nach Mitternacht…

In der Zwischenzeit konnte ich noch schön mit Holm ein Bier trinken und wir tauschten uns über die Ziele aus, die wir jeweils ins Auge gefasst hatten. Glücklicherweise stellten wir dabei keine Übereinstimmung fest, was (entschuldige bitte, Holm!) auch am unterschiedlichen Alter unserer Zielgruppen gelegen haben mag. Egal, jedenfalls konnten wir uns nun gegenseitig aufrichtig viel Glück wünschen und uns erneut auf die Tanzfläche begeben. Während ich mich weiterhin nur auf einen gelegentlichen Augenflirt beschränkte, musste ich feststellen, dass Holm mittlerweile bereits Sprachkontakt aufgenommen hatte. Respekt, muss ich sagen, ich tue mich da ja bis heute schwer! Erschwerend kommt hinzu, dass ich meine Zielperson alle paar Minuten wieder aus den Augen verlor.

Als ich sie das nächste Mal erblickt, kühlte meine anfängliche Begeisterung sich ziemlich schnell ab: Es stand doch ein Kerl daneben, der offenbar schneller Mut gefasst hatte als ich, und unterhielt sich mit ihr. Fluchtartig verließ ich die Tanzfläche, um im Vorraum Ariane und ihrer Schwester Bericht zu erstatten und erstmal ein Frustbier zu verhaften. Als ich zurück in den Tanzsaal kam, kam mir ein grinsender Vorgesetzter entgegen, der mir erstmal ein Bier spendierte, um mir begeistert von seinen Fortschritten zu berichten. Er mittlerweile sogar schon noch einen Schritt weiter und hatte bereits die erste Begegnung mit ihren eifersüchtigen Freund gehabt. Ich hingegen hatte nach der ernüchternden (ernüchternd im Sinne von seelisch, geistig breitete das Bier im Zusammenarbeit mit einem eher sparsamen Abendmenü eine angenehme Wattigkeit in meinem Kopf aus!) Feststellung meine Wunschkandidatin wieder aus den Augen verloren – endgültig, wie ich dachte, da ich sie danach auch längere Zeit nicht mehr sah. Aha, abgeschleppt hatte er sie also auch schon binnen kürzester Zeit! Meine Schüchternheit verfluchend (und mit dem Versuch mir selber einzureden, dass eine Frau, die so einfach mit einem Typen mitgeht ja nicht so gut für mich gewesen wäre…) stürzte ich mich wieder auf die Tanzfläche und blieb konsequent dort, egal, was auch gespielt wurde.

Der Erfolg war, dass der Alkohol schnell verflog, wodurch ich wieder klarer im Kopf wurde. Gegen kurz nach vier hatte sich der Laden allmählich geleert und wen sah ich auf einmal an der Plattform lehnen, die bei Konzertveranstaltungen als Bühne dient? Rote Haare, hübsches Gesicht, und wieder fiel mir nichts anderes ein als ein strahlendes Lächeln aufzusetzen, das ebenso erwidert wurde wie schon die ganze Nacht zuvor. Etwas musste ich jedoch diesmal anders gemacht haben, denn sie kam auf mich zu und sagte: „Dich habe ich jetzt auch schon den ganzen Abend beobachtet.“ Das ging natürlich runter wie Öl und sofort gestand ich ihr, dass es sich umgekehrt genauso verhielt. Außerdem sah ich im Hintergrund, dass der Typ, mit dem ich sie zuvor gesehen hatte, wohl doch eher zu ihrer dunkelhaarigen Begleiterin gehörte. Bei der Gelegenheit stellte sie sich mir als Katharina vor.

Also tanzten wir erst einmal eine Runde zusammen, was im Klartext heißt: Ich kann nicht wirklich tanzen, aber wir bewegten uns zur Musik eng aneinander, und ich schaffte es sogar erfolgreich, ihr dabei nicht auf die Füße zu steigen. Allerdings wurde es ab nun auch etwas seltsam, denn sie kam dabei zwar schon sehr eng an mich heran, so dass mich streckenweise der Gedanke plagte: „Oh Gott, hoffentlich merkt sie nicht, was sie damit anrichtet…“ Sie vergrub auch gerne ihr Gesicht in meinem Hals und einmal auch die Zähne, das Luder! Allerdings hielt sie das Gesicht immer so, dass es unmöglich war, sie zu küssen. Da ich immer Pfefferminzpastillen dabei habe, dachte ich, dass sie entweder eine Minzallergie oder eine Zahnfleischentzündung haben musste, derer sie sich schämte, aber die ganze Sache klärte sich dann doch anders auf. Irgendwann teilte sie mir nämlich mit, dass sie nicht aufhören wollte zu tanzen, aber andererseits ein schlechtes Gewissen habe. „Ich muss Dir nämlich schon ehrlich gestehen, dass ich in festen Händen bin, aber meine Schwester“, dabei deutete sie auf ihre Begleitung, „hat gesagt, flirten darf ich ruhig.“

Ein wenig trübte diese Aussage meine gute Laune dann doch. Erst Lenden-Jojo spielen und dann doch wieder einen Rückzieher machen, es sah mal wieder so aus wie mein typisches Glück, das mir meistens nur Pyrrhussiege einbringt. Also aufhören und das Jammern anfangen? Brauchte ich nicht, denn sie zog sich mit ihrer Schwester und dem Typen noch einmal an den Tresen zurück. Jetzt konnte ich loslegen und musste Rebecca und Ariane, die sich eigentlich nur von mir verabschieden wollte, erst einmal die aktuelle Faktenlage schildern. Egal, jetzt war sie weg, scheinbar hatte ich meinen Gesichtsausdruck nach ihrem Geständnis wohl doch nicht so gut unter Kontrolle gehabt, wie ich selber geglaubt hatte.

Doch ich hatte mich getäuscht, Katharina kam wieder und teilte mir mit, dass sie nachher noch ins XY gehen wollten, ob ich denn noch Lust hätte, sie zu begleiten. Es gibt in Bielefeld keine Kneipe, die XY heißt, das soll nur als Symbol dafür stehen, dass ich trotz Nachfragen den Namen nicht richtig mitbekommen hatte (zum Glück für diese Geschichte, wie sich später zeigen wird). Dann nahmen wir wieder die alte Haltung ein und tanzten weiter, unterstützt von einem DJ, der jetzt glücklicherweise ein paar langsamere Sachen auflegte. Ein wenig zwiespältig war das schon, ich war mir nicht mehr ganz so sicher, ob nun die Enttäuschung bei mir überwog oder der Wunsch, weiterhin ihre und meine Hände dort zu lassen wo sie lagen. Letztlich entschied ich mich dann aber für die zweite Lösung.

So tanzten wir, bis um kurz nach fünf der Laden geleert wurde und wir gehen mussten. Zunächst standen wir dann draußen, dann schauten wir, ob in den Kneipen am Bahnhof noch ein Plätzchen frei wäre, wo wir uns hätten niederlassen können. Aus dem einzigen Laden, der nicht ganz so voll war, dröhnte aber so laute Schlagermusik, dass wir uns beim besten Willen nicht hinein trauten. Man muss schließlich nicht jedes Publikum der Welt kennen lernen!  Also diskutierten wir jetzt noch kurz, ob wir wirklich in den Laden gehen wollten, dessen Namen ich drinnen nicht verstanden hatte und der ja ursprünglich eh angepeilt gewesen war. Dabei fiel mir zum ersten Mal auf, dass die beiden Schwestern einen seltsamen Umgang miteinander hatten – Katharina schien trotz ihres Pegels eine vernünftige Lösung anzustreben, auch wenn mir verborgen blieb, wie diese hätte aussehen sollen, denn der nächste Zug in ihre Heimat fuhr erst zwei Stunden später und eine andere Möglichkeit, den Heimweg anzutreten gab es halt nicht. Ihre Schwester schien eher abenteuerlich veranlagt zu sein. Die Diskussion währte aber nicht lange, da packten mich beide Schwestern links und rechts unterm Arm (also nicht jeweils, sondern eine links, eine rechts), die dunkelhaarige (Sarah hieß sie, wie ich während der Diskussion zuvor erfahren hatte) gab eine Richtung vor, packte mit ihrer freien Hand den Typen (zu dem ich jetzt nicht auch noch eine Klammerbemerkung in diesem Satz unterbringen möchte) und schleifte uns bestimmt in Richtung Bahnhofstraße. Auf halbem Wege sagte dann der andere Kerl, dem man an seiner Sprechweise anmerkte, dass er ebenfalls schon gut getankt hatte: „Habe ich Euch jetzt richtig verstanden, Ihr wollt da wirklich noch hin?“. Beide Schwester bejahten diese Frage, worauf die Antwort kam: „Ja, dann gehen wir aber gerade in die falsche Richtung!“

Nachdem auch die Diskussion um die Richtungsfrage geklärt war, drehten wir also um und zogen in dieser Viererkonstellation in Richtung der anderen Straße, die vom Bahnhof wegführt. An der ersten Ecke bemerkten wir, dass der dortige Kiosk immer noch auf hatte und sich darum herum eine Menge Menschen scharten. Der andere Typ (es tut mir leid, ich kann mich an seinen Namen beim besten Willen nicht mehr erinnern), der mittlerweile einen Blick drauf hatte wie der typische Ballermann-Tourist nach verrichteter Arbeit, beschloss, dass wir hier noch dringend Marschverpflegung brauchten und stellte sich in die Warteschlange, um uns noch was Gutes zu tun. Währenddessen sprach Sarah einen älteren Mann an, der wie das gesamte Volk vor diesem Kiosk einen etwas heruntergekommenen Eindruck machte. Katharina war das sichtlich unangenehm, schließlich begann sie sogar, sich bei mir für das Verhalten ihrer Schwester zu rechtfertigen. „Sarah ist halt so“, begann sie, „so offen zu jedermann, die unterhält sich mit wildfremden Leuten, die sie überhaupt nicht kennt.“ Das wiederum hörte ihre Schwester und begann, sich gleich lautstark zu verteidigen, ungeachtet der Menschen, die nach wie vor um uns herum standen.

Dieser Streit wurde dann glücklicherweise durch den Typen unterbunden, der inzwischen jedem von uns eine Dose Jack Daniels-Cola besorgt hatte und seine Errungenschaft nun fröhlich unter uns verteilte. Nachdem die Dosen geöffnet waren und wir miteinander angestoßen hatten, forderte er und auf, nun unseren Weg fortzusetzen.

Für die ungefähr 300 Meter bis zu unserem Ziel brauchten wir mehr als eine halbe Stunde, weil immer wieder eine der beiden Schwestern stehen blieb, und über das unverständliche Verhältnis der jeweils anderen zu lamentieren begann. Irgendwann hörte ich auf mitzuzählen, wie oft ich auf diesem Weg den Satzanfang „Versteh mich bitte nicht falsch, ich liebe meine Schwester über alles, aber manchmal ist sie halt so…“ anhören durfte. Dabei flossen durchaus auch Tränen. Jedenfalls verstärkten diese bizarren Gespräche meine Vermutung, die ich bereits vor der Disco getroffen hatte. Katharina war eigentlich (soll heißen: im nüchternen Zustand) eher der Vernunftmensch von beiden, während Sarah eine Draufgängerin war, die für den Augenblick lebte und sich auch gerne mal kopflos in ein Abenteuer stürzte. Die unfreiwillige Komik, die dieser Familiengeschichte innewohnte, wurde noch dadurch verstärkt, dass der andere Typ davon überhaupt nichts mitzubekommen schien und nach jeder Wartezeit mit einem Blick, der seinen beduselten Zustand nur allzu deutlich verriet, fragte: „Was ist denn jetzt? Wollen wir weiter feiern gehen?“, worauf sich unser Zug dann für die nächsten 50 Meter in Bewegung setzte.

Meine Neugier auf das, was jetzt noch folgen sollte, ließ schlagartig nach, als ich sah, welche Lokalität sich die anderen drei für den Rest der Nacht ausgesucht hatten: das Cheers. „Die gemütliche Kneipe für Nachtschwärmer“ heißt es auf dem Schild an der Außenwand, was ja an sich schon auf jeden vernünftigen Menschen abschreckend genug wirken sollte. Das klingt natürlich schon viel besser als „Absturzkeller für Menschen, die nicht wissen, wohin mit Zeit und Geld“. Egal, vielleicht hatte ich ja auch ein falsches Vorurteil, aber es zog mich nicht wirklich in die Tiefe um das zu ergründen. Dazu kam, dass unser Weg sich zwar in die Länge gezogen hatte aber immer noch nicht lang genug war, um Katharina die Möglichkeit zu geben, ihren Jackie-Cola seiner Bestimmung zuzuführen. Also ließen wir die anderen beiden vorgehen und unterhielten uns draußen noch ein bisschen. Angesichts der Gestalten, die aus den Niederungen des Cheers auf die Straße traten, bemerkte ich, dass sich mein Drang, diese Räumlichkeiten zu betreten doch arg in Grenzen hielt. Mittlerweile hatte ihr Alkoholpegel wohl einen obskuren Sinn für Gerechtigkeit in ihr erwachen lassen, denn sie schimpfte auf meine Kommentare über diese Personen hin mit mir und meinte, dass ich frech wäre, diese Menschen zu beurteilen, obwohl ich sie gar nicht kennen würde. Als ich erwiderte, bei diesen Menschen würde ein Blick genügen, um sie auf die „Uninteressant“-Liste zusetzen, fiel ihr auf, dass ich sie ja auch noch nicht wirklich kennen würde, und sie fragte, woher ich denn wissen wollte, dass sie besser wäre als sie anderen Gäste hier. Statt wahrheitsgemäß zu antworten, dass sich dieser Eindruck so langsam zu verflüchtigen begann, reichte ich ihr mit einem Lächeln, von dem ich hoffte, dass es halbwegs tiefgründig aussah, ihre Dose zurück, die sie endlich ausleerte. Nun gab es keinen Grund noch länger zuwarten und wir betraten die Kneipe.

Drinnen war es stickig und verraucht, der überwiegende Teil des Publikums hatte bereits gehörig einen in der Krone und als Musik dudelte das, was halt in einem Land der Geschmacklosen zwangsläufig die oberen Plätze der Charts bevölkert. Während Sarah und der andere Kerl mit ihren Getränken noch an der Theke standen, setzten Katharina und ich uns erst einmal an den einzigen freien Tisch. Dort blieben wir ungefähr eine Minute zu zweit, dann setzte sich ein freundlicher Südländer zu uns und begann an der Frau zu graben, was ich mit einiger Belustigung beobachtete. Als es Katherina dann zuviel des Guten wurde (nach nicht mal ganz einer weiteren Minute), stand sie dann auf und besorgte uns erst einmal etwas zu trinken. Unser neuer Tischnachbar, der ja jetzt nur noch mein Tischnachbar war, schien diesen Wink mit dem Zaunpfahl aber nicht ganz verstanden zu haben, denn sofort wandte er sich zur Sicherheit an mich: „Ey, ihr seid jetzt aber nicht zusammen oder so?“. Wahrheitsgemäß bestätigte ich seine als Frage getarnte Feststellung, worauf er sich noch einen Schritt weiter vorwärts traute: „Ey, stört dich das, wenn ich die jetzt hier ein bisschen anmache?“ Mir lag bereits die Antwort auf der Zunge, dass mich das ganz und gar nicht störe, dass aber vielleicht Katharina auf Männer mit bis auf zwei Knöpfe offenen Hemden und einem beeindruckenden Urwald von Brusthaaren darunter nur gemäßigt enthusiastisch reagieren könne, als ich sah, dass sie mich zum Tresen wank. Fluchtartig verließ ich den Tisch, bevor mir gegenüber meinem neuen Freund doch noch eine dumme Bemerkung herausrutschen konnte.

Nachdem ich mich zur Theke durchgedrängelt hatte, hörte ich, dass die beiden Schwestern bereits den nächsten verbalen Waffengang gestartet hatten. Ich hörte nur noch, wie Katharina sagte „Nein, aber dieses Bier tue ich jetzt Olaf aus“, bevor sie sich von ihrer Kontrahentin abwandte und mir einen Halbliterkrug Bier nicht feststellbarer Sorte in die Hand drückte. Nach einem kurzen Blick zu unsere alten Sitzplatz, an dem immer noch der nette Casanova auf uns wartete (vielleicht hielt er auch schon nach der nächsten, vielleicht etwas willigeren Dame Ausschau), fragte ich sie, ob sie nicht Lust hätte, mit mir wieder nach oben zu gehen, statt das Bier in der stickigen Enge zu trinken. Sie bejahte und wir stiegen die Treppen wieder hinauf. Dabei musste ich ihr Glas mit nach oben nehmen, da die Treppe sie in ihrem Zustand bereits vor nicht unerhebliche Probleme stellte.

Draußen angekommen begrüßte uns bereits wieder helles Tageslicht. Wir lehnten also an der Hauswand und tranken unser Bier, während Taxi um Taxi vorfuhr, um die Gäste des Etablissements ihren Heimstätten zuzuführen. Draußen unterhielten wir uns zunächst weiter über ungewöhnliche Lebensentwürfe, wobei ich einige Beispiele von meinen heiß geliebten Mittelaltermärkten ins Spiel brachte. Aber auch an dieser Stelle fand Katharina schnell wieder einen Weg, das Thema zurück auf ihre Schwester und das Verhältnis der beiden untereinander zu lenken. So ging das Bier allmählich zur Neige und wir tauschten noch die eine oder andere Umarmung aus – und schließlich auch unsere Telefonnummern. Nach einem weiteren Blick auf unsere leeren Gläser beschlossen wir, uns wieder nach unten zu begeben.

Drinnen stellten wir als erstes fest, dass Sarah mittlerweile allein am Tresen stand. Wir hatten gar nicht mitbekommen, dass der Typ mittlerweile abgehauen hatte, normalerweise hätte er ja am Eingang an uns vorbei kommen müssen. Sobald die beiden Damen aufeinander trafen, ging sofort das gegenseitige Sticheln wieder los. Ich suchte mir lieber einen Ort, an dem ich Abstand von diesem Zickenkrieg bekommen konnte und zog mich auf die Toiletten zurück. Diese waren alles andere als in einem schönen Zustand, kein Wunder, denn Horden von Volltrunkenen hatten hier seit Mitternacht ihre Spuren hinterlassen – und mittlerweile war es halb acht.

Als ich wieder zurück in den Hauptraum kam, war der Disput zwischen den beiden Schwestern noch nicht beendet. „Weißt Du, was Dir fehlt? Abenteuerlust! Du kannst Dich nicht fallen lassen und würdest nie spontan was Verrücktes tun!“, predigte Sarah zum x-ten Mal in dieser Nacht – doch diesmal war die Wirkung eine andere, denn Katharina sag sie herausfordernd an, sah kurz zu mir hinüber, dann wieder zu ihrer Schwester. Plötzlich setzte sie sich in Bewegung und begann, mich in die Richtung zurück zu ziehen, aus der ich gerade kam. „Was hast Du denn jetzt vor?“, tönte ihre Schwester hinterher und bekam nur einen herausfordernden Blick als Antwort. Den schien sie allerdings richtig zu deuten, denn in einer Geschwindigkeit, die man ihr angesichts ihrer mittlerweile auch schon nicht mehr ganz deutlichen Aussprache gar nicht zugetraut hätte, folgte sie uns nach. „Bist Du jetzt völlig irre?“, wollte sie von ihrer Schwester wissen, die sich offenbar selber noch nicht ganz sicher war und deshalb die Antwort zur Vorsicht lieber komplett verweigerte. So langsam dämmerte mir, was hier vor sich ging und die Situation wurde mir etwas ungemütlich. „Jetzt hör schon auf, das machst Du eh nicht!“, versuchte Sarah es noch einmal, als Katharina bereits den Kopf in die Männertoilette steckte, um zu schauen, ob wir hier unter uns seien. Als sie sich davon überzeugt hatte, zerrte sie mich zur freien Kabine, bekam aber die Tür nicht schnell genug zu, so dass Sarah sich mit hinein zwängte.

Während ich noch darüber nachsann, wie ich aus dieser prekären Lage wieder entkommen könnte, machte sich Katharina bereits an meiner Kleidung zu schaffen. Mit den Worten „Jetzt zeige ich Dir, was spontan ist!“ öffnete sie dann ihre Hose und zog sie herunter. Die körperliche Reaktion, die sich nun bei mir einstellte, überraschte mich selber. In jeder sinnlichen Situation zu zweit wäre sie mir auch Recht gewesen, aber das hier war alles andere als ein gemütlicher Ort und der Gedanke, dabei auch noch eine Zuschauerin zu haben, hätte eigentlich alle entscheidenden Körperfunktionen zum Erliegen bringen müssen. Es folgte eines der absurdesten Erlebnisse meines Lebens. Obwohl ich durchaus in der Hoffnung in die Disco gegangen war, dort jemanden kennen zu lernen, war diese Situation ebenso unbefriedigend wie der Sex, der obendrein noch dadurch gestört wurde, dass die beiden Schwestern selbst jetzt nicht aufhörten, sich gegenseitig anzukeifen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber: Ich war wirklich froh, als es vorbei war.

Meine Telefonnummer habe ich ihr zu meiner eigenen Sicherheit dann beim Gehen lieber wieder aus der Jackentasche geklaut…

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