Donnerstag, 13. märz 2008
Casting & Musikalität
An sich verbietet es sich ja fast von selbst, den um sich greifenden Casting-Wahn in einem Text aufzugreifen. Zu offensichtlich bieten sich solche Sendungen als Zielscheibe an, zu banal und
uninteressant ist der Inhalt als dass eine nähere Beschäftigung mit ihnen etwas anderes wäre als Zeitverschwendung. Dennoch kommt man nicht um eine Betrachtung dieses Phänomens herum, denn seine
Auswirkungen auf die Veröffentlichungssituation des deutschen Tonträger-Marktes sind verheerend. Das liegt weniger an den entdeckt werden wollenden „Superstars“ in spe, denen man mit einer
dezenten Mischung aus Desinteresse, Mitleid und Verachtung freilich bei weitem genug Aufmerksamkeit gewidmet hat. Meistens handelt es sich hierbei um armselige, eitle Selbstdarsteller, die ihre
15 Minuten Ruhm genießen wollen und völlig verdrängen, dass sie, den Gesetzen des Marktes gehorchend, spätestens mit dem Beginn der nächsten Staffel wieder sang- und klanglos in der Versenkung
verschwunden sein müssen und werden.
Interessanter ist da schon der Blick auf die Zielgruppe, auch Publikum genannt. Was für Menschen schauen diesen Quatsch eigentlich, brav und folgsam, Staffel für Staffel? Auf jeden Fall handelt
es sich um ein Publikum, das keine besonderen Ansprüche an seine abendliche Unterhaltung stellt. Musikalisch ist dieses Publikum eher weniger interessiert, man lässt sich halt bereitwillig, wenn
auch nur kurzfristig, von simplen 4/4-Mitklatsch-Rhythmen mitreißen. Man freut sich, wenn man mal eine Melodie wieder erkennt – und sei es auch nur, weil der Interpret gerade die
dreiundzwölfzigste Cover-Version eines „Superhits“ von damals zum „Besten“ gibt.
Man sucht ein Stückchen heile Welt, was sich auch in der zur Casting-Show gehörenden Lektüre ausdrückt. Solche Blättchen tragen Titel wie „DSDS-Magazin“ (die „Star Search“-Macher werden sich eine
solche Abkürzung mit den Initialen wohl zweimal überlegen) und berichten in eher mal eigenwilliger Auslegung der Tatsachen, wie wunderbar harmonisch doch die Atmosphäre hinter den Kulissen ist.
Unter dem Aspekt der Verlogenheit unterscheiden sich diese Sendungen in nichts von Volksmusik- und Schlagersendungen. Echte DSDS-Fans werden über diesen Vergleich wohl dennoch empört sein – egal!
Ein weiterer möglicher Blickwinkel, wenn auch ein sehr erfreulicher, da die Augen hier über Milch und Honig schweifen dürfen, ist der der Macher eines solchen Geschmacksattentats. Da sind die
Großen im Sender, die sich die Hände reiben, da eine solche Sendung aus völlig unerfindlichen Gründen immer noch die Einschaltquoten in die Höhe treibt. Das wiederum treibt die Preise für die
Werbung in die Höhe. So sind am Ende alle glücklich und der schlechte Geschmack und der wirtschaftliche Erfolg haben sich wieder einmal als partners in crime erwiesen. Außerdem erschafft
sich der Sender hier einen erlesenen Kader von C-Klasse-Promis, die man dann in späteren C-Klasse-Promi-Events (Boxen / Dschungel / Pfahlsitzen) mit der Aussicht auf ein bisschen Nachruhm dazu
bewegen kann, sich vollends zur Tröte zu machen, womit weitere Sendezeit billig gefüllt wäre.
Den Mitgliedern der Jury geht es um die Medienpräsenz. So unterliegt der Komponist und Poet Dieter Bohlen („Modern Talking“) dem tragischen Irrglauben, sofort tot umfallen zu müssen, wenn er sein
Gesicht (respektive das, was er dafür hält) mal länger als 30 Sekunden nicht in eine Kamera halten darf. Diese Einstellung teilt er ja mit einigen anderen fehlgeleiteten Gestalten, z.B. der
fehlgeleiteten Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz „Kaiser“ Beckenbauer, dem wandelnden Geltungsbedürfnis aus München. Dem Heinzel von der BMG-Group geht es darum, dass der Name seines
Arbeitgebers öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Eine andere Plattenfirma käme auch nicht in Frage, wegen der unguten Verquickung von Bertelsmann und RTL.
Wo wir schon bei Plattenfirmen sind: Für die ist eine solche Sendung natürlich ebenfalls eine feine Sache. Man spart sich eine teure Werbekampagne, da die Werbung praktischer Weise die Sendung
selbst ist. Man braucht keine langfristige Aufbauarbeit zu leisten, da der „Stat“ schon auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit beginnt. Man braucht auch keine Unterstützung der Karriere zu leisten,
da diese ja nach höchstens einem Album und einer Handvoll Singles wieder beendet sein sollte, damit Deutschland den Kopf frei hat für die Suche nach dem nächsten Superopfer der eigenen Ruhmgier.
Dieses kurzfristige Denken erklärt allerdings zu einem großen Teil die gegenwärtige, viel bejammerte Absatzkrise der deutschen Tonträgerindustrie. Während die Qualitätsverweigerer in deren
Chefetagen immer wieder gerne den Zeigefinger (gerne auch mit moralisch drohendem Habitus) auf das böse Internet, auf Downloads und auf CD-Brenner richten, müssen sie sich im Gegenzug die Frage
gefallen lassen, ob sie für die akustischen Absonderungen ihrer Firmen allen Ernstes das gezückte Portmonee (sieht komisch aus, oder? Schreibt sich aber echt so…) des Konsumenten erwarten.
Stattdessen erfinden sie immer raffiniertere Kopierschutz-Maßnahmen, um auch dem ehrlichen Käufer eine CD die Lust am just erworbenen Produkt zu verderben, weil er sie möglicherweise nicht mehr
auf jedem beliebigen Gerät abspielen kann. Den Tod durch Kopien befürchtete man schließlich auch schon bei der Markteinführung der Leerkassette. Und was geschah? Fand der prophezeite
Zusammenbruch statt? Er tat es nicht!
Das liegt vor allem daran, dass damals der Markt bei weitem nicht so übersättigt war wie heute. Die Zahl der monatlichen Veröffentlichungen hat sich seit den letzten 20 Jahren ca. verfünffacht,
ohne dass die Einkommen entsprechend mitgewachsen wären. Wo soll das Geld für die ganzen Tonträger denn herkommen? Oder auch die Kauflust? Zur Risikominimierung werden ja leider immer weniger
unterscheidbare Acts auf den Markt geworfen, stattdessen wird ein scheinbares Erfolgsrezept bis zur Kotzgrenze und darüber hinaus geklont, kopiert, und reproduziert, bis auch der letzte Hörer
sein Geld in etwas anderes investiert. Copy kills music – Das gilt auch und vor allem für ihre Macher!