Donnerstag, 13. märz 2008
Kettenmails
 
Spam ist eine zwar komplett sinnfreie, aber streckenweise durch die Absurdität auch recht unterhaltsame Sache. Hat man die ganzen „Fick mich!“-Seiten erst einmal aussortiert, zu denen man eingeladen wird, bleibt immer noch die Möglichkeit, eine Menge Trivia-Wissen zu erwerben. So erfährt man zum Beispiel, dass holländische Internet-Apotheken das billigste Viagra anbieten, wenn man denn Interesse an blauen, rautenförmigen Pillen hat.[1] Oder man wundert sich, warum man für die Teilnahme an angeblich kostenlosen Online-Glücksspielen zur Eingabe seiner Kreditkartennummer aufgefordert wird.
Die unrühmliche Ausnahme in diesem ganzen Spam-Spaß ist die Kettenmail. Die Kettenmail ist der Bürokrat des Posteingangs: eine völlig unnütze Ressourcenverschwendung, die einen zu zeitverschwenderischen Tätigkeiten wie Weiterleiten oder Ausfüllen von irgendetwas nötigt – wie im richtigen Amt eben. Wie ihre bürokratischen Kollegen im richtigen Leben arbeitet sie dabei mit dem Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche: So wird einem bei rechtzeitiger Weiterleitung an die Freunde das Glück versprochen, fein abgestuft nach der Anzahl der weiter geleiteten Mails. Das geht von einer kleinen Überraschung (an 5 Personen) bis zur Erleuchtung und dem Erreichen des Nirwana (mehr als 1000 Personen). Die Peitsche wird meist in Form von Drohungen eingesetzt, die in die Richtung zielen, dass dem Blockierer und Nicht-Weiterleiter schreckliches Unglück geschehen wird. Diese Drohungen werden nicht direkt ausgesprochen, sondern es wird „subtil“ durch abschreckende Beispiele verdeutlicht, was anderen Blockierern und Nicht-Weiterleitern in der Vergangenheit schon alles geschehen ist. (Beispiel: „Die 27-jährige Petunia W. aus Kirchheim unter Teck unterbrach die Mailkette. Zwei Tage später wurde bei ihr Gebärmutterkrebs diagnostiziert. Glücklicherweise erinnerte sie sich an diese Mail und schickte sie unverzüglich an 200 Personen weiter, worauf sich der Tumor einen Tag später als die lang ersehnte Schwangerschaft entpuppte.“ Ob spektakuläre Fehldiagnose oder doch direktes göttliches Eingreifen, das erfährt der geneigte Leser bedauerlicherweise nicht)
Ein ganz besonders widerliches Exemplar ist die Kettenmail, die unter dem Deckmantel der Nächstenliebe auftritt. Hier wird dann vom kleinen Mumbutu aus der südlichen Sahelzone erzählt, dessen größter Wunsch es angeblich ist, dass kurz vor seinem unvermeidlichen Hungertod wenigstens noch seine Kettenmail einmal rund um den Globus geht. Das Zuckerbrot ist in diesem Fall das reine soziale Gewissen, einem verhungernden Kind für billig eine Freude gemacht zu haben. (Eine Spende wurde schließlich nicht verlangt und die paar Cent Internetgebühr opfert man für ein verhungerndes Negerkind doch schließlich gerne! Tja, so ist er halt, der Deutsche an sich…) Die Peitsche besteht in dem schlechten Gewissen, bei Unterbrechung der Mailkette die Schuld daran zu haben, dass Mumbutus Eltern stracks den tragischen AIDS-Tod sterben.
Mal angenommen, es gäbe Mumbutu wirklich: Würde der AIDS-Tod seiner Eltern ihm nicht völlig neue soziale Perspektiven eröffnen? Offenbar können sie ihn ja nicht ausreichend ernähren. Eine Pflegefamilie oder eine Karriere als Kindersoldat wären zumindest theoretisch Möglichkeiten, dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Das bringt uns zu einer gravierenden dramaturgischen Schwäche dieser Mail: Wieso steht Mumbutu kurz vor dem Hungertod, hat aber einen Computer mit Internetanschluss, über den er sinnlose Kettenmails startet? Wenn er wirklich an Hunger stirbt, dann ist das nicht tragisch sondern die logische Folge falsch gesetzter Prioritäten. Auch der AIDS-Tod seiner Eltern bedarf der Erklärung, HIV kann weder über Internet übertragen noch verhütet werden. Man kann also genau so guten sozialen Gewissens die Mail schlicht löschen.
Die Tatsache, dass dennoch massenhaft Kettenmails weiter geleitet werden, verrät einiges über die Befindlichkeit der Menschen in diesem Land. In einer immer stärker säkularisierten Welt sucht man Trost, Hoffnung und Glück, und wenn man die halt übers Internet zu erlangen trachtet…
Natürlich vertraut man auch den Glücksversprechen dieser Mails, meistens bekommt man sie ja schließlich von den eigenen Freunden – wieso sollten diese einem falsche Versprechungen machen? Dennoch mein dringender Appell: Wenn Ihr Halt sucht, dann macht irgendwas anderes, sammelt von mir aus Kronkorken oder lernt Baseball! Aber ich möchte, dass an mich nur unterhaltsame oder informative Mails weiter geleitet werden. Vielen Dank!


[1] An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs gestattet, der allerdings nichts mit dem Haupttext zu tun hat: Eine gute Bekannte behauptete letztens, Viagra sei auch für junge Leute geil, weil man dann „die ganze Nacht durchpoppen“ (O-Ton) könne. Da sie eine sehr attraktive junge Frau ist, hoffe ich, sie hat nicht ihren eigenen Freund gemeint, denn der sollte bei der Vorlage auch für längere Aktivitäten keinerlei medizinische Hilfsmittel benötigen. Es sei denn, sie kaschiert mit ihrer Kleidung, dass gewisse Körperpartien doch schon Opfer der Schwerkraft geworden sind, oder das gefühlte Alter ihres Freundes ist höher als das auf dem Papier. Egal, das sind Spekulationen, die uns an dieser Stelle nicht weiter bringen.
 
von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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