Dienstag, 25. märz 2008

Fußball als experimentelle Erfahrung

 

Eine Karriere als Profi-Fußballer ist – neben den ungleich unschöneren Alternativen Talkshowgast, Casting-Teilnehmer und Angeklagter wegen Kindesmissbrauchs oder Vernachlässigung – eine der wenigen Möglichkeiten für Angehörige des intellektuellen Prekariats, ein wenig Medienpräsenz zu erheischen. Das zeigt sich an zahlreichen amüsanten Zitaten, die an den einschlägigen Stellen nachgelesen werden können und keineswegs immer nur aus Interviews direkt nach dem Spiel stammen, bei denen die Beine vielleicht noch stärker durchblutet werden als das Hirn. Auf der anderen Seite kann es für einen Zuschauer sehr erleichternd sein, festzustellen, dass Spieler X oder Y für seine Karriere als Fußballer garantiert keine viel versprechende Laufbahn als Akademiker geopfert hat.

Interessant wird es allerdings, wenn man die Personen betrachtet, die sich ausgerechnet Fußballer als Idole aussuchen. Unter Fußballfans kann man im Verlauf eines einzigen Spiels komplette sozialpsychologische Studien durchführen. Erste Feldversuche dieser Art konnte ich bereits in der Saison 1996/97 anstellen, als der FC Gütersloh noch in der 2. Bundesliga spielte. Als Zivildienstleistender bekam ich vergünstigten Eintritt ins Stadion, und so nutzten mein Kumpel Jan, der als Schüler ebenfalls einen Preisnachlass bekam, und ich die Gelegenheit und schauten das eine oder andere Spiel dieser Saison an. Nun ist das Heidewaldstadion keines, das vor lauter Atmosphäre schier zu zerbersten droht. Oftmals hatten wir den Eindruck, die ca. 500 mitgereisten Fans der Gastmannschaft wären lauter und besser zu hören als die etwas lethargischen Anhänger der Heimmannschaft.

Da auch die Spielweise des FC Gütersloh mit „attraktiver Offensivfußball“ alles andere als korrekt beschrieben wäre, suchten wir nach einem Weg, für den errichteten Eintritt möglichst großes Vergnügen als Gegenleistung für uns herauszuholen. So kamen wir auf den großartigen Einfall, uns in die Meckerecke der alten Säcke zu stellen. Nirgendwo wird einem die Schönheit des eigenen Lebens so bewusst wie zwischen etlichen verhärmten Frührentnern, die sich lautstark darüber auslassen, dass jede misslungene Aktion auf die mangelnde Laufbereitschaft der heutigen Spieler zurückzuführen sei und früher ohnehin alles besser war. Dazu noch ein paar derbe modische Entgleisungen (Schirmmützen mit wahlweise Blinklicht, Getränkehalter oder zwei Händen oberhalb des Schirm, die auf Zug an einer bis unter das Kinn herunter baumelnden Schnur Klatschbewegungen imitieren), fertig ist der pralle Spaß für Aug’ und Ohr.

Um jetzt aber noch das Vergnügen bis ins Unermessliche zu steigern, entwickelten wir im Laufe unserer Besuche eine Technik, die wir „Zitate weiter tragen“ nannten und die uns einige interessante Dialoge mit etlichen dieser Herren (in der Tat waren in dieser Ecke nie Frauen oder artverwandte Lebewesen zu sehen!) bescherte. Das funktionierte so: Wir schnappten einige Dialogfetzen auf, merkten sie uns, stellten uns mit unserem neu erworbenen Wissen hinter zwei andere Männer mit Zitronengesichtern und gaben wortgetreu das soeben Erlernte wieder. Das brachte uns in der Regel eine leidenschaftliche Gegenreaktion ein, die wir wiederum zu der Stelle trugen, an der wir zuvor gestanden hatten, um dort erneut eine Reaktion abzuholen usw. Mein Lieblingsbeispiel (angereichert mit einem feinen Hauch Alltagsrassismus, wie er gerne mal über die Fantribünen deutscher Fußballstadien schleicht): „Der sollte mal den Schwatten einsetzen.“ – „Och, der Schwatte, hör doch auf!“ Dieser Dialog wurde in unseren Köpfen abgespeichert und hinter zwei anderen Miesepetern exakt so wiedergegeben, worauf sich der eine prompt umdrehte und antwortete: „Jau, ich hab den damals gesehen, beim Spiel Europa-Auswahl gegen Afrika-Auswahl. Ich sach ma: Der hat da sein Ding gemacht – aber so berauschend war das auch nich’!“ Voller Vorfreude folgte nun die Rückkehr zu den grauen Eminenzen, die sich den ersten Dialog ausgedacht hatten, um sie an unserer neuen Weisheit teilhaben zu lassen usw.

Waren schon die Spiele der zweithöchsten Spielklasse durchaus unterhaltsam, so stieg vor dem 6. Oktober 2007 meine Erwartungshaltung ins kaum noch Fassbare. Ein Freund von mir hatte bei einem Gewinnspiel zwei Eintrittskarten für das Spiel Arminia Bielefeld gegen den HSV gewonnen. Da er selbst mit einer Karte auskam, hatte er eine übrig, womit er mir meinen ersten Besuch bei einem Bundesligaspiel verschaffte.

Was soll ich sagen? Es wurde durchaus interessant – und das, obwohl die Reaktionen recht gemäßigt ausfielen, da die beiden Vereine durch eine Fanfreundschaft und eine Kooperation in der Nachwuchsarbeit miteinander verbunden sind. Das hat aber auch sein Gutes: Es ist beim nächsten Mal immer noch eine Steigerung möglich! Während des Spiels ist das sowieso relativ egal, da macht der Fußballfan das, was er reflexartig ohnehin ständig macht, vielleicht abzüglich der ganz derben Beleidigungen an die Fans des Gegners. Mit reflexartigen Reaktionen meine ich vor allem alles, was mit der sehr subjektiven Sichtweise eines Fans auf ein Spiel automatisch einher geht: Während die eigenen Spieler bei jeder Gelegenheit schwerste Fouls über sich ergehen lassen müssen, besteht die gegnerische Mannschaft ausschließlich aus verweichlichten Simulanten, die sich möglichst alle im eigenen - wahrscheinlich ebenfalls simulierten – Blut wälzen, um Zeit zu schinden. Dazu kommt noch die üble Wettbewerbsverzerrung durch die offenkundigen telepathischen Kräfte der Gegner, die es schaffen, selbst aus größerer Entfernung noch ihre Angriffe auf die Gesundheit der eigenen Spieler durchzuführen (denn dass es kein Foul gewesen sein kann, weil der gegnerische Spieler schließlich zwei Meter vom Mann entfernt stand, ist ein Argument, dass der gemeine Fußballfan nicht gelten lässt). Die eigene Mannschaft muss auch grundsätzlich in der Unterzahl antreten, weil der Schiedsrichter grundsätzlich für den Gegner pfeift und somit deren zwölfter Mann ist.

Dass solche reflexartigen Reaktionen bei den Zuschauern überhaupt möglich sind, überrascht teilweise schon, denn Teufel Alkohol schafft es schließlich auch, so manchen anderen Bereich des Großhirns lahm zu legen. Hier drängt sich eine Frage auf, für deren schlüssige Beantwortung ich sehr dankbar wäre: Warum bezahlt man viel Eintritt, um ein Fußballspiel zu sehen, wenn man dann so betrunken ist, dass man vom Spiel nichts mehr mitbekommt? Der Fairness halber muss hier gesagt werden, dass es sich dabei um eine deutliche Minderheit handelt. Das Problem ist halt, dass diese Minderheit durch ihr Verhalten besonders auffällt, zumal im Familienbereich, wohin uns der Gewinn meines Freundes verschlug. Die Erziehung mitgebrachter Kinder dürfte durch den alkoholbedingten Verzicht auf die Fähigkeit, in ganzen Sätzen sprechen zu können, nicht unbedingt einfacher werden…

Erfreulich dagegen die Szenerie, die sich nach dem Spiel bot: Gemeinsam und bunt durcheinander (na ja, schwarz-weiß-blau halt…) bevölkerten die Fans die Bielefelder Straßen und Kneipen und feierten friedlich. Dabei wurde munter weiter getrunken, bei den Hamburgern aus Siegesfreude, bei den Bielefeldern aus Frust. Es wurden optimistische Zukunftsprognosen ausgetauscht und gegenseitig bestätigt („Bayern-Jäger“, bzw. „obere Tabellenhälfte“), irgendwann stiegen wir dann in unsere Züge und fuhren wieder nach Hause. Ich war trotz der netten neuen Erfahrung etwas geknickt, zum einen, da ich als Autofahrer natürlich meinen Frust nicht im Alkohol ertränken konnte (vom Bahnhof zu unserem Haus ist es zwar nicht weit, aber man ist ja konsequent) und nun nüchtern zwischen lauter Leuten stand, die allesamt ein gewisses Level erreicht hatten. Zum anderen verhagelte mir noch eine geplatzte Verabredung für den Abend des gleichen Tages die Laune, aber das ist eine Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden soll, zumal sie letztlich doch noch einen amüsanten Ausgang nahm.

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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