Vorglühen mit V.[1] – Fragmentarische Eindrücke eines Abends
Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Vorglühen mit mir ist kein Spaß für kleine Mädchen!“ Ich bin trotzdem hingegangen. Dieses „Vorglühen“ vor dem Besuch weiterer Veranstaltungen kannte ich bis dahin nur vom Hörensagen, deshalb war ich überaus neugierig, wie ein solcher Abend verlaufen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Meine Vorfreude bekam reichlich Zeit zum Wachsen und Gedeihen spendiert, denn eigentlich sollte unser Treffen bereits ein Wochenende früher stattfinden, scheiterte aber am Domino-Effekt: Eine Person muss aus Krankheitsgründen passen, die anderen sagen dann aus falsch verstandener Solidarität ebenfalls ab. Wie an anderer Stelle bereits angedeutet, war ich an jenem Wochenende nicht sehr zufrieden und glaubte auch erst an den Erfolg des Folgewochenendes, als wir bei V. in der Küche saßen, Fußball schauten und uns dabei auf den kommenden Besuch in der Disco vorbereiteten. Mit acht Leuten war die Küche gut besetzt, die mitgebrachten Getränke taten ihre Wirkung und die Gespräche bekamen eine Richtung in die Tendenz „steigender Spaß bei sinkender Inhaltsschwere“, was in dieser Gruppe sehr angenehm war. Gut angetütert machten wir uns auf den Weg ins Tanzvergnügen.
Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Wenn ich etwas getrunken habe, dann bin ich in der Öffentlichkeit mitunter ganz schön peinlich.“ Ich habe sie trotzdem begleitet. Diese „Peinlichkeit“ kannte ich schon von anderen gemeinsamen Unternehmungen. Ich empfand es gar nicht als so schlimm sondern als durchaus charmant, zumal sie eher leicht angeschwipst wirkt als wirklich betrunken. Das bestärkt zwar einige Eigenschaften, die sie ohnehin besitzt (der Redefluss!), bringt aber keine Schlechtigkeiten hervor, die nun den lediglich dünnen Deckmantel der Zivilisation abstreifen würden. Zwar kam die eine oder andere Kuriosität zustande, aber nichts, was sich nicht mit einem Lächeln und einer netten Erklärung wieder gerade biegen ließ. Da waren zum Beispiel ihre eher zaghaften Versuche, bei härteren Klängen zu pogen. Mit Anlauf kam sie angaloppiert und sprang dann aber eher dezent die Personen an, die sie anvisiert hatte. Innerhalb unserer geschlossenen Gruppe war das auch ganz lustig, leider suchte sie sich dann aber noch zusätzlich den größten und schwersten Menschen auf der Tanzfläche aus: Statur wie ein Bodybuilder, 2,50 Meter groß (mindestens!) – und leider so gar kein Fan des klassischen Pogo. Zwar reagierte der fremde Tänzer nicht verärgert (so schlimm war es dann doch nicht…), aber doch reichlich irritiert. Die durchaus charmant gemeinte Erklärung des Verfassers dieser Zeilen („Nicht dran stören, sie übt noch!“) sorgte dann zwar dafür, dass der gute Mann sich von diesem Moment an ebenfalls amüsieren konnte, störte aber das Subjekt dieser Aufforderung so sehr, dass ich meinen eigenen Kommentar noch längere Zeit hinterher getragen bekam. Dabei gab es genug Anlass, diesen Spruch zu vergessen, denn sie wurde zwischenzeitlich von einem netten jungen Mann angesprochen, dessen Anmache sie bei ihrer Berichterstattung an uns zu „Hallo, ich komme aus Marokko, wollen wir mal spazieren gehen?“ abkürzte und sich dann furchtbar darüber ereiferte – scheint also nicht sehr beeindruckend gewesen zu sein.
Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Ich quatsche dann auch immer alle Leute an.“ Davor versuchten wir sie so gut wie möglich zu bewahren. Das funktionierte fast die komplette Nacht hindurch recht gut – bis sie kurz vor unserem Aufbruch den Kickertisch entdeckte. Der Kickertisch im Stereo ist wirklich ungewöhnlich, denn er besitzt auf jeder Seite acht (8!) Griffe – zu viele für unser Grüppchen, von dem morgens um viertel nach fünf nur noch drei Personen übrig waren. Auftritt Kicker-Arne. Dieser bildete nun ein Doppel mit V., wobei man sich offenbar rasch näher kam, denn spätestens als der wehrlose Kerl beim Jubel nach einem triumphalen Sieg (in der Tat sahen wir keinen Meter Land, was auch daran liegt, dass ich ein zwar enthusiastischer aber leider ziemlich unbrauchbarer Spieler am Kickertisch bin) an ihre Brust gerissen wurde, dürfte ihm gedämmert haben, dass dieser Abend als gelungen eingestuft werden konnte. Diese dämmernde Ahnung dürfte zur Gewissheit geworden sein, als sie ihm zum Abschied mit den Worten „Arne, du bist der Coolste!“ auch noch ihre Handynummer aufdrängte, bevor es uns mit vereinten Kräften gelang, ihre Schritte aus dem Tanzschuppen zu lenken.
Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. „Gebt mir kein Handy, wenn ich betrunken bin!“ Und so verging die Zeit auf unserem Rückweg mit diversen Versuchen, V. davon abzuhalten, am Sonntag Morgen um kurz nach sechs ihren Bruder anzurufen. Da sie ihr Handy aber nun schon mal in der Hand hatte, konnte sie sich gleich auch noch angemessen darüber wundern, eine neue SMS empfangen zu haben, die nicht enthielt als einen Smiley und den Namen Arne. Als wir ihre Feststellung / Frage „Jetzt hat er mir wirklich gesimst! / Warum tut er das?“ wahrheitsgemäß und nach bestem Wissen und Gewissen mit „Weil du ihm deine Nummer gegeben hast.“ beantworteten, schien das für sie aber auch kein befriedigender Zustand zu sein: „Der soll das aber nicht!“ Nur mit Mühe konnten wir sie davon abhalten, erneut ihren Bruder anzurufen, um ihm von der Angelegenheit zu berichten und sich ausgiebig mit ihm zu beraten. Glücklicherweise für mich wurde ihr Kicker-Arne so sehr zum Rätsel, dass wenigstens ihre „Sei bloß still! Du hast gesagt ‚Ja, die übt noch!’“-Schnappereien nachließen. Also: Wenn ihr Bruder in der Nacht nicht durchgeschlafen haben sollte, dann lag es jedenfalls nicht an uns.
Fairerweise hatte sie mich vorher gewarnt. Das hätte sie nicht tun brauchen. Schön war’s und ich freue mich schon auf den nächsten gemeinsamen Sturz ins, ähem…brodelnde Bielefelder Nightlife!
[1] Eigentlich wollte ich den Namen der Frau ausgeschrieben haben, zumal eigentlich eh jeder, den es angeht, weiß, wer gemeint ist. Ein Freund von mir meinte jedoch, V. würde kryptischer und „irgendwie kafkaesker“ klingen. Also habe ich es versucht. Eigentlich hat meine Geschichte aber gar nichts Kafkaeskes…