Dummheit und Deutsches Wesen – Eine unheilige Allianz
Die Forderung nach deutscher Leitkultur ist eine, der man sich als Mensch, der mit offenen Augen durch den Alltag marschiert, nicht so ohne weiteres anschließen möchte. Ist es wirklich ein erstrebenswertes Ziel, alle Immigranten in kleinkarierte Bürokraten zu verwandeln, die ihr arg simpel gestricktes, kleinbürgerliches Weltbild bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Öffentlichkeit hinausposaunen – außer wenn man sie danach fragt? Eignet sich der unfreundliche Dauernörgler wirklich als gutes Vorbild, dem Ali, Luigi und Dimitrius voller Inbrunst nacheifern sollten?
Keine Frage, das so genannte „Deutsche Wesen“ trägt ein gerüttelt Maß an Unerträglichkeit in sich. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass ich dem Satz „Ich liebe dieses Land“ durchaus zustimme, dabei aber jeden, der ihn benutzt, nur eindringlich dazu ermahnen kann, zwischen dem Land und seinen Einwohnern eine klare Trennlinie zu ziehen. Hier tut sich bei mir ein ernster Gewissenskonflikt auf: Ich lebe wirklich gern hier. Es geht uns verhältnismäßig gut und auch landschaftlich und kulturell hat dieses Land etliche schöne Seiten. Jedoch verhindert die bedauerliche Tatsache der Existenz des Großteils meiner Mitmenschen, dass ich mich so richtig wie im Paradies fühlen möchte – und hier stehen besondern diejenigen auf meiner Hassliste, die auf ihre Art und Weise schlicht und einfach dumm sind.
Nun ist es in bestimmten Kreisen nicht gern gesehen, die Ausrottung der Dummheit vorzuschlagen, weil die meisten Menschen befürchten, man meinte die Ausrottung der Dummen. Dann wird gleich daran erinnert, dass wir hierzulande ja schon einmal schlechte Erfahrungen mit der Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen gemacht haben – obwohl dies nicht stimmt! Die schlechten Erfahrungen haben wir mit den Folgen gemacht, die sich hinterher daraus ergaben, die Vernichtung selbst, als Prozess, ging uns leicht von der Hand. Auch das liegt an einer typischen deutschen Eigenschaft, dem so genannten „Preußischen Kadavergehorsam“, von den verwirrten Anhängern, der oben angesprochenen Zeit auch gerne mal zur „Nibelungentreue“ verklärt, was einem beeindruckenden Stück deutscher Literatur leider den Ruf eines braunen Propaganda-Gedichtes eingebracht hat. Sei es drum, Tatsache ist: Der Deutsche befolgt gern Befehle, vor allem, wenn er sich dadurch von jeglicher Verantwortung für sein eigenes Treiben entbunden fühlen kann, sei dieses auch noch so schändlich. Da sind wir auch schon beim entscheidenden Punkt, denn es ist eben nicht die Treue, die den Deutschen zum dankbaren Befehlempfänger macht, sondern der Wunsch, hinterher den Finger auf einen anderen Schuldigen für die eigenen Untaten richten zu können. In den fünfziger Jahren ließ sich auf diese Weise bequem die Tatsache verdrängen, dass sich ein Schreckensregime wie das gerade überstandene nur mit der und durch die Duldung der Massen errichten lässt und es beileibe nicht nur die großen Namen waren, die vor allem die praktische Arbeit bei Mord und Unterdrückung leisteten.
Zurück zum Ausgangspunkt: Der Vorschlag der Ausrottung der Dummheit hat natürlich nichts mit nationalsozialistischem Herrenmenschengewese zu tun, selbst wenn man die Ausrottung der Dummen dabei als Maßnahme zur Erreichung dieses Ziels in Erwägung ziehen sollte. Zum einen wären die Täter von damals ebenso wie alle, die noch heutzutage deren Taten glorifizieren, eindeutig in der Gruppe der Auszurottenden, was zwar nicht die Methode als solche veredelt, aber immerhin das Gerechtigkeitsempfinden bzw. die niederen Instinkte der empörten Gutmenschen befriedigen würde – schließlich träfe es, moralisch gesehen, die Richtigen…
Zum anderen träfe es keine Menschen, die nichts für ihre zu bekämpfende Eigenschaft können, denn in die Dummheit wächst man nicht hinein und bleibt ihr dauerhaft verbunden wie es z.B. bei einer Volkszugehörigkeit oder einer Hautfarbe der Fall ist, von dem Fakt einmal ganz abgesehen, dass es ein großer Unterschied ist, ob man eine an sich erst einmal wertneutrale Tatsache bekämpft oder eine eklige Charaktereigenschaft. Entscheidend ist allerdings, dass man gegen Dummheit selbst vorgehen kann, denn es liegt ja in der eigenen Verantwortung, sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu bilden.
Hier jedoch treffen wir auf eine weitere Eigenschaft, die leider allzu oft mit Dummheit einhergeht: Engstirnigkeit, Scheuklappendenken oder noch anders: eine fast schon paranoide Angst vor neuen Erkenntnissen. So arrogant die Worte „bildungsferne Schichten“ auch erscheinen mögen, ich bin überzeugt davon, dass sie auf eine deutliche Bevölkerungsmehrheit zutreffen. Das beginnt mit dem älteren Herrn, der sich über den angeblichen Mangel an Allgemeinbildung heutiger Jugendlicher beklagt, aber auf die Frage nach den eigenen PC-Kenntnissen empört antwortet, das müsse man in seinem Alter nicht mehr wissen. Allein schon die Verweigerung der Erkenntnis, dass sich die Inhalte von Allgemeinbildung verschieben und erweitern können, ist doch ein deutliches Indiz dafür, dass man sich selbst von eben dieser bereits verabschiedet hat. Davon einmal abgesehen ist Allgemeinbildung heutzutage dank zunehmender Verästelung in Spezialgebiete ohnehin ein schwierigeres Thema als noch zu Großvaters Zeiten. Nicht umsonst ist der Universalgelehrte a la Leibnizgoetheschiller ausgestorben. Doch selbst, wenn man obiges Beispiel als sehr strengen Maßstab für die Definition einer Dummheitsgrenze erachtet, so gibt die Mediennutzung der Massen doch den Bildungsgrad eines Volkes ganz anschaulich wieder. Auf das leidige Thema der Einschaltquoten des Unterschichtenfernsehens und des Privatradios muss ich an dieser Stelle wohl nicht mehr allzu tief eingehen, das dürfte praktisch selbsterklärend sein, deshalb nur soviel: Dass das private TV-Nachmittagsprogramm oder auch Radiosender mit einer musikalischen Bandbreite von gerade einmal 150 Songs aus der Sparte „ekelhaft weich produzierte Popmusik“ und scheinbar ständig gut gelaunten Moderatorendarstellern nicht gerade bildungsfördernd wirken, dürfte sich von selbst verstehen. Doch auch bei denen, die generell elektronische Medien als Verdummungsmedien abtun und lieber dem guten alten Buch den Vorzug geben, sollte ein Blick auf die hiesigen Bestsellerlisten schwer ernüchternd wirken.
Dort tummelt sich ein Buch, dass die Rückkehr zu alten Familienwerten propagiert und dabei auch die traditionelle Rolle der Frau als Hausfrau einfordert, geschrieben von einer Karrieristin, die anderen zu einer Lebensweise rät, die sie selbst so nie kennen zu lernen brauchte, neben der Autobiographie eines „Superstars“, der fast ausschließlich ausgerechnet auf jenem Sender stattfindet, der für die Verdammung des Mediums Fernsehen durch die Bücherfreunde eine nicht ganz unwesentliche Mitverantwortung trägt. Da stehen Rezeptsammlungen von Fernsehköchen in der Rubrik Sachbücher. Da trifft man auf die Autorin aus Cornwall, die ihre ewig gleichen Groschenromane mit noch mehr Inhaltsleere gleich bis auf Wälzerdicke strecken zu müssen glaubt und auf die Krimiautorin, deren Commissario von seiner Frau mit altklugen Lebensweisheiten zugeseiert wird, wie sie auch von oben erwähnter Karrieristin stammen könnten.
Dann bildet man sich eben nicht durch das Lesen von Büchern sondern greift zur guten alten Zeitung. Doch auch hier ergibt sich ein ähnliches Bild: Es dominieren die Blätter, deren Name in einem roten Kasten links oben steht. Auch wenn die hier abgedruckten Artikel den Eindruck erwecken: Sie haben keineswegs einen satirischen Hintergrund und der Großteil der Leserschaft liest diese Blätter eben nicht mit der ironischen Distanz, die hier angemessen wäre, sondern folgt kritiklos der Empfehlung der Werbung und nutzt diese inhaltslosen Kurztexte als Hauptquelle für den eigenen Meinungsbildungsprozess. Gerade angesichts dieser Tatsache sollte man es den Verfechtern der Lesekunst noch einmal in aller Deutlichkeit entgegen halten: Nein, Bücher stehen nicht auf einer imaginären Skala des geistigen Anspruchs automatisch über Fernsehapparaten! Es hängt bei allen Medien ausschließlich von der eigenen Nutzungsweise ab. Man kann sich von einer Lektüre ebenso berieseln lassen wie von einer Daily Soap oder einem Aufmarsch der volkstümlichen Musik (ganz wichtig: nicht Volksmusik, der täte man bitteres Unrecht, wenn man diese Begriffe verwechselt!) – dann unterscheiden sich diese beiden Medien unter dem Gesichtspunkt denkerischer Bereicherung in gar nichts.
Leider nimmt die Zahl der Berieselungswilligen immer mehr zu, so dass die Ausrottung der Dummheit auf medialem Wege als ein recht aussichtsloses Unterfangen erscheint. Als Ersatzlösung erschiene hier vielleicht die Forcierung des Auswanderungswillens. Das klingt doch auch gleich viel humaner. Mit ein paar falschen Versprechungen sollte es doch möglich sein, die Deppen außer Landes zu locken. Jedoch: Das klingt leider einfacher als es letztlich sein dürfte, denn die Breitarschigkeit der Dummen überwiegt leider deren Naivität bei weitem. Hier kommen wir noch einmal auf diese Scheuklappenmentalität zurück, die neue Eindrücke weit von den Personen weg hält, die sie am nötigsten hätten. Außerdem: Warum sollte man wohin ziehen, wo es viel mehr Ausländer gibt als dort wo man herkommt? (Originalzitat eines Dummen, der das leider tatsächlich völlig unironisch meinte…) Als letzter Ausweg bleibt einem dann wohl doch nur, sich zu arrangieren – oder all seinen Mut zusammenzunehmen, als Einsiedler in einer entlegenen Gebirgshütte zu leben und sich fortan nur noch mit Bäumen und Felsen zu unterhalten. Die sind zwar nicht sehr gesprächig, aber sie werden mit Sicherheit weniger Blödsinn von sich geben als der durchschnittliche halbgebildete Mitbürger!