Mittwoch, 9. april 2008

Vorweihnachtliches im Ringlokschuppen

 

Großraumdiskotheken sind vor Feiertagen scheinbar keine schönen Orte, wenn man einen angenehmen Abend zu verleben gedenkt. Das hatte ich leider nicht bedacht, als ein Freund von mir vorschlug, am 22.12. 2007 in den Ringlokschuppen zu gehen.

Für Personen, die diese Lokalität noch nie betreten haben, sei hier kurz gesagt, dass der Lokschuppen 3 Tanzräume unter seinem Dach beherbergt: Es gibt den großen und den kleinen Saal, außerdem den Club. In letzterem läuft meist den ganzen Abend Musik einer bestimmten Stilrichtung, an diesem speziellen Abend Funk und House, was diesen Raum schon einmal zu einer Tabuzone machte. Davon einmal abgesehen nutzen viele Gäste den Club als Durchgang zwischen dem großen Saal und dem Loungebereich zwischen den Sälen. Leider bewegt sich dieser Durchgangsverkehr, der ohnehin schon für eine ungemütliche Atmosphäre sorgt, auch noch mitten über die Tanzfläche, was selbst bei anständiger Musik ein längeres Verweilen im Club zur Toleranzprobe werden lässt.

Im großen Saal ist die Musik meistens an den Charts orientiert, wenn man deren allzu schlimme geschmackliche Auswüchse einmal außen vorlässt. Nichtsdestotrotz bleibt es Chartmusik, deswegen gehe ich auch immer nur in den großen Saal, falls im kleinen mal ein kurzer musikalischer Durchhänger herrschen sollte. Ein anderer Grund diesen Raum aufzusuchen ist, dass an der dortigen Bar die charmanteste Mitarbeiterin des kompletten Ladens steht.

Im kleinen Saal fand an diesem Samstag eine Party unter dem Motto „Back to where we came from“ statt. Das hätte eigentlich ganz schön werden können, denn dann legt dort oft ein DJ aus dem ehemaligen PC69 auf. Das ergibt einen bunten Mix aus Hits von grob 1970 bis 1995, wobei auch hier die negativen Auswüchse weitgehend ignoriert werden - normalerweise! Damit kommen wir wieder zur eingangs formulierten Regel zurück, dass vor Feiertagen anscheinend keine anständige Musik gespielt werden darf. Der DJ war ein anderer als der, den wir uns erhofft hatten. Das erste Misstrauen regte sich in uns, als bei den Hits der 80er Jahre Michael Jackson berücksichtigt wurde und im Gegenzug die eher düsteren Songs dieser Epoche nicht zum Zuge kamen. Eine Phase dauert in der Regel drei bis vier Songs, danach gibt es einen Stilwechsel. Den gab es heute erst nach etlichen, eher mal mediokren 80er-Disco-Heulern. Das Problem dabei: Von nun an wurde alles noch viel schlimmer! Als die dünnen Stimmchen von Whigfield und Haddaway ertönten, glaubten wir noch an einen schlechten Scherz, dessen Pointe uns irgendwo entgangen sein musste. Als dann aber immer nicht besser wurde, gingen wir in unserer Verzweiflung dazu über, jeden Song mit ironischem Jubel zu begrüßen. Leider blieb es bei diesem Stilwechsel, die Richtung für den Rest des Abends war vorgegeben! Von nun an gab es nur noch Kirmestechno und Euro-Dance-Trash aus den frühen bis mittleren 90er Jahren. Dachten wir bei den oben erwähnten Künstlern, nun sei der Tiefpunkt aber endgültig erreicht, entpuppte sich dieser hartnäckig als ganze Tieflinie. Als der Bodensatz ausgekratzt war, durchschlug der DJ den Boden und kratzte auch noch von der darunter liegenden Schicht den Bodensatz ab, der noch siffiger und ekliger war. Absolute Könige waren letztlich Scooter, deren „Hyper Hyper“ ein Lied ist, für das uns nachfolgende Generationen einmal völlig zu Recht den Generationenvertrag kündigen werden, es sei denn wir bauen uns ebenso erfolgreich eine Lebenslüge auf, wie es die Generation Braun ja auch geschafft hat. Obwohl diese Angst übertrieben sein mag, denn wer „Musik“ von einem hässlichen Froschmutanten mit Sturzhelm hört (Stichwort „Generation Klingelton“, der Crazy Frog war übrigens eine der wenigen Peinlichkeiten, die uns heute Abend erspart blieb), für den ist Scooter wahrscheinlich purer Prog.

Leider schien sich auch das Partyvolk anders zusammenzusetzen als an anderen Abenden unter diesem Motto: Statt sich mit Heugabeln und Schaufeln zu bewaffnen und einen Fackelzug in Richtung des DJ-Pults zu starten, blieb man auf der Tanzfläche. Auf vielen Gesichtern vermeinten wir dabei, Fröhlichkeit ablesen zu können – die ehrliche Variante, nicht die, in die wir uns in unserer schieren Verzweiflung flüchteten. Nachdem wir uns beim Versuch, den jeweils anderen aus diesem Albtraum zu erwecken, gegenseitig blaue Flecken in die Arme gekniffen hatten, beschlossen wir, dieser grausigen Realität zu entkommen. Ein Kampf wäre sinnlos gewesen, da der Pöbel in seiner zombieesken Zufriedenheit sicherlich leicht hätte gegen uns aufgehetzt werden können, was angesichts unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit keinen guten Ausgang für uns genommen hätte. Davon abgesehen, hatten wir auch gerade keine Heugabeln und Fackeln zur Hand, deshalb entschieden wir uns für die Variante Flucht, zunächst in den Bistro-Bereich, dann in den großen Saal, in dem wir wenigstens hin und wieder mal die Tanzfläche enterten, die wegen der vielen anderen Flüchtlinge hoffnungslos überfüllt war. Dass ich als Fahrer obendrein nüchtern bleiben musste, machte die Verhältnisse nicht gerade besser…

So gerne ich auch sonst in den Ringlokschuppen gehe und so sehr uns unser Galgenhumor auch zumindest den Rest guter Laune rettete: Zukünftig werde ich vor bzw. an Feiertagen nicht mehr arglos in solche Tanzschuppen einfallen!

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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