Dienstag, 29. april 2008

Künstlerischer Abend am WGE oder: Erstens kommt es anders…

 

„Künstlerischer Abend“ in Verbindung mit dem Namen einer Schule. Eine Kombination, die nichts Gutes verheißt. Verstaubte Pädagogen zerren ihren ebensolchen Nachwuchs aus den finsteren Grüften seiner Kinder- / Übungskemenaten, um sie auf der Bühne der Aula vor einem ebenfalls nicht mehr ganz frischen Publikum öffentlich vorführen zu lassen, worüber sich sonst im Regelfall nur die Nachbarn ärgern müssen.[1] Da singen die kleinen Fünftklässler mit bambiesk großen Augen Lieder von so erschütternder Niedlichkeit, dass selbst Pädophile sich eines Besseren besinnen sollten. Die „coolen“ Oberstufler hingegen nerven mit der Interpretation atonaler Klassik (egal ob vom Komponisten atonal geplant oder nicht) oder, wenn die Schulleitung ihre Liberalität in Sachen Kultur demonstrieren möchte, mit modernem Zeug. Das sind dann immer Lieder von den Beatles. Diese werden in ein kreuzbrav klingendes Chor-Arrangement gepackt, so dass das Ganze klingt wie… nun ja, eben wie ein ostwestfälischer Chor, der die Beatles bestrafen möchte.

Wenn man diese traumatischen Erfahrungen berücksichtigt, die ich an meiner eigenen  erzkonservativen Schule machen musste, wird man verstehen, warum meine Erwartungshaltung sich in Grenzen hielt, als ich am 29.1. 08 auf dem Weg nach Enger war. Warum begibt man sich überhaupt auf einen solchen Weg, wenn man sich von dem Abend nicht gerade Großes verspricht? Man ahnt es schon: Der Grund ist weiblich und jung.

Ich hatte Lara auf unserer betrieblichen Weihnachtsfeier kennen gelernt und den Kontakt danach über SMS aufrechterhalten. Irgendwann schrieb sie mir dann von ihrem „Künstlerischen Abend“, der traditionellen Abschiedsveranstaltung der kommenden Abiturienten an ihrer Schule. Da ich sie bei einer zufälligen Begegnung auf dem Parkplatz unseres kleinen Telefonstudios kurz zuvor nicht erkannt hatte (die Weihnachtsfeier war immerhin schon über einen Monat her und ich damals in einem eher vernebelten Zustand), und sie mich mit Nachdruck darauf hinwies, dass sie im Rahmen dieses Abends auch Soloauftritte hatte, dachte ich, das sei eine günstige Gelegenheit, sich das Gesicht wieder einzuprägen. Die deutlichen Hinweise auf ihre Solospots verstand ich zudem als nicht allzu subtilen Schlag mit dem Zaunpfahl, dass mich diese Veranstaltung gefälligst zu interessieren hatte!

Schon der Weg zu der Schule war ein kleines Abenteuer. Wäre es nicht einstmals Lebens- und Wirkungsstätte eines berühmten Sachsenhäuptlings gewesen, niemand außerhalb von Enger würde Enger kennen. Das merkt man dem Ort an: Es gibt eine Widukindstraße, einen Widukindplatz, eine Widukind-Apotheke. Es ist wohl wenig überraschend, dass der kulturelle Abend in der Aula des Widukind-Gymnasiums stattfand. Dieses Haus erreicht man über 30er-Zonen, Nebenstraßen und Feldwege, womit die übliche Infrastruktur hinter dem Ortseingangsschild auch hinreichend beschrieben wäre. Das Angenehmste an Enger ist für einen Autofahrer die Straße nach Bielefeld.

Wir fassen zwischendurch einmal kurz zusammen: Eigene traumatische Erfahrung, Provinzort und Gymnasium, dass sich schon vom Namen her auf Traditionen beruft. Angekündigt worden war mir eine Mischung aus „Musik, Tanz und Humor“. Welche Musik ich erwartete, habe ich weiter oben bereits geschildert. Tanz? Das würde auf gruselige Musicals hinauslaufen, eine musikalische Ausdrucksform, die wohl nur Frauen und Frauenversteher verstehen… Und Humor? Nun, wenigstens hier bestand Hoffnung: Mit ein bisschen Glück wären vielleicht ein paar Zeilen Wilhelm Busch oder ein kurzes Bühnenstück von Karl Valentin drin, falls diese nicht bereits im Vorfeld von der Schulleitung als „zu neumodisch“ eingestuft worden wären.

Ein erster Hoffnungsschimmer keimte auf, als die Programmzettel verteilt wurden. Motto des Abends war: Die wilde 13 sieht fern. Sollte die Moderne es doch geschafft haben, ins Innere eines Schulgebäudes einzudringen? Sollten hier tatsächlich Schülerinteressen berücksichtigt worden sein? Ein Blick in den Inhalt verhieß…ähem, Verheißungsvolles. In diesem Moment dachte ich daran, dass es vielleicht doch ein erfreulicher Abend werden könnte, auch wenn ich der jungen Dame bedauerlicherweise im Vorfeld der Veranstaltung nicht mehr über den Weg lief. Da standen wirklich Musiktitel, die sympathisch waren und kein bisschen Mottenkugel-Aroma verbreiteten. Jetzt lag es an den Schülern selbst, aus diesen Vorlagen einen schönen Abend zu zaubern.

Rahmenhandlung und Moderation des Abends übernahmen ein Schüler und eine Schülerin, die sich als Proletenpärchen auf einer Couch an der vom Zuschauer aus gesehen rechten Wand der Aula fläzten. Von dort aus zappten sie durch das Programm ihres Großbildfernsehers (sprich: Jede Nummer auf der Bühne stand für einen neuen Sender). Das war okay, den aus dem Pärchen sich ergebenden Atze-Schröder-Faktor schieben wir mal der Notwendigkeit zu, auch für die anwesenden Eltern Identifikationsfiguren zu schaffen. Die Beiden gingen in ihren Rollen jedenfalls auf, und zumindest ihm wäre es zu gönnen gewesen, dass sich in den zahlreichen Maurerbömbchen, die er im Laufe des Abends köpfte, echtes Bier befand! (Obwohl: Herforder…?)

Der Vorhang öffnete sich zum ersten Mal und eine kleine Big-Band (doch, das geht!) spielte gleich mal Henry Mancinis wundervolles Thema zu Blake Edwards noch viel wundervollerem Film „A Shot In The Dark“: Guter Einstieg! Damit hatte man mich als alten Inspektor Clouseau-Fan natürlich schnell auf seine Seite gezogen. Im Folgenden wechselten die Nummern im zügigen Rhythmus, was den Abend trotz dreistündiger Spielzeit kurzweilig hielt. In Erinnerung geblieben sind mir ein Tanz unter Schwarzlicht, eine Folge selbst gedrehter Comedy Street-Attentate, sehr sympathisch, weil sie sehr viel Mut erforderten: Da ging ein Mensch in Uniform mit Megafon vor einem offensichtlich als Maso-Sklaven aufgemachten anderen Menschen her, den er an einer Leine führte. Dabei brüllte er „Links-2-3-4“ ins Fon – und das mitten in der Bielefelder Altstadt – Respekt!

Bei den Tanznummern fehlt mir vielleicht ein wenig der Sinn dafür, um fair urteilen zu können, dennoch gab es auch hier zwei Highlights: Zum einen „Evolution of Dance“ eine Formation aus drei Kerlen (einer von denen saß sonst als Prollmann auf der Couch), die sich durch Songs tanzten, die im schnellen Wechsel aufeinander folgten. Und dann war da noch der Michael Jackson-Imitator, den man um seine Bewegungsfähigkeiten ruhig ein bisschen beneiden darf.

Doch wichtig ist immer Musik: „(What’s The Story) Morning Glory“ verlieh den anwesenden Omas im Saal schicke neue Sturmfrisuren. „No No Never“ war gut, was aber eher an der Sängerin lag, wegen der ich ja eigentlich den ganzen Weg dorthin unternommen hatte. Allerdings hatte Lara später eben kein Duett sondern einen richtigen Solospot, in dem sie „Nothing Ever Happens“ sang – und zwar zum Steinerweichen schön! Ich möchte jetzt gerne mal wissen, von wem das Original ist, auch auf die Gefahr, dass mich danach die Coolness-Polizei einkassiert. Mir ist vorher nie so richtig aufgefallen, wie schön dieser Song eigentlich ist. Um aber den Rockfaktor wieder nach vorne zu bringen, spielten die Jungs, die zu Anfang noch Oasis waren, nun auch noch „Are You Gonna Be My Girl“, im Original von Jet, soweit ich weiß.

Und als wir uns dann dem Ende näherten sang noch eine Schülerin den vielleicht besten, weil wütendsten und dennoch fragilsten Song von Pink: „Dear Mr. President!“ Auch groß. Dann war da noch das Mädel, das in der Pause Getränke ausschenkte und dabei ein Shirt mit großem Kreator-Aufdruck trug. Ich habe sie ja nicht weiter kennen gelernt, aber ich schätze, sie ist sympathisch!

Falls jetzt jemand erwartet hat, dass der Abend einen Ausgang in romantischer Zweisamkeit nahm und dann noch alles gut wurde: Leider muss ich hier bremsen, denn ich habe Lara auch nach der Show nicht zu Gesicht bekommen, weshalb ich an dieser Stelle einfach mal prompt abbreche und mit dem Fazit schließe, dass es dennoch ein sehr gelungener Abend war. Auf dem Rückweg von Enger in die Zivilisation dachte ich, dass es eben manchmal die Ereignisse sind, von denen man sich im Vorhinein am wenigsten verspricht, die einen am positivsten überraschen können!



[1] Mag sein, dass dieses Phänomen nur an unserer Schule zu beobachten war, aber in der Regel waren es vor allem die lehrereigenen Kinder, die sich besonders in prestigeträchtigen AGs wie Chor oder Schulorchester tummelten. Da sich Lehrer aus bisher noch nicht geklärten Gründen nur untereinander vermehren können, kann man das auch als eine Art vorehelicher Kuppelei bezeichnen. Meine Theorie ist, dass die sich daraus ergebende inzestuöse Degeneration in spätestens ein bis zwei Generationen dazu führen wird, dass sich die Unterrichtsrichtung umdrehen muss und die Schüler den Lehrern etwas beibringen werden.

von Olaf Meiser veröffentlicht in: Humor
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