Begegnung mit den surrealen Schwestern

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Die surrealen Schwestern

 

Es gibt Abende, da begegnen einem die seltsamsten Leute. Als ich am ersten Samstag des August alleine ins Movie ging, war ich auf einiges gefasst; der Abend und die Nacht, die sich aus einer harmlosen Idee entwickelte, übertraf allerdings alles, was ich mir in meinen seltsamsten Träumen hätte zurechtträumen können. Zuerst rief ich ganz vorsichtig bei Rebecca an, um zu erkunden, ob sie denn Dienst habe, denn immerhin ist der Gang in die Disco schöner, wenn man dort zumindest jemanden kennt, mit dem man sich mal unterhalten kann. Zur Antwort bekam ich, dass sie nicht nur Dienst habe, sondern auch ihre beste Freundin Ariane sich vorgenommen habe, dieser Feier einen Besuch abzustatten. Da ich eine Grundsympathie für die Kleine habe, freute ich mich umso mehr auf das, was wohl kommen möge.

Den einen oder anderen kleinen Flirt hatte ich mir durchaus auch vorgenommen, was mir grundsätzlich leichter fällt, wenn ich alleine unterwegs bin. Gut, das war ich jetzt nur noch bedingt, denn mir war schon fast klar, dass ich dann doch wieder Leute haben würde, mit denen ich den ganzen Abend zusammenhängen würde – und die waren zu allem Überfluss auch noch weiblich, was mein Vorhaben ja nicht einfacher machte.

Da die Musik am Anfang noch nicht so der wahre Brüller war, hielt ich mich zunächst überwiegend im Vorraum auf, wo es zumindest etwas leiser zuging. Dort begrüßte ich dann Ariane und ihre Schwester und mein Blick fiel auf ein rothaariges Mädel mit einem sehr charmanten Lächeln. Wobei der Begriff Mädel die Sache hier vielleicht etwas mehr verniedlicht als angemessen. Sie hatte beinahe meine Größe, war jetzt nicht unbedingt mollig aber auch alles andere als superschlank. Die Kurven saßen an der richtigen Stelle, die Proportionen stimmten. Das alles erkannte ich sofort, obwohl ich ihr selbstverständlich nur in die Augen schaute – für ca. eine halbe Sekunde, danach schauten wir beide weg und hatten uns fürs erste aus dem Blick verloren. Da Arianes Schwester einen freigiebigen Abend hatte, bekam ich zunächst ein Bier ausgetan und dann noch eins. In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Holm betrat die Disco. Holm ist quasi mein Chef (sofern man als Freiberufler so etwas haben kann) und er betrat die Lokalität mit ähnlichen Zielen wie ich sie beim Start in den Abend hatte. Allerdings hatte er sich mit dem Erlangen einer Telefonnummer schon konkretere Ziele gesetzt als ich. Darauf tranken wir erstmal ein Bier und bewegten uns dann zum ersten Mal Richtung Tanzfläche.

Wieder trafen sich unsere Blicke, wieder strahlte ich übers ganze Gesicht (ich wunderte mich bereits über mich selbst, dass ich dazu überhaupt in der Lage war) und wieder schenkte sie mir ein Lächeln. Diesmal schon etwas länger und entschlossener als im Vorraum. Als ich mich ein wenig unbeobachteter fühlte, beschloss ich, mal zu beobachten, mit wem diese zauberhafte Dame denn da war. Sollte sie möglicherweise gar auch alleine den Weg angetreten haben, möglicherweise gar mit ähnlichen Zielen wie Holm und ich? Leider nein, eine dunkelhaarige, dunkel gekleidete, etwas kleinere, etwas breitere Frau stand dort noch. Aber ein Typ schien nicht dabei zu sein, also hieß es, weiter abzuwarten, war ja erst kurz nach Mitternacht…

In der Zwischenzeit konnte ich noch schön mit Holm ein Bier trinken und wir tauschten uns über die Ziele aus, die wir jeweils ins Auge gefasst hatten. Glücklicherweise stellten wir dabei keine Übereinstimmung fest, was (entschuldige bitte, Holm!) auch am unterschiedlichen Alter unserer Zielgruppen gelegen haben mag. Egal, jedenfalls konnten wir uns nun gegenseitig aufrichtig viel Glück wünschen und uns erneut auf die Tanzfläche begeben. Während ich mich weiterhin nur auf einen gelegentlichen Augenflirt beschränkte, musste ich feststellen, dass Holm mittlerweile bereits Sprachkontakt aufgenommen hatte. Respekt, muss ich sagen, ich tue mich da ja bis heute schwer! Erschwerend kommt hinzu, dass ich meine Zielperson alle paar Minuten wieder aus den Augen verlor.

Als ich sie das nächste Mal erblickt, kühlte meine anfängliche Begeisterung sich ziemlich schnell ab: Es stand doch ein Kerl daneben, der offenbar schneller Mut gefasst hatte als ich, und unterhielt sich mit ihr. Fluchtartig verließ ich die Tanzfläche, um im Vorraum Ariane und ihrer Schwester Bericht zu erstatten und erstmal ein Frustbier zu verhaften. Als ich zurück in den Tanzsaal kam, kam mir ein grinsender Vorgesetzter entgegen, der mir erstmal ein Bier spendierte, um mir begeistert von seinen Fortschritten zu berichten. Er mittlerweile sogar schon noch einen Schritt weiter und hatte bereits die erste Begegnung mit ihren eifersüchtigen Freund gehabt. Ich hingegen hatte nach der ernüchternden (ernüchternd im Sinne von seelisch, geistig breitete das Bier im Zusammenarbeit mit einem eher sparsamen Abendmenü eine angenehme Wattigkeit in meinem Kopf aus!) Feststellung meine Wunschkandidatin wieder aus den Augen verloren – endgültig, wie ich dachte, da ich sie danach auch längere Zeit nicht mehr sah. Aha, abgeschleppt hatte er sie also auch schon binnen kürzester Zeit! Meine Schüchternheit verfluchend (und mit dem Versuch mir selber einzureden, dass eine Frau, die so einfach mit einem Typen mitgeht ja nicht so gut für mich gewesen wäre…) stürzte ich mich wieder auf die Tanzfläche und blieb konsequent dort, egal, was auch gespielt wurde.

Der Erfolg war, dass der Alkohol schnell verflog, wodurch ich wieder klarer im Kopf wurde. Gegen kurz nach vier hatte sich der Laden allmählich geleert und wen sah ich auf einmal an der Plattform lehnen, die bei Konzertveranstaltungen als Bühne dient? Rote Haare, hübsches Gesicht, und wieder fiel mir nichts anderes ein als ein strahlendes Lächeln aufzusetzen, das ebenso erwidert wurde wie schon die ganze Nacht zuvor. Etwas musste ich jedoch diesmal anders gemacht haben, denn sie kam auf mich zu und sagte: „Dich habe ich jetzt auch schon den ganzen Abend beobachtet.“ Das ging natürlich runter wie Öl und sofort gestand ich ihr, dass es sich umgekehrt genauso verhielt. Außerdem sah ich im Hintergrund, dass der Typ, mit dem ich sie zuvor gesehen hatte, wohl doch eher zu ihrer dunkelhaarigen Begleiterin gehörte. Bei der Gelegenheit stellte sie sich mir als Katharina vor.

Also tanzten wir erst einmal eine Runde zusammen, was im Klartext heißt: Ich kann nicht wirklich tanzen, aber wir bewegten uns zur Musik eng aneinander, und ich schaffte es sogar erfolgreich, ihr dabei nicht auf die Füße zu steigen. Allerdings wurde es ab nun auch etwas seltsam, denn sie kam dabei zwar schon sehr eng an mich heran, so dass mich streckenweise der Gedanke plagte: „Oh Gott, hoffentlich merkt sie nicht, was sie damit anrichtet…“ Sie vergrub auch gerne ihr Gesicht in meinem Hals und einmal auch die Zähne, das Luder! Allerdings hielt sie das Gesicht immer so, dass es unmöglich war, sie zu küssen. Da ich immer Pfefferminzpastillen dabei habe, dachte ich, dass sie entweder eine Minzallergie oder eine Zahnfleischentzündung haben musste, derer sie sich schämte, aber die ganze Sache klärte sich dann doch anders auf. Irgendwann teilte sie mir nämlich mit, dass sie nicht aufhören wollte zu tanzen, aber andererseits ein schlechtes Gewissen habe. „Ich muss Dir nämlich schon ehrlich gestehen, dass ich in festen Händen bin, aber meine Schwester“, dabei deutete sie auf ihre Begleitung, „hat gesagt, flirten darf ich ruhig.“

Ein wenig trübte diese Aussage meine gute Laune dann doch. Erst Lenden-Jojo spielen und dann doch wieder einen Rückzieher machen, es sah mal wieder so aus wie mein typisches Glück, das mir meistens nur Pyrrhussiege einbringt. Also aufhören und das Jammern anfangen? Brauchte ich nicht, denn sie zog sich mit ihrer Schwester und dem Typen noch einmal an den Tresen zurück. Jetzt konnte ich loslegen und musste Rebecca und Ariane, die sich eigentlich nur von mir verabschieden wollte, erst einmal die aktuelle Faktenlage schildern. Egal, jetzt war sie weg, scheinbar hatte ich meinen Gesichtsausdruck nach ihrem Geständnis wohl doch nicht so gut unter Kontrolle gehabt, wie ich selber geglaubt hatte.

Doch ich hatte mich getäuscht, Katharina kam wieder und teilte mir mit, dass sie nachher noch ins XY gehen wollten, ob ich denn noch Lust hätte, sie zu begleiten. Es gibt in Bielefeld keine Kneipe, die XY heißt, das soll nur als Symbol dafür stehen, dass ich trotz Nachfragen den Namen nicht richtig mitbekommen hatte (zum Glück für diese Geschichte, wie sich später zeigen wird). Dann nahmen wir wieder die alte Haltung ein und tanzten weiter, unterstützt von einem DJ, der jetzt glücklicherweise ein paar langsamere Sachen auflegte. Ein wenig zwiespältig war das schon, ich war mir nicht mehr ganz so sicher, ob nun die Enttäuschung bei mir überwog oder der Wunsch, weiterhin ihre und meine Hände dort zu lassen wo sie lagen. Letztlich entschied ich mich dann aber für die zweite Lösung.

So tanzten wir, bis um kurz nach fünf der Laden geleert wurde und wir gehen mussten. Zunächst standen wir dann draußen, dann schauten wir, ob in den Kneipen am Bahnhof noch ein Plätzchen frei wäre, wo wir uns hätten niederlassen können. Aus dem einzigen Laden, der nicht ganz so voll war, dröhnte aber so laute Schlagermusik, dass wir uns beim besten Willen nicht hinein trauten. Man muss schließlich nicht jedes Publikum der Welt kennen lernen!  Also diskutierten wir jetzt noch kurz, ob wir wirklich in den Laden gehen wollten, dessen Namen ich drinnen nicht verstanden hatte und der ja ursprünglich eh angepeilt gewesen war. Dabei fiel mir zum ersten Mal auf, dass die beiden Schwestern einen seltsamen Umgang miteinander hatten – Katharina schien trotz ihres Pegels eine vernünftige Lösung anzustreben, auch wenn mir verborgen blieb, wie diese hätte aussehen sollen, denn der nächste Zug in ihre Heimat fuhr erst zwei Stunden später und eine andere Möglichkeit, den Heimweg anzutreten gab es halt nicht. Ihre Schwester schien eher abenteuerlich veranlagt zu sein. Die Diskussion währte aber nicht lange, da packten mich beide Schwestern links und rechts unterm Arm (also nicht jeweils, sondern eine links, eine rechts), die dunkelhaarige (Sarah hieß sie, wie ich während der Diskussion zuvor erfahren hatte) gab eine Richtung vor, packte mit ihrer freien Hand den Typen (zu dem ich jetzt nicht auch noch eine Klammerbemerkung in diesem Satz unterbringen möchte) und schleifte uns bestimmt in Richtung Bahnhofstraße. Auf halbem Wege sagte dann der andere Kerl, dem man an seiner Sprechweise anmerkte, dass er ebenfalls schon gut getankt hatte: „Habe ich Euch jetzt richtig verstanden, Ihr wollt da wirklich noch hin?“. Beide Schwester bejahten diese Frage, worauf die Antwort kam: „Ja, dann gehen wir aber gerade in die falsche Richtung!“

Nachdem auch die Diskussion um die Richtungsfrage geklärt war, drehten wir also um und zogen in dieser Viererkonstellation in Richtung der anderen Straße, die vom Bahnhof wegführt. An der ersten Ecke bemerkten wir, dass der dortige Kiosk immer noch auf hatte und sich darum herum eine Menge Menschen scharten. Der andere Typ (es tut mir leid, ich kann mich an seinen Namen beim besten Willen nicht mehr erinnern), der mittlerweile einen Blick drauf hatte wie der typische Ballermann-Tourist nach verrichteter Arbeit, beschloss, dass wir hier noch dringend Marschverpflegung brauchten und stellte sich in die Warteschlange, um uns noch was Gutes zu tun. Währenddessen sprach Sarah einen älteren Mann an, der wie das gesamte Volk vor diesem Kiosk einen etwas heruntergekommenen Eindruck machte. Katharina war das sichtlich unangenehm, schließlich begann sie sogar, sich bei mir für das Verhalten ihrer Schwester zu rechtfertigen. „Sarah ist halt so“, begann sie, „so offen zu jedermann, die unterhält sich mit wildfremden Leuten, die sie überhaupt nicht kennt.“ Das wiederum hörte ihre Schwester und begann, sich gleich lautstark zu verteidigen, ungeachtet der Menschen, die nach wie vor um uns herum standen.

Dieser Streit wurde dann glücklicherweise durch den Typen unterbunden, der inzwischen jedem von uns eine Dose Jack Daniels-Cola besorgt hatte und seine Errungenschaft nun fröhlich unter uns verteilte. Nachdem die Dosen geöffnet waren und wir miteinander angestoßen hatten, forderte er und auf, nun unseren Weg fortzusetzen.

Für die ungefähr 300 Meter bis zu unserem Ziel brauchten wir mehr als eine halbe Stunde, weil immer wieder eine der beiden Schwestern stehen blieb, und über das unverständliche Verhältnis der jeweils anderen zu lamentieren begann. Irgendwann hörte ich auf mitzuzählen, wie oft ich auf diesem Weg den Satzanfang „Versteh mich bitte nicht falsch, ich liebe meine Schwester über alles, aber manchmal ist sie halt so…“ anhören durfte. Dabei flossen durchaus auch Tränen. Jedenfalls verstärkten diese bizarren Gespräche meine Vermutung, die ich bereits vor der Disco getroffen hatte. Katharina war eigentlich (soll heißen: im nüchternen Zustand) eher der Vernunftmensch von beiden, während Sarah eine Draufgängerin war, die für den Augenblick lebte und sich auch gerne mal kopflos in ein Abenteuer stürzte. Die unfreiwillige Komik, die dieser Familiengeschichte innewohnte, wurde noch dadurch verstärkt, dass der andere Typ davon überhaupt nichts mitzubekommen schien und nach jeder Wartezeit mit einem Blick, der seinen beduselten Zustand nur allzu deutlich verriet, fragte: „Was ist denn jetzt? Wollen wir weiter feiern gehen?“, worauf sich unser Zug dann für die nächsten 50 Meter in Bewegung setzte.

Meine Neugier auf das, was jetzt noch folgen sollte, ließ schlagartig nach, als ich sah, welche Lokalität sich die anderen drei für den Rest der Nacht ausgesucht hatten: das Cheers. „Die gemütliche Kneipe für Nachtschwärmer“ heißt es auf dem Schild an der Außenwand, was ja an sich schon auf jeden vernünftigen Menschen abschreckend genug wirken sollte. Das klingt natürlich schon viel besser als „Absturzkeller für Menschen, die nicht wissen, wohin mit Zeit und Geld“. Egal, vielleicht hatte ich ja auch ein falsches Vorurteil, aber es zog mich nicht wirklich in die Tiefe um das zu ergründen. Dazu kam, dass unser Weg sich zwar in die Länge gezogen hatte aber immer noch nicht lang genug war, um Katharina die Möglichkeit zu geben, ihren Jackie-Cola seiner Bestimmung zuzuführen. Also ließen wir die anderen beiden vorgehen und unterhielten uns draußen noch ein bisschen. Angesichts der Gestalten, die aus den Niederungen des Cheers auf die Straße traten, bemerkte ich, dass sich mein Drang, diese Räumlichkeiten zu betreten doch arg in Grenzen hielt. Mittlerweile hatte ihr Alkoholpegel wohl einen obskuren Sinn für Gerechtigkeit in ihr erwachen lassen, denn sie schimpfte auf meine Kommentare über diese Personen hin mit mir und meinte, dass ich frech wäre, diese Menschen zu beurteilen, obwohl ich sie gar nicht kennen würde. Als ich erwiderte, bei diesen Menschen würde ein Blick genügen, um sie auf die „Uninteressant“-Liste zusetzen, fiel ihr auf, dass ich sie ja auch noch nicht wirklich kennen würde, und sie fragte, woher ich denn wissen wollte, dass sie besser wäre als sie anderen Gäste hier. Statt wahrheitsgemäß zu antworten, dass sich dieser Eindruck so langsam zu verflüchtigen begann, reichte ich ihr mit einem Lächeln, von dem ich hoffte, dass es halbwegs tiefgründig aussah, ihre Dose zurück, die sie endlich ausleerte. Nun gab es keinen Grund noch länger zuwarten und wir betraten die Kneipe.

Drinnen war es stickig und verraucht, der überwiegende Teil des Publikums hatte bereits gehörig einen in der Krone und als Musik dudelte das, was halt in einem Land der Geschmacklosen zwangsläufig die oberen Plätze der Charts bevölkert. Während Sarah und der andere Kerl mit ihren Getränken noch an der Theke standen, setzten Katharina und ich uns erst einmal an den einzigen freien Tisch. Dort blieben wir ungefähr eine Minute zu zweit, dann setzte sich ein freundlicher Südländer zu uns und begann an der Frau zu graben, was ich mit einiger Belustigung beobachtete. Als es Katherina dann zuviel des Guten wurde (nach nicht mal ganz einer weiteren Minute), stand sie dann auf und besorgte uns erst einmal etwas zu trinken. Unser neuer Tischnachbar, der ja jetzt nur noch mein Tischnachbar war, schien diesen Wink mit dem Zaunpfahl aber nicht ganz verstanden zu haben, denn sofort wandte er sich zur Sicherheit an mich: „Ey, ihr seid jetzt aber nicht zusammen oder so?“. Wahrheitsgemäß bestätigte ich seine als Frage getarnte Feststellung, worauf er sich noch einen Schritt weiter vorwärts traute: „Ey, stört dich das, wenn ich die jetzt hier ein bisschen anmache?“ Mir lag bereits die Antwort auf der Zunge, dass mich das ganz und gar nicht störe, dass aber vielleicht Katharina auf Männer mit bis auf zwei Knöpfe offenen Hemden und einem beeindruckenden Urwald von Brusthaaren darunter nur gemäßigt enthusiastisch reagieren könne, als ich sah, dass sie mich zum Tresen wank. Fluchtartig verließ ich den Tisch, bevor mir gegenüber meinem neuen Freund doch noch eine dumme Bemerkung herausrutschen konnte.

Nachdem ich mich zur Theke durchgedrängelt hatte, hörte ich, dass die beiden Schwestern bereits den nächsten verbalen Waffengang gestartet hatten. Ich hörte nur noch, wie Katharina sagte „Nein, aber dieses Bier tue ich jetzt Olaf aus“, bevor sie sich von ihrer Kontrahentin abwandte und mir einen Halbliterkrug Bier nicht feststellbarer Sorte in die Hand drückte. Nach einem kurzen Blick zu unsere alten Sitzplatz, an dem immer noch der nette Casanova auf uns wartete (vielleicht hielt er auch schon nach der nächsten, vielleicht etwas willigeren Dame Ausschau), fragte ich sie, ob sie nicht Lust hätte, mit mir wieder nach oben zu gehen, statt das Bier in der stickigen Enge zu trinken. Sie bejahte und wir stiegen die Treppen wieder hinauf. Dabei musste ich ihr Glas mit nach oben nehmen, da die Treppe sie in ihrem Zustand bereits vor nicht unerhebliche Probleme stellte.

Draußen angekommen begrüßte uns bereits wieder helles Tageslicht. Wir lehnten also an der Hauswand und tranken unser Bier, während Taxi um Taxi vorfuhr, um die Gäste des Etablissements ihren Heimstätten zuzuführen. Draußen unterhielten wir uns zunächst weiter über ungewöhnliche Lebensentwürfe, wobei ich einige Beispiele von meinen heiß geliebten Mittelaltermärkten ins Spiel brachte. Aber auch an dieser Stelle fand Katharina schnell wieder einen Weg, das Thema zurück auf ihre Schwester und das Verhältnis der beiden untereinander zu lenken. So ging das Bier allmählich zur Neige und wir tauschten noch die eine oder andere Umarmung aus – und schließlich auch unsere Telefonnummern. Nach einem weiteren Blick auf unsere leeren Gläser beschlossen wir, uns wieder nach unten zu begeben.

Drinnen stellten wir als erstes fest, dass Sarah mittlerweile allein am Tresen stand. Wir hatten gar nicht mitbekommen, dass der Typ mittlerweile abgehauen hatte, normalerweise hätte er ja am Eingang an uns vorbei kommen müssen. Sobald die beiden Damen aufeinander trafen, ging sofort das gegenseitige Sticheln wieder los. Ich suchte mir lieber einen Ort, an dem ich Abstand von diesem Zickenkrieg bekommen konnte und zog mich auf die Toiletten zurück. Diese waren alles andere als in einem schönen Zustand, kein Wunder, denn Horden von Volltrunkenen hatten hier seit Mitternacht ihre Spuren hinterlassen – und mittlerweile war es halb acht.

Als ich wieder zurück in den Hauptraum kam, war der Disput zwischen den beiden Schwestern noch nicht beendet. „Weißt Du, was Dir fehlt? Abenteuerlust! Du kannst Dich nicht fallen lassen und würdest nie spontan was Verrücktes tun!“, predigte Sarah zum x-ten Mal in dieser Nacht – doch diesmal war die Wirkung eine andere, denn Katharina sag sie herausfordernd an, sah kurz zu mir hinüber, dann wieder zu ihrer Schwester. Plötzlich setzte sie sich in Bewegung und begann, mich in die Richtung zurück zu ziehen, aus der ich gerade kam. „Was hast Du denn jetzt vor?“, tönte ihre Schwester hinterher und bekam nur einen herausfordernden Blick als Antwort. Den schien sie allerdings richtig zu deuten, denn in einer Geschwindigkeit, die man ihr angesichts ihrer mittlerweile auch schon nicht mehr ganz deutlichen Aussprache gar nicht zugetraut hätte, folgte sie uns nach. „Bist Du jetzt völlig irre?“, wollte sie von ihrer Schwester wissen, die sich offenbar selber noch nicht ganz sicher war und deshalb die Antwort zur Vorsicht lieber komplett verweigerte. So langsam dämmerte mir, was hier vor sich ging und die Situation wurde mir etwas ungemütlich. „Jetzt hör schon auf, das machst Du eh nicht!“, versuchte Sarah es noch einmal, als Katharina bereits den Kopf in die Männertoilette steckte, um zu schauen, ob wir hier unter uns seien. Als sie sich davon überzeugt hatte, zerrte sie mich zur freien Kabine, bekam aber die Tür nicht schnell genug zu, so dass Sarah sich mit hinein zwängte.

Während ich noch darüber nachsann, wie ich aus dieser prekären Lage wieder entkommen könnte, machte sich Katharina bereits an meiner Kleidung zu schaffen. Mit den Worten „Jetzt zeige ich Dir, was spontan ist!“ öffnete sie dann ihre Hose und zog sie herunter. Die körperliche Reaktion, die sich nun bei mir einstellte, überraschte mich selber. In jeder sinnlichen Situation zu zweit wäre sie mir auch Recht gewesen, aber das hier war alles andere als ein gemütlicher Ort und der Gedanke, dabei auch noch eine Zuschauerin zu haben, hätte eigentlich alle entscheidenden Körperfunktionen zum Erliegen bringen müssen. Es folgte eines der absurdesten Erlebnisse meines Lebens. Obwohl ich durchaus in der Hoffnung in die Disco gegangen war, dort jemanden kennen zu lernen, war diese Situation ebenso unbefriedigend wie der Sex, der obendrein noch dadurch gestört wurde, dass die beiden Schwestern selbst jetzt nicht aufhörten, sich gegenseitig anzukeifen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber: Ich war wirklich froh, als es vorbei war.

Meine Telefonnummer habe ich ihr zu meiner eigenen Sicherheit dann beim Gehen lieber wieder aus der Jackentasche geklaut…

Veröffentlicht in Humor

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