Die Hochzeit meiner Schwester, Teil 2

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Die kirchliche Hochzeit meiner Schwester

 

Wie bereits an anderer Stelle berichtet hatte sich meine Schwester das Jahr 2008 als großes Hochzeitsjahr ausgesucht. Nachdem die standesamtliche Hochzeit im April eher in kleinerem Rahmen begangen wurde, war es nun an der Zeit, den großen Ernstfall zur Aufführung zu bringen. Am 23. August ging es in die Clemenskirche in Rheda, um dort dem großen feierlichen Anlass einen würdigen Rahmen zu geben.

Da ich aus Bielefeld anreisen musste (und einen Cousin und Mitbewohner habe, dem als Veranstaltungstechniker immer wieder neue Mittel und Wege einfallen, mich ans Arbeiten zu bringen…) fing mein Tag zunächst alles andere als feierlich an. Da Jan-Peter am Sonntag nach der großen Feier ein Sommerfest in einem Seniorenheim zu beschallen hatte, in dem seine Mutter, was meine Tante ist, bis Anfang des Jahres noch gearbeitet hatte, hieß es zunächst zu MSS Audio zu fahren, dem Laden seines ehemaligen Lehrmeisters. Dort standen wir vor der Herausforderung, das komplette Equipment, bestehend aus Lautsprechersystem und der in Einzelteile zerlegten Bühne in seinen T4 zu packen. Das erwies sich als recht schwierig, doch da er sich in Sachen T4-Tetris dank seiner Erfahrung gut auskennt, hatten wir nach einigem hin und her Probieren die Lösung gefunden und alles ordentlich verpackt. Jan-Peter fuhr nun mit dem voll geladenen Wagen zu seinen Eltern, wo er sich seinen feierlichen Frack anzog und das Auto noch einmal polierte. Er sollte nämlich dem Brautpaar als Chauffeur dienen und das Hochzeitsauto war ein schöner 67er Mercedes, den sein Vater in liebevoller Kleinarbeit und über einen Zeitraum von mehreren Jahren wieder in einen wundervollen Zustand versetzt hatte.

Nun hieß es für mich, schnell nach Hause zu fahren und zu duschen, denn durch die Schlepperei war ich gut durchgeschwitzt. Da ich hier keinen Schrank besitze, der es mir ermöglichen würde, Kleiderbügel aufzuhängen, habe ich meine feierliche Garderobe nach wie vor in Wiedenbrück, damit sie dann auch wirklich feierlich aussieht, wenn ich sie mal brauche. Mein erster Weg nach der Dusche führte also schnurstracks in die alte Heimat, ins Haus meiner Eltern. Dort war niemand anwesend, da vor der Trauung die Fotos geschossen wurden, inklusive der Eltern und der Trauzeugen. (Der vorangegangene Satz soll nicht aussagen, dass die auch geschossen wurden, sondern auf den Fotos sichtbar sein sollten.) Also warf ich mich schnell in meinen Anzug, überprüfte vor dem Spiegel noch einmal den Sitz meiner Krawatte, die übrigens immer gebunden im Schrank hängt. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich mich für ein eher legeres Outfit entscheiden müssen, denn das Binden eines Krawattenknotens gehört zu den Herausforderungen, zu denen mir trotz mehrfacher Übung noch keine gedeihliche Lösung heranreifen wollte. Aus irgendeinem Grund stellt sich bei mir das hintere schmale Ende grundsätzlich beim Beenden des Bindens als das längere heraus. Das sieht schäbig aus, deshalb habe ich mir die Krawatten binden lassen und hoffe nun inbrünstig, dass diese Knoten ein Leben lang halten mögen, oder dass mich auf einmal eine Erleuchtung oder ein ungeahnter Talentschub überkommen mögen.

Mit dem Anziehen war ich jedenfalls relativ schnell fertig und da das Haus ansonsten wie gesagt völlig leer war, wurde es mir schnell langweilig. Deshalb fuhr ich, sobald ich die feierliche Garderobe angelegt hatte, schon einmal zur Kirche, in der Hoffnung, dass sich dort vielleicht schon einige Gäste versammelt hätten, mit denen ich mich unterhalten konnte. Daraus wurde allerdings nichts. Ich war etwas über eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn des Gottesdienstes da und somit Erster – und zwar mit beeindruckendem Vorsprung. Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich wenigstens noch ein wenig in der Zeitung lesen können. Immerhin hatte ich auf diese Weise einen Parkplatz bekommen, der nicht mit einem langen Fußmarsch verknüpft war wie bei einigen später eintreffenden Gästen.

Nachdem ich gut zwanzig Minuten gewartet hatte, füllte sich der Platz vor der Kirche allmählich. Nun tauchten zum Glück auch die Fürbittensprecher auf, mit denen ich mich noch kurz absprechen musste. Im Vorfeld hatte es einige Missverständnisse gegeben und ausgerechnet ich als einziger Atheist in der Reihe hätte den Gemeindesegen erbitten sollen. Das ließ sich dank eines kooperativen Kollegen (danke, Michael!) zum Glück schnell wieder gerade biegen und so musste ich mich um das Wohl der Familien und Freunde verdient machen, was mir wesentlich ehrlicher über die Lippen kam.

Irgendwann und mit etwas Verspätung trudelten dann auch die Eltern des Brautpaars ein, die nicht etwa einen verzweifelten Versuch unternommen hatten, ihren Kindern die Freiheit doch noch zu bewahren, sondern unter einer Verspätung der Fotografin zu leiden gehabt hatten. Prompt beauftragte mich meine Mutter, auf ihren ganzen Fotokram aufzupassen, während mich gleichzeitig die Fotografin beauftragte, sie zu benachrichtigen, wenn mein Cousin mit dem Hochzeitsauto vorfuhr, in dem er meine Schwester abliefern sollte. Dieser Moment ließ allerdings auf sich warten, so dass ich mir erst einmal einen Platz in der so genannten Geschwisterbank reservierte als sei er eine Liege an einem mallorcinischen Hotelpool. Das lag mir vor allem deshalb am Herzen, weil ich Matzes Bruder Markus nicht aus den Augen verlieren wollte, der ebenfalls zu den Fürbittensprechern gehörten und gewiss bereits mehr Erfahrung mit dem Timing in katholischen Kirchen gesammelt hatte. An ihm wollte ich mich orientieren.

Kaum stand ich wieder an der Tür, sah ich auch bereits das tiefe Rot des Mercedes schimmern und winkte sofort wild der Fotografin. Diese kam sodann gemächlichen Schrittes zur Tür, gerade so als ob sie eine weitere Verspätung heraufprovozieren wollte. Letztlich reichte es aber doch noch, um einige Fotos der eintreffenden Braut zu schießen. Als meine Schwester dann endlich in die Kirche eintrat, war ich, wie ich ehrlich zugeben muss, doch ziemlich beeindruckt, denn sie sah hinreißend aus. Wenn ich so etwas schreibe hat das durchaus Gewicht, denn als älterer Bruder schmeißt man nicht unbedingt mit Komplimenten für seine kleine Schwester um sich.

Zu diesem Zeitpunkt stellte ich zum ersten Mal fest, dass es ein Fehler war, zu Hause nichts mehr zu trinken. Eigentlich hatte ich mit voller Absicht darauf verzichtet, damit mich nicht mitten im Gottesdienst ein dringendes Bedürfnis überkommen sollte. Jetzt allerdings hatte die Zeremonie noch nicht einmal begonnen und bemerkte ich, dass ich einen trockenen Mund bekam. Auch der Kopf fühlte sich ein wenig duselig an. Außerdem vermied ich es von nun an, den Leuten direkt ins Gesicht zu sprechen, weil sich ein trockener Mund auch nicht so positiv auf die Atemfrische auswirkt, man denke nur ans morgendliche Aufstehen…

Dieses Problem verstärkte sich noch erheblich, als ich einen Blick auf das Programm warf. Vier Wochen zuvor war ich auf der evangelischen Hochzeit eines Sandkastenfreundes von mir gewesen, das Programm umfasste zwei Seiten und die Chose war nach einer Stunde gegessen. Hier taten sich gleich einmal vier Seiten vor mir auf, und auch die einzelnen Punkte wurden jeweils wesentlich länger abgehandelt. Überhaupt wirkte alles etwas offizieller und feierlicher als ich es von Ende Juli in Erinnerung hatte. Großes Highlight war der Gesangsauftritt der Familie Ebbersmeyer, die es mit acht Personen schafften, den Chor einmal so richtig gekonnt an die Wand zu singen. Die Dauer des Gottesdienstes führte dazu, dass mich ein Schwindelgefühl erfasste, als wir uns für unsere Fürbitten erhoben, die bereits deutlich in der zweiten Halbzeit stattfinden sollten (auf eine Pause für Getränke und zur Regeneration hatte man leider verzichtet). Als wir nun endlich oben standen und ich mit meinem Spruch an der Reihe war, wurde mir schwarz vor Augen und ich hatte Mühe, mich auf den Beinen zu halten, doch zum Glück hatte ich meinen Spruch gut gelernt und bekam ihn nach späteren Aussagen der anderen Teilnehmer auch unfallfrei über die Bühne.

Nach der Trauung gab es draußen dann das große Gratulieren, was ich dazu nutzte, mich ein wenig zu regenerieren. Außerdem gab s noch einen 18. Geburtstag, zu dem ich nun ebenfalls meinen Glückwunsch an Franziska, die Freundin meines Cousins Moritz, loswerden konnte, wenn auch erst, als ich sie das zweite Mal sah. Dabei hatte ich mir so fest vorgenommen, da auf jeden Fall dran zu denken, als ich das Haus verließ – da sieht man mal wieder, was einem weichen Keks alles kurzfristig entfallen kann…

Darauf folgte die Fahrt zum Festsaal, in welchem wir nun die Kuh fliegen lassen wollten. Das Ganze fand irgendwo kurz hinter Rietberg statt, aber nicht alle Gäste kannten den genauen Weg dorthin. So fuhren wir also in einer großen Kolonne los. Letztlich war ich froh, dass ich direkt hinter meiner Mutter und meinem Stiefvater fuhr, denn mit jeder Ampel wurde die Kolonne ein wenig kürzer und letztlich kamen unsere beiden Autos mit Abstand als erste in der Gaststätte an.

Der Festsaal selber entpuppte sich als schöner Bau, in einer Ecke spielte die Band (die meiner Ansicht nach wenigstens ein bisschen temperamentvoller hätte agieren können, auch wenn alle anderen Gäste schwärmten), vorne wurde das Büffet aufgebaut. Zur Begrüßung gab es gleich mal Sekt, der meinen etwas duseligen Zustand gleich zu Beginn des Abends noch deutlich verstärkte. Egal, dachte ich mir, mit dem gleich folgenden Essen würde ich mir schon eine gute Grundlage legen und dann ließ sich sicherlich alles etwas besser verkraften.

Was die Üppigkeit des Büffets anging, wurde ich nicht enttäuscht: „Kulinarische Weltreise“ hieß das Thema und so wurde das Büffet auf mehrere Tische verteilt, über denen jeweils die Umrisse verschiedener Länder wie USA, Italien und Benelux abgebildet waren. Das Essen darauf war dann jeweils landestypisch. Diese Idee hatte nicht nur den Vorteil großer Abwechslung, sondern brachte obendrein noch den Vorteil, dass mit dem eröffnenden Fressbefehl nicht alle Gäste durch ein Nadelöhr mussten, sondern sich auf die verschiedenen Tische verteilten, was den Ablauf dort sehr zügig vonstatten gehen ließ. Meinen Vorspeisenteller ließ ich mir von Kalinka, einer Tenniskollegin meiner Schwester, füllen, und die gute Frau schien von meinem Ruf gehört zu haben, denn sie ging dabei nicht eben sparsam vor.

Dennoch war ich leicht enttäuscht – nicht vom Büffet, das Essen war so gut wie reichhaltig, sondern eher von mir selbst. Irgendwie hatte ich heute nicht so rechten Hunger und so ging ich nach drei Gängen Hauptgericht (ich schaffte es also nicht einmal, alle Nationen anzutesten) zum Nachtisch über. Hier schaffte ich es immerhin, auch noch zweimal nachzunehmen.

Gegen Ende des Essens folgten dann die kurzen Ansprachen des Bräutigams („…und auch Lauras Mutter möchte ich gratulieren, so einen wundervollen Schwiegersohn wie mich bekommen zu haben“) und seines Vaters. Beide waren zum Glück mit etlichen Lachern gespickt und zogen sich nicht unnötig in die Länge. Es wäre schön, wenn auch auf anderen Anlässen Menschen sich daran erinnern würden, wie man eine Rede so hält, dass das Publikum dem Redner seiner Aufmerksamkeit gern schenkt!

Es folgten die üblichen Tänze und die üblichen Spiele. Besonders peinlich wurde es einmal für Franziska, als der Sänger der Band dann doch mitbekommen hatte, dass sie heute ihren 18. Geburtstag feiern und sie nach vorne holte, wo sie sich zwangsweise an einem der Trinkspiele beteiligen musste.

Der Rest des Abends wird, wie ich zugeben muss, immer nebulöser. Ich trank dann noch mit einem der Messdiener, der sich als Christian herausstellte, mein unmittelbarer Nachfolger auf der Station, wo ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte. Dann noch mit meinen neu gewonnenen Schwagern und meiner Schwägerin, dann noch mit meinem Cousin und Mitbewohner. Das Ergebnis war, dass ich irgendwann ziemlich in den Seilen hing und mich jeder mit einer Mischung aus Häme und Mitgefühl darauf ansprach, ob es mir nicht gut ginge.

Irgendwann erbarmte sich mein Cousin meiner und brachte mich rüber in mein Zimmer (mein Stiefvater hatte für die Familie im dazu gehörigen Hotel Zimmer für die ganze Familie angemietet. Immer wieder erkundigte er sich , ob mir schlecht sei, was ich wahrheitsgemäß verneinte, da es eigentlich nur die Duseligkeit und die Müdigkeit waren, mit denen ich zu kämpfen hatte. Zur Vorsicht stellte er mir dann lieber doch noch den Mülleimer neben das Bett und dann sank ich in einen seligen Schlaf. Dieser wurde jäh unterbrochen, als meine Mutter das Zimmer enterte, sich neben mich legte und die restliche Nacht über eine laute Symphonie auf den Nasennebenhöhlen blies.

Am nächsten Morgen entpuppte es sich als Segen, dass ich keine Übelkeit verspürt hatte, denn der Mülleimer entpuppte sich als typischer Hotelmülleimer, das heißt: Er hatte keinen Boden, der ganze Segen wäre also auf dem Boden gelandet, unabhängig davon, ob ich gut hätte zielen können oder nicht.

Das Frühstück fiel dann sehr sparsam aus und ich war froh, dass ich danach meinem Cousin im Altenheim helfen konnte, um wieder klar zu werden. Wieder hatte ich ein Wochenende schadlos hinter mich gebracht…

Veröffentlicht in Humor

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