Bunkenparty in Venne

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Bunkenparty in Venne

 

Wenn man einen Cousin und Mitbewohner hat, der als Bühnentechniker auf Veranstaltungen unterwegs ist, dann kommt man mit diesem Handwerk hin und wieder auch mal selber in Berührung. So erging es mir Anfang Oktober anno Domini 2008. Doch der Reihe nach:

Am Dienstag nach der Feier zu Ehren der Rückkehr Sorayas (der Chronist berichtete an anderer Stelle hiervon) hatte ich frei und nutzte die Gelegenheit deshalb dazu, lange zu schlafen – bis 14 Uhr ungefähr. Das führte dazu, dass ich abends noch nicht besonders müde war, als ich eigentlich ins Bett gehen wollte. Dementsprechend schlief ich in dieser Nacht nicht besonders viel, musste aber am nächsten Tag trotzdem wieder fit und konzentriert sein - schließlich wartete die Arbeit auf mich (angesichts meiner Tätigkeit zu diesem Zeitpunkt muss ich zugeben, dass ich umgekehrt auch auf Arbeit warten musste, da unsere nette kleine Hotline nicht wirklich überlastet war).

Als ich am Mittwochabend nicht Böses ahnend vom Bahnhof aus unserem schönen Zuhause zustrebte geschah es, dass sich mein Handy meldete. Am anderen Ende meldete sich mein Cousin, der zu diesem Zeitpunkt Lord Of The Dance in der Bielefelder Stadthalle betreute und in dessen Crew ein Mitarbeiter ausgefallen war. So fragte er mich, ob ich so nett wäre und aushilfsweise beim Abbau der Bühne mit anpacken würde, ich müsste auch nur ein paar Kisten durch die Gegend schieben. Nach anfänglichem Widerstand (so langsam machte sich mein Schlafmangel bemerkbar) ließ ich mich letztlich doch überreden  - man will ja auch kein Unverwandter sein. Also bekam ich die Order, mich am Abend um halb zehn an der Stadthalle einzufinden. Zum Glück für meinen Cousin bemerkte ich erst nach meiner Zusage, dass in dieser Woche in der Champions League gespielt wurde, sonst hätte es weitaus größerer Überredungskünste seinerseits gebraucht.

Zur genannten Zeit fand ich mich also an der Stadthalle ein und wurde von meinem Cousin nach dem Empfang in den Raum geschickt, in dem sich die Crew zum Abbau sammelte. Da er leider bei der Verteilung der Aufgaben nicht anwesend war, wurde ich der Mannschaft zugeordnet, die für den Abbau des Lichtes verantwortlich war. An seiner empörten Reaktion danach konnte ich dann erkennen, dass ich damit wohl kein besonderes Glück gehabt hatte. Merke: Der Abbau des Lichtes dauert bei solchen Veranstaltungen immer am längsten und ist mit dem größten Aufwand verbunden. Das Bühnenbild ist nicht aufwändig, das Soundsystem schnell abgebaut (so viele Boxen dürfen ja auch nicht sein, schließlich soll man die Schritte der Stepptänzer hören können). Das Licht hingegen hängt an Traversen und ist ein wesentlicher Bestandteil einer irischen Tanzshow. Ich fand mich trotzdem mit meinem Schicksal ab und fand auch zum Glück zwei nette, erfahrene Kollegen, an deren Hacken ich mich kurzerhand klemmte. Kurze Zeit später war auch der britischen Stammcrew begreiflich gemacht, dass ich so etwas noch nie zuvor getan hatte, worauf sie glücklicherweise recht schonend mit mir umgingen.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten beim Umgang mit technischem Gerät scheine ich mich bei der ganzen Sache aber halbwegs passabel angestellt zu haben, denn immerhin bekam ich hinterher sogar Komplimente von den mitreisenden englischen Mitgliedern der Crew. Ziemlich fertig wollte ich eigentlich nur noch nach Hause, aber mein Cousin ließ es sich nicht nehmen, mich nachts um halb eins noch eben zu McDonalds einzuladen. Viel zu spät landete ich im Bett.

Der Schlaf war pünktlich um sieben Uhr am nächsten Morgen dann auch schon wieder beendet. Die Arbeit rief, ein langer Tag mit immerhin neun Stunden Anwesenheit in unserem kleinen Telefonstudio lang an. Als ich um 18 Uhr gehen durfte, freute ich mich schon darauf, noch ein wenig auf dem Sofa abzuhängen, mir das Fußballspiel anzuschauen und dann endlich ins Bett zu dürfen.

Das war jedoch optimistisch gedacht, denn um kurz nach neun kam der Anruf meines Cousins: „Was machst Du gerade?“ Ich war alarmiert, denn in der Regel handelt es sich dabei um eine Fangfrage, die sein Vorhaben einleitet, mich dazu zu bringen, etwas ganz anderes zu machen. Allerdings fiel mir, wie so oft, auch dieses Mal keine vernünftige und plausible Antwort auf diese Frage ein. Und so nahm das Unheil seinen weiteren Lauf: „Ich habe heute noch mal ein Attentat auf Dich vor.“ „Was denn?“, knurrte ich zurück, bemüht, möglichst unwillig zu wirken. „Ich bin hier auf so einer Dorffeier in Venne und uns ist der Lichttechniker krank geworden.“ Das Problem war mir einsichtig, sein Lösungsansatz hingegen nicht, denn eigentlich sollte ihm doch klar sein, dass ich von dieser Arbeit überhaupt keine Ahnung hatte. „Dummerweise hätte der mir aber nachher beim Abbau helfen sollen – würdest Du mir helfen?“ Eigentlich wollte ich nicht, aber nachdem er versprach, sich darum zu kümmern, dass noch weitere Helfer dazu kämen und wir dementsprechend höchstens zwei Stunden für die gesamte Bühne brauchen würden, ließ ich mich dann doch überreden. Er wollte mich dann abholen und verabschiedete sich mit „Bis zehn dann!“

Da hatte ich ihn missverstanden: Ich dachte, er wäre um zehn Uhr bei mir und würde mich dann abholen. Das beruhigte mich etwas, da der Abend dann ja doch nicht allzu lang werden würde. Allerdings war das anders gemeint: Um zehn rief er mich lediglich wieder an und unterrichtete mich über die weitere Vorgehensweise: „Also, das letzte Set geht bis um halb vier, da müsste ich dann allerdings auch den Ton regeln. Ich müsste Dich also so abholen, dass wir um spätestens halb drei wieder in Venne sind.“ Das änderte die Aussichten erheblich zu meinen Ungunsten und innerlich verfluchte ich mich schon wieder für meine eilfertige Zusage, aber egal, da musste ich jetzt wohl durch. Später gab der Verräter mir gegenüber auch noch zu, dass er sich mit den tatsächlichen Arbeitszeiten extra so lange zurück gehalten hatte, weil er wusste, dass er sonst eine Absage meinerseits zu befürchten gehabt hätte.

Griesgrämig richtete ich mich also auf meine Wartezeit ein, und versuchte die richtige Mischung aus Aktivität und Nichtstun zu finden, um nicht bereits vor der Zeit einzuschlafen. Freunde meinten, ich hätte doch die Zwischenzeit noch zum Schlafen nutzen sollen, allerdings mied ich das bewusst, denn wenn ich bei sonstigen Gelegenheiten nur kurzen Schlaf bekommen hatte, dann fühlte ich mich bisher auch immer genauso zerknautscht wie ich aussah. Irgendwann zwischen halb eins und eins trudelte dann auch mein werter Verwandter ein, um mich in sein Auto zu laden. Dann nahmen wir noch einen weiteren Kollegen für den Abbau mit, den ich am Abend zuvor in der Stadthalle bereits kennen gelernt hatte. Jan-Peters Pläne, mit möglichst vielen Teilnehmern den Abbau möglichst kurz zu halten, schienen also umsetzbar gewesen zu sein. Das beruhigte mich wieder ein bisschen.

Nachdem wir dann noch an einer Tankstelle halten mussten, um Proviant aufzunehmen (wobei sich mein Cousin von einer viel zu laut eingestellten Lautsprecheranlage des Nachtschalters anschreien lassen musste), ging es dann endlich in Richtung Venne. Da ich nicht wusste, wo dieser Ort denn nun tatsächlich lag, aber in Erinnerung hatte, etwas von „bei Osnabrück“ wahrgenommen zu haben, rechnete ich zumindest noch mit Resten von zivilisiertem Leben in diesem Ort. Je länger sich unser Weg durch die unbeleuchtete Einöde Südniedersachsens allerdings hinzog, desto schlimmer wurden die Bilder, die ich mir im Kopf ausmalte. „Bei Osnabrück“ schien auch nur so eine Art Werbespruch meines heutigen Auftraggebers gewesen zu sein, denn diese Stadt schien hier so endlos weit weg zu sein wie die Bielefelder Arminia von Traumfußball. Vor meinem inneren Auge sah ich betrunkene Menschen, schlimmer noch als beim Wiedenbrücker Schützenfest, durch die Straße taumeln, die sich auf schäbigste Art und Weise mit ihren Kühen, Schwestern und Töchtern sowie mit allen sich daraus bereits ergeben habenden Mischformen paarten. Es sollte sich zeigen, dass ich meine Bedenken nicht ganz zu Unrecht trug, wenn auch aus anderen Gründen.

Als wir an der Festhalle vorfuhren, standen bereits scharenweise Betrunkene davor, meist jugendlichen Alters und rein rechtlich sicherlich nicht dazu befugt, sich die Flüssigkeiten in den Kopf zu gießen, die sie sich eben hineingossen. Als mein Cousin mich warnte, bloß nach Möglichkeit keiner Frau allzu auffällig nachzuschauen und auch den Blickkontakt mit den Männern besser zu vermeiden, wurde mir klar, dass Freund Alkohol diese ohnehin schon eher einfachen Gemüter nicht gerade in Sympathieträger verwandelt haben könnte. Glücklicherweise fiel es mir jedoch leicht, mich an seine Anweisungen zu halten, denn die Mädchen animierten weniger zum Flirt als vielmehr zur Flucht, und den Jungen in die Augen zu schauen wäre schon wegen ihres glasigen Blicks eine Herausforderung gewesen, die mich in meinem Zustand eindeutig überfordert hätte (und sonst eigentlich auch).

Es stellte sich schnell heraus, dass das Publikum vom Alter her nicht so heterogen war, wie ich es von den Schützenfesten meiner kleinen Heimatstadt kannte. Hier tummelte sich überwiegend junges Volk. Um diesem möglichst effektiv aus dem Weg zu gehen, begaben wir uns zuerst zur Band in den Backstagebereich. Den Musikern war anzumerken, dass sie entweder auch schon ganz gut ins Glas geleuchtet hatten oder aber einfach nur hundemüde waren. Vanessa, die Backgroundsängerin, hatte ihren Kopf auf den Tisch gelegt und hob ihm nur einmal ganz kurz und heftig, um einen Wortbeitrag zu einer Diskussion rund um das Thema „Rülpsen“ zu leisten. Der Sänger, den ich schon kannte und dem ich mal unter dem Einfluss umstrittener Rauchsubstanzen in den Garten gereihert hatte, begrüßte mich sehr freundlich und erkundigte sich nach meinem Gesundheitszustand. Davon abgesehen, dass ich auch ganz gerne den Kopf auf den Tisch gelegt und neben Vanessa eine Runde mitgeschlafen hätte, ging es mir aber an diesem Abend ganz gut.

Nun wurde es ernst: Die Band stimmte sich auf ihren letzten Set in dieser Nacht ein, das heißt: Alle erhoben sich langsam und schlichen demotiviert zur Bühne. Das Ganze fand in gelebter Zeitlupe statt, denn eigentlich hatte niemand so rechte Lust, die musikalische Untermalung für die Sauforgie der strammen Bauernbuben zu liefern. Jan-Peter nahm seine Position am Lichtpult ein und die Band enterte die Bretter. Auf dem Weg dorthin mussten die Musiker entweder an einem Sack Kokain vorbeigelaufen sein oder aber sich eine grundlegende Änderung ihrer Lebenseinstellung vorgenommen haben: Kaum waren die Scheinwerfer auf sie gerichtet, fiel mein Blick auf qietschfidele Menschen, die auf der Bühne herumhüpften und mächtig auf gute Laune machten. Erleichtert stellte ich fest, dass die Band für eine Top-40-Band überraschend rockig zur Sache ging und sich lieber an alte Klassiker hielt als an die aktuellen Charts.

Nun lernte ich, was Professionalität bedeutet. Dem Publikum zuliebe verdrehte die Band ganz gewaltig die Tatsachen: „Venne! Ihr versteht es zu feiern!“, brüllte der Sänger euphorisiert in sein Mikro, obwohl ein kurzer Blick in die Runde genügt hätte, um festzustellen, dass aufgrund des Alkoholpegels aller Gäste sicherlich niemand mehr verstand, irgendetwas zu tun. Später erfuhr ich, dass an dem Abend der Stand, an dem Korn ausgeschenkt wurde (allein schon die Tatsache, dass es einen solchen überhaupt gab, verrät in meinen Augen alles über das Niveau dieser Festivität), mehr Umsatz gemacht hatte als die beiden Bierständen zusammen. Zu allem Überfluss entdeckte ich im Publikum auch noch etliche Shirts, deren Aufschriften einiges über die nationale Gesinnung ihrer minimal frisierten Träger verrieten. Das steigerte meine Sympathie für diesen Ort nicht gerade.

An dieser Tatsache änderte sich auch nichts als zwei junge Menschen beschlossen, vor dem Licht- und Tonpult ein Unterhaltungsprogramm extra für die Techniker aufzuführen. Es war an die Veranstaltungsreihe „Ultimate Fighting“ angelehnt und bestand in erster Linie daraus, dass der etwas Stämmigere dem anderen mit voller Wucht die Fäuste auf jede erdenkliche Stelle des Körpers trümmerte bis die eigenen Kumpels ihn endlich zurückhalten konnten. Es trat dann ein netter besonnener Mensch von der Security hinzu, der den erbosten Schläger zu beruhigen suchte. Deeskalation schien allerdings auch nicht im Sinne des Opfers zu sein, denn dieser Herr stellte sich nun ständig schräg hinter den Security-Mann und grinste frech in Richtung Schläger. Dieser versuchte nun mehrmals, erneut an sein Opfer zu gelangen, woran ihn der Sicherheitsmann hinderte. Zwischendurch versuchte der Wächter, immer wieder beruhigend auf den Schläger einzureden, worauf dieser tatsächlich versuchte, gegenüber dem Sicherheitsmann zu argumentieren, warum er zur Gewalt greifen müsse. Nach mehr als einer halben Stunde endete die unsägliche Diskussion endlich damit, dass der Prügler aus der Halle geleitet wurde. An jedem anderen Ort hätte man das schnell über die Runden gebracht, nur her in Venne versuchte man zunächst, einen Gewalttäter noch an Ort und Stelle und noch unter Alkoholeinfluss wieder ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen.

Ein weiteres Highlight abseits der Bühne war Martin. Martin war ein etwa zwei Meter großer, spindeldürrer Bauernbengel, der sich so dermaßen die Kante gegeben hatte, dass er nun auf einem Bierzelttisch vor unserem Lichtpult saß und in einer Art Wachkoma vor sich hindümpelte. Ständig fiel sein Oberkörper nach hinten, weil er Halt an der Anlage suchte. Hätte er sich allerdings wirklich angelehnt, dann hätte es einen spektakulären Unfall gegeben, denn die Lücke zwischen Tisch und unserem Pult war so groß, dass er exakt dazwischen gerutscht wäre, wenn er genug Gewicht auf den Oberkörper bekommen hätte, um nach hinten zu kippen. Wie durch ein Wunder gelang es ihm aber immer wieder, den Oberkörper irgendwie in der Balance zu halten. Leider blieb er dort auch sehr konsequent sitzen: Bereits während des Auftrittes hatte ihn Carlotta (eine nette Kollegin, die uns freundlicherweise half) darauf angesprochen, dass wir den Tisch gleich für den Abbau der Anlage benötigen würden und er bitte woanders besoffen sein solle. Als sie merkte, dass das nicht half, begann sie, von Zeit zu Zeit am Tisch zu ruckeln bzw. eine Seite ein wenig anzuheben und gleich darauf wieder fallen zu lassen, in der Hoffnung, er würde davon wach werden und sich endlich trollen. Vergeblich. Der Erfolg war, dass sich Martin auf die Bank legte, um nun seinen Rausch auszuschlafen.

Das hätte er besser nicht getan: Die Feier war offiziell beendet, der Abbau konnte beginnen. Um das Licht und Tonpult abbauen zu können, benötigten wir nun genau die Bank, die davor stand und auf der sich Martin in voller Länge tummelte. Also ignorierte mein Cousin Martin so gut es ging, griff an die Bank und schob sie schwungvoll in die richtige Position. Dadurch rutschte Martin herunter und landete unsanft auf dem Fußboden. Zunächst rechnete ich ob dieser Aktion mit einer Menge Ärger, bis Martin allerdings die Augen so weit aufbekommen hatte, um erst einmal festzustellen, wo er sich überhaupt befand, hatten wir das erste Pult bereits herüber gewuchtet und nichts deutete darauf hin, dass er jemals auf dieser Bank gelegen hatte. Nun kamen auch seine Freunde, die ihn scheinbar bereits gesucht hatten, sprachen ihm einige tröstende Worte zu und bemühten sich dann, das ebenso betrunkene wie lange Wrack aus der Halle zu schleppen.

Zum Abbau selbst gibt es eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Wir hatten etliche Helfer mit dabei und viel half in diesem Falle auch wirklich viel. Anschließend stießen wir noch mit einigen übrig gebliebenen Getränken auf den Tag der deutschen Einheit an (worauf man nicht alles trinkt, wenn man übermüdet ist…) und machten uns dann auf den Heimweg. Um halb neun durfte ich endlich in mein geliebtes Bett fallen und schlief auch gleich bis 17 Uhr durch…

Veröffentlicht in Humor

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