Im Zug mit der Kunstkritikerin

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Im Zug mit der Kunstkritikerin

 

Als ich aber heute im Zug von Berlin nach Bielefeld saß, hatte ich das Vergnügen, einer Kunstkritikerin beim Existieren zuschauen zu dürfen. Bereits in Berlin stieg sie mit mir ein. Eine ältere Dame, geschätzt Mitte, vielleicht auch Ende 50, doch rein optisch hatte sie die 60 bereits deutlich überschritten. Die Gesichtszüge waren verhärtet, als ob das Leben ihre Erwartungen nicht immer zu ihrer Zufriedenheit erfüllt hätte. Der Ausdruck war bitter als hätte sie eine Zitrone gegessen oder vor der Fahrt noch eben eine orale Rekapitulation des zuvor am Tag Gegessenen vollzogen und den entsprechenden Geschmack noch im Mund. Sie setzte sich auf die andere Seite des Ganges, zusammen mit zwei Herren ihres Alters in eine Dreiersitzgruppe mit einem Tisch in der Mitte.

Selbst mein charmantestes Lächeln konnte da nichts ausrichten, vielmehr traf mich ihr Blick als könnte sie mit dieser Art von Mimik gar nichts anfangen. Als Reiselektüre zog sie das Magazin „Arte“ aus der Tasche, was ja zunächst mal sehr ehrbar ist. Doch konnte sie sich an den Diskursen über die schönen Künste erfreuen? Zog nun eine Spur von Sanftmut über ihre Miene? Nein: Wie eingemeißelt blieben die grämlichen Falten, und die Mundwinkel zeigten weiter in fast schon bewundernswerter Konsequenz Richtung Erdmittelpunkt.

Hier kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass es sich hier um eine Kunstkritikerin handeln müsse, denn wer die Kunst, ganz gleich welcher Art, liebt, erfreut sich doch an einer solchen Lektüre. Doch der Gesichtsausdruck der alten Dame blieb leberwurstig. In Hannover stiegen dann die beiden Herren aus, und die Frau setzte sich auf den Einzelplatz am Tisch, auf dem zuvor einer der Herren gesessen hatte. Vielleicht brauchte sie das Gefühl, vorwärts zu fahren, andererseits war das vollkommen sinnlos, da es draußen bereits stockdunkel war und sich bei einem Blick aus dem Fenster die Fahrtrichtung nur selten wirklich offenbarte. Jetzt saß sie mir schräg gegenüber. Mir fiel auf, dass sie dabei ihre Sachen über den ganzen Tisch verbreitete und ziemlich verärgert aufschaute, als in Hannover natürlich weitere Reisende zustiegen, die sich dann wieder in die Dreiergruppe setzten. Eine Frau, die kurz ihre Handtasche abstellte, während sie sich auf den Fensterplatz zwängte, wurde sofort mit spitzer Stimme belehrt, dass hier wohl Vorsicht angebracht sei, auf solchen Tischen könnten auch schon mal Brillen liegen. „Selbst schuld, wer sich so ausbreitet“, dachte ich.

Den Rest der Fahrt bis nach Bielefeld widmete sich die alte Spinatwachtel dann wieder der Lektüre von „Arte“, schaute verbittert und ignorierte ihre Mitreisenden geflissentlich. Gibt es eigentlich eine Kunstschule, an der „Verhärmte Widerlichkeit“ als Lehrveranstaltung angeboten wird?

Veröffentlicht in Humor

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