Liebesdienste in Berlin

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Wie ich einmal beinahe mit einer käuflichen Liebesdame mitgegangen wäre

 

Uns Menschen aus eher provinzielleren Gegenden sagt man ja gerne nach, dass sie den Versuchungen der sündigen Großstadt einfach nicht gewachsen wären. Bis vor drei Wochen hätte ich über solcherlei Aussagen noch gelacht, denn nachdem ich nun bereits einige Ausflüge in die Metropolen dieser Republik unternommen habe, war ich der Meinung, mich dort mittlerweile sogar recht gut zurechtzufinden.

Mitte September jedoch verschlug es mich mal wieder nach Berlin. Dort hatte ich eine Begegnung, die mich hat nachdenklich werden lassen. Unser Hotel befand sich in unmittelbarer Nähe zur Oranienburger Straße, eine Gegend, die durchaus zu Recht einen Ruf als klassisches Amüsierviertel genießt. Mit einem Kollegen speiste ich dort in einem netten thailändischen Lokal, anschließend tranken wir noch etwas in einer Bar. Auf meinem Rückweg zum Hotel wurde ich dann von einer jungen Dame angesprochen: „Na, junger Mann? Wohin des Weges? Und dann auch noch so eilig…“

In jeder anderen Situation hätte ich bei einer solchen Ansprache keinen Verdacht geschöpft (Provinz eben), aber da ich wusste, dass die Oranienburger Straße auch für Damen aus dem kommerziellen Liebesgewerbe ein beliebtes Pflaster ist (womit ich keine Partnervermittlungen meine, ging ich wort- und blicklos an ihr vorbei. Da traf mich der nächste Satz wie ein Schlag: „He, Du kannst wenigstens antworten, reden wirst Du ja wohl noch können!“ Natürlich hätte ich jetzt souverän weiter gehen können und die Situation wäre an dieser Stelle ein für allemal beendet gewesen. Jedoch muss ich zugeben, dass allein schon das Wegschauen mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung gekostet hatte, denn auch wenn man von ihrem Gewerbe halten mag, was man will, eines muss man den Mädchen, die an dieser Straße stehen dann doch zugestehen: Der größte Teil von ihnen ist atemberaubend hübsch!

Zudem mussten meine Getränke in der Bar etwas enthalten haben, das mich entweder mutig machte oder aber meine soziale Freundlichkeit animierte. Jedenfalls drehte ich mich um und wandte mich der jungen Frau zu. Eine Schönheit war sie, zweifellos. Etwas größer als ich, wobei ich nicht sagen kann, ob sie wirklich so groß war oder ob das nur an den furchteinflößenden Plateauschuhen lag, auf denen sie mir langsam entgegen stapfte. Wenigstens eine freundliche Ausrede konnte ich mir ja einfallen lassen. In meinen Gedanken verglich ich mich ein wenig mit Jean-Paul Belmondo, der es ja auch immer wieder schaffte, sich charmant aus den unmöglichsten Situationen herauszureden…

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin nicht Belmondo – und es fehlt mir scheinbar auch an der Fähigkeit, mich aus einer Situation so herauszureden, dass man nie an meinem Erfolg zweifelt. Ich setzte also schon mal eine Miene auf, die scheinbar nicht ölig genug war, sondern eher ihr Mitleid erregte, und sagte: „Tut mir, leid, aber ich will gerade zurück in mein Hotel.“ – „Und das hast Du ganz allein vor, oder was?“

Ich beschloss auf Ehrlichkeit zu setzen: „Naja schon, eigentlich ruft mich jetzt mein Bett!“ Ihr Blick ruhte abschätzend auf mir, aber sie sprach kein Wort, deshalb fühlte ich mich genötigt, noch hinzuzufügen: „Also… weil ich tatsächlich… also schlafen…wollte…!“ Ohne ihren Blick abzusetzen, hakte sie noch einmal nach: „Schlafen!? Dafür wirkst Du aber erstaunlich munter!“ Ich setzte eine übertrieben verlegene Miene auf und antwortete: „Danke, Du musst sowas nicht sagen, ich weiß, dass ich mittlerweile fast 24 Stunden wach bin.“ Sie atmete tief ein, streckte die Brüste raus und antwortete im Brustton (!) der Überzeugung: „Also, eins garantiere ich Dir: Wenn ich mit Dir fertig bin, dann schläfst Du danach wie ein Stein!“

Angesichts der Tatsache, dass sie mittlerweile direkt vor mir stand und jetzt erst so richtig auffiel, dass sie mit diesen Sohlen deutlich größer war als ich, bekam ich deutlichen Respekt und glaubte ihr ihren letzten Satz aufs Wort. Hinzu kam die Tatsache, dass ihre Haltung es fast unmöglich machte, an den Brüsten vorbei zu schauen, weshalb ich verzweifelt den Kopf nach links und rechts drehte, zumal sie langsam weiter vorwärts ging und ich allmählich zurückwich. „Du musst nicht wegschauen! Oder stehst Du mehr auf die kleinen Püppis?“ Etwas verzweifelt antwortete ich: „Wenn es nur das Schauen wäre. Hier kann man gar nicht wegschauen, die Damen an dieser Straße sind alle so unglaublich hübsch, man weiß gar nicht, wohin man schauen soll. Und wenn dann so eine vor einem steht, da kann man schon mal nervös werden…“ Etwas spöttisch imitierte sie nun meine Verlegenheitsmiene von vorhin, während ich mit dem Rücken an eine Hauswand stieß und merkte, dass ich nun nicht mehr weiter zurückweichen konnte. Immerhin verriet mir ein schnelles Umschauen, dass wir keine Zuschauer hatten (bei meinem letzten Besuch in der Oranienburger Straße hatte ich in einem Straßenrestaurant gesessen und jedes Wort der Verhandlungen verstanden, die zwei ihrer Kolleginnen nur zwei Meter von mir entfernt führten). Direkt vor mir blieb sie stehen und fragte: „Mache ich Dich wirklich nervös?“

Mit einigen hektischen Gesten kratzte ich mir am Kopf, schaute mich weiter will um und hoffte weiterhin, keine Zuschauer anzuziehen. „Gut, dass uns keiner zuschaut“, antwortete ich dann, „Zwangslagen werden immer erst dann peinlich, wenn andere Leute etwas davon mitbekommen.“ – „Du lenkst ab, mache ich Dich nervös?“

Mittlerweile standen wir so dicht, dass jeder Außenstehende vermutet hätte, wir wollten gleich auf Tuchfühlung gehen. „Nein“, antwortete ich, während ich die Hektik meiner Bewegungen noch etwas verschärfte, „das ist mein Entspannungsverhalten! In nervös, wolltest Du mich lieber gar nicht kennenlernen.“ - „Und wieso Zwangslage?“ – „Naja, wie sieht das denn hier aus? Ich hier an die Wand gepresst mit keiner Fluchtmöglichkeit. Du unterdrückst gerade massiv meinen angeborenen männlichen Beschützerinstinkt!“ Sie versuchte, mir herausfordernd in die Augen zu schauen, musste jetzt aber doch lachen. Auf mein entschlossenes „So, und ich geh jetzt schlafen – außerdem ist das Dietrich-Bonhoeffer-Haus ein christliches Hotel!“ sagte sie noch gönnerhaft: „Ja, los, dann hau ab!“ und machte mir dann den Weg frei.

Ich war erleichtert, dass ich den Versuchungen des Abends widerstanden hatte. Momentan überlege ich noch schwer, ob ich nächstes Mal nicht doch einfach wieder entschlossen an einer solchen Dame vorbeigehen soll. Die Vermutung meines Kollegen am nächsten Morgen, da hätte mich jemand einfach nur kennen lernen wollen, fand ich zwar charmant (auch wenn mir das Auftreten der jungen Frau dann immer noch Angst gemacht hätte), aber die Vermutung, dass sie aus pekuniären Interessen gehandelt hat, konnte er damit auch nicht wirklich zerschlagen. Und in einem bin ich mir sicher: Bei uns in der Provinz, wo alle Frauen irgendwie wie Kartoffeln aussehen, könnte mir so etwas nicht passieren…

Veröffentlicht in Humor

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