Das Café

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Das Café

Es war am Sonntagnachmittag. Der sonntägliche Spaziergang war beinahe schon beendet, als meine Begleiterin anmerkte, dass sie jetzt noch Lust darauf hätte, sich in ein Café zu setzen und ein schönes Stück Kuchen zu essen. Nun bin ich nicht gerade ein Freund der Kombination Kaffee und Kuchen – um ehrlich zu sein, kann ich sogar zu feierlichen Anlässen ganz gut darauf verzichten. Um aber meiner Begleiterin gefällig zu sein, willigte ich ein und wir ließen den Blick schweifen, ob uns ein schönes Café ins Blickfeld rücken wollte. Die Wahrscheinlichkeit schien uns recht groß zu sein, immerhin näherten wir uns der Innenstadt und gingen dabei am Rande der Altstadt entlang.

Nach einigen Metern erblickte ich tatsächlich das erste Café. Dazu musste ich schon genauer hinschauen, denn es duckte sich unauffällig zwischen die anderen Gebäude auf der anderen Straßenseite. Ein wenig bieder sah es ja aus, aber es handelte sich zweifellos um ein Café, worauf ich meine Begleiterin auch gleich aufmerksam machte. Diese zeigte sich von meiner eben gemachten Entdeckung wenig begeistert. „Himmel, das sieht aber spießig aus…“, entpuppte sie sich als Bedenkenträgerin. Damit hatte sie zweifellos Recht, aber da ich nur wenig Erfahrung mit Cafés hatte (bei uns gefühlt jungen Menschen meidet man ja eigentlich bereits den recht kleinbürgerlich wirkenden Begriff), bestand ich darauf, dass ein Café eben so aussehen müsse, da es ja wohl in erster Linie darum gehe, Rentner anzuziehen, die in meiner Vorstellungswelt die typische Klientel der Café-Besucher darstellten und da könne man sich eben nicht in flippigen Farben und Formen präsentieren.

Dieser unschlagbaren Logik musste sich auch meine Begleiterin beugen und so wechselten wir die Straßenseite, um das Etablissement näher in Augenschein zu nehmen. Je näher wir kamen, desto mehr verfestigte sich der Eindruck der Biederkeit, der sich bereits in größerer Entfernung gezeigt hatte. „Da gehen doch bestimmt nur alte Leute rein“, mutmaßte meine Begleiterin, als wir unmittelbar vor dem Gebäude standen. Das war wohl erneut skeptisch gemeint, jedoch verdrehte ich ihr Argument ins Gegenteil, indem ich erklärte, das wäre ja wohl ein Qualitätsmerkmal, denn wer, wenn nicht alte Leute sollten wohl wissen, wo der Kuchen besonders gut sei. „Also los, probieren wir’s halt einfach aus!“, sagte sie darauf und hatte bereits den Griff zur Eingangstür in der Hand.

Was wir nun erlebten, lässt mich bis heute darüber nachdenken, ob es nicht manchmal einfach besser wäre, auf Bedenkenträger/-innen zu hören. Zunächst begrüßte uns ein etwas altmodisch aussehender Verkaufsraum, in dessen Auslage wirklich eine Menge toll aussehender Torten und Kuchen standen, die sogar auf mich Appetit anregend wirkten. Doch schon daneben stand einer dieser modernen Kaffee-Vollautomaten, der auf Knopfdruck unzählige Sorten kaffeehaltiger Getränke auszuspucken in der Lage ist, die durch ihre vollautomatische Herstellung alle ungefähr so viel Seele besitzen, wie der Text eines Telefonbuchs.

Da wir ja vorhatten, unsere Spießer-Mahlzeit in den dortigen Räumlichkeiten zu uns zu nehmen, gingen wir also nach hinten durch in den Gastraum. Dieser erwies sich gleich als so schwiemelig, wie ich es der von mir vermuteten Klientel zugeschrieben hätte. Eine Oma-Gemütlichkeit wie aus dem Bilderbuch. Wir setzten uns also an einen freien Tisch, schauten in die Karte – und dann blieben wir dort sitzen und warteten. Nach einer gefühlten Ewigkeit entschloss sich meine Begleiterin, vielleicht doch zunächst die sanitären Anlagen in Augenschein zu nehmen. Auf diesen Moment schien die Bedienung nur gewartet zu haben, denn kaum war die Begleiterin dem Blickfeld entschwebt, rauschte eine schlecht gelaunte und gefärbte Blondine heran und starrte mich unverwandt an. Hatte ich zunächst noch die Hoffnung, es hier mit einer Bethel-Bewohnerin zu tun zu haben, die einfach ihrer Betreuung entwischt war, entpuppte sich dieses charmante Wesen leider als Angestellte des Hauses.

„Ich hätte gerne ein Stück von der Schoko-Sahne…“, setzte ich an, da krähte es aus dem schlecht gelaunten Gesicht: „Langsam, zuerst mal ein Getränk!“ Nicht den Mut aufbringend, hier ein wenig aufzubegehren, bestellte ich mir also brav einen Becher Cappuccino, um dann meinen Wunsch nach einem Stück von der Schoko-Sahne-Torte zu wiederholen. „Für den Kuchen müssense einmal mit nach vorne kommen, weiß ich nicht, ob davon noch was da ist.“ – „Doch, als wir vorhin eintraten, war da noch eine halbe Torte, da wird schon noch was von übrig sein“, erwiderte ich, ohne mich von meinem Platz zu erheben. „Ja, das war vorhin“, entgegnete frech die Bedienung. Berechtigterweise hätte ich nun anmerken können, dass die längere Zeitspanne zwischen unserem Eintreten und dem jetzigen Augenblick nicht durch unsere Langsamkeit zustande gekommen wäre, doch da war der Hausbesen bereits wieder in den vorderen Raum geflohen.

In der Zwischenzeit war auch meine Begleiterin wieder an unseren Tisch zurückgekehrt. Die falsche Blondine kam irgendwann mit meiner Bestellung wieder und rollte die Augen, als sie merkte, dass da noch jemand dieses für sie offenbar unerträgliche Ritual einer Bestellung mit ihr durchgehen wollte. Dennoch gelang es meiner Begleiterin, ihren Wunsch zu äußern:  einen Becher koffeinfreien Kaffee. Schon rauschte die Servicekraft wieder ab, nur um ungefähr eine Minute später wieder heran zu rauschen, die Karte zu öffnen, vor meine Begleiterin zu legen und sie mit einem vorwurfsvollen Blick zu bedenken (also meine Begleiterin, nicht die Karte). Als meine Begleiterin den Sinn dieses etwas seltsamen Benehmens nicht sofort nachvollziehen konnte, kostete die Kellnerin ihren Sieg genüsslich aus: „Koffeinfreien Kaffee gibt’s nur in der Tasse oder im Kännchen, Becher haben wir nicht.“ Innerlich verfluchte ich erneut die Kaffee-Vollautomaten, während meine Begleiterin sich erhob, um den Kuchen vor einer möglichen Bestellung doch noch einmal in Augenschein zu nehmen, womit sie ohne davon zu wissen, den nächsten Befehl der Service-Offizierin vorwegnahm.

Diese nutzte den günstigen Augenblick, um schon mal den Zucker von unserem Tisch abzuräumen. Den Sinn dieser Aktion begriff ich freilich nicht, denn schließlich hatte meine Begleiterin ihren Kaffee noch nicht einmal erhalten. Offensichtlich handelte es sich dabei um eine weitere Schikane-Maßnahme, um die Gäste zur Demut zu erziehen. Mittlerweile hatte auch meine Begleiterin ihren Kuchen ausgewählt und bestellte gleich bei dem Hausdrachen, der nach der Subtraktion des Zuckers direkt an unserem Tisch stehen geblieben war.

Nach einer weiteren Zeit des Wartens kam dann ihre Bestellung. Die Kellnerin stellte den Kaffee und den Kuchen auf den Tisch. Dann sah sie sich suchend im Raum um, bis ihr Blick auf den Nachbartisch fiel. Ein schneller Griff, ein kurzes „Ich darf mal, ja?“ – und im Handumdrehen hatte sie unseren Nachbarn um seinen Zucker und seine Milch erleichtert. Diese knallte sie in einer groben Bewegung auf unseren Tisch. „Ich glaub das gerade nicht“, setzte meine Begleiterin an, als sich die Giftspritze in den vorderen Raum entfernt hatte, „das ist doch jetzt nicht gerade wirklich passiert, oder?“ – „Sieh es positiv – immerhin musstest Du nicht danach fragen“, versuchte ich ihr die schönen Seiten an dem gerade Erlebten zu vermitteln. Sie sah das wohl etwas anders, aber immerhin stieg die Laune an unserem Tisch wieder.

Wir saßen und aßen und tranken und beobachteten und kommentierten die anderen Gäste. Wie es in der Natur der Sache liegt, leerten sich dabei unsere Teller und Becher (bzw. Tassen, denn koffeinfreien Kaffee gab es ja nicht im Becher…). Also warteten wir, bis sich jemand nach unseren weiteren Wünschen erkundigte. Als sich die Wartezeit immer länger hinzog, mussten wir die Erkenntnis ziehen, dass unsere Wünsche dort offenbar überhaupt nicht erwünscht waren. Zumindest erweckten sie nicht direkt das Interesse der Gegenseite. Um ehrlich zu sein: Man ignorierte uns komplett. „Komm, lass uns aufstehen und vorne bezahlen. Ob wir jetzt hier oder dort kein Trinkgeld geben, das macht dann auch keinen Unterschied“, ergriff meine Begleiterin schließlich die Initiative. Gesagt – getan! Wir verließen die seltsame Lokalität. Ob wir diesen Besuch als amüsant empfanden, darüber sind wir uns bislang ebenso unentschieden wie bezüglich der Frage, ob wir dort jemals wieder aufkreuzen wollen…

Veröffentlicht in Humor

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