Saturday, 24. september 2011 6 24 /09 /Sept. /2011 01:39

Die Jungs vom dänischen Bettenlager

 

Neulich weilte ich wegen einer wichtigen Veranstaltung im Jugendgästehaus unserer Stadt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, bis auf die Startzeit von 7:30, die mich zu einer Zeit aufstehen lässt, zu der ich an besseren Abenden gerne ins Bett gehe. Nun gut, war nicht zu ändern, die Startzeit bestimmt nun einmal der Auftraggeber. Ich bereitete mich also auf einen interessanten, wenn auch anstrengenden Tag vor, als mir auf der Treppe Menschen entgegen kamen, die insgesamt drei Kisten Sekt vor sich her trugen. Auf einmal besserte sich meine Laune – scheinbar hatte mein Auftraggeber beschlossen, die Regeln bei seinen Veranstaltungen etwas zu lockern.

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße: Nicht unser Seminarraum wurde mit dem Alkohol beliefert, sondern der, dessen Tür sich der unseren gegenüber befand. Dennoch war ich nun neugierig, was das wohl für eine Fortbildung sein könnte, deren Veranstalter so auf die Stimmung achteten. Ich drehte auf der Treppe um und versuchte in der Folge einen Blick in den hinter der Tür liegenden Raum zu erhaschen. Das wurde immer besser: Im Raum türmten sich Kissen, Decken und allerlei andere Gegenstände, die das Leben im Schlafzimmer angenehmer machen sollen (und die man im Möbelgeschäft bekommt, nicht im Sexshop, ihr Schmutzfinken!).

„Versehentlich“ bediente ich mich in der Folge also einem Tisch, der gar nicht zur Verpflegung unseres Seminars gedacht war, das Schild neben dem Häppchenbüffet gab mir Auskunft. Als Veranstalter konnte ich da „Dänisches Bettenlager“ entziffern. Ein gewisser Neid machte sich breit, als ich daran dachte, wie angenehm hier den Mitarbeitern die Veranstaltungen gemacht werden. Das legte sich jedoch, als diese geschlossen zur Pause antraten. Nicht nur, dass das Seminar riesig war und bestimmt aus annähernd 50 Teilnehmern bestand – diese waren auch noch alle exakt gleich gekleidet. Dunkle Hose, blaues Hemd mit einer Vogelfigur, die ich einfach mal als Kranich gedeutet habe. Diese Uniformen schienen samt Inhalt nur geschlossen auftreten zu dürfen, sobald sie den Raum verließen und so erinnerte ihr Rudelverhalten in gewisser Weise an das japanischer Touristen, wenn diese als geschlossene Gruppe einen Reisebus im Rekordtempo verlassen, eine Sehenswürdigkeit umzingeln, um dort, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren, einige Fotos zu schießen, nur um anschließend im gleichen Rekordtempo ihren Bus zu entern im Nichts zu verschwinden. Viele Europäer haben ja Schwierigkeiten, Ostasiaten auseinanderzuhalten. Genau den gleichen Effekt erzielten diese Uniformen bei den Teilnehmern und Teilnehmerinnen des anderen Seminars.

Nachdem diese bedauernswerten Menschen also ihre Individualität gegen eine Uniform ausgetauscht hatten, waren sie da also sehr unglücklich? Ehrlich gesagt, auf mich machte es nicht den Eindruck. Irgendwas scheint also dran zu sein, an diesem Klischee über die obrigkeitshörigen Deutschen. Und wenn sie die Gleichförmigkeit schon nicht vom Kaiser oder Führer befohlen bekommen, dann doch wenigstens vom Arbeitgeber…

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Humor
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