Ein Rädchen im System

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Ein Rädchen im System

 

Es fiel mir zum ersten Mal auf, als ich meine Tätigkeit als Tutor für die Erstsemester an der Uni begann. Es war das erste Semester, in dem in Bielefeld ein Bachelor-Studium angeboten wurde. Junge Menschen kamen von ihrer Schule, waren jünger als ich (logisch, denn mein Studium näherte sich allmählich dem Ende) und hatten bereits ganz genaue Vorstellungen davon, wie ihr weiteres Leben und vor allem ihre weitere Karriere verlaufen sollte. Die hatte ich zu dieser Zeit nicht einmal. Frustriert musste ich mit ansehen, wie sich während meines Studiums etliche Möglichkeiten, die ich für mich als ideal angesehen hatte, in Luft auflösten. Eine etwas lässige „Schauen wir mal, was danach kommt“-Haltung hatte von mir Besitz ergriffen.

Nun kamen jedenfalls diese jungen Menschen, die sich für ein geisteswissenschaftliches Fach eingeschrieben hatten. Mit ihren genauen Vorstellungen, aber ihrem spürbaren Mangel an Lebenserfahrung und einem ebenso spürbaren Desinteresse daran, solche Erfahrungen zuzulassen. Das Karrieredenken beherrschte alles. Kaum jemand zeigte Interesse daran, wie man inhaltlich aus einem Studium am meisten für sich ziehen kann, wie man als Persönlichkeit reifen kann und welche vielfältigen Möglichkeiten es gibt, sich an der Uni zu engagieren. Die meistgestellte Frage war: Was muss ich tun, um mein Studium in der Regelstudienzeit durchziehen zu können? Eine Stadtführung, die auch das studentische Leben abseits der Uni zeigen sollte, wurde im Verhältnis zur Zahl der neu eingeschriebenen Erstsemester erstaunlich schwach frequentiert, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele der Neuen keine eingeborenen Bielefelder waren. Natürlich ist es eine ehrenwerte Sache, sein Studium auch zu einem sinnvollen Ende bringen zu wollen, wenn man etwas angefangen hat, dann sollte man es schließlich auch durchziehen. Erschreckend war jedoch, wie viele Studenten bereit waren, für dieses Ziel das komplette Leben zurückzustellen und einfach nur zu funktionieren.

Erschreckend war außerdem, dass kaum einer der jungen Studenten bereit war, für dieses Ziel seine eigenen geistigen Kräfte zu nutzen. Ich werde nie das Entsetzen vergessen, als die jungen Dinger herausbekamen, dass man an der Uni keinen Stundenplan vorgesetzt bekommt, sondern ihn sich mit Hilfe des KVV selbst zusammenstellen muss. Außerdem ist der Plan, für die Dauer des Studiums einfach nur zu funktionieren, ein falscher, denn das zurückgestellte Leben kehrt nach dem Studium ja nicht etwa von alleine zu einem zurück. Das komplette System der Bachelor- und Masterstudiengänge ist ja offensichtlich auf dieses Funktionieren angelegt. Und warum? Damit die Menschen, möglichst jung sind, wenn sie von der Uni kommen, keine Ahnung haben und deshalb auch im weiteren Berufsleben bereit sind – einfach nur zu funktionieren. Arbeite, funktioniere und konsumiere! Darauf basiert ein komplettes gesellschaftliches System und so wird die angebliche geistige Elite dazu erzogen, sich letztlich mit einer Rolle als Rädchen im System zufrieden zu geben und dieses System niemals zu hinterfragen oder zumindest darüber nachzudenken, ob es nicht vielleicht auch Alternativen geben könnte.

Gerade bei angehenden Geisteswissenschaftlern finde ich es erschreckend, dass sie sich scheinbar willig in dieses bestehende System einfügen. Die nachfolgenden Generationen an meiner Fakultät betrachtete ich daher immer mit einem gewissen Misstrauen. Bis ich vor einigen Jahren die Philosophen kennenlernen durfte und gelernt habe, dass es zum Glück immer noch Menschen gibt, die bereit sind, gesellschaftliche Rollen zu reflektieren. Seitdem ist mein Interesse an philosophischen Inhalten deutlich gewachsen. Und auch der selten, aber immerhin regelmäßig stattfindende Austausch zeigt mir, dass hier vielleicht doch noch nicht alle Hoffnung verloren ist. Man kann nur auf viele künftige Philosophen hoffen – und auf ein gewisses Ansteckungspotenzial ihrer Denkweise…

Veröffentlicht in Essay

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post