Erst reden, dann denken!

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Erst reden, dann denken

 

Eine Beobachtung, die sich bereits seit längerer Zeit machen lässt, ist die Rückkehr von Schimpfwörtern, die wir eigentlich bereits längst ausgestorben wähnten. Damit meine ich nicht etwa wundervoll anachronistisch klingende Wörter wie „Dämel“, „Döspaddel“ oder „Dummerjahn“. Menschen, die solcherlei Wörter lebendig halten, sollten hohes Ansehen genießen und in ihrer Mission in jeglicher Hinsicht unterstützt werden.

Leider aber schreibe ich hier von einer anderen Gruppe von Wörtern. Ich meine Begriffe wie „Schwuchtel“, „Homo“, „Spasti“, „Behinderter“ oder auch (gerade in letzter Zeit häufig in Gruppen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wahrgenommen) „Jude“. In der Regel werden sie von jungen Menschen verwendet, die durch den unreflektierten Gebrauch solcher Begriffe ihren bildungsfernen Hintergrund verraten. Ich bin gewiss kein Vertreter der scheußlichen Political-Correctness-Fraktion, da ich selbst durchaus verbal auf Minderheiten einhacke. Dennoch sehe ich einen deutlichen Unterschied zwischen Personen, die ein solches Wort als gezielten Verstoß gegen eben jene politisch korrekten Regeln benutzen und Jugendlichen, denen ein solches Wort ebenso schnell und unüberlegt aus dem Gesicht fällt wie unsereinem „Blödmann“ oder von mir aus auch „Arschloch“.

Kann man die neuen, alten Minderheiten-Schimpfwörter als Tendenz sehen? Weisen sie auf eine Gesellschaft hin, die zunehmend wieder auf alte, bereits längst überholt geglaubte Feindbilder zurückgreift? Fragt man die Jugendlichen selber, dann würden sie dies verneinen und betonen, dass es sich dabei um Begriffe handelt, die wie jedes andere Schimpfwort auch benutzt werden. Dennoch steckt hier mehr dahinter.

Bisher ging ich fest davon aus, dass solche Minderheiten ein so selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft seien, dass man überhaupt nicht mehr über sie sprechen müsse. Ein großer Teil der Bevölkerung hierzulande schien außerdem (nach zugegeben vielen Jahren Kampf, den die verschiedenen Gruppen gegen ihre Diskriminierung führen) begriffen zu haben, dass die sexuelle Orientierung, die körperliche Verfassung oder religiöse Ansichten, so sie nicht in fanatischer Art propagiert werden, völlig ohne Belang sind, wenn es darum geht, ein Gegenüber einzuordnen und mit ihm umzugehen. Leider musste ich feststellen, den Fehler begangen zu haben, meinem unmittelbaren Umfeld scheinbar ein Mehrheitspotenzial zu unterstellen, das für einen großen Restteil der Gesellschaft aber gar nicht zutrifft.

Woran liegt das? Ein wichtiger Grund ist sicherlich die soziale Zusammensetzung der Gruppe der Schimpfenden. Das ordinäre Volk an sich neigt dazu, sich vor allem mit seinesgleichen zu treffen, was auch daran liegt, dass gebildetere Menschen die primitiven oftmals als nervig empfinden, da ein Mangel an Intellekt meistens mit einem gewaltigen Sendungsbewusstsein einher geht. In diesen Gruppen entwickeln sich bestimmte Verhaltensweisen des Machotums. Was komplett fehlt, ist die Bekanntschaft zu Angehörigen der beschimpften Minderheiten bzw. ein Bewusstsein für deren Lage. Selbst wenn jemand innerhalb dieser Gruppe z.B. homosexuell wäre, dann würde er sein Outing auf alle Fälle verhindern wollen, da er ansonsten durchs Gruppenzwang-Raster fiele und gewaltige Probleme bekommen würde.

Dazu kommt oftmals ein kultureller Hintergrund, der aus der Sicht des aufgeklärten Menschen ein wenig steinzeitlich anmutet. Es gibt tatsächlich noch Kulturen, deren archaische Sichtweise eine Behinderung als Strafe Gottes ansieht und nicht als Laune der Natur. Jemanden der Homosexualität zu bezichtigen, gilt dort als eine der schwersten Beleidigungen. (Wer jetzt glaubt, ich schaute nur in den nahen Osten, denkt zu kurz: auch die ach so sehr um Toleranz und politische Gleichstellung bemühten Rastamänner Jamaicas würden wenig erfreut reagieren.) Und der Jude gilt dort als Feindbild schlechthin, ohne dass man sich ernsthaft mit seiner Religion auseinander gesetzt hätte, geschweige denn auf eine persönliche Bekanntschaft in diesem Bereich blicken könnte.

Hinzu kommt ein gravierender Mangel an Reflexionsfähigkeit. Einen gezielten Tabubruch nicht unterscheiden zu können von einer tatsächlich diskriminierenden Äußerung, ist ein ernsthaftes Problem, das die geistig Hoffnungslosen aber nicht alleine tragen sondern auch mit den zwar Intelligenten, aber ideologisch Verblendeten teilen. Der einzige Unterschied ist, dass die erste Gruppe die Vorurteile völlig unreflektiert als Tatsache missversteht und mit ein wenig Pech als solche im Namen des Verursachers weiterverbreitet, während bei der zweiten Gruppe eher ein automatischer Betroffenheits- bzw. Empörungsreflex die Folge ist. Äußerst unerquicklich sind jedoch beide Gruppen.

Welche Schlüsse zieht man nun daraus? Muss man sich als denkender Mensch also in seinen Äußerungen zurückhalten? Gegenüber bestimmten Gruppen könnte dies ganz ratsam sein, bevor jemand solche Äußerungen in den falschen Hals bekommt. Andererseits kann es nicht sein, dass das Niveau des öffentlichen Diskurses von den Dummen bestimmt wird und man sich aus Angst vor Missverständnissen an der falschen Stelle zurückhält.

Also gilt es, Flagge zu zeigen, verbale Gewalt mit verbaler Gewalt zu beantworten, um den Spieß einfach umzudrehen. Jeder, der diskriminiert, gehört selbst in irgendeine Gruppe, die in irgendeiner Form der Diskriminierung ausgesetzt ist. Beantworten wir doch einfach eine solche Äußerung mit einer Gegenäußerung und lassen wir unser Gegenüber spüren, wie es sich anfühlt, Vorurteilen ausgesetzt zu sein. Das kann einem zwar im Ernstfall eine Menge Ärger einbringen, aber das sollte es wert sein, wenn es gegen diejenigen geht, die das Recht auf Meinungsfreiheit nutzen, um ebenjene zu missbrauchen.

Veröffentlicht in Essay

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post