Hysterische Ausbrüche in München

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Hysterische Ausbrüche in München

 

Es ist erschreckend, wenn man feststellt, wie schnell man trotz einer an sich guten Position abgemeldet ist, sobald die anderen Personen um einen herum einen Hauch von Prominenz in der eigenen Nähe wahrnehmen. Gleichzeitig ist es faszinierend, zu beobachten, wie sich wahre Fans in einen schieren Rausch hineinsteigern können, wenn man selbst eine eher ironische Distanz zu dem Erlebten verspürt.

Die Geschichte ereignete sich am Sonntag, dem 16. Mai. Aus dienstlichen Gründen durfte ich mit drei jungen charmanten Frauen eine Reise nach Kirchfelden im schönen Oberbayern antreten. Dort sollten wir uns am späten Nachmittag in einem Tagungshotel den Teilnehmern eines AC vorstellen, das diese am nächsten Tag zu absolvieren hatten. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, entschieden wir uns, unsere Reise bereits morgens um halb acht zu beginnen, um auf jeden Fall pünktlich am Ort des Geschehens einzutreffen. Wie es halt so oft geschieht, wenn man alles mit einplant: Es geschieht nichts. Wir kamen überraschend gut durch und waren dank etlicher nicht vorhandener Staus bereits gegen 13 Uhr in der Nähe von München.

Die ganze Fahrt über hatte Bianca bereits darüber schwadroniert, wie schön es doch wäre, früh in Bayern zu sein, um auf dem Marienplatz dem Empfang des FC Bayern beizuwohnen, der just am Vortag in Berlin sehr souverän den DFB-Pokal gewonnen hatte. Natürlich war dies eher als Scherz gemeint gewesen, den ich inhaltlich allerdings eher abstoßend fand.

Als wir nun zur Mittagsstunde auf die A99 abbogen, fuhr auf Höhe der Allianz-Arena ein großer Reisebus mit einem großen Emblem des soeben erwähnten Vereins direkt vor uns. Dieses Ereignis löste nun einen Hormonschub bei einem Teil meiner weiblichen Begleiterinnen aus; die Lautstärke im Inneren unseres bequemen Autos schwoll auf einmal an, als Bianca schrie: „Das ist er, das ist der richtige Mannschaftsbus!“ Schneller als das menschliche Auge gewahr werden konnte, hatte sie die Fotofunktion ihres iPhones in Gang gesetzt und fotografierte nun, was das Zeug hielt. Das Motiv war nicht sonderlich spektakulär, es handelte sich zunächst halt einfach um die Rückseite eines Busses, auf der ein großes Logo des FC Bayern München prangte.

Nun zeigte sich aber, dass Barbara, unsere Fahrerin, ebenfalls vom Fan-Fieber gepackt worden war, als sie den Bus langsam, quälend langsam überholte, was Bianca wiederum die Möglichkeit eröffnete, durch das Beifahrerfenster weitere Fotos des Busses zu machen. Da die Fenster ordentlich verdunkelt waren, änderte sich das Motiv nur in Bezug auf die Perspektive. Nun würde auf den Fotos halt die Seitenansicht desselben Busses mit dem gleichen Logo zu sehen sein. Das hielt unsere Fahrerin nicht davon ab, sich vor den Bus zu setzen und das Tempo ein wenig zu verlangsamen. Durchs Heckfenster konnten wir nun von vorne in den Mannschaftsbus blicken und erhaschten einen kurzen Blick auf deren Trainer Louis van Gaal, was zu weiteren Äußerungen des Entzückens führte.

Unser gedrosseltes Tempo zwang nun wiederum den Fahrer des Busses zu einem Überholmanöver, was sogleich dazu genutzt wurde, auch die andere Seite des Busses fotografisch zu verewigen. Außerdem wurde aus den Silhouetten der Spieler, die sich hinter den verdunkelten Fenstern abzeichneten sogleich Rückschlüsse auf den Rangordnung innerhalb der Mannschaft geschlossen. Van Bommel nicht direkt hinter dem Trainer, dafür Olic? Diskussionen…

Dann endlich, setzten wir zum abschließenden Überholmanöver an und verließen die Autobahn Richtung Innenstadt, da ich lautstark auf die Leere innerhalb meines Magens aufmerksam gemacht hatte und somit die Suche nach Essbarem eingeleitet hatte. Auch diese Gelegenheit wurde genutzt, um die linke Seite des Busses noch einmal ausgiebig zu fotografieren. Nach einer gefühlten Viertelstunde war der Spuk dann aber endgültig vorbei und mit gewagten (zu gewagt, wie sich mittlerweile herausgestellt hat) Prognosen (Champions League-Sieg am kommenden Wochenende) fuhr unsere diskutierfreudige Runde zu einer bekannten Imbisskette. Die Damen waren für den Rest des Tages vollkommen euphorisiert. Durch diese unerwartete Nähe hatte ein Hauch von Glamour Einzug in unseren Tiguan gehalten. Vielleicht sollte ich mir doch einmal ein Konzept überlegen, um Berühmtheit zu erlangen – diese Wirkung auf die Weiblichkeit käme mir manchmal sehr gelegen…

Veröffentlicht in Humor

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