Loriot im Fawlty Towers

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Loriot im Fawlty Towers

 

Ja, sie war schon urig, die kleine Pension in Igls (bei Innsbruck), in die es uns verschlagen hatte. Es begann schon damit, dass wir bei unserer Ankunft auf dem Zimmer feststellten, dass auf die beiden Hälften des Doppelbettes jeweils ein anderer Bettbezug aufgezogen worden war. Hier äußerte meine Reisebegleitung das erste Mal den Verdacht, der Herr, der uns zuvor am Eingang sehr freundlich in Empfang genommen hatte, könne vielleicht der alleinige Leiter des Gästehauses sein. Dieser Verdacht erhärtete sich als wir das Bad betraten und feststellen mussten, dass auch bei den Handtüchern jeder von uns sein individuelles Muster bekam. Der Werbespruch auf meinem Handtuch outete selbiges als offensichtliches Mitbringsel von einer Messe. Wir ahnten ja noch nicht, dass dies erst der Beginn eines Aufenthaltes in einem sehr heiteren Hause sein sollte.

Am nächsten Morgen begaben wir uns ins Erdgeschoss zum Frühstück. Weit und breit war kein Angestellter zu sehen. Nach kurzer Suche machten wir einen Raum ausfindig, der offenbar der Frühstücksraum sein musste. Doch außer einer dösenden Katze herrschte auch hier kein weiteres Anzeichen von Leben. Kurz steckte ich meinen Kopf in den Raum, den ich für die Küche hielt und blickte auf die größte Privatsammlung von gebündelten Zeitungen, die ich in meinem ganzen bisherigen Leben gesehen hatte. Nach einem sich bewegenden Lebewesen hielt ich allerdings auch hier vergeblich Ausschau. Also setzten meine Reisebegleitung und ich uns an einen Tisch und unterhielten uns. Auf einem herrschte in der Küche rege Betriebsamkeit – durch welchen geheimen Zugang die Menschen in diesen Raum gekommen waren, blieb mir jedoch ein Rätsel. Ein Mann diskutierte mit einer Frau mit osteuropäischem Akzent. Auch wir erhöhten nun in unserem Frühstücksraum die Lautstärke unseres Gesprächs, in der Hoffnung, dass man dadurch im Nebenraum schon irgendwann Notiz von uns nehmen müsse. Das tat man auch, allerdings erst, nachdem die Diskussion in der benachbarten Küche scheinbar endgültig beendet war.

Nun kam der gleiche Mann durch die Tür, der uns am Abend vorher so freundlich begrüßt hatte. Auch am Morgen beherrschte er die Kunst des Grüßens sehr gut, rieb sich die Hände, und fragte uns nach unseren Wünschen (Tee oder Kaffee?). Als er die Bestellung aufgenommen hatte, bewegte er sich rückwärtsgehend in seine Küche. Dem servilen Ton wäre nun eigentlich auch noch eine kleine Verbeugung angemessen gewesen, aber hier wurden meine Erwartungen nicht erfüllt.

Der Mann war weg, auf trat ein älterer Herr. Er setzte sich an einen anderen Tisch und zog eine größere Anzahl diverser Medikamente aus eine Tüte, die er mit in den Frühstücksraum gebracht hatte. Diese sortierte er vor sich auf dem Tisch. Es folgte seine Frau, die nun ihrerseits ihm gegenüber Platz nahm und die Hälfte der Medikamente auf ihre Seite hinüberzog.

Als auch diese von dem freundlichen Herrn begrüßt worden waren, begannen sie sich sogleich zu unterhalten. Gerne hätte ich an dieser Stelle auch noch den Begriff „lebhaft“ eingeschoben, dieser wäre jeodch zur Beschreibung der Unterhaltung eindeutig fehl am Platze gewesen, denn mit Lebhaftigkeit hatte dieses Gespräch nun wirklich nichts zu tun. Es waren mehr einzelne Sätze, die irgendwie in den Raum geworfen wirkten. Zwischen diesen Sätzen entspannen sich teils recht lange Pausen, so dass die Antwort des jeweils anderen Ehepartners manchmal in keinem Zusammenhang mit dem vorher Gesagten stand, weil wohl das Gedächtnis nicht reichte, sich den letzten Satz lang genug zu merken.

Für den aufmerksamen Zuhörer jedoch kristallisierte sich ein gewisses Grundthema heraus, auf welches das Gespräch am Nachbartisch immer wieder zurückkam. Ein immer wiederkehrender Satz lautete nämlich: „Der Andere scheint heute frei zu haben.“, gerne auch in der Variante: „Der Andere scheint heute gar nicht da zu sein.“ Dem älteren Paar ob seiner morgendlichen Routine eine längere Erfahrung mit den Abläufen dieser Pension unterstellend, konnten wir den Worten entnehmen, dass der freundliche Herr wohl nicht der Einzige war, der hier seiner Arbeit nachging. Selbst wenn wir weniger scharfsinnig gewesen wären, wurde die Feststellung häufig genug wiederholt, dass auch weniger aufmerksame Zuhörer bequem diesen Gedanken nachvollziehen konnten.

So sah unser erstes Frühstück in Igls aus. Zufrieden mit dem gebotenen Unterhaltungsprogramm verließen wir den Frühstücksraum und gingen unserem Tagesprogramm nach.

Der nächste Morgen bot gleich eine Neuigkeit. Wir durften „den Anderen“ kennen lernen. Hierbei handelte es sich um einen Südländer, der selbst bei den draußen herrschenden sommerlichen Temperaturen mit einer schweren Lederjacke herumlief, ziemlich penetrant nach Rauch roch und ein wenig so wirkte als hätte er schon früh am Morgen die eine oder andere Kräuterzigarette inhaliert. Mit anderen Worten: Er stellte eine prächtige Ergänzung des bislang gebotenen Figuren-Panoptikums dar!

Das ältere Paar, offenbar zufrieden damit, dass dieser Mann nun wieder innerhalb ihres Sichtfeldes herumturnte, konnte sich an diesem Morgen gepflegt anderen Gesprächsthemen widmen:

Sie „Heute regnet es.“

Er: (nach einer Pause): „Wo?“

Sie: „Draußen!“

Er: (überrascht): „Oh!“

Bedauerlicherweise mussten die beiden schon eher abreisen als wir, denn an den letzten beiden Tagen vermissten wir diese lässige Selbstverständlichkeit im Austausch von Informationen doch ein wenig…

Veröffentlicht in Humor

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