Schwerer Fehler

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Schwerer Fehler

 

Eine gar nicht mal so gute Idee ist es, die eigene Schwermut dadurch zu bekämpfen, dass man einen Ort aufsucht, den man mit lauter nostalgischen Erinnerungen verbindet. Zumindest dann, wenn man weiß, dass sich dieser Ort seit dem letzten Besuch deutlich verändert hat. So erging es mir am heutigen Sonntag. Meine Laune ließ etwas zu wünschen übrig, da zeigte mir ein Blick aus dem Fenster, dass draußen immer noch die Sonne schien. Da Sonnenlicht meine Stimmung in der Regel fast von alleine wieder anhebt, ließ ich also alles stehen und liegen, zog mir eine dünne Jacke über und begab mich vor die Tür.

Da mir spontan keine bessere Idee kam, beschloss ich, dass ich ja eigentlich mal hinauf zur Sparrenburg spazieren könnte. Bereits in der Prießallee kamen mir erste Zweifel an der Qualität meines Vorschlags. In der Allee hatte man alle Bäume entkront und ihnen damit die Ästhetik von Hutständern verliehen. Dadurch kam die Trostlosigkeit der dahinter stehenden Häuser erst so richtig zum Vorschein. Egal, ich verkniff mir die Seitenblicke auf die Häuser, schließlich war die Prießallee ja auch nicht das Ziel meines Ausflugs.

Auf der Sparrenburg-Promenade fiel mir auf, dass meine Idee wohl auch keine allzu individuelle gewesen war: Horden von Eltern schleppten ihre Kinder auf den obligatorischen sonntäglichen Familienausflug. Und so herrschte ein Kreischen heller Stimmen, dass man der Verhütungsmittel-Industrie für die Zukunft nur Rekordumsätze wünschen konnte. Selbst den schönen Blick auf Bielefeld (nein, kein Antagonismus, Ihr verdammten Zweifler!) von dort oben konnte ich nur bedingt genießen. Jedoch war ich mittlerweile zu lange stur in diese Richtung gelaufen als dass ich mein Ziel noch spontan hätte ändern wollen.

Kurz vor der Burg fiel mir ein, dass dort oben ja archäologische Ausgrabungen stattfinden und ich deshalb das gewohnte einerseits romantische, andererseits vertraut-biedere Szenario gar nicht vorfinden würde können. Mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis betrat ich das Gelände. Der Innenhof des Hauptgebäudes war komplett aufgerissen, die Außenterrasse des dortigen Restaurants hatte man mit einem neuen Zaun deutlich vom Restbereich abgegrenzt. Sah etwas moderner aus, war mir aber einsichtig, nicht jeder mochte schließlich den etwas abgeranzten Charme, den dieser Bereich vorher ausstrahlte. Weiter ging der Rundgang. Den Weg links entlang der Burg hatte man etwas begradigt, wohl damit die Baufahrzeuge besser hindurch kamen.

Der nächste Schock: Die Wiese war weg. Die Wiese, auf der ich so viele schöne Mittelaltermärkte durchgefeiert hatte. Die Wiese, auf der ich mir immer Nahrung zugeführt hatte, nachdem ich sie der schönsten Spätzle-Verkäuferin der Welt abgehandelt hatte. Die Wiese, über die ich Arm in Arm mit meiner großen Liebe flanierte, sogar, bevor ich noch wusste, dass sie für die nächsten drei Jahre meine große Liebe werden sollte. Weg! Stattdessen: Ein Bauloch, in dem sich ein zugegebenermaßen beeindruckendes Labyrinth von alten Mauern ausbreitete. Historisch korrekt, aber emotional überhaupt nicht!

Die Ecke, in der auf den Märkten immer der Stand meines Meisters, des Quacksalbers seine stolzen Zeltstangen gen Himmel reckte. Auf einmal war sie sauber. Nun gut, Nostalgie beiseite: DAS war einmal wirklich angenehm. Es sah sogar wirklich gepflegt aus, in der traditionell dreckigsten Ecke der Burg. Wichtig ist nur, dass sich dort in Zukunft bitte weiterhin Punks, arme Künstler und Gothics mit etwas verquasten Vorstellungen von Romantik treffen, und nicht plötzlich die Yuppies diesen Ort für sich entdecken…

Das hintere rechte Rondell hatte man abgetragen. Darunter befand sich Mauerwerk, dass man in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt hatte, einst hatte es sich um eine Schussanlage für Kanonen gehandelt. Das sah toll aus, war ebenfalls wieder historisch korrekt, aber emotional…

Schuld an meiner emotionalen Sperre gegen die neue Aufmachung trug ein metallener Zaun, den man nun vor dieses Rondell gestellt hatte, um dem gemeinen Besucher den Zutritt zu verwehren. Ausgerechnet zu dem Rondell, auf dem ich zahlreiche wundervolle Rendez-vous hatte, auf dem ich zum ersten Mal die oben genannte Liebesdame (nee, das ist was anderes…) – äh, die oben genannte große Liebe traf. Mein Romantik-Rondell! Hier legte sich wirkliches Entsetzen über mein Gemüt. War ich überhaupt auf der richtigen Burg? War ich vielleicht in Gedanken einfach zu einer falschen Anlage gelaufen? Ein Blick auf den Sonnenstand verriet mir, dass dies wohl kaum möglich wäre, da ich die nächste Burg wohl kaum noch zu Fuß am gleichen Tag erreicht hätte. Ein Blick auf den Turm bestätigte mir, dass diese Burg wohl die richtige war.

Da konnte die liebe Sonne noch so sehr zu meiner Erheiterung scheinen – der Tag war gelaufen. Wenigstens das Rondell der Ritter mit dem roten Met war noch so wie in meiner Erinnerung – und ließ in mir die Erkenntnis wachsen, dass Alkohol manchmal eben doch eine Lösung sein kann!

Veröffentlicht in Humor

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