Statussymbole

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Statussymbole

 

Man begegnet ihnen überall, sobald man sich außerhalb der eigenen vier Wände aufhält: besonders teuren oder sonstwie wertvollen Gegenständen, die angeblich den Status ihres Besitzers bekunden sollen. Zu meiner Jugend (jetzt, wo ich mich meines Alters erinnere, bekomme ich beim Verfassen dieses Textes noch schlechtere Laune) definierten sich Menschen meines Alters vor allem durch die Marke ihrer Kleidung. Davon mal ab, dass Kleidung an einem Menschen entweder ganz passabel aussieht oder eben völlig behämmert, ist die Marke dabei doch ziemlich egal, denn sie sagt über ihren Besitzer letztlich nichts aus. Ein blöd aussehendes Oberteil wird auch nicht dadurch schön, dass ein teurer Name draufsteht. Was wollen uns also die Träger der entsprechenden Klamotten mitteilen? Seht her, ich bin ein farbenblindes Fashion-Victim? Ich denke nicht, dass dies die beabsichtigte Außenwirkung ist. Die soll wohl eher in die Richtung „Ich trage es, weil ich es mir leisten kann“ zielen. Und so geben Menschen, die sonst zu blass sind, um eine Außenwirkung zu erzielen, also viel Geld aus (denn es stimmt ja: Leisten können muss man sich den Plunder ja wirklich), um wie eine teure Vogelscheuche durch die Botanik zu rennen.

„Beabsichtigte Außenwirkung“ ist überhaupt ein Stichwort: Die meisten Menschen tragen bestimmte Sachen, weil sie nach außen etwas verkörpern wollen. So gilt bei uns Männern ein Anzug als elegant, in der Geschäftswelt soll er Seriosität ausstrahlen. Wenn man aber mal genauer darüber nachdenkt, dann fällt einem doch recht schnell auf, dass Menschen im Anzug meistens doch nur nach irgendwelchen Wegen suchen, um uns das Geld in der Tasche locker zu machen. Im Grunde unterscheiden sie sich von einem gewöhnlichen Straßenräuber dadurch, dass sie sich durch ihren Anzug zu ihrem Tun legitimiert fühlen (und in der Regel nicht zur Anwendung körperlicher Gewalt neigen – sie haben da andere Mittel und Wege). Von daher ist es recht unglaubwürdig, wenn ein Mensch behauptet, durch seine Kleidung seine Persönlichkeit auszudrücken. Einen Anzug trage ich zweckgebunden, ich schlüpfe bewusst in eine Rolle, sobald ich ihn trage. Über meine Persönlichkeit sagt er mal rein gar nichts aus. Bei mir kommt noch erschwerend hinzu, dass ich keinen Blick für Anzüge habe, für mich sehen die alle gleich aus (außer, jemand hat den Mut, ein besonders schäbiges oder grelles Modell zu tragen – da mag dann tatsächlich Persönlichkeit drinstecken). Ob von der Stange oder maßgeschneidert vom Edeldesigner – dafür habe ich keinen Blick. Von daher funktioniert das mit dem Seriosität oder Macht oder was auch immer ausstrahlen bei mir nur sehr begrenzt, wenn mein Gegenüber einen Anzug trägt.

Doch nicht nur Kleidung allein soll dazu dienen, Menschen wertvoller erscheinen zu lassen als sie wahrscheinlich sind. Ebenfalls sehr beliebt ist das Mobiltelefon. Galt es früher als ein reiner Luxus für Angeber (meist Geschäftsleute, die auch in ihrer Freizeit zwanghaft ihrer Umwelt demonstrieren mussten, wie wichtig sie sind), ist dieses Gerät mittlerweile zum Allerweltsartikel verkommen. Vorbei die Zeiten, in denen es noch als verpönt galt, das Gerät in einem Restaurant oder in der Kneipe eingeschaltet zu lassen – mittlerweile wird munter drauflos telefoniert, meist in einer Lautstärke, die die komplette Umwelt dazu zwingt, unfreiwillige Zeugen von Dialogen meist minderen geistigen Gehalts zu werden. „Wo bist Du gerade?“ ist mittlerweile der Standardeinstieg ins Gespräch – zu Zeiten des Festnetzes erübrigten sich solche blöden Fragen („Am Telefon, Du Trottel!“).

Die technische Industrie hat darauf reagiert, indem sie den Geräten – um für eine gewisse Klientel das Gefühl von Luxus zu erhalten und den Angeberfaktor bloß nicht absinken zu lassen – immer neue Funktionen eingebaut hat. Mittlerweile besitzt ein normales Handy mehr Speicher und technische Möglichkeiten als noch vor 10 Jahren ein ganz gewöhnlicher PC. Rein technisch betrachtet nötigt einem dies sicherlich Respekt vor der Leistung der Entwickler ab. Doch die Frage stellt sich: Braucht man diesen ganzen Klimbim wirklich in einem Telefon? Ist die ständige Erreichbarkeit nicht an sich schon mehr Fluch als Segen? Zugegeben: Es gibt sicherlich Funktionen, die dem Käufer einen ansprechenden Mehrwert bieten. Da waren zuerst die Textnachrichten, die es ermöglichten, wichtige Nachrichten zu versenden, wenn sich das Gegenüber einfach mal dem Gespräch verweigerte. Eine Weckfunktion ist praktisch und für Menschen, die viel unterwegs sind, mag auch die Möglichkeit einer Navigationsfunktion verlockend erscheinen.

Aber dann geht es los: Eine Kamera? Naja… Das Handy als Gerät zum Abspielen von Musik? Eklig! Zum einen ist der Klang in der Regel immer noch grauenhaft, zum anderen sind Mobiltelefonbesitzer, die glauben, mit ihrer Musik auch noch ihr komplettes Umfeld beglücken zu müssen, meist mit erheblichen geschmacklichen Defiziten ausgestattet. Die Möglichkeit, mit diesem Gerät ins Internet zu gehen? Wozu? Gibt es nicht bereits genug WWW-Junkies? Dank UMTS kann man sich jetzt auf dem teuren Gerät sogar Filme anschauen. Nun ist eigentlich schon der heimische Fernseher zu klein, um manche Filme zum Erlebnis werden zu lassen. Wie überflüssig ist es, das Bildformat noch weiter zu verkleinern? Und wie gestört muss das Kunstempfinden von Konsumenten sein, die das auch noch gut finden? Besonders bei Jugendlichen hat sich das kleine Gerät weit über den praktischen Nutzwert (im Gegenteil: viele scheinen sogar vergessen zu haben, dass dieses Gerät eigentlich mal zum Telefonieren erfunden wurde) hinaus zum Statussymbol entwickelt – und das geht mittlerweile so weit, dass man wieder anfangen möchte, die Besitzer für ähnlich arrogant-aufdringliche Angeber zu halten wie zu Beginn des Mobilfunkzeitalters! Ein überflüssiger Mensch drängt seiner Umwelt seine gesammelte Geschmacklosigkeit auf!

Das ist immer noch besser als überflüssige Menschen, die der Umwelt ihre Rüpelhaftigkeit aufdrängen. In deren Fall dient der fahrbare Untersatz als Statussymbol. Ach wie schön ist es doch, wenn das eigene Selbstbewusstsein so am Boden liegt, dass man Gegenstände benötigt, um sich nach außen zu repräsentieren. Für den Betrachter ist es immer am besten, wenn er fähig ist, einfach über das komplette Blendwerk hinweg zu schauen und einfach zu überprüfen, ob er wirklich einen interessanten Menschen vor sich hat. Das erspart einem unter Umständen eine ganze Reihe an Enttäuschungen…

Veröffentlicht in Humor

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