Warum ich nie Nudist geworden bin

Veröffentlicht auf von Olaf Meiser

Warum ich nie Nudist geworden bin

 

Der menschliche Körper ist ein wahres Wunderwerk. Natürlich ist er es auch wert, dass man ihn angemessen betrachtet (wobei man sich in unterschiedlichen Fällen sicherlich mal mehr, mal weniger darüber freut). Und natürlich gibt es auch in der Stadt oder an anderen geselligen Orten immer mal wieder junge Damen, die mir über den Weg laufen, bei denen ich mir wünschte, die ganze Welt würde nackt herumlaufen.

Nüchternen Verstandes und mit dem nötigen Abstand betrachtet, ist ein solcher Wunsch jedoch eher ziemlich zweifelhafter Natur. Es gibt ja so genannte Nudistenvereine, in denen ich mich organisieren könnte und sicherlich auch jede Mange Unterstützung für oben genannten Wunsch erhielte. Einem solchen Verein bin ich jedoch bislang noch nicht beigetreten und gebe offen zu: Ich habe mich auch nicht darum bemüht, ach was: Ich habe mich noch nicht einmal erkundigt, ob es einen solchen Verein in meiner Nähe überhaupt gibt. Und ich habe auch in Zukunft nicht vor, etwas dergleichen zu unternehmen.

Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig. Damit meine ich nicht solche Quatschargumente, die man immer wieder hört, von wegen, erst die Verpackung würde doch aus einem Geschenk wirklich etwas Besonderes machen. Das ist Blödsinn, denn letztlich reißt man die Verpackung im einen wie im anderen Fall einfach nur rasch und achtlos auf, um endlich an den ersehnten Inhalt zu gelangen. Nein, die Gründe, von denen ich spreche, sind weitaus schwerer wiegend und komplexer.

Da sind zunächst mal die Vereine selbst. Wenn Deutsche sich in einem Verein organisieren, dann hat das immer etwas Biederes, der banalste Unsinn bekommt auf einmal eine rituelle Heiligkeit, wenn man ihn erst einmal zur Vereinstradition erhoben hat. Dieses biedere Denken spiegelt sich auch im Verhalten der Vereinsmitglieder. Das führt dazu, dass trotz der zahlreichen unbekleideten Menschen Nudistenvereine ähnlich prüde wie Saunagänger sind. Wer jemals in einer Sauna war, weiß, dass dies einer der asexuellsten Orte ist, an die man sich begeben kann. Das ist dort auch sinnvoll, schließlich soll es ja beim Saunieren um etwas ganz anderes gehen. Mein ganz oben geäußerter Wunsch nach Nacktheit entspringt aber gerade nicht einem asexuellen Hintergedanken, so dass ich bei den Nudisten zwar Unterstützung bekäme, aber eben aus den völlig falschen Gründen, was über kurz oder lang nur zu Konflikten führen würde.

Diese Asexualität ist allerdings auch verständlich. Angesichts des Attraktivitätsmangels vieler Nudisten könnte man bösartig behaupten, es handele sich dabei um einen reinen Akt der Notwehr. Aus Fernsehdokumentationen über diese Bewegung (ja, es handelt sich um eine Bewegung und sie besitzt nicht gerade wenige Mitglieder und Sympathisanten) habe ich die Erkenntnis destilliert, dass die meisten Anhänger ihre besten Jahre meist schon hinter sich haben. Mag sein, dass ich das mit zunehmenden eigenen Alterserscheinungen etwas anders sehen werde, aber aus meiner jetzigen Perspektive im Hier und Jetzt kann es nicht mein Ziel sein, mir nackte Frauen anzuschauen, die meine Mutter sein könnten (geschweige denn noch eine Generation weiter von mir entfernt).

Der letzte Grund schließlich ist, dass ich mir selber aussuchen will, wann ich nackt herumlaufe. Es soll ja Hardcore-Nudisten geben, die bei Wind und Wetter ihre primären Geschlechtsmerkmale in der Botanik baumeln lassen. Es gibt allerdings auch Temperaturen, bei denen das durchaus unangenehm ist. Es ist ja möglich, dass einen der ständige nackichte Zustand gegen Empfindungen wie Kälte oder Hitze abhärtet, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass der Weg dorthin ein angenehmer ist. Außerdem kann man die schrumpeligen Nudeln und die blau gefrorenen Hängebrüste durchaus als weiteres Indiz meiner oben behaupteten Asexualitätsthese ansehen.

Fassen wir also zusammen: Ich habe durchaus nichts gegen Nudisten. Sie bilden eine kleine, ganz eigene Gesellschaft, die unser gesamtgesellschaftliches Bild nur bereichern kann. Ich für meinen Teil bin jedoch froh, wenn sie das in einer Parallelwelt tun, in der ich kein fester Teil bin.

Veröffentlicht in Humor

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