Essay

Friday, 20. january 2012 5 20 /01 /Jan. /2012 01:19

Ungarn aus der EU schmeißen?

 

Vor kurzem hatte ich mich an dieser Stelle schon einmal über die Einschränkung der ungarischen Meinungs- und Pressefreiheit ausgelassen. Seit Anfang dieses Jahres ist nun also die neue ungarische Verfassung in Kraft. Hat sich an der Situation dadurch irgendetwas verbessert?

Es fängt doch schon einmal damit an, dass der offizielle Namen des Landes von „Republik Ungarn“ in einfach nur noch „Ungarn“ geändert wurde. Muss ein Land seine Staatsform im Namen tragen? Natürlich nicht und viele Länder, die es tun, wie etwa Iran oder China, sind natürlich ein Hohn für die Bezeichnung Republik. Insofern ist ja schon wenigstens ehrlich, dass Herr Orban den Namen verkürzt, denn Nomen est hier leider einmal ganz schön Omen!

Was bringt diese Verfassung denn nun eigentlich für die ungarischen Menschen mit sich. Die stark rechtskonservativen Positionen dieser Partei wurzeln neben dem Nationalismus auch in einer stark kirchenkonservativen Haltung. Abtreibungen werden künftig verboten, Nachteile für gleichgeschlechtliche Paare und Alleinerziehende werden von den meisten Experten erwartet. Ein deutlicher Rückzug von demokratischen Positionen, die bereits errungen waren also!

Der Haushaltsrat der Zentralbank besteht aus seinen Getreuen, die Kompetenzen des Verfassungsgerichtes werden eingeschränkt. Damit steht dieser Weg dem normalen Bürger dieses Landes nicht mehr offen, ebenso wenig Städten und Gemeinden. Die einzigen, die sich ans Verfassungsgericht wenden dürfen, sind der Staatspräsident, die Regierung oder entsprechende Vertrauensleute - oder ein Zusammenschluss aus mindestens einem Viertel der Parlamentarier. Ob die Opposition damit tatsächlich etwas erreichen könnte, steht auf einem ganz anderen Blatt, denn selbstredend sind auch die Richter-Positionen längst mit Getreuen des Ministerpräsidenten besetzt.

Dieser beklagenswerte Zustand wird festgenagelt durch die faktische Abschaffung von Bürgerentscheiden. Dies betrifft besonders Referenden zu den Wahlgesetzen oder Verfassungsänderungen. War so ähnlich sicherlich zu erwarten. Damit hat Orban seiner Partei die Macht auf absehbare Zeit erst einmal gesichert, zumal er durch die Beherrschung der Medien und die Entledigung kritischer Berichterstattung den wichtigsten Weg zum demokratischen Machtwechsel erfolgreich verbaut hat. Befürchtungen, dass die absolute Macht speziell dieses Mannes zu groß werden könnte, gab es ja bereits im Vorfeld der Wahlen genug.

Wie kann ein Volk so dumm sein, auf demokratischem Wege jemandem zur Macht zu verhelfen, der dann als erstes die Demokratie abschafft? Ausgerechnet ein Volk, das zu den Vorläufern der demokratischen Bewegungen im damaligen Ostblock gehörte? Da hat man seine Freiheit wieder und lässt sie sich nun freiwillig von einem neuen „starken Mann“ von der anderen Seite des politischen Spektrums nehmen? Natürlich, es gibt Proteste gegen diese neue Politik, aber die Mehehreit der Ungarn scheint ihrem Ministerpräsidenten ja zu vertrauen, sonst hätten sie ihm wohl kaum zur absoluten Mehrheit verholfen. Meldungen über Wahlbetrug wie in Russland hat man jedenfalls nicht gehört.

Wie soll man also mit der Situation in diesem Land umgehen? Sollte man ein Land, das durch die neue Verfassung in etwa noch so demokratisch ist wie Weißrussland oder die Ukraine, nicht unter massiven politischen Druck setzen? Sollte man nicht mit einem Ausschluss aus der EU drohen, wenn ein Land seine eigene Demokratie abschafft und ganz massiv Bürgerrechte beschneidet? Ist die Rettung unserer Währung wirklich die einzige Sorge, die Europa nun noch beschäftigt? In diesem Falle kann man unseren Politikern nur gratulieren: So offen wurde die innereuropäische Bigotterie noch nie ausgelebt. Man kann nur hoffen, dass Occupy und co. unsere politische Klasse wirklich das Fürchten lehren. Es ist nicht Politikverdrossenheit, was die Menschen in (nicht nur) diesem Land lieber auf die Straße anstatt zur Wahlurne gehen lässt. Es ist vor allem das Gefühl, das Politik im Spiel der wirklich Mächtigen eh nichts mehr bewirken kann. Also: Gehen wir wieder auf die Straße und wünschen wir den Ungarn, dass die dortige Protestwelle schnell anwächst und den Abschaum möglichst schnell hinweg spült, dem das dortige Wahlvolk an die Spitze verholfen hat!

Nachtrag: Wie der Zufall so spielt: Während der Recherchen und dem Verfassen dieses Textes hat die EU tatsächlich beschlossen, drei Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn an den Start zu bringen. Durch die neue Verfassung sieht man dort die Unabhängigkeit der Zentralbank, der Justiz und der Medien gefährdet. Die möglichen Strafen reichen von Einfrieren von Finanzhilfen bis hin zum Entzug des Stimmrechts in den EU-Gremien. Dann wollen wir mal hoffen, dass die Richter sehr konsequent im Sinne der Demokratie entscheiden. Immerhin erweckt es Vertrauen, dass von dieser Seite endlich reagiert wurde!

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Sunday, 6. november 2011 7 06 /11 /Nov. /2011 02:26

Europäische Wertegemeinschaft – eine Farce

 

Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie unterschiedlich doch die Maßstäbe sind, die an verschiedene Länder angelegt werden, je nachdem ob man sie als Verbündete oder als Gegner betrachtet. Da werden zur Zeit Milliarden von Euro ausgegeben, um ebendiese Währung zu retten und für die Zukunft zu stabilisieren. Dabei werden Maßnahmen ergriffen, von denen es bei der Währungsunion immer geheißen hatte, so etwas dürfe niemals geschehen, weil man damit die komplette Währungsunion gefährde.

Um dieses Tun zu rechtfertigen heißt es dann meistens pathetisch, die EU sei vielmehr als nur eine Vertreterin von Wirtschaftsinteressen. Europa sei so dicht zusammengewachsen wie niemals zuvor in seiner Geschichte. Das stimmt sogar durchaus. Eine so lange Zeit, in der nicht zwei oder mehrere Länder auf die unschöne Idee kamen, sich gegenseitig eins auf die Mütze zu geben, haben die Menschen auf diesem Kontinent seit dem frühen Mittelalter nicht mehr erlebt, was man völlig zurecht als zivilisatorischen Fortschritt bezeichnen kann. Ich für meinen Teil bin zumindest froh, auf diesem Kontinent geboren zu sein und finde den Gedanken, mich als Europäer zu sehen, sogar durchaus sehr angenehm, weshalb ich diese Bezeichnung mittlerweile häufiger verwende als das einengend klingende „Deutscher“.

 Unschön finde ich in diesem Zusammenhang allerdings, dass Europa, insbesondere die Europäische Union dann immer als „Wertegemeinschaft“ bezeichnet wird. Das soll ein großer Begriff sein, wäre er sicherlich auch, wenn er nicht von den eigenen Mitgliedern zunehmend zur Hohlphrase degradiert würde. Europa als Wiege der Kultur? Ja sicher, schöner Gedanke, aber wie gehen wir denn mit diesem Erbe um? Wir schauen kritiklos zu, wie ein an Selbstüberschätzung leidender italienischer Zwerg eine der einstmals größten Kulturnationen auf RTL 2-Niveau herunterwirtschaftet, um nach seiner politischen Karriere seine unappetitliche Arbeit als Medienmogul fortsetzen zu können. Überhaupt die Verquickung dieser beiden Positionen. Von Rechtsstaat kann ohnehin keine Rede sein, wenn ein Mann ständig versucht, Gesetze zu erlassen, um seine eigenen Gesetzesverstöße im Nachgang legalisieren zu lassen.

Noch unangenehmer wird es, wenn man nach Blick weiter gen Osten wendet, genauer gesagt nach Ungarn. Das dortige Mediengesetz, das in der Praxis eine Zensur kritischer Medien durch die Regierungspartei darstellt, hat bis heute verheerende Auswirklungen auf die ungarische Medienlandschaft. Zwar versprach Ministerpräsident Orban, dieses Gesetz nachzubessern. Musste er auch, schließlich wurde dieses Gesetz ausgerechnet zu der Zeit beschlossen, als sein Land den EU-Ratsvorsitz übernahm. Da war ein Land, in dem solche Gesetze gelten sollten, natürlich bahbah! Schließlich blickte dadurch auf einmal die Welt auf Ungarn. Mit der Weitergabe des Vorsitzes allerdings verschwand auch Ungarn wieder aus dem Fokus. Was nicht verschwand, ist sein Mediengesetz, unter dem nach wie vor etliche Journalisten unabhängiger Medien zu leiden haben.

Ist das wirklich der Sinn unserer angeblichen „Wertegemeinschaft“? Ein Land wie die Türkei, dass in Sachen Demokratisierungsprozess enorme Fortschritte gemacht hat (und übrigens bereits eine Ministerpräsidentin hatte als hierzulande an eine Kanzlerin noch nicht zu denken war!), wird ständig hingehalten. Die CDU stellt sich sogar offen dagegen. Ist ein Land, das zuvor ja nun auch alles andere als eine Musterdemokratie war (und unter Orban auf dem besten Wege in die eigene Vergangenheit ist) aber erst einmal in der EU, dann wird jede regressive Entwicklung geduldet – zumindest solange das Land nicht ganz so stark im Fokus steht. Angesichts immer stärker werdender Proteste in immer mehr Ländern sollten sich etliche Politiker einmal ganz genau überlegen, wie viel Demokratiedefizit unsere Staatengemeinschaft denn so aushält…

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Tuesday, 11. october 2011 2 11 /10 /Okt. /2011 01:47

Nochmal die GEZ

 

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle einen durchaus ernst gemeinten Aufruf zum ehrlichen Zahlen der Gebühren an die GEZ formuliert. Nach wie vor halte ich auch die öffentlich-rechtlichen Sender für qualitativ weitaus besser als das Unterschichten-TV.

Allerdings hat sich mit der Reform der Gebühren die Sachlage ein wenig geändert. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten gefährden nun ihren Ruf als Ritter des Guten und entdecken ihre etwas skrupellose Seite. Dabei verbünden sie sich mit der Gebühreneinzugszentrale, was ja naheliegend ist.

Nach der Reform soll nun also jeder Haushalt die vollen Gebühren bezahlen, unabhängig davon, ob Empfangsgeräte vorhanden sind oder nicht. Davon abgesehen, dass ich Bekannte haben, die aus Prinzip keinen Fernseher besitzen und nun trotzdem Gebühren zahlen sollen, finde ich dieses auch rechtlich reichlich fragwürdig: Zahlen soll nun also jeder, es liegt dann an einem selbst, ob man sich die entsprechenden (ja auch nicht ganz billigen) Gerätschaften anschafft oder nicht. Mit der gleichen Logik könnte man auch von jedem Bürger dieses Landes die Sekt- oder Tabaksteuer einfordern.

Wenn öffentliche Einrichtungen Geld brauchen, dann sind sie in der Regel bei der Erfindung neuer Gebühren kreativer als bei der Verschleierung ihrer Geldeintreiber-Mentalität. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch noch einmal an die Umweltschutzplaketten, die man braucht, wenn man bestimmte Innenstädte befahren möchte: Diese Plakette bestätigt ja nur, ob ein Fahrzeugmodell einen entsprechend niedrigen Schadstoffausstoß hat. Den hat es aber unabhängig davon, ob sich der Fahrer nun eine Plakette hinter die Windschutzscheibe klebt, die ja auch die Sicht und damit die Fahrsicherheit beeinträchtigt. (Wer das absurd findet, der sollte mal einen Blick in die Gesetze werfen, was noch alles als verkehrsgefährdend gilt!) Doch statt einfach eine Datenbank zu benutzen, in der die entsprechenden Strafzettelverteiler dann das Modell einfach nachschauen können, wird jeder Autofahrer zunächst einmal zur Kasse gebeten – in diesem Falle zum Glück nur einmal und noch relativ moderat. Und auch hier werden für die großen Tiere gerne Ausnahmen gemacht: Glaubt ernsthaft jemand, dass ein Ferrari-Fahrer nun entweder Innenstädte meiden oder sich die Ästhetik seines Autos wirklich mit so einer Plakette verschandeln lassen wird? Glaubt ernsthaft jemand, dass das Papamobil vor seinen Fahrten durch Erfurt und Freiburg mit so einem schnöden Aufkleber verziert wurde?

Damit sind wir bei einem Problem: Die GEZ ist, ähnlich den Plaketten, eine Zwangsabgabe, für die es im Prinzip keine Rechtfertigung gibt. Und für dieses Geld wird dann ein Mensch wie Florian Silbereisen überbezahlt. Auch, wenn die öffentlich-rechtlichen im Vergleich zu anderen Sendern sicherlich auf einem weit höheren Qualitätsniveau senden, so kann man dieses Vorgehen dennoch äußerst dubios finden! Damit haben wir einen weiteren Beweis für die These, dass Gesetze in erster Linie so verfasst werden, dass sie vorrangig irgendwelchen Lobbygruppen dienen. Wieso also wundern sich Politiker etc., dass immer weniger Menschen Respekt vor dem Gesetz haben?

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Wednesday, 25. may 2011 3 25 /05 /Mai /2011 02:23

Denn der Segen kommt vom Bayern

 

Vor wenigen Wochen war es endlich soweit: Papst Benedikt XVI. nahm endlich die Seligsprechung seines Amtsvorgängers Wojtyla vor. So schnell ist das noch keinem anderen Papst geschehen. Woher kommt das? War der Pole auf dem vatikanischen Thron wirklich so viel besser als seine vielen Vorgänger, dass man sich mit der Seligsprechung so beeilt? Wollte man ihm damit danken für die vielen Selig- und Heiligsprechungen, die er auf seine alten Tage ja nun wahrlich inflationär vorgenommen hatte?

Wohl kaum. Auch wenn die Kirche sich selbst gern als vom Zeitgeist unabhängige moralische Institution sieht – vor allem dann, wenn sie Ansichten verteidigt, die rückständig, reaktionär und menschen-, insbesondere frauenverachtend sind – sie beugt sich dem Zeitgeist mehr als sie es selbst wahrhaben will. Die schnelle Seligsprechung des letzten Oberhaupts ist vor allem einer beschleunigten Zeit geschuldet.

Die Vielfalt der Medien hat den meisten Menschen einen wesentlich unmittelbareren Zugang zu Nachrichten eröffnet, womit auch einherging, dass diese sich immer schneller über den ganzen Globus ausbreiten konnten. Die Menschen sind es mittlerweile gewohnt, dass die in den Nachrichten Handelnden, seien es Politiker, Wissenschaftler oder Führungspersonen aus der Wirtschaft, aber auch ganz profane Boulevard-Promis, auf diese Beschleunigung reagieren, indem sie ebenfalls immer schneller Entscheidungen treffen und Aussagen tätigen, um auf eine neue Lage zu reagieren, was dann ebenso schnell wieder neue Nachrichten produziert usw. Es wird erwartet, dass die Nachrichten zügig dem Prinzip von Aktion und Gegenaktion folgen, denn daraus ergeben sich dann Geschichten. Und genau das erwarten die Menschen von den Nachrichten: Geschichten, am besten abgeschlossene Geschichten. Am allerbesten möglichst schnell abgeschlossene Geschichten. Gerade wenn die globalisierte Nachrichtenlage dazu führt, dass sich Nachrichten türmen, weil in kürzester Zeit in allen Winkeln der Welt sich Geschehnisse mit zu erwartenden erheblichen Auswirkungen ereignen, lässt sich nämlich das Phänomen beobachten, dass Menschen binnen kürzester Zeit das Interesse an einem Geschehen verlieren. Wen interessierten noch die arabischen Revolutionen, als Japan unterging? Der Blick ging jedoch von Japan schnell zurück nach Nordafrika, als sich herausstellte, dass die Katastrophe von Fukushima sich eher in langfristigen Folgen zeigen wird und sich gleichzeitig die Lage in Libyen verschärfte. Doch auch Libyen und Syrien rutschten in den letzten Tagen immer weiter nach hinten in den Nachrichten, obwohl die Lage dort nach wie vor explosiv ist. Dafür durfte man zuerst einem reichen Mädchen aus niederem Adel (jawoll, sie ist eben keine Bürgerliche!) dabei zusehen, wie sie ein Halbwaisen-Scheidungskind aus einer debilen Inzest-Familie heiratete. Dann kam der IWF-Chef und so weiter.

In einer so schnelllebigen Zeit haben die Menschen nicht mehr die Geduld, so lange zu warten, bis der bürgerliche Wunsch nach des Polen Seligsprechung in Erfüllung geht. Der Gedanke, dies nicht mehr selbst miterleben zu können, ist ihnen ein Gräuel. Also wird erwartet, dass sich sein Nachfolger – zack, zack – zu beeilen hat. Und was macht der bayerische Thronfolger? Er beugt sich dem Wunsch der Massen! So immun die Kirche nämlich gegen Änderungen im Bereich dessen ist, was sie unter „Zeitgeist“ versteht, so schnell kann sie sich ebendiesem Geist anschließen, wenn es darum geht, sich selbst auf die Schultern zu klopfen, sich im wahrsten Sinne des Wortes zu beweihräuchern. Wieso sollten wir uns beeilen, die Missbrauchsopfer zu entschädigen, wenn wir die Zeit doch auch damit verbringen können, einen zum Schluss doch reichlich senilen Chef zu vergotten? Vielleicht sollte man die Ursachen für die vielen Kirchenaustritte doch nicht in der vermaledeiten säkularisierten Gesellschaft suchen, sondern besser doch einmal mit einer kritischen Selbstbetrachtung beginnen!

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Friday, 8. april 2011 5 08 /04 /Apr. /2011 01:26

Problemzone Welt

 

Ist es eigentlich dem normalen, halbgebildeten Leser der größten deutschen Boulevardzeitung zuzumuten, sich eine Meinung über den derzeitigen Zustand der Welt zu bilden? Da schießen auf einmal Probleme in einer Geschwindigkeit auf uns ein, die selbst die gute alte Tante ARD dazu zwingt, den kompletten Programmplan über den Haufen zu werfen und mit verlängerten Nachrichten und eingeschobenen Sondersendungen den Start ins Nachtprogramm schon mal um bis zu eine Stunde zu verzögern. Da brennt es auf einmal an allen Ecken und Enden, so dass es schwierig ist, bei allen Entwicklungen überhaupt ansatzweise den Überblick zu behalten. Und dann gibt es Menschen, die sich freiwillig darauf beschränken, ihre Informationen aus einem Blatt zu beziehen, dessen berühmt-berüchtigte kurze Sätze die Bildung einer sinnvollen Meinung unmöglich machen, da die Verkürzung von Informationen in aller Regel mit deren Mangel gleichzusetzen sind.

Wenn mir ein Weltbild gepredigt wird, dass ausschließlich aus schwarze und weiß besteht, dann bin ich irgendwann nicht mehr in der Lage, mich in einer bunten Welt zurechtzufinden. Die Reaktion der Leser (oder besser: Käufer, denn allein das Impressum z.B. der Zeit dürfte mehr Textzeichen umfassen als der Inhalt einer kompletten Ausgabe des Sinnlos-Blattes, womit sich der Begriff „Leser“ also erledigt haben dürfte…) lässt sich aus deren Gesprächen prima nachvollziehen. Wenn man richtig mutig ist und Lust auf Streit hat, dann kann man eine solche Diskussion auch selbst vom Zaun brechen – eine Tätigkeit, die ich an besonders stressigen Tagen gerne mal am Kiosk meines Vertrauens ausübe. Diese Reaktion nämlich ist ein absoluter Rückzug in ein provinzielles Weltbild, dessen Hauptaussage in erster Linie lautet: Lasst mich doch mit der verdammten Welt in Ruhe, ich habe genug eigene Sorgen. Klar: Wie kann man sich auch Gedanken um Zusammenhänge machen, die man gar nicht begreift?

Sollte eine Diskussion also daraus bestehen, einen solchen Leser zu überzeugen und ihm manche Dinge zu erklären – vor allem auch, warum es in einer globalisierten und vernetzten Welt kaum noch Probleme gibt, die sich auf einer rein nationalen (oder eben: provinziellen) Ebene abspielen? Falsch! Das Angebot an Zeitungen in diesem Land ist wahrlich groß und der Weg in die Uninformiertheit und Dummheit ist ein rein selbstgewählter! Besser (und angemessener) ist es also, sich arrogant und überlegen zu gebärden, Erklärungen und Diskussionsbeiträge mit einer gewissen Gönnerhaftigkeit von sich zu geben, wie man sie einem uneinsichtigen Kleinkind zugute kommen lässt, von dem man ebenfalls ahnt, dass es den tieferen Sinn einer Erläuterung wahrscheinlich gar nicht verstehen wird. Diese Menschen existieren einzig zu dem Zweck, dem Abbau der eigenen verbalen Aggressionen auf möglichst elegantem Wege zu dienen! Also beschimpft sie! Beleidigt sie! Aber macht es subtil – dann merken die das nie!

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Friday, 5. november 2010 5 05 /11 /Nov. /2010 01:33

Europas härteste Filmredaktion

 

Eigentlich mag ich es, Kritiken zu diversen kulturellen Veröffentlichungen und Veranstaltungen zu lesen. Reviews nennt man diese meist auf den Punkt gebrachten Bewertungen. Man freut sich, wenn man durch einen aufmerksamen Rezensenten auf einen Film / eine Band aufmerksam gemacht wird, den / die man vorher vielleicht nicht so direkt auf dem Schirm hatte. Man freut sich aber auch über einen gut geschriebenen Verriss.

Insofern kann der Kritiker an sich bei mir eigentlich nur gewinnen. Natürlich muss man dabei seine Eigenheiten im Hinterkopf behalten. Ein Musikjournalist ist in der Regel selbst ein verhinderter Künstler, der seine Meinung absolut setzt und nichts außerhalb des eigenen Horizonts gelten lässt. Das muss er so tun, es sei ihm gegönnt – der Qualität seiner schreiberischen Ergüsse tut dies in den meisten Fällen keinen Abbruch. Die Beschäftigung mit Kritiken jeder Art, egal ob nun eine CD, ein Film oder ein Buch rezensiert wird, ist an sich eh ein eher nerdiges Hobby. Deshalb fühlt man sich dem Rezensenten seines Vertrauens in der Regel auch verbunden und vertraut ihm im Großen und Ganzen – auch wenn der eigene Geschmack hin und wieder deutlich von dem abweicht, was man eigentlich gut zu finden hätte.

Als Leser solcher Texte hätte man allerdings gerne das Gefühl, der Schreiberling hätte sich mit seinem Thema auch wirklich beschäftigt. Dann interessiert es einen auch nicht, dass Band X immer gute Kritiken bekommt, weil sie dem Rezensenten jedes Mal das Gefühl verleiht, sie unter den Tisch trinken zu können die Sängerin sich ihm hingegeben hat. Im zweiten Falle kann man dem Journalisten nun auch wahrlich keine mangelnde Beschäftigung mit seinem Sujet vorwerfen.

Schlimm wird es, wenn dieses nerdige Hobby nun für den Mainstream aufbereitet werden muss. In Fernsehzeitschriften zum Beispiel scheint es mittlerweile unumgänglich zu sein, die im TV gezeigten Filme vorher einer kleinen Bewertung zu unterziehen. Und an dieser Stelle hört der Genuss beim Lesen von Rezensionen definitiv auf! Da wirbt eine TV-Zeitschrift ganz ungeniert mit den Worten für sich, bei ihr arbeite „Europas härteste Filmredaktion“. Das könnte an sich ja ganz interessant sein – doch Pustekuchen! Exakt das Gegenteil ist der Fall. War ein Film ein großer Kassenschlager, erhält er automatisch eine gute Bewertung, egal wie überflüssig er unter filmischen Aspekten auch sein mag.

Dabei sind es nicht nur die Empfehlungen, die einen als Leser wirklich verärgern können, auch die Filme, die nicht ganz so gut wegkommen, sind leider immer sehr vorhersehbar und die Kritiken damit entsprechend langweilig. Da wird bei einem Horrorfilm der Kategorie Trash gerne mal auf den billig wirkenden Effekten herumgeritten, während die gleiche Schwäche bei einer filmischen Gurke, die sich aber im Nachhinein als Blockbuster entpuppt niemanden stört. Natürlich sehen in den beiden Sequels von Matrix oder im zweiten Teil der Mumie die Effekte extrem künstlich und computergeneriert aus. Trashiger Charme ist den Redakteuren dieser Zeitschrift jedoch wohl vollkommen unbekannt. Wie sollte man auch eine Vorliebe dafür entwickeln, wenn man in seiner eigenen Biederkeit ertrinkt? So wird auch die x-te immergleiche Verfilmung eines Einkaufszettels von Rosamunde Pilcher immer noch als „durchschnittlich“ bewertet, obwohl diese Filme an Ideenlosigkeit nicht zu übertreffen sind. Liegt es vielleicht daran, dass einige der Beteiligten als Mitglieder des TV Movie-Filmrats Einfluss auf die Bewertungen ihrer eigenen Ergüsse nehmen können? Möchte man seine Ratsmitglieder nicht verprellen? Dabei braucht man doch eigentlich gar keine Angst davor zu haben: Schauspieler wissen in der Regel sehr wohl, wann ein Film mit ihrer Beteiligung unterirdisch war – und scheuen sich oftmals nicht davor zurück, sich rückblickend sehr kritisch zu diesen Werken zu äußern.

Dazu kommen Bewertungsphrasen, für die sich mittlerweile schon mancher (leider aber beileibe noch nicht jeder!) Feuilletonist bei einer mittelmäßigen Lokalzeitung schämen würde: Was um alles in der Welt bedeutet eigentlich „atmosphärisch dicht“? Passt diese Bezeichnung nicht eigentlich auf einen Film wie „Angriff der Killertomaten“ sogar besser als auf sagenwirmal „Forest Gump“, weil ersterer seine absurde Grundidee wenigstens konsequent bis zum Ende ausreizt und nicht irgendwann beschließt, doch lieber ins sentimental-dramatische umzuschlagen? Letztlich handelt es sich bei „atmosphärisch dicht“ doch nur um eine Hohlphrase, der jeglicher Inhalt komplett abgeht. Wie „dicht“ muss man sein, um einen solchen Begriff immer und immer wieder zu verwenden? Warum wird Gewalt in Billigfilmen verurteilt, in Blockbustern aber als Kunst hochgejubelt? Warum gilt „Findet Nemo“ als einer besten Filme aller Zeiten, aber weder „Metropolis“ noch „Citizen Kane“?

Dann wäre da noch der inflationäre Gebrauch des Wörtchens „Kult“: Alles ist hier „Kult“! Das mag für einen Underground-Film mit kleiner, aber umso fanatischerer Anhänger-Schar ja noch in Ordnung sein, aber was bitteschön ist „Kult“ an einer Vampirgeschichte, die Millionen von pubertierenden Mädchen rund um den Globus von Blümchensex träumen lässt? Und überhaupt: Seit wann dürfen die Mainstream-Medien darüber entscheiden, was „Kult“ ist und was nicht?

Fassen wir zusammen: Wir haben so gut wie keine kritische Berichterstattung, wenn es teuer war, wird es hochgejazzt, wir haben Bewertungen, die vermutlich von Lobbyisten der Filmindustrie vorgegeben wurden und einen Sprachgebrauch, der nahe an der größten deutschen Boulevard-Zeitung liegt (der häufige Gebrauch von Satz-Ellipsen wäre ein weiteres Indiz für die letzte Behauptung). Wird diese Zeitschrift ihrem eigenen Versprechen ans Publikum also gerecht? Ich würde sagen: in keinster Weise!

Der einzige Grund zum Kauf dieser Zeitschrift ist die beigelegte DVD, die in der Regel recht brauchbare Filme enthält (auch wenn eine geschnittene 16er-Fassung eines Erwachsenenfilms natürlich genau so viel wert ist wie der Verzicht auf eine solche Beilage). Insofern kann man ja fast schon dankbar sein, dass der zugefügte Bonus das eigentliche Produkt wenigstens halbwegs rettet – und einige dieser Filme sind atmosphärisch wirklich unglaublich dicht…

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Monday, 9. august 2010 1 09 /08 /Aug. /2010 00:14

Comichelden in Film und Heft

 

Die Hauptkritik, die man bei der Verfilmung literarischer Vorlagen immer wieder hört, ist „naja, ganz nett, aber das Buch ist besser“. Gilt dieser scheinbar zwangsläufige Satz auch, wenn die literarische Vorlage nicht nur aus Buchstaben sondern auch aus Bildern besteht? Einige Beispiele sollen hier etwas Aufklärung verschaffen. Vorab sei angemerkt, dass ich mich nur auf Real-Verfilmungen beschränken möchte und außerdem nur über solche Werke urteile, die ich in beiden Medien erlebt habe. Wer also in den folgenden Ausführungen Asterix vermisst, dem sei gesagt, dass ich bislang wenig Interesse hatte, mir die Realfilme anzuschauen, mir aber nur schwer vorstellen kann, dass sie an die literarische Vorlage heranreichen…

Beginnen möchte ich mit einer Variante, die oben erwähnte Skeptiker zu bestätigen scheint. Die Realverfilmung von Garfield kommt bald wieder im TV. Hier sieht man schnell, was alles schiefgehen kann, wenn man eine scheinbar niedliche Comic-Figur zu einem niedlichen, familienfreundlichen Film verarbeitet. Alles, was Garfield irgendwie anarchisch macht und ihm seine Freunde unter Erwachsenen eingebracht hat, wird im Film entschärft oder taucht schlichtweg nicht auf. Die Komik von Garfield beschränkt sich eben nicht nur auf seine Hassliebe zu Odie und seine Vorliebe für Lasagne. Er ist auch selbstgerecht und verachtet alles in seinem Umfeld.

Auch die Stimme von Thomas Gottschalk ist nicht unbedingt für Bösartigkeiten geeignet, zu sehr hat der Moderator das Image des manchmal frechen, aber dabei eben immer lieben Onkels von nebenan. In der Hörspielserie wurde der fette Kater früher von Tommy Piper gesprochen, dessen markantes Reibeisenorgan wesentlich besser zum Garfieldschen Sarkasmus passte. Aber nein, man braucht ja ausgewiesene Stars für die Synchro, damit wenigstens ein paar Deppen ins Kino gehen. Man kann es also drehen und wenden wie man will: Garfield ist ein Film der verschenkten Möglichkeiten.

Und wo wir gerade bei schlechten Synchronisationen sind: In Spanien wurde vor ein paar Jahren eine Realverfilmung der beiden Chaos-Helden Clever & Smart durchgeführt, die hierzulande leider ganz bösartig floppte. Angeblich sei der Film komplett misslungen hieß es. Stimmt nicht: Wer sich nur die Bilder anschaut, wird feststellen, dass sich der Humor der Comics sehr gut auf Zelluloid übertragen lässt. Eigentlich hätte jeder Fan der bunten Heftchen durchaus zufrieden mit dem Ergebnis sein können. Eigentlich…

Dann überkam die große Gier den deutschen Verleih. Statt auf eine relativ sichere Sache zu setzen, versuchte man mit „großen Namen“ in der Synchronisation noch mehr Geld in die Kassen zu spülen. Lieferten Wolfgang Völz und Karl Dall in der Zeichentrickserie eine feine Leistung ab, engagierte man hier allen Ernstes Erkan & Stefan als Sprecher für die beiden chaotischen Agenten. Und so sprachen die beiden auf einmal schönstes Prolldeutsch, redeten sich statt mit Fred und Jeff auf einmal mit ihren Nachnamen an – und machten den Film zum Flop! Durch die katastrophale Übersetzung schreckte man die Fans der Comics ab, gewann aber wegen der relativ unbekannten Figuren keine neuen dazu und fuhr das Minus ein, das diese bescheuerte Idee auch verdient hatte.

Nach den bisherigen Ausführungen könnte der geneigte Leser nun also auf die Idee kommen und die These von der grundsätzlich besseren literarischen Vorlage bestätigt finden. Doch ausgerechnet die wohl erfolgreichsten Comic-Verfilmungen bringen diese These reichlich ins Wackeln. Richtig, nun geht es ins Land der Superhelden, speziell der von Marvel. Sicherlich: Es gab auch schon vor den 90ern Verfilmungen von Marvel-Comics, die so klatschblöd waren, dass man besser den Mantel des Schweigens darüber decken sollte. Doch was in den letzten zehn Jahren hier in die Kinos kam, lässt die bunten Heftchen reichlich blass erscheinen.

Die Vorteile des Mediums Film liegen hier eindeutig auf der Hand: Es muss nicht jeden Monat ein neuer Film produziert werden, weshalb hier eine wesentlich konsequentere Logik die Geschichte durchzieht. In den Comics müssen die bösen Superschurken immer und immer wieder aus der Versenkung geholt werden, auf dass sich der Held immer und immer wieder mit ihnen fetze. Das führt dann zu großartigen Erklärungen wie „Jaha, Du dachtest, Du hättest mich beim letzten Kampf getötet, doch ich bin nur in ein transgalaktisches Zeitloch gefallen!“ Lustig auch, dass ein besiegter Superschurke immer wieder ins Gefängnis marschiert, obwohl man doch nach den letzten 20 Ausbrüchen langsam ahnen könnte, dass diese Mauern einen Bösewicht mit seinen Fähigkeiten kaum halten mögen. Nimmt man den selbst formulierten Maßstab zugrunde, den Stan Lee einst formulierte: „abgesehen von den Superkräften wollen wir ein möglichst realistisches Bild zeichnen“, muss man sich fragen, wo denn dann die Konsequenz ist. Gibt es nicht Amerika eine Todesstrafe? Und ausgerechnet die angeblich schlimmsten und gefährlichsten Verbrecher des Landes bleiben davon aber immer verschont? Schwer vorstellbar eigentlich, oder? Wenn da mal nicht Anspruch und Realität weit auseinander klaffen… Selbst die Gegner des eigentlich tödlichsten aller Helden, des Punishers, tauchen über kurz oder lang wieder auf!

Die Produktion eines Filmes dauert da doch wesentlich länger, so dass man hier nicht gezwungen, ständig alte Gegner zu reaktivieren, um Monat für Monat eine neue Herausforderung für den Helden bieten zu können. Deshalb können Filme mit dem Thema wesentlich konsequenter umgehen. Im zweiten Teil der Spider-Man-Filme stirbt Doktor Oktopus am Ende schlicht und ergreifend. Ebenso wird hier der Punisher als der Vigilant gezeigt, der er in den Comics nur andeutungsweise sein darf. Dadurch bleibt zum einen die innere Logik gewahrt, zum anderen werden die Filme damit dem „realistischen“ Anspruch der Comics deutlich besser gerecht als das Ursprungsmedium.

Natürlich kann es auch in den Filmen vorkommen, dass ein Gegner erneut auftaucht. Doch entweder ist dieses dann glaubwürdig in die Handlung eingebettet (Der Grüne Kobold in drei Teilen des oben bereits erwähnten Spider-Man) oder der Grund liegt darin, dass ein neuer Regisseur die komplette Geschichte des Superhelden noch einmal von Grund auf neu erzählt. So ließ Tim Burton den Joker in seinem Batman-Film sterben. Christopher Nolan stellte ihn 19 Jahre später in The Dark Knight dann aber komplett anders dar, als er die Geschichte des interessantesten DC-Helden erneut erzählte.

Manchmal beinhalten die Filme auch interessante Umdeutungen der Comicfiguren. Während Spider-Man charakterlich erstaunlich nah an den Comics ist, wirken die X-Men auf Zelluloid erst so jung, wie es im Comic wohl auch schon sein sollten. Die größte Entwicklung erlebten hier wohl Die Fantastischen Vier: Während das Team in den Comics noch streng hierarchisch seinem Chef Mr. Fantastic untersteht, der seine Frau in fröhlich patriarchalischer Weise im Einsatz ebenso kommandiert wie im Privatleben (was wohl dem Denken der Entstehungszeit geschuldet ist), agieren die Figuren in der Neuinszenierung für ein junges hippes Publikum deutlich gleichberechtigter.

Natürlich sind auch die Filme nicht frei von inneren Logikbrüchen, auch wenn diese zum Teil eher dem Kommerz als dem Zwang zur monatlichen Fortsetzung geschuldet sind. So reagiert Daredevil aufgrund seines durch die Blindheit überentwickelten Gehörs sehr empfindlich auf die Glockenschläge in einem Turm, hat aber kein Problem mit dem Lärm, wenn er morgens seine Gymnastikübungen zu dröhnendem Metal absolviert. Schließlich will man den Soundtrack ja auch noch verkaufen. Hätte man die Thematik des blinden, dafür aber in allen anderen Sinnen sehr geschärften Helden konsequenter genutzt, wäre immerhin eine der Schwächen ausgemerzt gewesen, die Daredevil zu einer der schwächeren neuen Superhelden-Filme machen.

Dennoch soll ein negatives Beispiel hier keinen falschen Eindruck erwecken: Gerade dem Genre der Superhelden taten die Realverfilmungen der letzten Jahre sehr gut. Die verbesserte Tricktechnik lässt einige grausige Geschmacksentgleisungen aus den 70er und 80er Jahren vergessen und sorgt dafür, dass man immer wieder mit Spannung und Vorfreude auf den nächsten Helden wartet, der im Kino auftaucht.

Auch im komischen Bereich ist das Medium Film nicht generell ungeeignet, einen Comic umzusetzen. Hier scheint allerdings deutlich der Independent-Bereich gefragt zu sein, da es den großen Studios deutlich an Mut mangelt, den oftmals sehr anarchischen Humor der Comics passend auf die Leinwand zu bringen. Wie schön wäre doch ein argentinischer Regisseur, der Mafalda auf die Leinwand zaubert – oder eine angemessene Neusynchronisation der oben erwähnten Clever & Smart!

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Tuesday, 15. june 2010 2 15 /06 /Juni /2010 11:24

Es ist übrigens manchmal wirklich blöd, wenn zwischen dem Schreiben und dem Einstellen eines Textes einige Tage ins Land ziehen. So haben sich mittlerweile etliche Medien über dieses Thema geäußert. Dennoch stelle ich das hier jetzt einfach mal ein - ich habe ja auch momentan keinen Ersatztext...

Präsidentenwahl im Vaterland

 

So, jetzt ist er also zurückgetreten, der Herr Köhler! Ich weiß ja nicht, was ich davon halten soll. Ich bin ja der Meinung, dass man das höchste Amt eines Staates nicht wegen so einem bisschen Gegenwind aufgeben sollte. Was ist denn das für eine Art? Da müssen andere Gründe mit hineinspielen, aber warum stellte er sich dann im letzten Jahr überhaupt zur Wiederwahl? Nicht, dass ich von Herrn Köhler während seiner Amtszeit allzu begeistert gewesen wäre, dazu wirkte er zu wenig staatsmännisch, war ein zu wenig mitreißender Redner in einem Job, der Reden nun einmal als eine Haupttätigkeit voraussetzt. Aber einfach so sang- und klanglos abzutreten? Nein, das geht mal gar nicht.

Hatte er nicht bereits bei seinem Amtsantritt verkündet, er wolle ein unbequemer Präsident sein? Gut, mit seinen verweigerten Unterschriften unter zwei Gesetzesvorhaben konnte er dies immerhin ansatzweise bestätigen. Aber muss jemand, der unbequem sein möchte, nicht auch damit rechnen, einen entsprechenden Gegenwind zu bekommen? Und dann fällt er sofort um? Gerade jetzt, wo man einen gelernten Ökonomen an der Staatsspitze vielleicht wirklich mal hätte brauchen können? Schwaches Bild!

Und dann die Begründung: Er hätte den Eindruck, dass seiner Position / seinem Amt nicht der gebührende Respekt entgegen gebracht werde! Zeugt es denn von Respekt vor der Würde des Amtes, wenn man von einem Tag auf den anderen einfach die Brocken hinschmeißt? Außerdem ist Kritik kein Zeichen von mangelndem Respekt! Der Mann war (wegen dieses speziellen Amtes!) eine Person, die sich im öffentlichen Raum geäußert hat. Natürlich ziehen öffentliche Äußerungen Reaktionen nach sich! Diese Position macht einen Menschen doch nicht sakrosankt! Das tut nicht einmal die Position des Papstes, auch wenn der und einige verblendete Anhänger dies tatsächlich selbst glauben.

Und jetzt? Eilig wurde versichert, dass man für die Nachfolge nach einer parteiübergreifenden Lösung suchen wolle, nur um dann doch lieber dem inneren schwarz-gelben Koalitionsfrieden den Vorzug zu geben und völlig überraschend Christian Wulff aus dem Ärmel zu schütteln. Christian Wulff! Würde Robert Musil noch leben, könnte er hier eine Inspiration finden, sein fragmentarisches Epos „Der Mann ohne Eigenschaften“ doch noch zu vollenden. Ein aalglatter Karrierist, neben dem selbst Johannes B. Kerner noch wie eine richtige Type mit Ecken und Kanten wirkt. Ich bin mir nicht sicher, ob der überhaupt schon mal richtig arbeiten musste…

Das Schlimmste an der ganzen Angelegenheit ist aber die Verlogenheit, mit der sie durchgeführt wurde. Zuerst hieß es von Seiten der Union und der FDP, man würde einen Konsens-Kandidaten suchen, auf den man sich auch mit den anderen Parteien einigen könne. Doch dann siegte der Koalitionsfrieden doch über das Interesse, einen Kandidaten mit breiter Mehrheit zu finden.

Ach Deutschland, Du hast es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt mit Deinen Präsidenten! Zugegeben: Am Anfang habe auch ich über Roman Herzog gelacht, doch muss ich zugeben, dass dieser Mann in seinem Amt gewachsen ist und dass ich es bedauerlich fand, dass er sich nicht zu einer zweiten Kandidatur entschließen konnte. Ihm folgte Johannes Rau. Als Ministerpräsident unseres schönen Bundeslandes ein großer und wichtiger Politiker, als Bundespräsident eine glatte Fehlbesetzung. Zu sehr war er in die Strukturen seiner Partei eingebunden als dass man jemals das Gefühl haben konnte, es mit einem wirklich neutralen Kandidaten zu tun zu haben – eine Voraussetzung allerdings, die dieses Amt unbedingt an einen Inhaber stellt. Über Horst Köhler habe ich bereits genug Worte verloren. Und nun Christian Wulff. Ein Mann, der im Gegensatz zum schon nicht wirklich neutralen Rau sogar noch als Ministerpräsident amtierte, als er nominiert wurde. Wie viel Neutralität und Überparteilichkeit kann man von so einem Mann erwarten?

Immer wieder wird sich in den Parteien über den auch von Köhler bemängelten „Mangel an Respekt“ vor dem höchsten Amt im Staat echauffiert. Wenn man einen Kandidaten auf diesem Wege ins Amt mauschelt, dann darf man sich darüber auch nicht weiter wundern…

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Sunday, 9. may 2010 7 09 /05 /Mai /2010 01:33

Erst reden, dann denken

 

Eine Beobachtung, die sich bereits seit längerer Zeit machen lässt, ist die Rückkehr von Schimpfwörtern, die wir eigentlich bereits längst ausgestorben wähnten. Damit meine ich nicht etwa wundervoll anachronistisch klingende Wörter wie „Dämel“, „Döspaddel“ oder „Dummerjahn“. Menschen, die solcherlei Wörter lebendig halten, sollten hohes Ansehen genießen und in ihrer Mission in jeglicher Hinsicht unterstützt werden.

Leider aber schreibe ich hier von einer anderen Gruppe von Wörtern. Ich meine Begriffe wie „Schwuchtel“, „Homo“, „Spasti“, „Behinderter“ oder auch (gerade in letzter Zeit häufig in Gruppen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wahrgenommen) „Jude“. In der Regel werden sie von jungen Menschen verwendet, die durch den unreflektierten Gebrauch solcher Begriffe ihren bildungsfernen Hintergrund verraten. Ich bin gewiss kein Vertreter der scheußlichen Political-Correctness-Fraktion, da ich selbst durchaus verbal auf Minderheiten einhacke. Dennoch sehe ich einen deutlichen Unterschied zwischen Personen, die ein solches Wort als gezielten Verstoß gegen eben jene politisch korrekten Regeln benutzen und Jugendlichen, denen ein solches Wort ebenso schnell und unüberlegt aus dem Gesicht fällt wie unsereinem „Blödmann“ oder von mir aus auch „Arschloch“.

Kann man die neuen, alten Minderheiten-Schimpfwörter als Tendenz sehen? Weisen sie auf eine Gesellschaft hin, die zunehmend wieder auf alte, bereits längst überholt geglaubte Feindbilder zurückgreift? Fragt man die Jugendlichen selber, dann würden sie dies verneinen und betonen, dass es sich dabei um Begriffe handelt, die wie jedes andere Schimpfwort auch benutzt werden. Dennoch steckt hier mehr dahinter.

Bisher ging ich fest davon aus, dass solche Minderheiten ein so selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft seien, dass man überhaupt nicht mehr über sie sprechen müsse. Ein großer Teil der Bevölkerung hierzulande schien außerdem (nach zugegeben vielen Jahren Kampf, den die verschiedenen Gruppen gegen ihre Diskriminierung führen) begriffen zu haben, dass die sexuelle Orientierung, die körperliche Verfassung oder religiöse Ansichten, so sie nicht in fanatischer Art propagiert werden, völlig ohne Belang sind, wenn es darum geht, ein Gegenüber einzuordnen und mit ihm umzugehen. Leider musste ich feststellen, den Fehler begangen zu haben, meinem unmittelbaren Umfeld scheinbar ein Mehrheitspotenzial zu unterstellen, das für einen großen Restteil der Gesellschaft aber gar nicht zutrifft.

Woran liegt das? Ein wichtiger Grund ist sicherlich die soziale Zusammensetzung der Gruppe der Schimpfenden. Das ordinäre Volk an sich neigt dazu, sich vor allem mit seinesgleichen zu treffen, was auch daran liegt, dass gebildetere Menschen die primitiven oftmals als nervig empfinden, da ein Mangel an Intellekt meistens mit einem gewaltigen Sendungsbewusstsein einher geht. In diesen Gruppen entwickeln sich bestimmte Verhaltensweisen des Machotums. Was komplett fehlt, ist die Bekanntschaft zu Angehörigen der beschimpften Minderheiten bzw. ein Bewusstsein für deren Lage. Selbst wenn jemand innerhalb dieser Gruppe z.B. homosexuell wäre, dann würde er sein Outing auf alle Fälle verhindern wollen, da er ansonsten durchs Gruppenzwang-Raster fiele und gewaltige Probleme bekommen würde.

Dazu kommt oftmals ein kultureller Hintergrund, der aus der Sicht des aufgeklärten Menschen ein wenig steinzeitlich anmutet. Es gibt tatsächlich noch Kulturen, deren archaische Sichtweise eine Behinderung als Strafe Gottes ansieht und nicht als Laune der Natur. Jemanden der Homosexualität zu bezichtigen, gilt dort als eine der schwersten Beleidigungen. (Wer jetzt glaubt, ich schaute nur in den nahen Osten, denkt zu kurz: auch die ach so sehr um Toleranz und politische Gleichstellung bemühten Rastamänner Jamaicas würden wenig erfreut reagieren.) Und der Jude gilt dort als Feindbild schlechthin, ohne dass man sich ernsthaft mit seiner Religion auseinander gesetzt hätte, geschweige denn auf eine persönliche Bekanntschaft in diesem Bereich blicken könnte.

Hinzu kommt ein gravierender Mangel an Reflexionsfähigkeit. Einen gezielten Tabubruch nicht unterscheiden zu können von einer tatsächlich diskriminierenden Äußerung, ist ein ernsthaftes Problem, das die geistig Hoffnungslosen aber nicht alleine tragen sondern auch mit den zwar Intelligenten, aber ideologisch Verblendeten teilen. Der einzige Unterschied ist, dass die erste Gruppe die Vorurteile völlig unreflektiert als Tatsache missversteht und mit ein wenig Pech als solche im Namen des Verursachers weiterverbreitet, während bei der zweiten Gruppe eher ein automatischer Betroffenheits- bzw. Empörungsreflex die Folge ist. Äußerst unerquicklich sind jedoch beide Gruppen.

Welche Schlüsse zieht man nun daraus? Muss man sich als denkender Mensch also in seinen Äußerungen zurückhalten? Gegenüber bestimmten Gruppen könnte dies ganz ratsam sein, bevor jemand solche Äußerungen in den falschen Hals bekommt. Andererseits kann es nicht sein, dass das Niveau des öffentlichen Diskurses von den Dummen bestimmt wird und man sich aus Angst vor Missverständnissen an der falschen Stelle zurückhält.

Also gilt es, Flagge zu zeigen, verbale Gewalt mit verbaler Gewalt zu beantworten, um den Spieß einfach umzudrehen. Jeder, der diskriminiert, gehört selbst in irgendeine Gruppe, die in irgendeiner Form der Diskriminierung ausgesetzt ist. Beantworten wir doch einfach eine solche Äußerung mit einer Gegenäußerung und lassen wir unser Gegenüber spüren, wie es sich anfühlt, Vorurteilen ausgesetzt zu sein. Das kann einem zwar im Ernstfall eine Menge Ärger einbringen, aber das sollte es wert sein, wenn es gegen diejenigen geht, die das Recht auf Meinungsfreiheit nutzen, um ebenjene zu missbrauchen.

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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Saturday, 30. january 2010 6 30 /01 /Jan. /2010 02:00

Wetter – warum eigentlich?

 

Ein unbestreitbarer Nachteil der winterlichen Jahreszeit ist, dass es auf einmal nicht mehr als langweilig gilt, über das Wetter zu reden. Es sei zugegeben, dass der Winter 2009 /10 ein relativ kalter Vertreter seiner Art war. Auch hatten wir schon lange nicht mehr so viel Schneefall wie in dieser Saison. Aber ist das wirklich ein Grund, selbst Nachrichtensendungen mit Berichten über das große Chaos vollzustopfen? Ist diese realtiv normale Begleiterscheinung wirklich so viel Sendezeit wert? Trifft sie wirklich dermaßen das Interesse der Menschen?

Fakt ist zunächst einmal, dass derzeit draußen der Winter herrscht. Da muss man schon mal mit kälteren Temperaturen rechnen. Auch der Schnee hat sich zwar in den letzten Jahren in unseren Breitengraden rar gemacht, sollte aber im Winter dennoch die Menschen nicht unvorbereitet treffen. Was gibt es also dermaßen zu lamentieren?

Scheinbar ist es leider doch eine Tatsache: Je langweiliger die Menschen sind, desto eher sind sie bereit, über das Wetter zu reden bzw. diese Art von Gesprächen sogar noch interessant zu finden. Leider ist die Zahl der Langweiler in diesem Land nicht gerade klein. Auch die Medien tragen dieser beunruhigenden Feststellung tatkräftig Rechnung: Längst schon ist der Wetterbericht von den Nachrichten abgetrennt und zu einer eigenen Sendung geworden, die sogar in den Programmheften als solche ausgezeichnet wird. Also ob das Wetter dadurch nicht genauso kommen würde, wie es das ohne vorherigen Bericht auch täte. Und wirklich notwendig ist dieser Bericht nicht, dass man sich im Winter eher warm und im Sommer eher luftig anziehen sollte, weiß man auch ohne vorherige Prognose – und wenn man dazu vom Sofa aufstehen und selbst aus dem Fenster schauen muss. Nebenbei bemerkt: Auch Menschen, die ständig über ihren Beruf reden, sind langweilig. Meteorologen sind Menschen, die von Berufs wegen über das Wetter reden…

Wie bei einem Sportevent wird einem das Wetter als Krönung jetzt sogar von einem Sponsor präsentiert. Ein Gutes hat diese Entwicklung ja wenigstens: Man kann sich auch über schlechte Prognosen freuen, aus Schadenfreude, wenn sich eine Bank oder Versicherung als Überbringer schlechter Nachrichten selbst einen Kratzer ins Image ritzt…

von Olaf Meiser - veröffentlicht in: Essay
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